Migräne ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Obwohl Migräne nicht heilbar ist, gibt es eine Vielzahl von Behandlungsoptionen, die darauf abzielen, die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungsansätze.
Einführung
Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die das tägliche Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Glücklicherweise gibt es heute vielfältige Behandlungsmethoden, mit denen sich die Migräne meist gut in den Griff bekommen lässt. Am vielversprechendsten ist eine Kombination aus Medikamenten und begleitenden Maßnahmen, die auf die individuelle Situation des Patienten abgestimmt sind.
Therapieplanung bei Migräne
Eine erfolgreiche und ganzheitliche Behandlung der Migräne beginnt mit einer ausführlichen Aufklärung des Patienten. Die Therapieplanung besteht aus folgenden Punkten:
- Beratung: Der Arzt stellt die Diagnose Migräne zweifelsfrei und erklärt die Ursachen der Erkrankung.
- Verhaltensmaßnahmen: Der Patient lernt, persönliche Migräneauslöser zu erkennen und zu meiden.
- Selbstbeobachtung und Verlaufskontrolle: Der Patient führt ein Migränetagebuch, um den Verlauf der Erkrankung zu dokumentieren.
- Therapie und Vorbeugung der Attacken: Es werden sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze zur Akutbehandlung und Prophylaxe eingesetzt.
- Bewertung der Therapie: Der Arzt und der Patient bewerten gemeinsam den Erfolg der Behandlung.
Medikamentöse Behandlung
Die medikamentöse Behandlung der Migräne umfasst zwei Hauptbereiche: die Akuttherapie zur Linderung akuter Schmerzen und die Prophylaxe zur Vorbeugung zukünftiger Anfälle.
Akuttherapie
Das Ziel der Akuttherapie ist es, die Kopfschmerzen und Begleitsymptome einer Migräneattacke so schnell wie möglich zu lindern. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:
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- Analgetika (Schmerzmittel): Bei leichten bis mittelschweren Schmerzen können rezeptfreie Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac, Metamizol oder Paracetamol eingesetzt werden. Diese Medikamente wirken schmerzlindernd und entzündungshemmend.
- Triptane: Bei mittelschweren bis schweren Schmerzen sind Triptane die Mittel der Wahl. Triptane sind spezielle Migränemittel, die ihre Wirkung auf mehreren Wegen entfalten. Sie imitieren die Eigenschaften des körpereigenen Botenstoffes Serotonin, verengen die Blutgefäße im Gehirn und hemmen die Freisetzung entzündlicher Eiweißstoffe. Zu den Triptanen gehören Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden. Diese Medikamente lindern die Begleitsymptome und sorgen dafür, dass die eingenommenen Schmerzmittel im Körper bleiben.
- Kombinationspräparate: Migränemittel können nach Absprache mit dem Arzt mit Mitteln gegen Übelkeit und/oder mit Schmerzmitteln kombiniert werden.
Es ist wichtig, die Medikamente so früh wie möglich nach Beginn der Migräneattacke einzunehmen, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Allerdings sollten Schmerzmittel und Triptane nicht zu häufig eingenommen werden, da dies zu einem medikamentenbedingten Kopfschmerz führen kann.
Wichtiger Hinweis: Opioide (z.B. Tramadol) sollten zur Behandlung von Migräne vermieden werden. Sie bergen ein hohes Abhängigkeitsrisiko und können chronische Kopfschmerzen verursachen.
Migräneprophylaxe
Eine medikamentöse Migräneprophylaxe ist angezeigt, wenn:
- Mindestens drei Migräneattacken pro Monat auftreten.
- Die Migräneattacken die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
- Die Migräneattacken länger als 48-72 Stunden anhalten.
- Die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist.
- Die Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an mehr als 10 Tagen im Monat erfolgt.
Zur Migräneprophylaxe stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden:
- Betablocker: Propranolol und Metoprolol sind bewährte Betablocker, die die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren können.
- Kalziumantagonisten: Flunarizin ist ein Kalziumantagonist, der vorwiegend zur Behandlung von Schwindel eingesetzt wird, aber auch in der Migräneprophylaxe wirksam ist.
- Antidepressiva: Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden kann.
- Antiepileptika: Topiramat ist ein Antiepileptikum, das die Erregbarkeit der Nervenzellen reduziert und somit Migräneattacken vorbeugen kann.
- CGRP-Antikörper: Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab sind monoklonale Antikörper, die gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor gerichtet sind. CGRP ist ein Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt. Diese Antikörper können die Häufigkeit von Migräneanfällen deutlich reduzieren.
- Onabotulinumtoxin A (Botox): Botox ist zur Behandlung der chronischen Migräne zugelassen. Es wird in die Kopf-, Nacken- und Schultermuskulatur injiziert und kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
Die Auswahl des geeigneten Prophylaktikums sollte individuell mit dem Arzt besprochen werden, da jedes Medikament unterschiedliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen haben kann.
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Nicht-medikamentöse Behandlung
Neben der medikamentösen Behandlung spielen nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Migränebehandlung. Diese Maßnahmen können helfen, die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Verhaltensmaßnahmen
- Identifizierung und Vermeidung von Triggern: Viele Faktoren können Migräneattacken auslösen, wie z.B. Stress, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel, Wetterwechsel oder hormonelle Veränderungen. Es ist wichtig, die individuellen Trigger zu identifizieren und zu vermeiden.
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Tagesablauf mit festen Schlaf- und Essenszeiten kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
Entspannungstherapie
Entspannungsübungen sind ein bewährtes Mittel, um Schmerzen zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren. Besonders effektiv ist die Progressive Muskelrelaxation (PMR). Die Vorteile dieses Verfahrens sind das schnelle Erlernen der Techniken sowie das unkomplizierte Anwenden im Alltag. Um Schmerzen nachhaltig zu lindern, ist es notwendig, dass die Übungen jeden Tag 15-20 Minuten durchgeführt werden.
Ausdauertraining
Regelmäßiges Ausdauertraining wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen kann die Häufigkeit und Intensität von Schmerzattacken positiv beeinflussen. Es wird empfohlen, mindestens dreimal pro Woche für 20 Minuten Ausdauersport zu betreiben.
Biofeedbacktherapie
Beim Biofeedback wird die bewusste Kontrolle über die körpereigenen Funktionen trainiert, um gezielter gegen Schmerzattacken vorgehen zu können. Durch Sensoren am Körper werden dem Patienten z.B. bildlich oder akustisch ausgewählte Körpersignale rückgemeldet. Durch dieses Feedback ist es möglich, Kontrolle über auftretende Symptome zu erlangen und der Betroffene wird befähigt, Entspannungsprozesse einzuleiten.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Da auch psychische Faktoren und der Lebensstil Intensität, Dauer und Häufigkeit der Schmerzattacken beeinflussen, kann auch KVT die Zahl und Stärke der Migräneattacken vermindern. Bei der KVT geht es z.B. um Triggermanagement und darum, überhöhte Erwartungen an sich selbst, Versagensängste oder ungünstige Stressbewältigungsstrategien abzubauen, sowie zu lernen, mit einem Anfall umzugehen.
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Weitere nicht-medikamentöse Verfahren
- Akupunktur: Es gibt geringe Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit von Akupunktur zur Akutbehandlung und Vorbeugung von Migräne.
- Remote Electrical Neuromodulation (REN): REN ist eine Methode, bei der elektrische Impulse am Arm abgegeben werden, um die Schmerzverarbeitung im Gehirn zu beeinflussen.
- Internet-Anwendungen und Smartphone-Apps: Diese Anwendungen können helfen, Symptome und Trigger zu protokollieren und einen guten Umgang mit der Erkrankung zu erlernen.
Spezielle Situationen
Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern und Jugendlichen sind nicht alle Medikamente zur Migränebehandlung zugelassen. Schmerzmittel müssen in der Dosierung entsprechend angepasst werden. Auch aufgrund der möglichen Nebenwirkungen sollte eine Behandlung mit Medikamenten bei ihnen immer genau mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt abgestimmt sein. Zunächst sollten nichtmedikamentöse Verfahren eingesetzt werden. Sind diese nicht ausreichend wirksam, können Betablocker wie Propranolol in einer an das Körpergewicht angepassten Dosierung oder Flunarizin gegeben werden.
Migräne in der Schwangerschaft
Auch in der Schwangerschaft lässt sich Migräne behandeln. In jedem Fall sollte eine Therapie dann mit einer Ärztin oder einem Arzt abgesprochen werden, um Schäden am Ungeborenen durch Medikamente zu vermeiden. Glücklicherweise verlieren viele betroffene Frauen während der Schwangerschaft vorübergehend ihre Migräne. Bei Schwangeren, bei denen die Migränehäufigkeit nicht im Rahmen der Schwangerschaft zurückgeht, können Metoprolol, Propranolol oder Amitriptylin verwendet werden.
Austausch und Unterstützung
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann eine wertvolle Unterstützung im Umgang mit Kopfschmerzen und Migräne sein. In vielen Regionen gibt es Selbsthilfegruppen für Menschen mit Migräne. Der Austausch von Erfahrungen, Informationen und Tipps zur Behandlung kann dabei helfen, die Krankheit besser zu bewältigen.
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