Sprechen, Atmen und Schlucken sind grundlegende Funktionen, die unsere Selbstständigkeit im Alltag massgeblich bestimmen. Gerade die Stimme ist ein wichtiges Instrument für den Austausch mit anderen Menschen. Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) haben jedoch Schwierigkeiten, Atmung, Sprechen und Schlucken zu koordinieren. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen, die MS in Bezug auf diese Funktionen mit sich bringt, und stellt verschiedene Therapieansätze vor, die Betroffenen helfen können, ihre Kommunikationsfähigkeit und Lebensqualität zu verbessern.
Herausforderungen bei MS: Sprach- und Sprechstörungen
Multiple Sklerose ist eine vielschichtige Erkrankung, die sich bei jedem Menschen anders äußern kann. Daher wird sie auch als die "Krankheit der tausend Gesichter" bezeichnet. Ein großer Teil der Menschen mit MS bemerkt im Verlauf der Erkrankung Veränderungen im Sprechen. Diese können sich auf verschiedene Weise äußern:
- Verlangsamtes Sprechen: Der Sprechfluss kann eingeschränkt sein, und es kann schwierig sein, bestimmte Silben auszusprechen.
- Verwaschene Aussprache: Das Sprechen kann undeutlich und schwer verständlich klingen.
- Eingeschränkte Stimmkraft: Die Stimme kann leise sein oder im Laufe des Gesprächs an Kraft verlieren.
- Monotone Stimme: Die Fähigkeit, Emotionen durch die Stimme auszudrücken (Prosodie), kann verloren gehen, wodurch die Stimme monoton klingt.
- Atemprobleme: Die Atemmuskulatur kann betroffen sein, was die für das Sprechen notwendige Atemkraft beeinträchtigt. Dies kann zu Heiserkeit, vermehrtem Räuspern und Husten führen.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Symptome nicht immer auftreten müssen und in ihrer Ausprägung variieren können. Oft werden diese Beeinträchtigungen jedoch bagatellisiert und in den Hintergrund gestellt, insbesondere wenn sie nicht lebensbedrohlich sind.
Sprachliche Auffälligkeiten und ihre Auswirkungen
Sprachliche Auffälligkeiten können vielfältig sein und sich in Wortfindungsschwierigkeiten, semantischen Paraphasien (Wortvertauschungen), phonematischen Paraphasien (Lautveränderungen innerhalb des Wortes) und grammatikalischen Auffälligkeiten äußern. Diese können zu Missverständnissen führen und die Kommunikation im Alltag erheblich erschweren. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass bei Menschen mit Aphasie die Intelligenz in der Regel nicht beeinträchtigt ist; die Einschränkungen liegen ausschließlich in der Sprachproduktion.
Tipps für die Kommunikation mit Menschen mit Aphasie
Um die Kommunikation mit Menschen mit Aphasie zu erleichtern, können folgende Tipps hilfreich sein:
Lesen Sie auch: Alles Wichtige über Parkinson
Wenn die Person spricht:
- Ausreden lassen und Zeit geben.
- Hilfestellungen anbieten, aber Fehler nicht ständig verbessern.
- Geduld haben und signalisieren, wenn man etwas nicht versteht.
Wenn Sie sprechen:
- Blickkontakt halten und Gestik und Mimik unterstützend einsetzen.
- Mit normaler Lautstärke und deutlich sprechen.
- Klare Fragen stellen, die mit "Ja" oder "Nein" beantwortet werden können.
- Kurze, einfache Sätze verwenden, aber keine Kindersprache oder Telegrammstil.
Dysphagie (Schluckstörung) bei MS
Neben Sprech- und Sprachstörungen können auch Schluckstörungen (Dysphagie) bei Menschen mit MS auftreten. Das Schlucken ist ein hochkomplexer Vorgang, der durch neurologische Erkrankungen wie MS beeinträchtigt werden kann. Dies kann die Wahrnehmung (Sensorik) und/oder die Bewegungsabläufe in der Koordination und durch Kraftminderung (Motorik) betreffen.
Bei einer Schluckstörung besteht die Gefahr, dass Speichel, Nahrung oder Flüssigkeiten in die Atemwege gelangen (Aspiration). Wenn dies gehäuft vorkommt und eventuell nicht bemerkt wird (stille Aspiration), kann es zu einer Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) kommen.
Tipps bei einer Schluckstörung
Um das Risiko einer Aspiration zu verringern, können folgende Tipps helfen:
- Nur in Ruhe und nicht "nebenbei" essen.
- Sich Zeit zum Essen nehmen.
- Auf eine aufrechte Sitzhaltung achten.
- Ablenkungen vermeiden.
- Während des Essens nicht sprechen.
- Gründlich kauen und nur kleine Bissen/Schlucke in den Mund nehmen.
- Nicht hastig essen und kräftig schlucken.
- Nach jedem Schluck eine kurze Pause machen.
- Wenn möglich, den Mund beim Kauen/Schlucken schließen.
- Nicht gleichzeitig essen und trinken.
- Nach dem Essen mehrmals husten und mehrmals leer schlucken.
Logopädie als Therapieansatz
Die Logopädie ist ein wichtiger Therapieansatz zur Behandlung von Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen bei MS. Ziel der Logopädie ist es, die Kommunikationsfähigkeit und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Inhalte und Ziele der logopädischen Behandlung
In der logopädischen Behandlung bei MS werden verschiedene Therapieansätze eingesetzt, die individuell auf die Bedürfnisse und Ziele des Patienten abgestimmt sind. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: Zucker und Gehirnfunktion: Ein Überblick
- Atemtherapie: Vertiefung der Ruheatmung und Verbesserung der Koordination von Sprechen und Atmen.
- Sprech- und Stimmtherapie: Verbesserung der Artikulation, der Verständlichkeit der Spontansprache und der Stimmkraft.
- Dysphagietherapie: Verbesserung des Schluckreflexes, Kräftigung der Schluckmuskulatur und Erlernen verschiedener Schlucktechniken.
- Sprachtherapie: Verbesserung der Wortfindung, des Sprachverständnisses und der Schriftsprache.
- Kostanpassung/diätetische Maßnahmen: Anpassung der Nahrung bei Schluckstörungen, um das Risiko einer Aspiration zu verringern.
Energiemanagement als wichtiger Baustein
Ein wichtiger Baustein der logopädischen Therapie ist das Energiemanagement. Dabei lernen die Patienten, ihre Ressourcen ökonomisch einzusetzen, um ihre Sprechstimme im Alltag optimal nutzen zu können. Dazu gehören Kommunikationsstrategien wie das bewusste Setzen von Pausen, Atemtechniken und Übungen zur Kräftigung der Sprechmuskulatur.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Eine erfolgreiche Behandlung von Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen bei MS erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachdisziplinen, wie z.B. Neurologen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit können die individuellen Bedürfnisse des Patienten optimal berücksichtigt und ein ganzheitlicher Therapieplan erstellt werden.
Die Rolle der Logopädie bei der Teilhabe
Logopädie ist als Heilmittel darauf ausgerichtet, Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Kommunikation ist ein wichtiges Bindemittel, um in der Gesellschaft gesehen und gehört zu werden. Die Logopädie hat die Aufgabe, Barrieren abzubauen, damit Hürden im Alltag gemeistert werden können. Dies geschieht durch strategische Planungen, Aufklärungsgespräche und Beratungen des häuslichen und gesellschaftlichen Umfelds, um die Menschen im Umfeld der erkrankten Person zu schulen und so besser Rücksicht nehmen zu können. Die Logopädie vermittelt auch Strategien, um mit den Kommunikationseinschränkungen umgehen zu können und zu lernen, wie die Stimme und das Sprechen der Erkrankung angepasst verändert werden können.
Es ist wichtig für die Betroffenen zu wissen, dass sie etwas tun können und dass es Strategien gibt, die sie anwenden können, um ihre Sprechweise im Alltag anzupassen. Es ist auch wichtig, dass sie ein Anrecht auf Teilhabe haben, ganz gleich wie schwer eine Kommunikationsstörung vorhanden ist. In der Therapie lernen die Patienten, dass eine Behinderung grundsätzlich nicht ein eigenes Verschulden darstellt, sondern dass sie ein Anrecht darauf haben, dass z.B. der Partner zuhört und wartet, und dass sie lernen müssen, sich innerhalb der Kommunikation mit fremden Personen ihrer Kommunikation zu behaupten.
Forschung und zukünftige Entwicklungen
Die Forschung im Bereich der Logopädie bei MS ist wichtig, um die Therapieansätze weiter zu verbessern und neue Behandlungsmethoden zu entwickeln. Es ist jedoch wichtig, dass die Forschungsergebnisse in die Praxis umgesetzt werden und den Betroffenen zugänglich gemacht werden.
Lesen Sie auch: Alzheimer: Hoffnung durch Forschung?