Bittermandelwirkung und Hirntumore: Eine umfassende Betrachtung

Bittermandeln und Aprikosenkerne, die Amygdalin enthalten, werden seit langem in der Alternativmedizin als vermeintliche Krebsmittel angepriesen. Doch was steckt wirklich dahinter? Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Bitterrezeptoren, Amygdalin und ihre potenzielle Wirkung auf Krebszellen, insbesondere im Hinblick auf Hirntumore. Dabei werden sowohl die vielversprechenden Forschungsansätze als auch die erheblichen Risiken und Warnhinweise berücksichtigt.

Bitterrezeptoren: Mehr als nur Geschmack

Bitterrezeptoren sind nicht nur für die Geschmackswahrnehmung auf der Zunge verantwortlich. Sie finden sich auch in anderen Organen und Geweben des Körpers, wo sie verschiedene physiologische Funktionen erfüllen. So sind bestimmte Bitterrezeptoren in Magenzellen an der Regulation der Magensäuresekretion beteiligt oder spielen in Darmzellen und Zellen der Atemwege eine Rolle für die Freisetzung antimikrobieller Stoffe.

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Bitterrezeptoren auch in Krebszellen vorhanden und funktionell aktiv sind. Dies eröffnet die Möglichkeit, sie als zusätzliche Angriffspunkte für Chemotherapeutika zu nutzen. Wissenschaftler der Universität Wien, des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München und der Medizinischen Universität Wien führten eine systematische Recherche in PubMed und GoogleScholar durch, um einen Überblick über den derzeitigen Wissensstand zum Thema "Bitterrezeptoren und Krebs" zu erhalten.

Die Übersichtsarbeit berücksichtigt sowohl Studien, welche die Zusammenhänge zwischen der geschmacklichen Wahrnehmung von Bitterstoffen, der Ernährung und dem Auftreten bestimmter Krebsarten untersucht haben, als auch solche, welche die Rolle von Bitterrezeptoren bei der Krebsentstehung auf molekularer Ebene erforschten.

Bitterrezeptoren und Krebs: Aktuelle Forschungsergebnisse

Die Auswertung der Daten ergab, dass bislang kein Zusammenhang zwischen den genetisch bedingten Wahrnehmungsunterschieden von Bitterstoffen, der Ernährungsweise und der Krebsentstehung belegt ist. Allerdings wurde festgestellt, dass in vielen Fällen die Genexpression von Bitterrezeptoren in Krebszellen und -geweben herunterreguliert ist, das heißt, weniger Genprodukte nachzuweisen waren.

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Umgekehrt gibt es Belege dafür, dass eine Überexpression dieser Rezeptorgene sowie eine gezielte Aktivierung der Bitterrezeptoren zelluläre Mechanismen stimulieren, die krebshemmend sind. Hierzu zählen Effekte wie eine verringerte Zellteilung und Migration sowie eine erhöhte Apoptoserate, also eine Zunahme des programmierten Zelltods der Krebszellen. Vieles spricht somit für eine Beteiligung von Bitterrezeptoren am Krebsgeschehen und macht sie als Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Therapeutika interessant.

Amygdalin: Das umstrittene "Vitamin B17"

Amygdalin, auch bekannt als Laetril oder "Vitamin B17", ist ein cyanogenes Glykosid, das in den Kernen von Steinfrüchten wie Aprikosen, Bittermandeln, Pfirsichen und Pflaumen vorkommt. Es wird in der Alternativmedizin als Mittel zur Krebsbehandlung angepriesen, obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise für seine Wirksamkeit gibt und es aufgrund der Freisetzung von Blausäure (Cyanid) sogar gefährlich sein kann.

Wirkungsweise und Theorien

Die Befürworter von Amygdalin postulieren, dass es in Krebszellen aufgrund deren veränderter Enzymausstattung zu einer vermehrten Freisetzung von Cyanid kommt, das für die zytotoxische Wirkung verantwortlich gemacht wird. Eine andere unbelegte Behauptung ist der Ausgleich eines postulierten Mangels an "Vitamin B17", der Krebserkrankungen begründe.

Es wird angenommen, dass Krebszellen den Zucker im Amygdalin erkennen und abbauen wollen, wodurch Cyanid und Benzaldehyd freigesetzt werden, die die Krebszelle ersticken sollen. Studien haben diese Behauptung jedoch widerlegt.

Wissenschaftliche Evidenz und Studien

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Amygdalin/Laetril bei Krebs muss als widerlegt gelten. Es gibt zwar eine Vielzahl anekdotischer Fallberichte zur vermeintlichen Wirksamkeit, jedoch liegen keine methodisch hochwertigen, randomisierten kontrollierten Studien am Menschen vor.

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Eine viel zitierte Studie an 178 Patienten mit histologisch gesicherter Krebserkrankung erbrachte keinen Beleg für eine Wirksamkeit von Amygdalin. Die Patienten wurden zunächst intravenös mit Amygdalin behandelt und erhielten anschließend eine orale Erhaltungstherapie. Nur ein Patient erfuhr eine Partialremission seiner Erkrankung, verstarb aber 37 Wochen nach Beginn und unter Fortführung der Behandlung nach deutlicher Krankheitsprogression. Die Autoren folgern, dass Amygdalin eine toxische Substanz ohne Wirkung in der Krebsbehandlung ist.

Das US-amerikanische National Cancer Institute veranlasste eine retrospektive Fallauswertung, bei der über 450.000 Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe aufgefordert wurden, über positive Verläufe nach Behandlung mit Laetril zu berichten. Trotz des Selektionsbias wurde lediglich in sechs der vollständig erfassten Fälle eine Response festgestellt.

Toxizität und Risiken

Dem fehlenden Nachweis der Wirksamkeit steht die Toxizität von Amygdalin/Laetril gegenüber. Amygdalin ist ein cyanogenes Glykosid, das bei der Spaltung Blausäure freisetzt. Cyanid ist eine toxische Substanz und kann zu lebensbedrohlichen Vergiftungen führen, indem es die mitochondriale Atmungskette und die Bildung des intrazellulären Energielieferanten Adenosintriphosphat (ATP) blockiert.

Typische Symptome einer Cyanid-Intoxikation sind je nach Schweregrad Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Tachy- oder Dyspnoe, Hyper- oder Hypotension, Arrhythmien, Bewusstseinsverlust, Krämpfe, Herz-Kreislauf-Versagen und Tod. Laborchemisch bestehen häufig eine metabolische Azidose und ein erhöhtes Laktat.

Die Toxizität ist insbesondere nach oraler Einnahme erhöht, da Kerne von bitteren Aprikosen, Mandeln und anderen neben Amygdalin auch Cyanid-freisetzende Enzyme enthalten.

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Fallbeispiele und Warnhinweise

Es gibt zahlreiche Fallberichte über Cyanid-Intoxikationen nach akzidenteller oder "therapeutischer" Einnahme von Amygdalin, teilweise mit letalem Ausgang. Ein besonders erschreckendes Beispiel ist der Fall eines vierjährigen Jungen mit einem anaplastischen Ependymom (WHO Grad 3), der nach einer alternativmedizinischen Behandlung mit Amygdalin eine schwere Cyanid-Intoxikation erlitt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät Verbrauchern deshalb, höchstens 2 bittere Aprikosenkerne pro Tag zu verzehren. Kinder, Schwangere und Stillende sollten gänzlich auf Aprikosenkerne verzichten.

Bittere Aprikosenkerne und ihre Risiken

Bittere Aprikosenkerne enthalten hohe Mengen Amygdalin, das im Körper zu Blausäure umgewandelt wird. Blausäure kann zu schweren Vergiftungen mit Beschwerden wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen bis hin zu Atemnot und Tod führen. Allein im Jahr 2019 wurden 11 Produkte über das RASFF (Europäisches Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel) gemeldet, in denen bittere Aprikosenkerne mit deutlich zu hohen und stark gesundheitsschädlichen Mengen an Blausäure enthalten waren.

Empfehlungen und Warnungen

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät Verbrauchern deshalb, höchstens 2 bittere Aprikosenkerne pro Tag zu verzehren. Kinder, Schwangere und Stillende sollten gänzlich auf Aprikosenkerne verzichten.

Es ist wichtig, sich an die Dosierangaben zu halten, da der Hersteller bei Überschreitung der Dosis nicht mehr verantwortlich ist. Bei Schilddrüsenkrebs kann der Verzehr von cyanogenen Pflanzen, insbesondere von bitteren Aprikosenkernen oder reinem Amygdalin, die Behandlung mit radioaktivem Jod blockieren.

Rechtliche Aspekte

Der Stoff Amygdalin darf in der EU nicht verkauft werden, auch nicht in der Apotheke (Verbot bedenklicher Arzneimittel) und kann auch ohne konkreten Schadensfall strafrechtlich verfolgt werden. Wer Amygdalin privat im Ausland bestellt, läuft Gefahr, dass dieses bei der Einfuhr vom Zoll beschlagnahmt wird. Die Weitergabe an andere (auch innerhalb der eigenen Familie) gilt als illegales Inverkehrbringen eines nicht zugelassenen Arzneimittels.

Aktuelle Einschätzungen und Empfehlungen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellt klar, dass Amygdalin-haltige Produkte, die zur Behandlung von Tumorerkrankungen angeboten werden, als Arzneimittel zulassungspflichtig sind. Eine Zulassung als Fertigarzneimittel besitzt Amygdalin jedoch nicht. Das BfArM stuft Amygdalin als "bedenkliches Arzneimittel" im Sinne des § 5 AMG ein.

Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) rät von der Abgabe Amygdalin-haltiger ab und warnt vor einem „Risiko von Cyanid-Intoxikationen bei mangelnder Wirksamkeit“.

Alternativen und komplementäre Behandlungen

Professor Dr. Claudio Denzlinger, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin 3 (Onkologie, Hämatologie, Palliativmedizin) am Marienhospital Stuttgart, betont, dass es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass Aprikosenkerne oder Amygdalin Krebs heilen können. Sicher ist aber, dass sie in höheren Dosen den Körper vergiften können.

Stattdessen empfiehlt er, sich auf wissenschaftlich fundierte Krebstherapien zu konzentrieren und gegebenenfalls komplementäre Behandlungen in Absprache mit dem behandelnden Arzt in Betracht zu ziehen. Dazu gehören beispielsweise Bewegung, ausgewogene Ernährung und Entspannungstechniken, die die Lebensqualität verbessern und die körpereigenen Abwehrkräfte stärken können.

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