Die Neuroborreliose ist eine Form der Lyme-Borreliose, die auftritt, wenn sich Borrelien-Bakterien im Körper ausbreiten und das Gehirn oder die Nervenbahnen befallen. Die Krankheit wird durch Zeckenstiche übertragen und kann, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird, schwerwiegende neurologische Symptome verursachen. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um Spätfolgen zu vermeiden. Die Untersuchung des Nervenwassers, auch Liquor genannt, spielt dabei eine zentrale Rolle.
Borreliose und ihre Auswirkungen auf das Nervensystem
Zecken sind ab etwa 7 Grad Celsius aktiv. Durch einen Zeckenstich können Borreliose-Bakterien in den Körper gelangen und dort Nerven und Gehirn angreifen und eine Entzündung auslösen. Die Lyme-Borreliose wird durch verschiedene Spezies von Bakterien des Genus Borrelia verursacht, die zum sogenannten Borrelia burgdorferi sensu lato (Bbsl) Komplex gehören. Sechs der mehr als 20 beschriebenen Spezies des Bbsl-Komplexes sind gesichert humanpathogen: Borrelia (B.) afzelii, B. garinii, B. bavariensis, B. burgdorferi sensu stricto, B. mayonii und B. spielmanii.
Noch Monate nach einer Infektion kann es zu weiteren Folgen einer Borreliose kommen, auch ohne die beschriebenen Frühsymptome. Betroffen sind dann mitunter Gelenke, das Herz sowie Gehirn und Rückenmark. Eine Neuro-Borreliose erkennt man vor allem an einer Hirnhautentzündung, die sich durch starke Kopfschmerzen und plötzliche Gesichtslähmungen zeigt. Die Entzündungen führen zu Schmerzen, die in Becken und Beine ausstrahlen und nachts am stärksten sind. In seltenen Fällen kommt es mitunter Jahre später zu einer Entzündung des Gehirns und Rückenmarks. Diese verursacht dann oft eine Gangstörung und Blasenstörung.
Symptome der Neuroborreliose
Viele Zeckenstiche bleiben unbemerkt oder sind längst in Vergessenheit geraten, wenn Patienten nach vier bis sechs Wochen über starke, oft in der Nacht auftretende Schmerzen klagen. Wenn Schmerzmittel hier nicht helfen, ist das ein erster Hinweis für Mediziner, dass eine Neuroborreliose vorliegen könnte. Häufig ist auch der Gesichtsnerv betroffen. Dann kommt es zu einer einseitigen Gesichtslähmung, der sogenannten Fazialisparese. Manchmal treten auch Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit auf. Beides deutet auf eine Hirnhautentzündung hin.
Die allermeisten (vermutlich über 98%) der neurologischen Fälle manifestieren sich als frühe Neuroborreliose. Hier tritt die Symptomatik wenige Wochen bis einige Monate nach dem Zeckenstich auf. Sie äußert sich als meist nachts betonte, brennend schmerzhafte Meningoradikulitis einzelner Rückenmarksnerven (spinaler Nerven). Diese stehen häufig in Verbindung mit einer ein- oder beidseitigen Gesichtslähmung (Fazialisparese) (Garin-Bujadoux-Bannwarth-Syndrom). Die Schmerzen strahlen in das Versorgungsgebiet des jeweiligen Nervs aus (radikuläre Schmerzen). Eine späte Neuroborreliose zeigt sich in sehr seltenen Fällen. Die neurologische Symptomatik entwickelt sich schleichend über Monate bis Jahre.
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Diagnose der Neuroborreliose: Die Rolle der Nervenwasseruntersuchung
Die Lyme-Borreliose ist primär eine klinische Verdachtsdiagnose, die durch die Ergebnisse der Labordiagnostik gestützt wird. Abgesehen vom typischen Erythema migrans, welches rein klinisch diagnostiziert wird, ist bei Verdacht auf Lyme-Borreliose der Nachweis borrelienspezifischer Antikörper im Serum ggf. auch im Liquor ein entscheidender Baustein für die Diagnosefindung.
Der Arzt führt im ersten Schritt zumeist einen Antikörpertest durch. Zu bedenken ist allerdings, dass der Nachweis von Antikörpern noch kein Hinweis auf eine akute Erkrankung sein muss. Er bedeutet nur, dass das Immunsystem schon einmal Kontakt zu den Bakterien hatte. In Deutschland ist dies bei fünf bis 20 Prozent der gesunden Bevölkerung der Fall. Der Test fällt auch dann positiv aus, wenn ein Patient die Infektion schon lange überstanden hat. Als Grundlage für eine Therapieentscheidung sei ein positiver Antikörpertest deshalb nicht ausreichend, erklären die Neurologen PD Dr. Rick Dersch und Prof. Dr. Sebastian Rauer.
Um die Diagnose abzusichern, sollte bei einem positiven Testergebnis deshalb eine Lumbalpunktion folgen: Mit einer dünnen Nadel wird Nervenwasser, der sogenannte Liquor, aus der Umgebung des Rückenmarks entnommen und im Labor untersucht. Der Nachweis von Erregern könnte die Diagnose Neuroborreliose sichern. Das Verfahren ist jedoch unsicher. Deshalb konzentrieren sich Mediziner auf indirekte Hinweise wie einen Anstieg der Entzündungszellen und die Eiweißmenge im Liquor. Sie machen eine Erkrankung wahrscheinlich.
Für die Diagnose einer Neuroborreliose ist der Nachweis intrathekal (im Nervenwasser) gebildeter Antikörper gegen Borrelien in Liquor/Serum-Paaren vom gleichen Tag erforderlich. Die Bestimmung des Liquor/Serum-Index ermöglicht den Nachweis der borrelienspezifischen intrathekalen Antikörperbildung (= positiver borrelienspezifischer Antikörperindex [AI]). Letzterer ist 6 bis 8 Wochen nach Erkrankungsbeginn bei der weitaus überwiegenden Anzahl der Patienten nachweisbar. Typischerweise sind auch entzündliche Veränderungen des Nervenwassers (u.a.
In unklaren Fällen können die Ärzte das Protein CXCL13 im Liquor bestimmen lassen. Es ist bei einer Neuroborreliose fast immer erhöht, berichten die Autoren. Ist dies nicht der Fall, liege meist eine andere Erkrankung vor. Nach einem positiven Liquor-Ergebnis sind keine weiteren Tests erforderlich.
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Die Liquoruntersuchung im Detail
Bei Verdacht auf Neuroborreliose ist eine Liquoruntersuchung unerlässlich und sehr zuverlässig (serologische Untersuchung von am selben Tag gewonnenem Serum und Liquor zur Berechnung des borrelienspezifischen Liquor-Serum-Antikörper-Index). Bei der frühen und späten Neuroborreliose finden sich regelhaft typische Liquorveränderungen: lymphozytäre Pleozytose mit Plasmazellen und aktivierten Lymphozyten, Schrankenstörung und intrathekale Immunglobulinproduktion. Der Nachweis einer borrelienspezifischen intrathekalen Antikörpersynthese ist, abhängig von der Erkrankungsdauer, in 70 Prozent bis nahe 100 Prozent der Fälle nachweisbar und sichert die Diagnose. Bei der frühen Neuroborreliose kann nach aktueller Studienlage der Nachweis des B-Zellen anziehenden Chemokins CXCL13 sowohl für die Diagnose wie auch Therapiekontrolle herangezogen werden.
Neben dem Antikörpernachweis im Blut kann ein Test auf Antikörper im Nervenwasser erfolgen. Dieser bietet sich an, wenn das Rückenmark oder das Gehirn von der Infektionskrankheit betroffen sind (Neuroborreliose). Besteht der Verdacht auf eine Neuroborreliose, entnimmt der Arzt dem Betroffenen mithilfe einer Liquorpunktion Nervenwasser.
CXCL13-Messung
Seit einigen Jahren unterstützt man in Einzelfällen die Neuroborreliose-Diagnose mit der Messung des CXCL13-Spiegels im Nervenwasser. Das CXCL13 zählt zu den sogenannten Chemokinen. Das sind kleine Eiweiße, die als Reaktion auf eine Infektion oder Verletzung ausgeschüttet werden und an der Steuerung einzelner Abwehrzellen des Immunsystems beteiligt sind. Bei fast allen Patienten mit akuter Neuroborreliose steigt der CXCL13-Spiegel im Nervenwasser deutlich an - noch bevor der Körper spezifische Antikörper gegen den Borreliose-Erreger gebildet hat. Und er fällt in der Regel mit Beginn einer antibiotischen Behandlung. Allerdings erhöht sich der CXCL13-Spiegel auch bei anderen Erkrankungen. Zudem gibt es noch kein standardisiertes Verfahren für die Bestimmung dieses Proteins im Liquor. Deshalb ist die CXCL13-Messung im Nervenwasser nur empfohlen, wenn jemand Symptome einer frühen Neuroborreliose zeigt, aber die Anzahl der weißen Blutkörperchen (noch) unauffällig ist und/oder sich (noch) keine Borrelien-Antikörper nachweisen lassen.
Behandlung der Neuroborreliose
Nach einem positiven Liquor-Ergebnis sind keine weiteren Tests erforderlich. Die Behandlung mit Antibiotika kann beginnen. Penicillin oder Cephalosporine als Infusion oder Doxycyclin als Tabletten erzielen laut Dersch und Rauer in der Regel eine gute Wirkung. „Bei einer Behandlung mit Doxycyclin ist es wichtig, die Patienten darüber zu informieren, dass der Verzehr von Milchprodukten, die gleichzeitige Einnahme von Magnesium oder Medikamenten zur Neutralisierung der Magensäure die Wirksamkeit des Antibiotikums einschränkt“, merken die Neurologen an.
Die Neuroborreliose wird (wie die normale Borreliose) mit Antibiotika behandelt. Zur Verfügung stehen folgende Antibiotika:
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- Doxycyclin (als Tablette)
- Ceftriaxon (als Infusion)
- Cefotaxim (als Infusion)
- Penicillin G (als Infusion)
Welches Antibiotikum der Arzt im Einzelfall für die Neuroborreliose-Therapie auswählt, hängt von den individuellen Gegebenheiten ab. Eine Rolle spielt unter anderem, wie alt der Patient ist, ob er bekanntermaßen allergisch auf eines der Antibiotika reagiert oder ob eine Schwangerschaft vorliegt. So dürfen beispielsweise schwangere Frauen und Kinder unter neun Jahren nicht mit Doxycyclin behandelt werden.
Die empfohlene Therapiedauer bewegt sich in Abhängigkeit von Art, Dauer und Schwere der Manifestation sowie eingesetztem Antibiotikum zwischen 10 und 30 Tagen.
Schwierigkeiten im Spätstadium
Schwieriger ist die Situation im Spätstadium, das heißt, wenn mehrere Monate seit dem Zeckenstich vergangen sind. Zu den Schmerzen können dann Nervenschäden hinzugekommen sein. Dies kann zu einer auffälligen („spastisch-ataktischen“) Gangstörung oder zu Problemen beim Wasserlassen führen. Auch ein Taubheitsgefühl auf der Haut gehört zu den Spätschäden, die sich nach einer Antibiotika-Behandlung nicht immer zurückbilden. Eine längere Antibiotika-Gabe ist aus Sicht der Experten in der Regel nicht sinnvoll. In vorliegenden Studien seien keine Hinweise auf ein Versagen der Medikamente gefunden worden, erklären die Neurologen. Falls die Patienten weiterhin Beschwerden haben, könnte dies Folge der Gewebezerstörung durch die Bakterien sein.
Post-Lyme-Disease-Syndrom
Bestehen nach einer behandelten Neuroborreliose auch Monate und Jahre Beschwerden, sprechen Ärzte von einem "Post-Lyme-Disease-Syndrome" oder "Post Treatment Lyme Disease Syndrome" (PTLDS), manchmal auch "(Post-)Lyme-Enzephalopathie" oder unspezifisch "Chronische Lyme-Borreliose". Dabei werden unspezifische chronische Beschwerden wie anhaltende Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche in Verbindung mit einer früheren Borreliose-Infektion gebracht - ohne dass sich ein entzündlich-infektiöser Prozess labordiagnostisch nachweisen lässt. Deshalb sollte man hier zuerst an andere Krankheitsbilder denken wie zum Beispiel an eine andere chronische Infektion, eine Autoimmunerkrankung oder eine Depression. Eine Antibiotika-Therapie ist bei einem Post-Borreliose-Syndrom nicht sinnvoll.
Prävention und Schutz vor Zeckenstichen
Da es keine Impfung gegen Borreliose gibt, ist der beste Schutz, das Risiko zu minimieren, gestochen zu werden bzw. die Zecke über mehrere Stunden auf der Haut zu tragen. Bei Aufenthalt im Grünen und vor allem im hohen Gras oder im Wald sollte man die Hosen in die Strümpfe stecken, Kopfbedeckung und möglichst helle Kleidung tragen. Anschließend die Kleidung und den gesamten nackten Körper absuchen. Bei Kindern vor allem den Kopf-, Nacken- und Schulterbereich absuchen. Die jugendlichen Zecken, die zu 80 Prozent an Menschen gefunden werden, sind so klein wie ein Mohnsamen und können besser ertastet als gesehen werden.
Die Gefahr, Zecken zu akquirieren, besteht bei Freilandaufenthalten mit Kontakt zu bodennahen Pflanzen (Gras, Kraut, Strauchwerk). Kleidung, die möglichst viel Körperoberfläche bedeckt (z.B. Abwehrmittel (Repellents) für die Haut (z.B. Icaridin oder Diethyltoluamid [DEET]) wirken in gewissem Umfang auch gegen Zecken. Zur Wirksamkeit, Anwendung oder Wirkdauer sind die Herstellerangaben zu beachten. Schuhwerk oder Kleidung können auch behandelt werden oder vorbehandelte Kleidung und Ausrüstung verwendet werden.
Erste Hilfe bei Zeckenbiss
Wenn Sie einen Zeckenbiss bemerken, sollten Sie sofort handeln! Je schneller Sie die Zecke entfernen, desto geringer ist das Risiko einer Borreliose.
Folgendes ist zu beachten:
- Zecke mit einer Pinzette, Zeckenkarte oder -zange greifen und dicht an der Haut (am Zeckenkopf) langsam herausziehen! Nicht mit den Fingern ziehen!
- Zecke beim Herausziehen nicht drehen oder am Körper anfassen! Wenn Sie diesen zerquetschen, können Speichel und Darminhalt der Zecke leicht in die Wunde gepresst werden und Sie werden möglicherweise mit Krankheitserregern infiziert.
- Nutzen Sie keine Hausmittel wie Kleber, Nagellackentferner, Alkohol oder Öl und versuchen Sie keinesfalls die Zecke zu verbrennen! Als Reaktion könnte sie ihren Speichel oder Darminhalt in die Wunde entleeren. Sie erhöhen damit das Infektionsrisiko.
- Reinigen und desinfizieren Sie Ihre Wunde, sobald die Zecke entfernt ist! Verbliebene Reste der Zecke sollte ein Arzt entfernen.
- Achten Sie in den Wochen nach dem Zeckenstich auf Veränderungen an der Stichstelle und beobachten Sie, ob grippeähnliche Symptome auftreten.
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