Seit 2011 ist Botulinumtoxin A, besser bekannt unter dem Handelsnamen Botox®, in Deutschland für die Behandlung chronischer Migräne zugelassen. Viele Menschen denken bei „Botox®“ zuerst an Faltenbehandlungen, doch bei Fachärzten hat sich die Anwendung von Botulinumtoxin A bei chronischer Migräne mittlerweile etabliert. Dieser Artikel beleuchtet die Behandlungsintervalle, die Wirksamkeit, die Anwendung und weitere wichtige Aspekte der Botox®-Therapie bei Migräne.
Zulassungen von Botulinumtoxin A Präparaten in Deutschland
Seit den 1990er-Jahren wurden die drei in Deutschland verfügbaren Botulinumtoxin-A-Präparate für verschiedene Indikationen zugelassen. Die Zulassungen der verschiedenen Produkte sind unterschiedlich und wurden im Laufe der Zeit teilweise modifiziert. Zu den zugelassenen Präparaten gehören:
Abobotulinumtoxin A (Dysport®): Zugelassen für idiopathischen Blepharospasmus, Hemifazialen Spasmus, zervikale Dystonie, fokale Spastik der oberen Extremität, fokale Spastik des Fußgelenks und fokale Spastik mit dynamischer Spitzfußstellung der unteren Extremitäten bei infantiler Zerebralparese. Die Injektionen erfolgen nicht häufiger als alle 12 Wochen.
Incobotulinumtoxin A (Xeomin®): Zugelassen für Blepharospasmus, zervikale Dystonie und Spastik der oberen Extremitäten. Die Behandlungsintervalle sollten nach dem individuellen Bedarf jedes Patienten festgelegt werden, wobei Intervalle unter 10 bis 12 Wochen im Allgemeinen nicht empfohlen werden.
Onabotulinumtoxin A (Botox®): Zugelassen für fokale Spastizität bei infantiler Zerebralparese, fokale Spastizität des Handgelenks und des Fußgelenks bei Schlaganfallpatienten, Blepharospasmus/hemifazialer Spasmus, zervikale Dystonie, chronische Migräne, idiopathische überaktive Blase, Harninkontinenz bei neurogener Detrusorhyperaktivität und starke Hyperhidrosis axillaris. Bei chronischer Migräne erfolgt die Injektion alle 12 Wochen.
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Ablauf einer Botox®-Therapie bei Migräne
Der Ablauf einer Botox®-Therapie variiert je nach Indikation und wird individuell angepasst. Bei der Behandlung von chronischer Migräne erfolgt eine präzise Injektion des Botulinumtoxins mit feinen Nadeln in bestimmte Muskeln am Kopf-, Hals-, Nacken- und Schulterbereich. Die Behandlung dauert meist nicht länger als 20 Minuten und ist minimalinvasiv.
Im Schmerzzentrum Wiesbaden wird die Botox®-Therapie unter anderem nach dem PREEMPT-Schema angewendet, einem wissenschaftlich fundierten Behandlungsansatz für chronische Migräne. Vor jeder Behandlung findet ein individuelles Beratungsgespräch statt, um die Therapie optimal auf die Bedürfnisse des Patienten abzustimmen.
Vorteile der Botox®-Therapie
Eine erfolgreiche Therapie von chronischer Migräne mit Botox® zeigt sich optimalerweise in einer Abnahme der Migräne-Frequenz sowie -Intensität. Viele Betroffene büßen aufgrund von chronischer Migräne ein enormes Maß an Lebensqualität ein. Eine Botox®-Therapie kann vorbeugend starke Migräneattacken in Häufigkeit und Schmerzintensität reduzieren.
Voraussetzungen und Kostenübernahme
Bevor es zur Behandlung mit Botox® kommt, ist es wichtig, die Kosten des Eingriffes zu besprechen. Diese belaufen sich bei einer Migränebehandlung meist pro Sitzung auf circa 600 Euro, abhängig von den Injektionseinheiten. Unter bestimmten Voraussetzungen besteht die Möglichkeit, dass sich die Krankenkasse an den Kosten einer Botox®-Therapie beteiligt.
Damit die Kassen die Kosten der Botox®-Spritze gegen Migräne übernehmen, muss eine chronische Migräne nach den entsprechenden Kriterien vorliegen. Darüber hinaus muss eine prophylaktische Migräne-Behandlung mit herkömmlichen Medikamenten wie Metoprolol, Flunarizin oder Topiramat erfolglos versucht worden sein.
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Wirkungsweise von Botox® bei Migräne
Botulinumtoxin A ist ein Bakteriengift, das vom Bakterium Clostridium Botulinum gebildet wird. Es unterbricht die Reizübertragung zwischen Nerv und Muskel. Es ist bis heute nicht vollständig geklärt, wie Botox® in der vorbeugenden Behandlung der chronischen Migräne genau wirkt. Studien zeigen jedoch, dass das Botox® zusätzlich zum Botenstoff Acetylcholin auch noch andere Neuropeptide und Neurotransmitter hemmt, die an der Schmerzreizung beteiligt sind, darunter Glutamat, Substanz P, CGRP und Neurokinin A.
Man geht heutzutage davon aus, dass Migräne durch eine Überaktivität von Nervenzellen im Hirnstamm hervorgerufen wird. Bereits kleine Trigger wie Stresssituationen, Schlafmangel oder Dehydrierung können bei Betroffenen starke Schmerzattacken auslösen, das heißt, das Gehirn ist sehr leicht „reizbar“. Diese Reizübertragung gilt es nun vorbeugend zu unterbinden.
Behandlungsintervalle und Dosierung
Zur Vorbeugung von Migräne wird im ersten Behandlungsjahr alle drei Monate Botulinumtoxin injiziert. Spricht der Patient gut auf die Therapie an, kann im zweiten Jahr der Behandlungsturnus auf alle vier Monate angepasst werden. Bei regelmäßiger Anwendung im 3-Monats-Turnus im ersten Jahr können die Migräne- und Kopfschmerzattacken in ihrer Häufigkeit und Ausprägung reduziert werden, was für Betroffene bereits eine gute Verbesserung darstellen kann. Zum Teil zeigt sich auch eine Verbesserung in der Ansprache auf Akutmedikation.
Bestimmte Dosen an Botulinumtoxin A (zwischen 155 bis 195 Einheiten) werden mit feinen Kanülen in gewisse Muskeln am Kopf-, Hals-, Nacken- und Schulterbereich gespritzt. Die aktuelle Standarddosierung gemäß Herstellerempfehlung und Zulassung in Deutschland beträgt pro Behandlung zwischen 155 und 195 sogenannten „Allergan-Einheiten“ (AE). Die Erstbehandlung erfolgt dabei regelmäßig mit 155 AE, verteilt über definierte Zonen und Injektionspunkte.
Sollte sich nach der Erstbehandlung mit der Standarddosis kein Erfolg einstellen, so sollte in einer zweiten Sitzung die Erhöhung auf 195 E erwogen werden. Die zusätzlichen Einheiten werden dann auf die Zonen verteilt, in denen der Patient das intensivste Schmerzempfinden verspürt (Follow the Pain).
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Wirksamkeit von Botox® gegen Migräne
Medizinische Studien zur Wirksamkeit von Botox® bei chronischer Migräne zeigen eine kontinuierliche Zunahme der Wirkung bei wiederholter Therapie im 1. Behandlungsjahr. Nach der 1. Behandlung zeigte sich eine Verringerung der Kopfschmerztage um 50% bei rund der Hälfte der Patienten. Nach einer 2. und 3. Behandlung erhöhte sich der Anteil der Patienten von 50% auf 60%.
Eine weitere Studie zeigte bei Patienten, die 2 Jahre lang alle 3 Monate mit Botox® gegen Migräne behandelt wurden, ebenfalls eine kontinuierliche Zunahme des Therapieerfolgs. Aufgrund derartiger Studienergebnisse wird in der Praxis oft nach 2-3 Behandlungen entschieden, ob die Therapie anschlägt und weitergeführt werden soll.
In der Praxis ist das Ziel der Botox®-Behandlung daher, dass eine klare Besserung der Beschwerden erreicht werden kann. Die regelmäßige Einnahme von Kopfschmerzmedikamenten zur Akutbehandlung (Triptane, Ditane) an mehr als 10 Tagen/Monat sollte in jedem Fall unterschritten werden.
Mögliche Nebenwirkungen
Bei einer Behandlung mit Botox® gegen Migräne kann es zu gewissen Nebenwirkungen kommen. Nicht selten können in den ersten Tagen nach der Therapie Schmerzen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Schwindel, Nackenschmerzen, Muskelschwäche oder auch Übelkeit auftreten. Da unter anderem im Stirnbereich mit Botox® behandelt wird, kann es vorkommen, dass das Augenlid oder die Braue aufgrund der Muskel-entspannenden Wirkung absinkt.
Die häufigsten Nebenwirkungen beim Einsatz von Botox® gegen Migräne sind Nacken- und Kopfschmerzen für 2-3 Tage. An den Einstichstellen der Migräne Spritze kommt es zu kurzzeitigen Rötungen, die binnen weniger Minuten wieder vergehen. Vereinzelt können auch leichte Blutergüsse auftreten.
Kontraindikationen
Es gibt einige Erkrankungen, bei denen Botox® generell nicht angewendet werden sollte:
- Neuromuskuläre Erkrankungen
- Schluckstörungen oder chronische Atembeschwerden
- Akute Infekte und Entzündungen der vorgesehenen Injektionsstellen
- Gleichzeitige Einnahme bestimmter Medikamente, die die muskuläre Transmission beeinflussen sowie bestimmter Antibiotika (Aminoglykosid-Antibiotika, Spectinomycin)
- Nachgewiesene Überempfindlichkeit gegen einen der Bestandteile von Botox®
- Schwangerschaft und Stillzeit
Botox®-Behandlung in der ästhetischen Medizin
In der Ästhetischen Medizin wird Botox® hauptsächlich zur Faltenbehandlung und Hautglättung verwendet, wodurch die Mimik ein wenig reduziert wird. Botox® eignet sich sehr gut zur Behandlung von Mimikfalten, also von Falten, die durch Muskelbewegungen im Gesicht entstehen und intensiviert werden:
- Stirnfalten („Denkerfalten“)
- Falten zwischen den Augenbrauen („Zornesfalte“)
- Lachfältchen rund um die Augen („Krähenfüße“)
- Nasenfalten („Bunny Lines“)
- Bestimmte Kinnfalten („Pflastersteinfalten“ oder „Erdbeer-Relief“)
Durch die Entspannung der jeweiligen faltenbildenden Muskeln glätten sich die bestehenden Falten. Außerdem wird verhindert, dass sie sich vertiefen.
Botox® gegen Schwitzen (Hyperhidrose)
Eine gezielte Botox®-Behandlung verringert übermäßiges Schwitzen, auch bekannt als Hyperhidrose. Das funktioniert, weil Schweißdrüsen durch kleine Muskeln aktiviert werden. Botulinumtoxin verhindert die Anspannung dieser Muskeln. Dadurch werden weniger Schweißdrüsen aktiviert, wodurch weniger Schweiß abgesondert wird. Bei der Hyperhidrose-Behandlung wird Botox® im Bereich der jeweiligen Schweißdrüsen injiziert. Die Wirkung hält bis zu neun Monate lang an und kann beliebig wiederholt werden.
Alternativen zur Botox®-Therapie
Neben der Botox®-Behandlung gibt es auch andere Möglichkeiten zur Migräneprophylaxe. Seit Ende 2018 stehen mit Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab neue Wirkstoffe zur Verfügung. Hier greift der Wirkstoff als Antikörper gezielt am CGRP-Rezeptor an, der an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Migräne zentral beteiligt ist. CGRP ist ein sogenannter Neurotransmitter, ein Botenstoff, der bei Migräne vermehrt freigesetzt wird.
Einige andere Medikamente waren aber schon in der Medizin bekannt, jedoch ohne Zulassung für chronische Migräne: Betablocker, Topiramat und Flunarizin.
Bruxismus (Zähneknirschen)
Nächtliches Zähneknirschen kann die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Schlafstörungen, nervliche Anspannung und generelle Unruhe sind typisch für diese Erkrankung. Als Bruxismus wird in der Medizin unbewusstes Pressen und Knirschen der Zähne bezeichnet. Es handelt sich dabei um unbewusste Abläufe. Hier kann Botox® ebenfalls eingesetzt werden, um die Kaumuskeln zu entspannen und das Zähneknirschen zu reduzieren.
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