Mit zunehmendem Alter treten sowohl Sehbeeinträchtigungen als auch Demenz häufiger auf. Studien deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Phänomenen gibt. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Blindheit, Sehbehinderungen und Alzheimer, um das Bewusstsein für dieses wichtige Thema zu schärfen.
Altersbedingte Sehprobleme
Die Sehkraft lässt mit dem Alter nach - ein natürlicher Prozess. Verschiedene Augenprobleme treten oft schleichend auf. Die häufigste Beschwerde ist die Altersweitsichtigkeit, bei der es zunehmend schwerfällt, nahe Objekte klar zu sehen. Später wird das Tragen einer Sehhilfe unverzichtbar. Weitere typische Sehprobleme, die ältere Menschen betreffen, sind z.B. Grauer Star (Katarakt), Makuladegeneration, Nachtblindheit und andere.
Erhöhtes Demenzrisiko bei Sehbeeinträchtigungen
Studien zeigen, dass Menschen mit eingeschränkter Sehkraft ein 2- bis 5-mal höheres Risiko haben, eine Demenz zu entwickeln. Darüber hinaus steigt die Gefahr für Stürze, Knochenbrüche und Gebrechlichkeit, und allgemein steigt das Risiko von Abhängigkeit und der Pflege- und Unterstützungsbedarf. Für den Erhalt der Lebensqualität, Teilhabe und Selbständigkeit ist es wichtig, dass Hinweisen auf nachlassende Sehkraft nachgegangen wird.
Fallbeispiele
Szene 1: Eine Dame mit Demenz, diagnostiziert vor 3 Jahren und sehr mobil, stößt sich in ihrer Wohnung an einem neuen Tisch, während sie Besuch empfängt. Sie streift dann den Türrahmen entlang und greift tastend zur Türklinke des nächsten Raumes.
Szene 2: Ein Herr im Krankenhaus, halb bekleidet in seinem Bett, reagiert kaum auf Ansprache. Er tastet die Kante des Nachttischs entlang, bis seine Fingerspitzen einen Becher finden, und stößt sich den Strohhalm mehrmals beim Versuch zu trinken ins Gesicht.
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Diese Szenen verdeutlichen die Herausforderungen, mit denen Menschen mit Demenz und Sehbeeinträchtigungen im Alltag konfrontiert sind.
Ursachenforschung und mögliche Erklärungen
Amyloid-Plaques und Neurodegeneration
Wie die Forscher vermuten, könnten die mit Alzheimer verbundenen Ablagerungen im Gehirn, die sogenannten Amyloid-Plaques, zuerst Bereiche des Gehirns beeinträchtigen, die mit dem Sehvermögen verbunden sind. Erst bei fortschreitender Krankheit sind dann die Bereiche, die mit dem Gedächtnis verbunden sind, betroffen. Deshalb könnten Sehtests schon Defizite erkennen, bevor Gedächtnistests das tun, folgern die Forscher.
Glaukom und Alzheimer: Gemeinsame Mechanismen
Ein internationales Forscherteam entdeckte, dass beim Grünen Star (Glaukom) im Prinzip nichts anderes als Alzheimer im Auge passiert: In beiden Fällen tragen die gleichen Eiweißfragmente, so genannte Abeta-Proteine, dazu bei, dass Nervenzellen absterben. Im Gehirn verursacht das die für Alzheimer typische Demenz, während der Tod des Sehnervs im Auge auf Dauer zu irreversibler Blindheit führt.
Eingeschränkte Aktivität und Stimulation
Die Lancet-Kommission hat die nachlassende Sehkraft als einen „neuen“ Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz hinzugefügt. Hintergrund ist, dass - wie bei der Schwerhörigkeit - eine Aktivitätsreduzierung durch diese Einschränkung stattfindet. Weniger Aktivität und Teilhabe bedeuten auch weniger Stimulation und geringere Reize für unser Gehirn.
Visuelles Vorstellungsvermögen und Gedächtnis
Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass das autobiografische Gedächtnis entscheidend von unserer Fähigkeit abhängt, visuelle mentale Bilder zu konstruieren. Darüber hinaus ist die Erzeugung mentaler Bilder ein grundlegender Prozess, der verschiedenen weiteren kognitiven Funktionen wie episodischem Zukunftsdenken, Navigation und komplexen Entscheidungsprozessen zugrunde liegt. Diese kognitiven Funktionen sind auch häufig bei Patienten mit neurodegenerativen Demenzerkrankungen wie der Alzheimer-Krankheit beeinträchtigt, die weniger lebhafte und detailreiche Berichte über persönliche Erfahrungen aus der Vergangenheit abgeben als gesunde Kontrollpersonen.
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Die Rolle des Glaukoms
Das Glaukom (im Volksmund "Grüner Star") ist die zweithäufigste Erblindungsursache in Industrienationen. In Deutschland sind wahrscheinlich zwei Prozent aller Menschen jenseits des 60. Lebensjahres am Glaukom erkrankt, aber bisher konnte diese heimtückische Augenkrankheit nur bei etwa 50 Prozent der Betroffenen aufgedeckt werden. Die weitaus häufigste Glaukomform, das chronische Offenwinkelglaukom, verursacht keine Schmerzen und verläuft für den Betroffenen unauffällig. Während die Fasern seines Sehnervs langsam absterben, kommt es zwar zum Gesichtsfeldausfall, aber er bemerkt es nicht, weil dieser Prozess schleichend verläuft und weil sich die zentrale Sehschärfe erst im Endstadium des Glaukoms verschlechtert. Hinzu kommt, dass sich das Glaukom nicht in beiden Augen gleichmäßig entwickelt: Die Ausfälle sind nicht identisch. Beim beidäugigen Sehen kann ein Auge die Wahrnehmung des Partnerauges ausgleichen.
Risikofaktoren und Diagnose
Lange Zeit wurde angenommen, dass ein erhöhter Augeninnendruck (intraokularer Druck, IOD) ein Glaukom auslöst bzw. seine Ursache ist. Ohne Zweifel stellt ein erhöhter oder individuell nicht tolerierter Augeninnendruck den wichtigsten Risikofaktor für das Glaukom dar, aber der Augeninnendruck ist nicht allein entscheidend. Auch Durchblutungsstörungen können am Krankheitsprozess beteiligt sein.
Behandlungsmöglichkeiten
Heute steht dem Augenarzt eine Vielzahl von Glaukompräparaten in Form von Augentropfen zur Verfügung, die den Augeninnendruck stark und verlässlich senken. Hier ist neben den bewährten Betarezeptorenblockern vor allem die Wirkstoffgruppe der Prostaglandinanaloga zu nennen. Darüber hinaus wurden Substanzen entwickelt wie das Dorzolamid, die den Augeninnendruck senken und gleichzeitig nachweisbar die Durchblutung des Sehnervs verbessern. Die Glaukomforschung widmet sich intensiv der Frage, mit welchen Wirkstoffen die Neurodegeneration zu beeinflussen ist. Gefäßverkrampfungen (Vasospasmen) am Sehnerv lassen sich ebenfalls durch die Einnahme von Magnesium oder Kalziumkanalblockern behandeln. Zurzeit läuft eine große internationale Studie über die Wirkungen einer Substanz (Memantine), die auch bei der Alzheimerschen Erkrankung verabreicht wird.
Frühzeitige Erkennung und Prävention
Regelmäßige Sehtests könnten kognitiven Problemen vorbeugen. Eine jährliche Kontrolle der Sehkraft bei älteren Menschen ist sinnvoll. Spätestens wenn Ihnen auffällt, dass die betroffene Personeine Sehhilfe besitzt, deren Überprüfung mehr als ein Jahr zurückliegt,sich öfter an Kanten oder Ecken stößt,Schatten oder Mustern auf Böden ausweicht,ängstlicher oder unsicher an Schwellen, Treppen oder Absätzen wirkt,öfter danebengreift, wenn sie zum Beispiel ein Glas nehmen möchte oder mit Besteck hantiert, auffällig lange stehen bleibt, wenn sich Lichtverhältnisse plötzlich ändern (vom Dunkeln ins Helle),Beschäftigung oder Hobbys ablehnt, die gutes Sehen erfordern,(wiederkehrend) stolpert oder stürzt, ohne dass dies auf Probleme mit der Gehfähigkeit oder dem Gleichgewicht zurückgeführt werden kann,sollten Sie in Betracht ziehen, dass eine ärztliche Überprüfung der Sehkraft notwendig ist.
Maßnahmen zur Wohnraumanpassung
- Starke Kontraste (von farbigen Badarmaturen bis hin zu Geschirr)
- Angemessene und angepasste Beleuchtung
Bedeutung der professionellen Pflege
Professionelle Pflege darf nicht jedes Geschehen, jede Auffälligkeit der Diagnose Demenz zuschreiben und muss aktiv Maßnahmen ergreifen, wenn andere Ursachen und gesundheitliche Probleme in Frage kommen. Der nächste Schritt, jemanden mit fortgeschrittener Demenz angemessen fachärztlich zu versorgen bzw. dies zu organisieren, ist häufig ein großes Hindernis. Das darf professionelle Pflege aber nicht dazu verführen, es im quasi vorauseilenden Fatalismus gar nicht erst zu versuchen.
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Forschungsperspektiven
Mit dieser Studie wollen wir die neuronalen Korrelate des autobiografischen Gedächtnisses bei Menschen untersuchen, die von Geburt an blind sind, und bei Menschen, die später im Leben erblindet sind. Menschen, die von Geburt an blind sind, hatten nie die Möglichkeit visuelle Erinnerungen zu erwerben, und sind daher vermutlich nicht in der Lage visuelle Bilder zu erleben. Bislang wurde die geistige Landschaft dieser seltenen Patientengruppe noch nicht eingehend untersucht. Die Ergebnisse werden über den Zusammenhang zwischen autobiographischem Gedächtnis und visuellem Vorstellungsvermögen Aufschluss geben.