Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der COVID-19-Impfung und dem Auftreten von Epilepsie oder Krampfanfällen ist von großer Bedeutung. Seit Beginn der weltweiten Impfkampagnen wurden vermehrt Berichte über neurologische Beschwerden im zeitlichen Zusammenhang mit den Impfungen laut. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Datenlage, analysiert mögliche Risiken und gibt Empfehlungen für Betroffene.
COVID-19 und neurologische Manifestationen
Im Dezember 2019 wurde in Wuhan, China, das Auftreten eines Clusters von Patient*innen mit interstitiellen Pneumonien unbekannter Ursache berichtet. Anfang Januar 2020 wurde als Pathogen ein neues Betacoronavirus identifiziert und aufgrund der phylogenetischen Ähnlichkeit mit dem Erreger des Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) als Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) bezeichnet. Die von SARS-CoV‑2 ausgelöste Erkrankung wird Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) genannt.
Bereits kurz nach dem Beginn der COVID-19-Pandemie wurden erste Berichte über das Auftreten von neurologischen Manifestationen im Rahmen von COVID-19 Erkrankungen veröffentlicht. Einzelne Fallberichte von Enzephalitis in Assoziation mit SARS-CoV-2-Infektionen als mögliche Manifestation einer direkten ZNS-Invasion des Virus wurden veröffentlicht. Es lagen bislang aus Untersuchungen zu den saisonalen Coronaviren und SARS-CoV/MERS-CoV experimentelle und klinische Evidenz für das Potenzial von Coronaviren, das Nervensystem von Menschen zu befallen, vor. Auch bei anderen respiratorischen Virusinfektionen wie Influenza wurden neurologische Komplikationen wie Enzephalopathie und Enzephalitis, epileptische Anfälle oder Guillain-Barré-Syndrome berichtet.
Neurologische Symptome und Manifestationen werden bei Patientinnen mit COVID-19 in verschiedenen Arbeiten in unterschiedlicher Häufigkeit, je nach Studie zwischen 3,5-84 %, gefunden. Die berichteten neurologischen Manifestationen umfassen Enzephalopathie, Geruchs- und Geschmacksstörung, Kopfschmerzen, zerebrovaskuläre Erkrankungen wie ischämischer Schlaganfall, intrazerebrale Blutungen und zerebrale Sinusvenenthrombosen, epileptische Anfälle, hypoxische Hirnschädigung sowie para-/postinfektiöse Syndrome wie Guillain-Barré-Syndrom, akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) und akute nekrotisierende Enzephalopathie. In der bislang größten Untersuchung zu neurologischen Manifestationen bei COVID-19 von Frontera et al. fanden sich epileptische Anfälle bei 74 von 4491 Patientinnen (1,6 %) und stellten damit nach Enzephalopathie und Schlaganfällen die dritthäufigste neurologische Manifestation dar. Bei 34 der 74 Patient*innen (46 %) war bislang keine Diagnose einer Epilepsieerkrankung bekannt gewesen.
Epileptische Anfälle können das Symptom einer COVID-19-Erkrankung sein, das zur Erstvorstellung der Patientinnen in einer Notaufnahme führt. Epileptische Anfälle treten bei 15-20 % aller kritisch kranken Patientinnen auf Intensivstationen auf. Status epilepticus (SE) bei Patient*innen mit COVID-19 wurde ebenfalls in Fallberichten beschrieben.
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Oxford - Im Anschluss an COVID-19 kommt es häufiger zu Krampfanfällen oder einer Epilepsie als nach einer Grippe. Dies kam in einer Analyse von elektronischen Krankenakten heraus. Kinder waren nach der Publikation in Neurology häufiger betroffen als Erwachsene und ambulante Patienten häufiger als hospitalisierte Patienten.
COVID-19-Impfstoffe und Krampfanfälle: Die Datenlage
Zum derzeitigen Stand sind 4 verschiedene Impfstoffe zur Prävention einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. des Auftretens einer COVID-19-Erkrankung in der Europäischen Union zugelassen. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat in einer Stellungnahme festgehalten, dass derzeit kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von epileptischen Anfällen als Nebenwirkung von COVID-19-Impfungen bekannt ist. Als Impfreaktion kann es zum Auftreten von Fieber kommen, was die „Krampfschwelle“ („seizure threshold“) herabsetzen kann.
In dem aktuellen Sicherheitsbericht geht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) auch auf Krampfanfälle ein, die in zeitlichem Zusammenhang mit Coronaimpfungen gemeldet wurden. Krampfanfälle nach Impfungen gehören laut PEI zu den Ereignissen von besonderem medizinischen Interesse (Adverse Event of Special Interest), die für die Überwachung der Sicherheit von Vakzinen sehr relevant sind.
Dem PEI wurden nach Impfung mit einem Covid-19-Impfstoff bisher insgesamt 1169 Verdachtsfallmeldungen eines Krampfanfalls berichtet. Bei 146 dieser Fälle war eine vorliegende Erkrankung wahrscheinlich Auslöser des Anfalls, etwa eine Sinus-/Hirnvenenthrombose, ein Hirninfarkt oder eine Enzephalitis. Von den verbleibenden Ereignissen wurden 741 Fälle nach Impfung mit Comirnaty und 131 Fälle nach Impfung mit Spikevax gemeldet. Dies entspricht einer Melderate von 0,5 Fällen pro 100.000 Comirnaty-Impfungen und 0,4 Fällen pro 100.000 Spikevax-Impfungen. 113 Meldungen erfolgten nach Impfung mit Vaxzevria und 38 Meldungen nach Impfung mit Jcovden. Dies entspricht einer Melderate von 0,9 Fällen pro 100.000 Vaxzevria-Impfungen und 1 Fall pro 100.000 Jcovden-Impfungen.
576 der gemeldeten Ereignisse betrafen Frauen, 431 Männer. Bei 16 Ereignissen fehlte die Geschlechtsangabe. Das mediane Alter der betroffenen Personen lag bei 43 Jahren (Altersspanne 2 bis 107 Jahre). Bei 269 Betroffenen war eine vor der Impfung bekannte Epilepsie dokumentiert, bei 463 handelte es sich um einen ersten Anfall. Bei 291 Ereignissen lagen keine entsprechenden Informationen vor. 397 der gemeldeten Anfälle traten nach der 1. Impfdosis auf, 304 nach der 2. Impfdosis, 111 nach der 3. Impfdosis und drei nach der 4. Impfdosis.
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Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen für das Auftreten von Krampfanfällen im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen sind vielfältig und nicht abschließend geklärt.
Mögliche Faktoren:
- Fieber: Als Impfreaktion kann es zum Auftreten von Fieber kommen, was die „Krampfschwelle“ herabsetzen kann.
- Indirekte Mechanismen: Das Zusammenspiel von multiplen Faktoren wie Hypoxie, Sepsis, Inflammation sowie schweren metabolischen Entgleisungen wie Hyponatriämie und Urämie, die sich bei COVID-19 häufig finden, könnte bei kritisch kranken Patient*innen das Auftreten von epileptischen Anfällen verursachen.
- Autoimmunprozesse: Frühere Studien hatten gezeigt, dass es nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 (vorübergehend) zur Bildung von Autoantikörpern kommt. Bei Kindern kann es zu einem „Multisystem Inflammatory Syndrome“ (MIS) kommen. Krampfanfälle und Epilepsien wurden auch während der SARS-Epidemie und beim „Middle East Respiratory Syndrome“ (MERS) beobachtet.
- Zerebrale Durchblutungsstörungen: Bei hospitalisierten Patienten könnten auch zerebrale Durchblutungsstörungen von Bedeutung sein.
- Genetische Prädisposition: Sehr häufig wurde mit verbesserter Diagnostik bei Menschen mit einem „Impfschaden“ später eine genetische Veränderung gefunden welche die Epilepsie erklärt.
Epilepsie und Impfung: Allgemeine Empfehlungen
Eine Epilepsie ist keine grundsätzliche Kontraindikation für Impfungen. Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (STIKO) stuft Epilepsie nicht als generelle Kontraindikation für Impfungen ein. Für die Betroffenen besteht das allgemeine Angebot zur Impfung gemäß den Vorgaben zur Priorisierung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Jedoch sollte immer eine differenzierte, ausgewogene Risiko-Nutzen-Abwägung zwischen der prinzipiell möglichen erhöhten Anfallsbereitschaft durch Fieber als Folge einer Impfung und dem zu erwartenden Nutzen durch Verhinderung der Erkrankung erfolgen.
Empfehlungen für Menschen mit Epilepsie vor einer COVID-19-Impfung:
- Ärztliche Beratung: Eine individuelle Nutzen- und Risikoabwägung sollte mit einem Facharzt besprochen werden. Dieser kann Sie auch individuell beraten welche Impfungen für Ihr Kind sinnvoll sind und wie z. B.
- Anfallsmedikation: In Zusammenhang mit Anfallsmedikation und COVID-19-Impfungen wurde darauf hingewiesen, dass bekannt ist, dass es nach Influenzaimpfungen zu durch Zytokine vermittelten Änderungen in der Expression von hepatischen Cytochrom-P450-Enzymen kommt und dadurch die Konzentration von Anfallsmedikamenten (z. B. Carbamazepin) beeinflusst werden kann.
- Fiebermanagement: Nach jeder Impfung kann es zu Fieber kommen, dies kann bei einigen Patienten mit Epilepsie anfallsauslösend wirken. Gegebenenfalls könnten fiebersenkende Mittel, die auch sonst von dem Patienten vertragen werden, z. B. Ibuprofen oder Paracetamol, eingesetzt werden. Alternativ könnte vorübergehend die Dosis der Antiepileptika erhöht werden, oder es kann passager der Einsatz von Benzodiazepinen, wie z. B.
Post-Vac-Syndrom und neurologische Beschwerden
In letzter Zeit gibt es vermehrt Berichte von Menschen, die nach einer Covid-19-Impfung Long-Covid-ähnliche Beschwerden verspüren, sagt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Diese werden als Post-Vaccine-Syndrom (Post-Vac-Syndrom) bezeichnet. Typische Beschwerden sind Müdigkeit, Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, verminderte körperliche Belastbarkeit, Schlafstörungen, Gelenk- und Kopfschmerzen. Das PEI hat sich mit dem Phänomen beschäftigt. Verdachtsmeldungen über Beschwerden nach Covid-19-Impfung werden vom Paul-Ehrlich-Institut ausgewertet.
Lang andauernde Gesundheitsstörungen, die in unterschiedlichem Abstand zur Covid-19-Impfung auftraten, wurden als Long-Covid-ähnlich, chronisches Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome/Myalgische Enzephalomyelitis, CFS/ME), posturales Tachykardiesyndrom (POTS) oder Post-Vac bezeichnet. Die diagnostische Sicherheit ist deshalb nicht objektiv beurteilbar, so das PEI.
Angesichts der Spontanberichte - auch im Vergleich mit internationalen Meldungen in der Nebenwirkungsdatenbank bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) - kann das PEI kein Signal für anhaltende, mit Müdigkeit einhergehende Beschwerden nach einer Covid-19-Impfung identifizieren. Gleichwohl werden entsprechende Meldungen weiter intensiv überwacht und ggf. in Studien untersucht. Betroffene können sich an das Universitätsklinikum Gießen/Marburg (UKGM) richten, die eine Post-Vax-Ambulanz eingerichtet haben.
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Fallbeispiele und juristische Aspekte
Millionen Menschen haben sich gegen das Coronavirus impfen lassen und nur leichte Nebenwirkungen verspürt. Für Familie G. aus Kassel war die Corona-Impfung selbstverständlich. Doch sie sorgt für einen Wendepunkt im Leben von Tochter Sophie. Die damals 19-Jährige lässt sich im Frühjahr 2021 mit dem Impfstoff von BioNTech impfen. Gut eine Woche später bekommt sie Gelenkschmerzen. Zu den Gelenkschmerzen kommt ein Ausschlag an den Füßen. Sophie erleidet eine Sinusvenenthrombose, was bedeutet, dass das Blut nicht mehr so gut aus dem Gehirn abfließen kann. In der Folge entwickelt sie Epilepsie. Ihr Antrag auf staatlichen finanziellen Ausgleich für ihren mutmaßlichen Schaden nach einer Impfung wurde abgelehnt. Ihr Fall liegt nun beim zuständigen Sozialgericht. Sie will auch von BioNTech Schadensersatz und Schmerzensgeld. Ihre Anwältin hat eine Klage gegen den Impfstoff-Hersteller eingereicht.
Impfschäden sind Einzelfälle, die aber für die Betroffenen gravierende Folgen haben können. Etwa 0,02 Prozent der Menschen mit einer Corona-Impfung haben dauerhafte Beschwerden, beziehungsweise schwere Nebenwirkungen - bis hin zu bleibenden Schäden, so die Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts, das solche Meldungen registriert. Bei öffentlich empfohlenen Impfungen ist eigentlich der Staat für die Versorgung zuständig, wenn ein dauerhafter gesundheitlicher Schaden eintritt.
Zuständig für die Entschädigung sind die Versorgungsämter. Aber auch hier muss bei einem Antrag die Kausalität, also der Zusammenhang zwischen Impfung und Gesundheitsschaden, belegt sein.