Migräne ist mehr als nur ein einfacher Kopfschmerz; es ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Die Forschung zu den Ursachen und Auslösern von Migräne ist intensiv, und die Ernährung spielt dabei eine wichtige Rolle. Dieser Artikel beleuchtet die umstrittene Bedeutung der Ernährung bei Migräne, identifiziert potenzielle Auslöser wie Wurst und gibt einen Überblick über aktuelle Ernährungsempfehlungen.
Die Rolle der Ernährung bei Migräne
Die Bedeutung der Ernährung in der Entstehung und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzerkrankungen ist umstritten. Nach derzeitigem Wissensstand lassen sich jedoch keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten begründen. Die aktuelle Studienlage hat eine Reihe von möglichen Mechanismen identifiziert, die die kopfschmerzauslösende Wirkung der Ernährung erklären könnten. Diese beziehen sich insbesondere auf die Auswirkung bestimmter Nahrungsbestandteile und Substanzen, auf Neuropeptide, Ionenkanäle und Rezeptoren sowie der Freisetzung von Stickstoffmonoxid, der Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Gefäßerweiterungen und Veränderungen im zerebralen Glukosestoffwechsel. Der direkte Einfluss von Nahrungskomponenten lässt sich jedoch nur schwer abgrenzen.
Häufige Ernährungsauslöser für Migräne
Viele Migränepatienten berichten, dass bestimmte Lebensmittel oder Getränke Migräneattacken auslösen können. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Auslöser individuell variieren. Zu den häufigsten gehören:
- Alkohol: Insbesondere Rotwein wird oft als Migräneauslöser genannt. Der Gehalt an Flavonoiden (z.B. Anthocyanine, Catechine) in Rot- und Weißweinen variiert stark. Rotweine enthalten bis zu 1200 mg/l, während Weißweine meist nicht mehr als 50 mg/l enthalten. Es wird angenommen, dass die Flavonoide im Rotwein möglicherweise die Thrombozyten-Phenolsulphotransferase P und in geringerem Maß die Thrombozyten-Phenolsulphotransferase M hemmen und direkten Einfluss auf die Blutgefäße haben. Alkoholbedingter Kopfschmerz ist typischerweise beidseitig lokalisiert, pulsierend, löst sich innerhalb von 72 Stunden spontan und wird durch körperliche Aktivität verstärkt.
- Koffein: Koffein kann sowohl ein Auslöser als auch ein Hilfsmittel bei Migräne sein. Während Koffein-haltige Medikamente bei der Behandlung von Migräneattacken eingesetzt werden, kann eine unregelmäßige Koffeinzufuhr oder ein plötzlicher Entzug Kopfschmerzen verursachen.
- Schokolade: Obwohl Schokolade oft als Auslöser genannt wird, ist die genaue Ursache hierfür noch nicht abschließend geklärt. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass nicht die Schokolade Kopfschmerzen auslöst.
- Histamin und Tyramin: Diese Neurotransmitter sind in einer Vielzahl von Lebensmitteln enthalten und können bei empfindlichen Personen Migräne auslösen. Zu den histaminreichen Lebensmitteln gehören gereifter Käse, Wurst, Wein und sauer eingelegtes Gemüse.
Wurst als möglicher Migräneauslöser
Insbesondere Wurst gilt als Migräneauslöser. Das rührt daher, dass verarbeitetes Fleisch häufig einen hohen Gehalt an Nitrat als Konservierungsmittel enthält. Nitrate und Nitrite kommen als Konservierungsmittel vor allem in verarbeiteten Fleischwaren wie Speck, Salami, Wurst oder Schinken sowie Fertigprodukten und geräuchertem Fisch zum Einsatz. Stickstoffmonoxid (NO) ist ein ubiquitäres Molekül. Es wird aus L-Arginin gebildet und zu Nitraten sowie Nitriten abgebaut. Die sogenannten NO-Donatoren (z.B. Nitrate und Nitrite) können bei empfindlichen Personen Migräne auslösen. Es handelt sich dabei um einen vaskulär vermittelten Schmerz. Eine Reihe von Studien belegen die Bedeutung von NO in der Pathogenese primärer Kopfschmerzerkrankungen wie der Migräne [Tho 2001]. Inzwischen ist bekannt, dass alimentäre Nitrite und Nitrate an der Regulation der Stickoxid-Hämostase beteiligt sind [Bry 2008].
Ein Team um Professor Dr. hatte eine neue Theorie, warum der Verzehr Nitrat-haltiger Lebensmittel bei einigen Migränepatienten Kopfschmerzattacken auslöst: Es könnte an der Zusammensetzung der Mundflora liegen. In einer Mikrobiomanalyse Nitrate sind beispielsweise in Wurstwaren, Rote Beete, Kohlrabi und grünem Blattgemüse wie Spinat enthalten. Nach Verzehr dieser Lebensmittel bekommen manche Menschen, insbesondere Migränepatienten, Kopfschmerzen. In der Mundhöhle leben Bakterien, die Nitrate aus der Nahrung zu Nitrit reduzieren. Der Mensch selbst verfügt nicht über ein entsprechendes Enzym. Im Blutkreislauf kann Nitrit dann in das gefäßerweiternde Stickstoffmonoxid (NO) umgewandelt werden. Eine starke Weitung der Adern im Gehirn gilt als wahrscheinlicher Auslöser plötzlicher Migräneattacken.
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Weitere mögliche Auslöser
- Glutamat: Der Geschmacksverstärker Glutamat, der in zahlreichen Fertigprodukten, Fertigsaucen und -dressings sowie Gewürzsalzen und Konserven zum Einsatz kommt, gilt als möglicher Auslöser für Kopfschmerzen.
- Aspartam: Dieser künstliche Süßstoff, der vor allem in Light- und Diätprodukten enthalten ist, kann bei manchen Menschen Kopfschmerzen auslösen.
Ernährungsempfehlungen und Diäten bei Migräne
Obwohl es keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten gibt, können bestimmte Ernährungsansätze helfen, die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren:
- Ernährungstagebuch: Das Führen eines Ernährungstagebuchs kann helfen, individuelle Auslöser zu identifizieren. Indem Sie genau festhalten, was Sie essen und trinken und dies mit dem Auftreten von Migräneanfällen korrelieren, können Sie Muster erkennen und spezifische Lebensmittel oder Getränke identifizieren, die bei Ihnen Probleme verursachen könnten.
- Eliminationsdiät: Nach der Identifizierung möglicher Trigger durch das Ernährungstagebuch kann eine Eliminationsdiät helfen, diese zu bestätigen. Dabei werden die verdächtigen Lebensmittel für einen bestimmten Zeitraum (z.B. einige Wochen) aus der Ernährung gestrichen. Wenn die Migränesymptome in dieser Zeit abnehmen, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass diese Lebensmittel Trigger sind.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Migräne-Attacken können durch Fastenperioden ausgelöst oder auch verstärkt werden. Regelmäßige Mahlzeiten helfen, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und Migräne vorzubeugen.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Dehydrierung kann ein Auslöser für Migräne sein. Daher ist es entscheidend, regelmäßig und ausreichend zu trinken, insbesondere bei heißem Wetter oder nach intensiver körperlicher Betätigung.
- Ketogene Diät (KD): Klinische Daten weisen darauf hin, dass die fettreiche und extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsform sich in vielerlei Hinsicht positiv auf das Krankheitsgeschehen der Migräne auswirkt [Bar 2017, Pao 2013, Jeo 2011, Goa 2002]. Nach dem ersten Monat konnte neben einer Gewichtsreduktion eine deutliche Verringerung der Kopfschmerzhäufigkeit und der Medikamenteneinnahme festgestellt werden.
- Oligoantigene Diät: Die oligoantigene Diät hat sich in einigen Studien als hilfreicher Behandlungsansatz in der Therapie von Migräne, ADHS und Epilepsie erwiesen [Egg 1983, Egg 1985, Egg 1989]. In einer doppelblinden Untersuchung konnte durch die Ernährungsumstellung bei 93 % der untersuchten Kinder eine Kopfschmerzreduktion erzielt werden.
Mikronährstoffe und Migräne
Studien haben gezeigt, dass Migränepatienten verminderte Konzentrationen der Mikronährstoffe Riboflavin (Vitamin B2), Magnesium und Coenzym Q10 aufweisen [Her2007, Mau1998]. Die Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung in den Mitochondrien und sind an zahlreichen physiologischen Prozessen beteiligt, die das Krankheitsgeschehen der Migräne beeinflussen. Menschen, die an Migräne leiden nehmen im Vergleich zu Nicht-Migränikern weniger Folat über die Nahrung auf [Sad 2016]. Zudem zeigen Studien, dass Migränepatienten (v.a. Erhöhte Homocysteinspiegel infolge folatarmer Ernährung können zu Gefäßverengungen sowie zur Aktivierung der Blutgerinnung und damit einem erhöhten Thromboserisiko führen und bei Personen mit bestimmten Genotypen des MTHFR-Gens Kopfschmerzen hervorrufen. Studien zeigen, dass eine Supplementierung von 25 mg Vitamin B6 und 400 μg Vitamin B12 sowie 2 mg Folsäure die Schwere der Kopfschmerzen bei Personen mit Migräne mit Aura deutlich verringern kann. Die beobachteten Effekte waren am stärksten ausgeprägt bei Personen mit bestimmten Mutationen im MTHFR-Gen [Men 2012, Lea 2009].
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