Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt weltweit rasant an. Aktuell sind über 46 Millionen Menschen betroffen, und bis 2030 wird diese Zahl voraussichtlich auf 74 Millionen ansteigen. Demenz, eine Folge von Erkrankungen des Gehirns, beeinträchtigt kognitive Funktionen wie Erinnerungsvermögen und Orientierung, führt aber auch zu Persönlichkeitsveränderungen, psychischer Labilität und emotionalen Belastungen für Betroffene und Angehörige. Da Demenz derzeit nicht heilbar ist und wirksame Medikamente zur Prävention fehlen, rückt die Bedeutung präventiver Maßnahmen in den Fokus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt regelmäßige körperliche Aktivität, um der Entstehung einer Demenz vorzubeugen.
Die Bedeutung von Bewegung bei Demenz
Regelmäßige Bewegung ist ein entscheidender Faktor für die Gesundheit des Gehirns und kann den Krankheitsverlauf von Demenz positiv beeinflussen. Studien belegen, dass körperliche Aktivität die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern und die Lebensqualität steigern kann. Dies wurde unter anderem in der DenkSport-Studie gezeigt, die signifikante Verbesserungen in diesen Bereichen durch regelmäßiges Training nachwies.
Warum Bewegung das Gehirn schützt
Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns, versorgt es mit Sauerstoff und stärkt die geistige Fitness. Es gibt keine "beste" Sportart, entscheidend ist, dass die Aktivität Spaß macht und regelmäßig ausgeübt wird.
Empfehlenswerte Bewegungsformen sind:
- Ausdauersportarten: Gehen, Radfahren oder Schwimmen sind gut für Herz und Kreislauf.
- Ganzkörpertrainings: Yoga oder Pilates fördern Beweglichkeit und Balance.
- Tanzen oder Tai-Chi: Stärken die Koordination und das Gedächtnis.
- Krafttraining: Beugt Muskelabbau und Stürzen vor.
Neben gezieltem Sport ist auch Bewegung im Alltag wichtig. Ein Spaziergang, Treppensteigen oder Gartenarbeit bringen den Kreislauf in Schwung und fördern die geistige Fitness.
Lesen Sie auch: Demenzforschung: Sport im Fokus
Bewegung im Alltag integrieren
- Kurze Strecken zu Fuß gehen oder das Rad nehmen.
- Die Treppe statt den Aufzug nutzen.
- Freizeit aktiv gestalten, z.B. mit Spaziergängen mit Freunden oder Gartenarbeit.
Spezielle Bewegungsprogramme und Studien
Das GESTALT-Programm
Das GESTALT-Programm ist eine evidenzbasierte Bewegungsintervention zur Demenzprävention. Es zielt darauf ab, körperlicher Inaktivität entgegenzuwirken und einen aktiven Lebensstil zu fördern. Das Programm umfasst die Bereiche "Tanz & Bewegung zu Musik", "Sport & Spiel" und "Bewegung im Alltag - Gehen", wobei kognitive, physiologische, soziale und emotionale Stimulierungen integriert werden. Eine begleitende Bewegungsberatung unterstützt die Teilnehmenden dabei, körperliche Aktivität langfristig in ihren Alltag zu integrieren.
Die Ergebnisse des GESTALT-Programms zeigen, dass es sich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit, insbesondere auf das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, auswirkt. Zudem haben viele Teilnehmende während und nach dem Programm zusätzliche Bewegungsaktivitäten aufgenommen und beibehalten.
DenkSport: Motivation durch Bewegung
Die DenkSport-Studie motivierte die Teilnehmer, (wieder) mit dem Sport zu beginnen. In Kooperation mit dem StoryAtelier Köln entstanden Videos, in denen Teilnehmer über ihre persönlichen Sportbiographien berichten. Diese Geschichten zeigen, wie Sport und Bewegung das Leben von Menschen mit Demenz positiv beeinflussen können.
Harvard-Langzeitstudie
Eine Harvard-Langzeitstudie deutet darauf hin, dass bereits ein Spaziergang von 3.000 Schritten am Tag das Fortschreiten von Alzheimer um bis zu drei Jahre verzögern kann. Dies unterstreicht die Bedeutung von regelmäßiger, moderater Bewegung für die Prävention und Verlangsamung von Demenz.
Trainingsprogramm am Agaplesion Bethanien Krankenhaus
Am Agaplesion Bethanien Krankenhaus in Heidelberg wurde ein spezielles körperliches Trainingsprogramm für Menschen mit Demenz entwickelt. Es hat sich gezeigt, dass auch dieser Personenkreis durch regelmäßiges Training Kraft und Balancefähigkeit steigern und somit das Sturzrisiko mindern kann.
Lesen Sie auch: Demenzrisiko senken durch Sport
Herausforderungen und Lösungen bei Bewegungsdrang
Manche Menschen mit Demenz haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang, der verschiedene Ursachen haben kann, wie z.B. Einsamkeit, Langeweile, Verunsicherung, Schmerzen oder das Suchen nach Geborgenheit. Dieser Bewegungsdrang kann jedoch auch problematisch sein, da er das Risiko von Stürzen, Gewichtsverlust und Unterzuckerung erhöht.
Umgang mit Bewegungsdrang
- Ursachenforschung: Es ist wichtig, die Ursachen für den Bewegungsdrang zu identifizieren, um gezielte Maßnahmen ergreifen zu können.
- Schmerzbehandlung: Schmerzen oder andere körperliche Beschwerden sollten behandelt werden, um den Bewegungsdrang zu reduzieren.
- Sturzprävention: Stolperfallen sollten beseitigt und Handläufe angebracht werden.
- Ernährung: Entlang der Laufwege sollten Säfte, Obst und andere nahrhafte Snacks bereitgestellt werden, um Gewichtsverlust und Unterzuckerung vorzubeugen.
- Positive Interaktion: Menschen mit Bewegungsdrang sollten freundlich begrüßt und zu einem Plausch eingeladen werden, um das Innehalten attraktiv zu gestalten.
- Sicherheit: Die Haustür sollte gesichert werden, um zu verhindern, dass orientierungslose Menschen unbemerkt das Haus verlassen.
- Bewegungsangebote: Regelmäßige Spaziergänge, Sitztanz, Seniorengymnastik und andere strukturierte Aktivitäten können den Bewegungsdrang zeitweise unterbrechen.
- Ablenkung: Emotionale Stimulation durch Musik, Gottesdienste oder Kontakte mit Kindern und Tieren kann dazu führen, dass Menschen mit Demenz länger sitzen bleiben.
- Beruhigende Maßnahmen: Schaukelstühle, angenehme Beleuchtung und bequeme Sitzmöbel können ebenfalls zum Verweilen einladen.
Die Rolle von Sportvereinen und anderen Anbietern
Das Projekt „Was geht! Sport, Bewegung und Demenz“ zielt darauf ab, Sportvereine und andere Anbieter zu unterstützen, sich für Menschen mit kognitiven Veränderungen und ihre Angehörigen zu öffnen und ihnen Aktivitätsmöglichkeiten zu eröffnen. Dies kann einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe und zur Steigerung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz leisten.
Lesen Sie auch: Demenz und körperliche Aktivität