Baclofen und sein Einfluss auf das Belohnungssystem des Gehirns bei Alkoholabhängigkeit

Die Behandlung von Alkoholabhängigkeit ist ein komplexes Feld, in dem verschiedene pharmakologische und psychotherapeutische Ansätze zur Anwendung kommen. Medikamente wie Baclofen, Nalmefen und Naltrexon rücken immer wieder in den Fokus der Forschung, da sie potenziell das Belohnungssystem im Gehirn beeinflussen und somit das Verlangen nach Alkohol reduzieren können. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Baclofen im Zusammenhang mit dem Belohnungssystem des Gehirns und vergleicht es mit anderen Medikamenten, die zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit eingesetzt werden.

Das Belohnungssystem des Gehirns und seine Rolle bei der Alkoholabhängigkeit

Das Belohnungssystem im Gehirn spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Alkoholabhängigkeit. Es besteht aus dopaminergen Neuronen im mesolimbischen Bereich (ventrales Tegmentum, Nucleus accumbens) und deren Projektionen in den präfrontalen Kortex. Dopamin, ein Neurotransmitter, wird im mesolimbischen Bereich ausgeschüttet und ist entscheidend für Belohnung und Belohnungsantizipation.

Alkohol beeinflusst verschiedene Neurotransmittersysteme, darunter das dopaminerge, endogene Opioidsystem, serotonerge, GABAerge und endogene Cannabinoidsystem. Bei chronischem Alkoholkonsum kommt es zu Prozessen der Gegenregulation in diesen Systemen, um ein homöostatisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Beispielsweise führt chronischer Alkoholkonsum zu einer Down-Regulierung im GABAergen System und einer Up-Regulierung im glutamatergen System. Diese Veränderungen führen zu Toleranzentwicklung und Entzugssymptomen, wenn auf Alkohol verzichtet oder die konsumierte Alkoholmenge reduziert wird.

Baclofen: Wirkmechanismus und Anwendung bei Alkoholabhängigkeit

Baclofen ist ein selektiver GABAB-Rezeptor-Agonist, der ursprünglich als Muskelrelaxans zur Behandlung von Spastizität, beispielsweise bei Multipler Sklerose, eingesetzt wurde. Der Wirkstoff hat eine ähnliche Struktur wie ein Neurotransmitter des zentralen Nervensystems und dockt an die GABA-B-Rezeptoren im Rückenmark und Gehirn an.

Die Forschung hat gezeigt, dass Baclofen möglicherweise über GABA-B-Rezeptoren das Belohnungssystem beeinflusst. Es wird vermutet, dass Baclofen die Ausschüttung von Dopamin nach dem Alkoholtrinken verhindert. Auf diese Weise soll das suchthafte Verlangen, das Craving, ausgeschaltet werden.

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Klinische Studien und Ergebnisse zu Baclofen

Eine Studie der Charité ergab, dass Baclofen während der Therapie helfen kann, abstinent zu bleiben. 15 der 22 Probanden blieben trocken. Der französische Kardiologe Olivier Ameisen veröffentlichte ein Buch, in dem er beschrieb, wie er sich mit einer Hochdosistherapie mit Baclofen von seiner Alkoholabhängigkeit geheilt habe. Dies löste ein verstärktes Interesse an der Substanz aus.

Allerdings warnen Experten vor zu großem Optimismus, da die Wirksamkeit und Sicherheit von Baclofen noch nicht ausreichend klinisch belegt sind und die Nebenwirkungen noch nicht ausreichend erforscht wurden. Dr. Christian Müller von der Charité betonte, dass die pharmakologische Behandlung nur ein Baustein in einem Gesamtbehandlungskonzept darstellt und psychotherapeutische Maßnahmen ebenfalls wichtig sind.

Eine Übersichtsarbeit von Ärzten der Charité kam bereits 2010 zu dem Ergebnis, dass Baclofen möglicherweise eine vielversprechende Substanz zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit darstellen könnte. Sie betonten, dass die Wirkung von hochdosiertem Baclofen bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit unbedingt weiter erforscht werden müsse.

Zulassung und Anwendung von Baclofen in Frankreich

Frankreich hat Baclofen vorläufig zur Behandlung der Alkoholsucht zugelassen. Die französische Arzneimittelbehörde teilte mit, dass das Medikament, das eigentlich gegen Muskelkrämpfe entwickelt wurde, nun provisorisch auch bei Alkoholismus zugelassen wird.

Im März 2014 gab die französische Arzneimittelbehörde dem Drängen von Ärzten, Patienten und Medien nach und erteilte eine vorläufige Zulassung für Baclofen zur Behandlung von Alkoholismus für drei Jahre. Basierend auf den Verkaufszahlen geht Phillipe Jaury davon aus, dass tatsächlich zwischen 50.000 und 100.000 Alkoholiker mit Baclofen versorgt werden.

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Dosierung und Nebenwirkungen von Baclofen

Bei Multipler Sklerose beträgt die übliche Dosis von Baclofen zwischen zehn und maximal 75 Milligramm täglich. Bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit werden jedoch höhere Dosen eingesetzt.

Bekannte Nebenwirkungen während der Einnahmedauer sind Tagesmüdigkeit und Muskelentspannungen. Es gibt Bedenken hinsichtlich der langfristigen Nebenwirkungen einer Hochdosisanwendung.

Vergleich von Baclofen mit anderen Medikamenten zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit

Neben Baclofen gibt es weitere Medikamente, die zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit eingesetzt werden. Zu den wichtigsten gehören Naltrexon, Nalmefen und Acamprosat.

Naltrexon und Nalmefen

Naltrexon und Nalmefen sind Opioidantagonisten, die an den Opioidrezeptoren im Gehirn wirken. Sie blockieren die angenehmen, euphorisierenden und verstärkenden Effekte des Alkohols. Durch die Blockade von Opiatrezeptoren wird indirekt auch die Dopaminausschüttung reduziert.

Nalmefen ist in Deutschland zugelassen für Patienten, die keine Entzugserscheinungen haben und ihre Trinkmenge reduzieren möchten. Der Wirkstoff soll das Verlangen zu trinken nach und nach reduzieren, indem er den Belohnungseffekt von Alkohol mindert. Das funktioniert, weil Nalmefen wie das schon länger eingesetzte Naltrexon Opiatrezeptoren im Gehirn blockiert.

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Eine Studie ergab, dass Patienten ihren Alkoholkonsum mit Nalmefen um durchschnittlich 60 Prozent reduzierten. Vorher hatten sie mehr als 60 Gramm Alkohol, entspricht etwa drei Halben Bier, pro Tag getrunken. Mit der Pille etwa eine Flasche Wein weniger.

Acamprosat

Acamprosat ist ein Glutamatantagonist, der die Gegenregulierung der NMDA-Rezeptorfunktionalität nach akutem und chronischem Konsum reduziert und dadurch die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen hemmenden und erregenden Systemen im Gehirn unterstützt.

Studien haben gezeigt, dass Acamprosat vor allem die abstinenzunterstützende Wirkung hat, während die Datenlage zu konsumreduzierenden Effekten weniger umfangreich ist.

Disulfiram

Disulfiram ist ein Aversionstherapeutikum, das die Acetaldehyddehydrogenase inhibiert, ein Enzym, das das erste Abbauprodukt von Alkohol, Acetaldehyd, metabolisiert. Die therapeutische Wirkung von Disulfiram basiert primär auf dessen Unverträglichkeit mit Alkohol, wodurch die Substanz als Aversivtherapeutikum eine Sonderstellung unter den pharmakologischen Therapien der Alkoholabhängigkeit einnimmt.

Die klinische Wirkung von Disulfiram basiert auf der Antizipation dieser unerwünschten Effekte. Entscheidend für die therapeutische Wirkung scheint primär die gedankliche Vorwegnahme der Unverträglichkeit mit Alkohol zu sein, nicht die pharmakologische Wirkung der Substanz bzw.

Vergleich der Wirksamkeit

Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, schätzt, dass die derzeit auf dem Markt befindlichen Medikamente zur Behandlung von Alkoholsucht in der Regel einem von zehn Patienten bei der Entwöhnung helfen. Er hofft, dass Baclofen, wenn es zugelassen wird, zwei von zehn Patienten helfen könnte.

Die Bedeutung eines ganzheitlichen Behandlungskonzepts

Es ist wichtig zu betonen, dass Medikamente wie Baclofen, Naltrexon, Nalmefen und Acamprosat das ganzheitliche Behandlungskonzept nur ergänzen sollten. Psychotherapie und Selbsthilfegruppen sind wichtige Bestandteile der Behandlung von Alkoholabhängigkeit.

Suchttherapeut Lindenmeyer betont, dass es noch keine Wunderpille gegen die Sucht gibt und Medikamente nur eine Krücke sind.

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