Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist eine komplexe psychische Erkrankung, die durch emotionale Instabilität, impulsives Verhalten, gestörtes Selbstbild und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet ist. In jüngster Zeit wurde die BPS vermehrt auch neuroanatomisch untersucht, um die biologischen Grundlagen dieser Störung besser zu verstehen.
Entstehung und Ursachen der Borderline-Störung
Die Entstehung der Borderline-Störung ist multifaktoriell. Genetische Faktoren spielen eine erhebliche Rolle, zugleich fördern bestimmte Lebenserfahrungen, ungünstige Grundeinstellungen und schädliche Verhaltensmuster die Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Persönlichkeitsstörung.
Besonders häufig finden sich in der Biografie der Betroffenen sexuelle Gewalterfahrungen (65%), körperliche Gewalterfahrungen (60%) und/oder schwere Vernachlässigung (40%). Oftmals werden diese Erfahrungen bereits in der (frühen) Kindheit gemacht.
Modelle der Entstehung
Es gibt verschiedene Modelle zur Erklärung der Entstehung der BPS. Zwei bekannte sind:
- M. Linehan: Dieser Ansatz konzentriert sich auf die Entwicklung der Störung durch eine Kombination aus biologischer Vulnerabilität und einer invalidierenden Umgebung.
- Daniel N.: Dieser Ansatz betont die Bedeutung von frühen Traumata und Bindungsstörungen für die Entstehung der BPS.
Neuroanatomische Unterschiede bei Borderline-Patienten
Es konnte gezeigt werden, dass das Gehirn von Borderline-Patienten teilweise anders arbeitet als das von gesunden Menschen. Beobachtet wurden Aktivitätsveränderungen in der Amygdala (Mandelkern), einer Region im Gehirn, die u.a. für die Verarbeitung von Stress, Gefahrensignalen und von Ängsten zuständig ist. Diese Gehirnstruktur ist bei Borderline-Patienten kleiner und zusätzlich übererregbar.
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Veränderungen im Limbischen System
Neuronale Veränderungen im limbischen System, insbesondere in der Amygdala und im Hippocampus, werden mit der BPS in Verbindung gebracht. Das limbische System spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation von Emotionen.
- Amygdala: Studien haben gezeigt, dass die Amygdala bei Borderline-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen um 16 % verkleinert sein kann (Driessen et al., 2000). Eine andere Studie zeigte, dass die Amygdala um 8 % verkleinert war (Driessen et al., 2000). Zudem ist die Amygdala übererregbar, was zu einer erhöhten Reaktivität auf Stress und negative Emotionen führt.
- Hippocampus: Veränderungen im Hippocampus, einem wichtigen Zentrum für Gedächtnis und Lernen, wurden ebenfalls festgestellt.
- Funktionelle Konnektivität: Die Konnektivität zwischen dem limbischen System und dem Kortex ist bei BPS-Patienten verändert. Informationen aus dem limbischen System werden nicht ausreichend in den Kortex zurückgesandt, was die Emotionsregulation beeinträchtigt.
Hypometabolismus Inhibitorischer Strukturen
Frühe bildgebende Verfahren zeigten einen zeitlich stabilen Hypometabolismus inhibitorischer Strukturen. Dies bedeutet, dass die Aktivität in bestimmten Hirnbereichen, die normalerweise die Emotionen kontrollieren, reduziert ist. Dadurch können emotionale Stimuli immer wieder unterbrochen werden.
Funktionelle Unterschiede im Gehirn von Borderline-Patienten
Mit dem Aufkommen neuer bildgebender Verfahren vor etwa zwei Jahrzehnten begann man, die funktionellen Unterschiede im Gehirn von Borderline-Patienten genauer zu untersuchen.
Aktivitätsmuster bei sozialer Interaktion
Studien haben gezeigt, dass bei Borderline-Patienten die Kopplung der Gehirne bei sozialer Interaktion geringer ist als bei gesunden Kontrollpersonen. Dies könnte eine der neuronalen Grundlagen für das gestörte Verhältnis von Borderlinern zu anderen Menschen sein.
Verarbeitung Visueller Reize
Eine Forschergruppe an der Universität Heidelberg untersuchte mit dem EEG die Hirnströme von Borderline-Patientinnen, während sie visuelle Reize verarbeiteten. Den Probanden wurden Gesichter auf einem Computerbildschirm gezeigt, die Freude oder Ärger oder beides zeigten.
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- Negative Erwartungen: Borderline-Patienten nahmen weitaus häufiger als gesunde Probanden Ärger in den Gesichtern wahr. Selbst bei einem eindeutigen Lächeln drückten zehn Prozent der Borderliner den "ärgerlich"-Knopf.
- Frühe Verarbeitung: Das EEG schlug besonders hoch aus nach 100 Millisekunden, also in der frühen Verarbeitung. Allein der visuelle Reiz versetzt Borderliner offenbar schon in Alarmbereitschaft.
- Blockierte Verarbeitung: Die Vermutung ist, dass durch diese erste erhöhte Aktivierung in den visuellen Arealen die weitere Verarbeitung blockiert wird oder schlechter möglich ist.
Schmerzverarbeitung
Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung empfinden Schmerzen weniger stark als gesunde Menschen. Dies liegt daran, dass bei Patientinnen mit Borderline-Störung die Entstehung von Schmerzempfindungen vom Gehirn aktiv unterdrückt wird.
Einfluss von Traumata auf das Gehirn
Viele Borderline-Patienten berichten davon, dass sie in ihrer Kindheit Vernachlässigung oder Gewalt erlebt haben. Schätzungsweise 65 Prozent wurden sexuell missbraucht. Diese Erfahrungen können tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns haben.
- Verkleinerte Hirnareale: Bildgebende Verfahren zeigten, dass vor allem die Areale des Gehirns, die für die Regulation von Emotionen verantwortlich sind, bei Borderline-Patienten deutlich verkleinert sind. Dazu gehören die Amygdala und der Hippocampus.
Therapie und Veränderungen im Gehirn
Studien mit ehemaligen Patienten zeigen, dass Therapie die grundlegenden Hirnfunktionen verbessern kann, die sich nicht bewusst kontrollieren lassen. Die Überempfindlichkeit gegenüber möglichen Bedrohungen scheint nachzulassen, und auch die spätere visuelle Verarbeitung hat sich verbessert.
Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT)
"Mentalisierung" bezieht sich dabei auf die Fähigkeit, zu erkennen, wie Wünsche, Vorstellungen und Gedanken zu Verhalten führen. Am Ende versteht der Borderliner sich und andere besser.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ist die am häufigsten angewandte Therapieform zur Behandlung der Borderline. Die Therapie wurde speziell für die Bedürfnisse von Borderline-Patienten entwickelt und zielt darauf ab, emotionale Instabilität zu reduzieren, impulsives Verhalten zu kontrollieren und das Selbstbild zu stabilisieren.
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Borderline und andere Persönlichkeitsstörungen
Viele Symptome von Borderline finden sich auch bei anderen Persönlichkeitsstörungen. Häufig ist es daher schwierig, die verschiedenen Störungen voneinander abzugrenzen. Hinzu kommt, dass viele Borderliner zusätzlich an Depressionen leiden, an Angststörungen oder Drogenabhängigkeit.
Borderline und Narzissmus
Borderline und Narzissmus weisen einige Gemeinsamkeiten, aber auch klare Unterschiede auf. Eine gezielte und umfassende Diagnose der Krankheitsbilder ist äußerst wichtig, um den richtigen Therapieansatz zu wählen.
- Gemeinsamkeiten: Beide Störungen sind durch emotionale Dysregulation gekennzeichnet.
- Unterschiede: Bei Borderline-Betroffenen steht häufig eine tiefe Angst vor dem Verlassenwerden im Mittelpunkt, während Menschen mit Narzissmus ein überhöhtes Selbstbild haben und nach Bewunderung streben.
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