Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. In Deutschland sind laut Robert Koch-Institut (RKI) etwa 28 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer betroffen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung von Migräne, um Betroffenen und Interessierten ein besseres Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.
Was ist Migräne? Eine Definition
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich in der Regel durch anfallsartige Kopfschmerzen äußert. Diese Kopfschmerzen sind meist stärker als gewöhnliche Kopfschmerzen und können von weiteren Symptomen begleitet werden, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Kopfschmerzen treten in unregelmäßigen Abständen auf und sind meist einseitig.
Häufigkeit und Betroffenheit
Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Sie tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf und betrifft Frauen bis zu dreimal häufiger als Männer. Auch Kinder können bereits an Migräne erkranken. Die meisten Frauen erleben ihren ersten Migräneanfall zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr, während Männer meist zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr betroffen sind. Zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr häufen sich die Migräneattacken und nehmen in ihrer Schwere zu.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass genetische Faktoren, neuronale Botenstoffe und Entzündungsprozesse eine Rolle spielen. Die Entwicklung der Symptome ist oft genetisch bedingt, wobei aber zusätzlich endogene und exogene Faktoren den Krankheitsverlauf beeinflussen.
Genetische Veranlagung
Für Migräne besteht generell eine genetische Veranlagung. Verwandte ersten Grades von Patienten einer Migräne mit Aura haben ein 3,8-fach erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Dennoch lässt sich Migräne nur in Ausnahmefällen auf ein einzelnes Gen zurückführen. Vielmehr sind wahrscheinlich mehrere genetische Bedingungen die Ursache für eine Migräne.
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Neurovaskuläre Entzündung
Der Kopfschmerz beruht auf einer durch Nervenfasern ausgelösten Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns, der sogenannten neurovaskulären Entzündung. Bei der Entstehung der Migräne spielt der Botenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) eine wichtige Rolle. CGRP befindet sich im gesamten Nervensystem und ist für die Weiterleitung von Schmerzsignalen während einer Migräne-Attacke verantwortlich.
Triggerfaktoren
Bestimmte innere und äußere Faktoren, sogenannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Zu den häufigsten Triggern gehören:
- Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus: Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. zu viel oder zu wenig Schlaf).
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf: Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf - Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten).
- Hormonelle Schwankungen: Hormonveränderungen, z.B. während des Zyklus (Eisprung oder Menstruation) bzw. aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille, bei Beschwerden der Wechseljahre oder zur Osteoporose-Vorsorge).
- Stress: Stress in Form körperlicher oder seelischer Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf.
- Umweltfaktoren: Verqualmte Räume, Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche, Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.).
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel - z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!).
- Emotionen: Starke Emotionen, z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst.
- Medikamente: evtl. Medikamente z.B.
Symptome und Verlauf von Migräne
Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Typisch sind mittelschwere bis schwere, oft halbseitige Kopfschmerzen, die von Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit begleitet werden. Unbehandelt halten die Attacken 4-72 Stunden an.
Phasen einer Migräneattacke
Eine Migräneattacke kann in verschiedenen Phasen verlaufen:
- Prodromalphase (Vorbotenphase): Bereits Tage vor der eigentlichen Kopfschmerzphase können Symptome wie Müdigkeit, Reizbarkeit, Heißhunger oder Stimmungsschwankungen auftreten.
- Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Patienten treten vor oder während der Kopfschmerzphase neurologische Symptome auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese können Sehstörungen (Flimmersehen, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfälle), Sensibilitätsstörungen (Kribbeln, Taubheit) oder Sprachstörungen umfassen.
- Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die typischen Migränekopfschmerzen auf, die meist einseitig, pulsierend oder pochend sind und sich bei körperlicher Aktivität verstärken. Begleitend können Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit auftreten.
- Auflösungsphase: Nach den Kopfschmerzen folgt die Auflösungsphase, in der sich oft Symptome zeigen, die der Anfangsphase konträr gegenüberstehen.
- Erholungsphase (Postdromalphase): Nach dem Abklingen der Kopfschmerzen fühlen sich viele Betroffene erschöpft und benötigen Zeit zur Erholung.
Migräneformen
Man kann zwischen mehreren Migräneformen unterscheiden:
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- Migräne ohne Aura (einfache Migräne): Die häufigste Form, bei der die Kopfschmerzen ohne vorherige neurologische Symptome auftreten.
- Migräne mit Aura (klassische Migräne): Hier treten vor den Kopfschmerzen neurologische Symptome wie Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen auf.
- Komplizierte Migräne (Migraine accompagnée): Diese Form ist durch lang anhaltende neurologische Störungen gekennzeichnet.
- Weitere Unterformen: Es gibt noch weitere Unterformen wie die Augenmigräne (okulare Migräne), menstruelle Migräne, abdominelle Migräne, hemiplegische Migräne, Migräne mit Hirnstammaura (früher als Basilaris-Migräne bekannt) und vestibuläre Migräne.
Diagnose von Migräne
Die Diagnose von Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese, also der ausführlichen Befragung des Patienten zu seinen Beschwerden. Dabei werden die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen sowie mögliche Begleitsymptome erfragt. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, die Symptome zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren.
Kriterien der International Headache Society (IHS)
Für die Diagnose der Migräne werden die Kriterien der International Headache Society (IHS) herangezogen. Diese Kriterien helfen, die Migräne von anderen Kopfschmerzarten abzugrenzen und eine korrekte Diagnose zu stellen.
Neurologische Untersuchung
In der Regel wird auch eine neurologische Untersuchung durchgeführt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns sind nur in bestimmten Fällen erforderlich, beispielsweise bei ungewöhnlichen Symptomen oder dem Verdacht auf eine andere Erkrankung.
Behandlung von Migräne
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die akuten Kopfschmerzen zu lindern und die Häufigkeit und Schwere der Attacken zu reduzieren. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze, die individuell auf den Patienten abgestimmt werden.
Akutbehandlung
Die Akutbehandlung von Migräneattacken umfasst in der Regel die Einnahme von Schmerzmitteln und/oder Triptanen.
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- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken können Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol helfen, die Schmerzen zu lindern. Oft werden diese mit Koffein kombiniert, um die Wirkung zu verstärken.
- Triptane: Bei stärkeren Migräneattacken oder wenn Schmerzmittel nicht ausreichend wirken, können Triptane eingesetzt werden. Diese Medikamente wirken spezifisch gegen Migräne, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen hemmen. Triptane sind rezeptpflichtig, einige Wirkstoffe sind jedoch in kleinen Packungen rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingenommen werden.
Migräneprophylaxe
Wenn Migräneattacken häufig auftreten oder die Lebensqualität stark beeinträchtigen, kann eine vorbeugende Behandlung (Prophylaxe) sinnvoll sein. Ziel der Prophylaxe ist es, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren.
- Medikamentöse Prophylaxe: Zur medikamentösen Prophylaxe werden verschiedene Medikamente eingesetzt, darunter Betablocker, Antidepressiva (z.B. Amitriptylin), Antiepileptika (z.B. Topiramat) und CGRP-Antikörper. Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie Begleiterkrankungen, Verträglichkeit und Wirksamkeit.
- Nicht-medikamentöse Prophylaxe: Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe beitragen. Dazu gehören regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungsverfahren (z.B. progressive Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training), Akupunktur und die Vermeidung von Triggerfaktoren.
Alternative und ergänzende Behandlungsmethoden
Zusätzlich zu den konventionellen Behandlungsmethoden gibt es auch alternative und ergänzende Ansätze, die bei Migräne eingesetzt werden können. Dazu gehören beispielsweise:
- Biofeedback: Bei der Biofeedback-Therapie lernen die Patienten, ihre Körperfunktionen (z.B. Muskelspannung, Herzfrequenz) bewusst wahrzunehmen und zu beeinflussen.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, Stress abzubauen, Entspannungstechniken zu erlernen und den Umgang mit der Migräne zu verbessern.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren kann.
- Remote Electrical Neuromodulation (REN): Dabei werden Nervenfasern außerhalb der Migräneschmerzregion stimuliert. In der Folge schüttet das Gehirn Botenstoffe aus - und der eigentliche Migränekopfschmerz wird unterdrückt.
Leben mit Migräne
Migräne ist eine chronische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Es ist wichtig, die Erkrankung anzunehmen und Strategien zu entwickeln, um mit den Beschwerden umzugehen.
Selbsthilfemaßnahmen
- Kopfschmerztagebuch führen: Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Triggerfaktoren zu identifizieren und den Verlauf der Migräne zu dokumentieren.
- Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit können dazu beitragen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräne. Entspannungstechniken, Sport und Hobbys können helfen, Stress abzubauen.
- Vermeidung von Triggern: Wenn bestimmte Triggerfaktoren bekannt sind, sollten diese möglichst vermieden werden.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder Online-Foren kann hilfreich sein.
Wann zum Arzt?
Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn:
- Die Kopfschmerzen plötzlich und sehr stark auftreten.
- Die Kopfschmerzen von neurologischen Ausfällen (z.B. Lähmungen, Sprachstörungen) begleitet werden.
- Die Kopfschmerzen sich von bisherigen Migräneattacken unterscheiden.
- Die Kopfschmerzen trotz Behandlung nicht besser werden.
- Die Kopfschmerzen häufiger als 15 Tage pro Monat auftreten.
Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Auch Kinder und Jugendliche können an Migräne leiden. Bei ihnen äußert sich die Migräne oft anders als bei Erwachsenen. Die Kopfschmerzen sind meist beidseitig und im Bereich von Stirn und Schläfen lokalisiert. Auch Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen sind häufige Begleitsymptome. Die Behandlung von Migräne bei Kindern und Jugendlichen erfolgt in der Regel mit Schmerzmitteln und nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Entspannungsverfahren und Verhaltenstherapie.