Das Bobath-Konzept ist ein umfassendes, weltweit anerkanntes Pflege- und Therapiekonzept zur Rehabilitation von Menschen mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), bei denen Bewegungsstörungen, Lähmungserscheinungen und/oder Spastik auftreten. Es wurde in den 1940er Jahren von Berta Bobath, einer deutschen Krankengymnastin, und ihrem Ehemann Karel Bobath, einem deutschen Neurologen, entwickelt.
Einführung in das Bobath-Konzept
Das Gehirn ist komplex, und 100 Milliarden Nervenzellen ermöglichen es uns, Handlungen korrekt auszuführen. Diese Fähigkeit kann jedoch durch Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) beeinträchtigt werden. Das Bobath-Konzept setzt an dieser Stelle an, indem es davon ausgeht, dass gesunde Bereiche im Gehirn die Aufgaben zerstörter Areale übernehmen können. Es ist ein therapeutischer und rehabilitativer Ansatz, der sich an Menschen richtet, bei denen das Gehirn oder das Rückenmark geschädigt ist.
Die Philosophie hinter Bobath
Berta Bobath prägte den Satz: „Bewegung ist Wahrnehmung und Wahrnehmung ist Bewegung.“ Ihr Konzept, das sie gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte, zielt darauf ab, motorische Einschränkungen, Gleichgewichtsstörungen oder eine Spastik zu lindern. Dabei ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Betroffenen und Therapeut:innen von zentraler Bedeutung. Das Bobath-Konzept ist keine festgelegte Technik oder Methode, sondern ein individueller Plan, der von Therapeut:innen unter Berücksichtigung der Fähigkeiten und Umstände der Patient:innen erarbeitet wird.
Die Plastizität des Gehirns
Das Bobath-Konzept basiert auf der Annahme, dass das Gehirn über die gesamte Lebensspanne lernfähig bleibt. Diese Lernfähigkeit, auch als „Plastizität des Gehirns“ bezeichnet, ermöglicht es dem Gehirn, sich neu zu organisieren. Wenn beispielsweise ein bestimmtes Hirnareal durch einen Schlaganfall geschädigt wird, können gesunde Regionen im Gehirn die Aufgaben dieses Areals durch gezieltes Training übernehmen. Dies geschieht durch die Ausbildung neuer Verbindungen, sogenannter Synapsen.
Ziele des Bobath-Konzepts
Die übergeordneten Ziele des Bobath-Konzepts sind die Förderung der Selbstständigkeit und die Vermeidung von unerwünschten Veränderungen wie Gelenkversteifungen. Es berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse und die Handlungsfähigkeit der Betroffenen, da nicht jede Ausgangslage nach einem neurologischen Ereignis gleich ist. Um den Patient:innen eine möglichst eigenverantwortliche Lebensqualität zurückzugeben und Folgeschäden wie Schmerzen oder Spastizität zu lindern, ist ein geschultes, interdisziplinäres Team erforderlich. Dieses Team besteht aus Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen, Neurophysiolog:innen, Logopäd:innen und Pflegekräften, die gemeinsam eine individuelle Behandlungsstrategie entwickeln.
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Hauptziele im Überblick
- Wiedererlernen verlorener motorischer Fähigkeiten und Förderung der Selbstständigkeit
- Verbesserung der Körperwahrnehmung
- Hemmung von Spastik und Wiederherstellung eines angepassten Muskeltonus
- Förderung der Körperwahrnehmung und der Wahrnehmung der Umwelt
- Verhinderung einer schmerzhaften Schulter und des Schulter-Hand-Syndroms
- Anbahnung normaler Gesichts-, Mund-, Zungen und Schlundmotorik
Anwendungsbereiche des Bobath-Konzepts in der Pflege
Das Bobath-Konzept eignet sich besonders für Menschen mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems oder Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks. Es findet häufig Anwendung bei Patient:innen nach einem Schlaganfall, die unter halbseitigen Lähmungen leiden.
Indikationen für das Bobath-Konzept
- Schlaganfall
- Multiple Sklerose
- Morbus Parkinson
- Enzephalitis
- Entwicklungsstörungen, die sich auf die Bewegung auswirken
- Schädel-Hirn-Verletzungen
- Rückenmarksverletzungen
- Zerebrale Bewegungsstörungen
- Neuromuskuläre Erkrankungen
Die Rolle der Pflege im Bobath-Konzept
Die Pflege spielt eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung des Bobath-Konzepts. Pflegerische Maßnahmen unterstützen die Patient:innen im Alltag und fördern dieIntegration ehemals bekannter Bewegungsabläufe.
Pflegerische Maßnahmen für Angehörige
Auch im pflegerischen Alltag gibt es viele Übungen für Zuhause. Vor allem bei der Lagerung nach Bobath und der Mobilisation nach Bobath können Familienmitglieder mitwirken. Spezielle Kurse und Fortbildungen vermitteln das nötige Fachwissen, um diese Techniken individuell auf das pflegebedürftige Familienmitglied anzupassen und umzusetzen. Für den häuslichen Pflegealltag eignet sich das Selbsthilfetraining (ATL-Training) besonders gut, um die Betroffenen stets in alltägliche Aufgaben einzubeziehen und sie mitarbeiten zu lassen.
Bobath-Waschung
Bei der Bobath-Waschung geht es nicht nur um Sauberkeit, sondern vor allem um Körperwahrnehmung. Die Pflege wird ganz bewusst durchgeführt:
- Mit klaren, gleichmäßigen Bewegungen
- In einer bestimmten Reihenfolge
- Mit sanftem, aber bestimmtem Druck
So wird die betroffene Person angeregt, ihren Körper besser zu spüren. Gerade nach einem Schlaganfall oder bei halbseitiger Lähmung kann das helfen, das „vergessene“ Körperteil wieder ins Bewusstsein zu bringen. Die Waschung erfolgt von der aktiven Seite, über die Körpermitte zur geschädigten Körperhälfte. Bei der Waschung ist es wichtig, dass ein permanenter Körperkontakt besteht und auch ein konstanter Druck ausgeübt wird.
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Lagerung nach Bobath
Wer lange liegt oder sich nur eingeschränkt bewegen kann, läuft Gefahr, Fehlhaltungen oder Spastiken zu entwickeln. Die Bobath-Lagerung zielt darauf ab, genau das zu verhindern:
- Der Körper wird achtsam und in funktionellen Positionen gelagert.
- Die betroffenen Körperteile werden entlastet, aber nicht „ausgeschaltet“.
- Auch hier steht die Wahrnehmung im Mittelpunkt - nichts soll taub oder „fremd“ wirken.
Die Lagerung kann auf der betroffenen oder der nicht betroffenen Seite erfolgen. Bei der Lagerung auf der betroffenen Seite stimuliert der Auflagedruck die beeinträchtigten Körperpartien, während die nicht betroffene Seite aktiv benutzt werden kann. Bei der Lagerung auf der nicht betroffenen Seite kann sich der Muskeltonus entspannen.
Mobilisation nach Bobath
Die Bobath-Mobilisation bedeutet: Nicht einfach nur aufstehen oder umgesetzt werden - sondern gemeinsam Bewegung erleben. Das kann heißen:
- Selbst ein Stück aus dem Bett mithelfen
- Sich aufstützen, statt gezogen zu werden
- Einen Arm beim Aufstehen bewusst mitnehmen
Mobilisation nach Bobath wird auch Transfer nach Bobath genannt. Die Angehörigen sollen die Betroffenen aktiv in sämtliche Positionswechsel mit einbeziehen.
Integration in den Tagesablauf
Alle Übungen werden in den Tagesablauf integriert. So lernen die Patient:innen, die versehrten Körperteile wieder in alltäglichen Situationen wie Körperpflege, Essen sowie das An- und Ausziehen mit einzubeziehen.
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Bobath Übungen für Erwachsene
Es gibt keinen strengen Übungskatalog zur Anwendung des Bobath-Konzepts. Vielmehr passt die Physiotherapie nach Bobath geeignete Übungen an die Schwere der Erkrankung und die vorliegende Bewegungsfähigkeit an. Zu den klassischen Bobath Übungen gehört „der Klavierspieler“. Dabei sitzen die Patient:innen auf einem Stuhl oder einem Bett und spielen auf einem imaginären Klavier, das über eine sehr breite Tastatur verfügt. Um die äußeren imaginären Tasten zu erreichen, lehnen sie ihren Rumpf zur Seite und heben einen Teil ihres Gesäßes an. Dadurch schulen sie ihre posturale Kontrolle, also die Fähigkeit, trotz der Schwerkraft die Körperhaltung aufrecht zu erhalten.
Bobath-Therapeut:innen unterstützen Patient:innen nur soweit, wie sie Hilfe benötigen. Mit viel Eigeninitiative soll es gelingen, die Kontrolle über die Bewegungen und die Haltung zu optimieren.
Praktische Übungen für den Alltag
- Im Sitzen vor- und zurückschaukeln, um das Gleichgewicht zu trainieren
- Mit den Füßen abrollen, während man auf der Bettkante sitzt
- Einen Gegenstand vom Tisch zur Körpermitte führen, zum Beispiel einen Ball oder Becher
- Die Hände falten und beide Arme gemeinsam heben, um die betroffene Seite mit einzubeziehen
- Beim Aufstehen bewusst das Gewicht auf beide Füße verlagern
Bobath vs. Vojta
Sowohl das Bobath-Konzept als auch die Vojta-Therapie sind Therapieansätze, die bei neurologischen Erkrankungen und motorischen Einschränkungen eingesetzt werden.
| Merkmal | Bobath-Konzept | Vojta-Therapie |
|---|---|---|
| Therapeutische Ausrichtung | Legt einen Schwerpunkt auf die Förderung der motorischen Kontrolle und Bewegungsfunktion durch Hemmung pathologischer Bewegungsmuster und die Unterstützung der Normalisierung des Muskeltonus. Die Therapie basiert auf einer individuellen, patientenzentrierten Herangehensweise. | Konzentriert sich auf die Aktivierung von bestimmten motorischen Mustern durch gezielten Druck auf Reflexzonen am Körper. Sie basiert auf der Annahme, dass der Körper über spezifische angeborene Reflexmuster verfügt, die zur Bewegungssteuerung genutzt werden können. |
| Therapeutische Interventionen | Verwendet eine Vielzahl von therapeutischen Interventionen, einschließlich manueller Techniken, Übungen, Sensomotorik und Aktivitäten des täglichen Lebens. Der Schwerpunkt liegt darauf, die betroffene Person zur aktiven Teilnahme an der Therapie zu motivieren und die motorischen Fähigkeiten und die Bewegungskontrolle zu verbessern. | Basiert auf dem Prinzip der reflektorischen Muskelaktivierung. Der Therapeut übt gezielten Druck auf bestimmte Zonen am Körper aus, um vordefinierte Reflexmuster auszulösen. Durch diese Muster sollen bewegungsfördernde Muskelketten aktiviert und motorische Funktionen verbessert werden. |
| Anwendungsgebiete | Findet Anwendung bei einer breiten Palette von neurologischen Erkrankungen, bei denen motorische Einschränkungen auftreten. Es zielt darauf ab, die Selbstständigkeit und funktionale Bewegungskontrolle der betroffenen Personen im Alltag zu verbessern. | Wird häufig bei Säuglingen, Kleinkindern und Kindern mit neurologischen Entwicklungsstörungen angewendet. Die Bedürfnisse und Ressourcen der betroffenen Personen sind maßgeblich für die Planung und Umsetzung der Interventionen. Daher gibt es beim Bobath-Konzept keine vorgefertigten Übungen, da diese immer individuell entwickelt und angepasst werden. |
Kosten und Finanzierung
Die Bobath-Therapie kann von Haus- oder Fachärzten verordnet werden. Die Kosten trägt in der Regel die Krankenkasse. Speziell ausgebildete Physiotherapeut:innen können Kurse sowie häusliche Schulungen für pflegende Angehörige anbieten, die sich mit dem Bobath-Konzept vertraut machen möchten. Die Krankenkasse bzw. Pflegekasse übernimmt in vielen Fällen die Kosten für eine solche Schulung.