Vitamin-D-Mangel, Multiple Sklerose und Studien in Brasilien: Ein umfassender Überblick

Vitamin D spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit, insbesondere im Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose (MS). In diesem Artikel werden wir die Bedeutung von Vitamin D, seine Auswirkungen auf MS, die Forschung in Brasilien und das Coimbra-Protokoll als vielversprechende Therapieoption untersuchen.

Die Bedeutung von Vitamin D für die Gesundheit

Vitamin D ist für unsere Gesundheit von enormer Bedeutung und erfüllt zahlreiche wichtige Funktionen im Körper. In seiner physiologisch aktiven Form fördert es unter anderem die Resorption von Kalzium und Phosphat aus dem Darm ins Blut und deren Einbau in den Knochen. Es spielt auch eine wesentliche Rolle im Immunsystem und steht im Zusammenhang mit einer gesunden Psyche.

Ein Vitamin-D-Mangel kann daher viele verschiedene Symptome hervorrufen, wie zum Beispiel Schmerzen. Bei Kindern und Jugendlichen führt ein Mangel zu Rachitis, bei Erwachsenen zu Osteomalazie. Es wird angenommen, dass viele Erkrankungen entstehen, die mit einem ausreichend hohen Vitamin-D-Spiegel hätten vermieden werden können.

Vitamin D als Hormonvorstufe

Vitamin D wird seit seiner Entdeckung in den 1920er bis 1930er Jahren fälschlicherweise als Vitamin bezeichnet. Tatsächlich ist es jedoch eine wichtige Hormon-Vorstufe, welche den Aufbau vieler anderer Hormone steuert. Vitamin D ist unabdingbar für einen soliden Knochenaufbau, es steuert die Aufnahme von Kalzium und fördert dessen Einbau in die Knochensubstanz und die Zähne.

Vitamin D existiert als Cholecalciferol (biologisch inaktive Form, die in Verbindung mit Sonnenlicht in unserer Haut gebildet wird) und als Calcitriol (biologisch aktive Form, die in Leber und Niere aus der inaktiven Form enzymatisch umgewandelt wird). Jüngere Untersuchungen haben nachgewiesen, dass viele Organe wie z.B. das Gehirn, die Haut und das Immunsystem in der Lage sind, bei Bedarf ihr eigenes aktives Vitamin D zu bilden. Doch der Vitamin D Kreislauf ist sehr komplex und wird durch verschiedene Faktoren geregelt. Selbst führende Forscher meinen, dass bisher nur ein Bruchteil der Wirkungsweise von Vitamin D bekannt ist.

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Vitamin-D-Produktion und -Mangel

Wieviel Vitamin D3 tatsächlich unter Sonneneinstrahlung produziert wird, hängt von vielen Faktoren ab. Die Vitamin-D-Bildung über die Sonne ist in unseren Breitengraden nur von April bis August und zur Mittagszeit möglich. Hauttyp und Alter der Haut spielen eine Rolle bei der Produktion. Im Alter nimmt die Fähigkeit zur Vitamin-D-Produktion ab. Über die Wintermonate hinweg bildet sich bei vielen Menschen ein Vitamin-D-Mangel aus, der unter anderem zu einem schlechter arbeitenden Immunsystem führt. Dies kann sich in häufiger auftretenden Infektionen spiegeln.

Weltweit sollen laut Statistiken über 1 Milliarde Menschen an Vitamin-D-Mangel leiden. Viele weisen eine mangelhafte Vitamin-D-Versorgung auf.

Maßnahmen zur Anhebung des Vitamin-D-Spiegels

Um die Vitamin-D-Produktion anzukurbeln, muss das Wetter gut und die Haut möglichst unbedeckt sein. Man sollte sich jeweils 10 Minuten in Bauch- und Rückenlage der Sonne aussetzen. Sonnenschutz darf während dieser Zeit nicht verwendet werden. Mit diesen Maßnahmen werden schätzungsweise ca. 800 I.E. produziert.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob ein zufriedenstellender Vitamin-D-Status erreichbar ist. So stellt unter anderem die Ärztin fest, dass nur jeder fünfte Patient einen Spiegel von über 30 ng/ml erreicht. Liegt ein starker Mangel vor, müsse ca. 6 Wochen lang täglich 5000-6000 I.E. eingenommen werden, um über 30 ng/ml zu gelangen.

Vitamin D und Autoimmunerkrankungen

Besonders interessant wird es, wenn wir uns dem Bereich der Autoimmunerkrankungen zuwenden. Das Coimbra-Protokoll ist eine Vitamin-D-Hochdosistherapie bei Autoimmunerkrankungen (z.B. Multiple Sklerose, Psoriasis, Myositis), die bereits große Erfolge erzielen konnte.

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Multiple Sklerose und Vitamin D

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Myelinscheiden der Nervenfasern angegriffen werden. Dies führt zu vielfältigen neurologischen Symptomen wie Müdigkeit, Muskelschwäche, Koordinationsstörungen und Sehstörungen.

Es ist inzwischen unbestritten, dass Vitamin D immunmodulatorische Effekte hat und ein Mangel an dem Vitamin zu den MS-Risikofaktoren gehört. Dies veranlasste Dr. Coimbra, einem Arzt aus Brasilien, den Namensgeber des Coimbraprotokolls, hohe Dosen Vitamin-D als Therapie einzusetzen.

Studienlage zu Vitamin D und MS

Kritiker des Coimbraprotokolls bemängeln die unzureichende Studienlage. In der Tat fehlt es an Studien, die lange andauern, genügend Fallzahlen einbeziehen und entsprechend den Richtlinien als randomisierte Studie ausgelegt sind. Dahinter stecken überwiegend praktische Schwierigkeiten. Die Behandlung basiert auf eine individuelle Einstellung gemäß vorab bestimmter Werte. Das heißt, die in Studien geforderte Gleichbehandlung aller Patienten einer Gruppe ist nicht gewährleistet und nicht die „blinde Studie“, in der der Arzt nicht weiß, wer das Präparat erhält.

Eine Studie von 2012 untersucht die Vitamin-D-Supplementierung in Abhängigkeit von der Schub-Häufigkeit bei einem schubförmigen MS-Verlauf. Die Vitamin-D-Gabe wurde kontrolliert über die Bestimmung des Blutwertes für 25-OH-Vitmamin D. Das Ergebnis zeigte, das die Rezidivrate signifikant sank, wenn der 25-OH-Vitamin D Spiegel stieg. Im selben Jahr untersuchte eine finnische Arbeitsgruppe in einer placebokontrollierten, randomisierten Doppelblindstudie an 66 MS-Patienten den Einfluss von Vitamin-D-Supplementierung. Neben dem 25-OH-Vitamin-D-Spiegel und der Bestimmung des Parathormons als Marker für den Kalzium-Stoffwechsel wurden MRT Untersuchungen sowie Funktionstests zur Einschätzung der Mobilität (Gehtests) durchgeführt. Durch den Anstieg des Vitamin-D-Spiegels konnte eine verringerte Krankheitsaktivität in den MRT Befunden und den Mobilitätstests nachgewiesen werden. Keine Unterschiede zeigte sich hier in der jährlichen Schub-Rate.

Das Coimbra-Protokoll: Hochdosis-Vitamin-D-Therapie bei MS

Das Coimbra-Protokoll ist eine von dem brasilianischen Arzt Dr. Cicero G. Coimbra entwickelte Behandlungsmethode, bei der ultrahochdosiertes Vitamin D gegen Autoimmunerkrankungen eingesetzt wird. Der Behandlungsansatz stützt sich dabei auf die jahrzehntelange Erfahrung von mittlerweile über 140 zertifizierten Ärzten weltweit, die im Jahr 2020 über 30.000 Patienten mit individuell angepassten Vitamin-D-Dosierungen behandeln.

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Dr. Coimbra entwickelte die Theorie einer „individuellen Vitamin-D-Resistenz“, da die benötigten Tagesdosen für seine Patienten untereinander stark abwichen. Inzwischen ist nachgewiesen, dass es eine genetisch bedingte Verwertungsstörung von Vitamin D gibt. Um diese genetische Verwertungsstörung, die sich Einzelnukleotid Polymorphismus nennt, zu überwinden benötigen manche Menschen exorbitant hohe Tagesdosen an Vitamin D. Dadurch wird der Stoffwechsel von Vitamin D und die enzymatischen Stoffwechselvorgänge auf Zellebene wieder angeregt. Sobald ausreichend aktives Vitamin D (Calcitriol) in der Zelle ankommt, wird das Immunsystem wieder stabilisiert: Die Autoimmunreaktion wird gestoppt, während gleichzeitig die natürliche Immunabwehr gegen Krankheitserreger gestärkt wird.

Bestandteile des Coimbra-Protokolls

Die Behandlung nach dem Coimbra-Protokoll umfasst folgende Elemente:

  • Hochdosierte Vitamin-D-Gabe: Die Dosierung wird individuell angepasst und liegt oft deutlich über den empfohlenen Tagesdosen.
  • Calciumarme Ernährung: Eine Reduzierung der Calciumaufnahme ist notwendig, um einer Hypercalcämie (Überschuss an Calcium im Blut und Urin) vorzubeugen, die langfristig die Nieren schädigen kann.
  • Hohe Flüssigkeitszufuhr: Patienten müssen mindestens 2,5 Liter Wasser täglich trinken, um die Nierenfunktion zu unterstützen und einer Nierensteinbildung vorzubeugen.
  • Einnahme von Co-Faktoren: Um die enzymatische Umwandlung von Vitamin D in seine hormonell aktive Form sicher zu stellen, bedarf es weiterer Cofaktoren. Zur Reduzierung von Entzündungsprozessen, Stabilisierung einer normalen Immunfunktion und Optimierung des Zellstoffwechsels werden weitere Nahrungsergänzungsmittel im Rahmen des Coimbraprotokolls in therapeutisch wirksamen hohen Dosen (je nach Schwere der Erkrankung)) eingesetzt.
  • Stressmanagement: Die Verbesserung der Stressregulationsfähigkeit ist ein wichtiger Bestandteil des Protokolls, da Stress das Immunsystem negativ beeinflussen kann.

Ablauf der Behandlung

Vor Beginn der Therapie werden umfangreiche Untersuchungen angefordert, um eine gute „Grundgesundheit“ sicherzustellen, insbesondere im Bereich der Schilddrüse, Nebenschilddrüse und Nieren. Die Basisblutwerte dienen außerdem der späteren Anpassung der individuellen Vitamin D Dosis. Mit den Ergebnissen der Basisuntersuchungen findet der Ersttermin beim zertifizierten Protokollarzt statt. Häufig wird dieser praktische Teil der Aufklärung von geschulten Patientenbetreuern übernommen. Der Arzt legt dann nach einer ausführlichen Anamnese und Untersuchung anhand von Blutbild, Art und Ausprägung der Krankheit sowie individueller Parameter wie Gewicht / Alter etc. eine Startdosis Vitamin D fest. Diese Dosis kann meistens noch keinen Stillstand der Autoimmunerkrankung bewirken, ist aber eine sichere Dosis, um sich an die individuelle Vitamin-D-Dosis heranzutasten. Bei sehr aggressiven Verläufen, einem akuten Schub und/oder der Gefahr dauerhafter Schäden wie Erblindung oder anderer Behinderung wird unter Umständen mit einer sehr hohen Anfangsdosis gearbeitet. Im Normalfall benötigt man 4-6 Termine beim ausgebildeten Protokollarzt im Abstand von anfangs 3 Monaten, später alle 6 Monate und ab dem dritten Jahr sind nur noch jährliche Kontrolluntersuchungen notwendig.

Erfolge und Kritik

Mit hohen Dosen Vitamin D kann über die MS Erkrankung die Kontrolle gewonnen werden. Die dazu notwendige Dosis ist jedoch nicht bei allen Patienten identisch. Sie wird über Labortests ermittelt. Einen wichtigen Parameter stellt das Parathormon (PTH) dar, das in enger Beziehung zum Vitamin D Stoffwechsel steht. Mit einer deutlichen Erhöhung des Vitamin-D-Gehaltes sinkt der PTH-Spiegel. Da PTH als Marker der biologischen Funktion gilt, ist dessen Änderung aussagekräftiger als die alleinige Bestimmung des Vitamin D Metaboliten 25-OH-Vitamin D. Als Zielwert für eine optimale Vitamin-D-Dosis gilt ein PTH Wert nahe der unteren Grenze des Normalwertes.

Abhängig von der Erkrankung kann bereits nach 3 Monaten von ersten Verbesserungen berichtet werden. Das Coimbra-Protokoll ist jedoch eine langfristig angelegte Behandlung. Je nach Krankheitsbild und Erkrankungsdauer kann eine Symptomverbesserung bei 90% der Patienten erreicht werden.

Trotzdem stehen viele Mediziner und Wissenschaftler dem Coimbra Protokoll skeptisch gegenüber. Für die Pharmaindustrie ist MS als unheilbare Krankheit eine unerschöpfliche Geldquelle. Vitamin D ist dagegen preiswert und nicht zu patentieren. Viele Forscher sitzen inzwischen daran, Vitamin-D-Präparate ohne die Nebenwirkungen der hohen Dosen zu entwickeln, ungeachtet der Tatsache, dass diese sich durch gute Führung durch das Coimbra Protokoll verhindern lassen.

Erfahrungen von Patienten

Die Erfahrungen mit dem Coimbraprotokoll sind grundsätzlich sehr positiv. Wie auch bei einer Basistherapie mit Immunsuppressiva gibt es Menschen die gut damit fahren und bei denen es nur Bergauf geht und Menschen bei denen das Protokoll nicht sofort oder gar nicht zu wirken scheint. Die Gründe für diese unterschiedlichen Erfahrungen liegen in der MS und ihrem individuellen Verlauf sowie der in der Individualität einer jeden Person. So weit man das Beurteilen kann, scheinen MS-Patienten welche möglichst früh nach ihrer Diagnose mit dem Coimbraprotokoll beginnen und zum Teil noch keine immunsuppressiven Medikamente genommen haben davon zu profitieren. Das liegt vermeintlich in der immunmodulierenden Wirkung des Vitamin-D, welche sich diese Therapiemethode zu nutzen macht und welche so in Konkurrenz zu den Immunsuppressiva wirkt.

Risiken und Nebenwirkungen

Vitamin D kann zu einer Hypercalcämie führen und ist damit potenziell lebensbedrohlich. Die Behandlung sollte nur laborchemisch gesteuert und von einem Heilpraktiker oder Arzt überwacht erfolgen. Es ist ratsam, Vitamin D zu einer fettreichen Mahlzeit einzunehmen. Die zusätzliche Einnahme von Co-Faktoren ist wichtig.

Bei richtiger Anwendung und unter ärztlicher Überwachung sind keine Nebenwirkungen zu erwarten. Da der Hormonstoffwechsel jedoch wieder in die optimale Form korrigiert wird, kann es in der Anfangsphase zu leichten Symptomen und hormonellen Schwankungen kommen.

Die einzige potentielle Nebenwirkung ist bedingt durch eine veränderte Calciumaufnahme aus der Nahrung. Hohe Vitamin-D-Dosierungen führen dazu, dass das im Darm befindliche Calcium komplett ins Blut aufgenommen wird. Normalerweise wird die Aufnahme durch Rückkopplung hormoneller Regelkreisläufe begrenzt. Da diese jedoch beim Coimbraprotokoll außer Kraft gesetzt wird, besteht theoretisch die Gefahr einer Vitamin-D-Intoxikation (Hypercalcämie), durch die es je nach Schwere und Dauer des Zustandes zu Schäden an den Nieren kommen kann. Bei Einhaltung der genannten Maßnahmen, ist die Behandlung sicher und nebenwirkungsfrei. Seit Einführung der Therapie im Jahr 2002 sind keine Patienten dauerhaft zu Schaden gekommen.

Die Rolle von Ernährung und Lebensstil

Neben der hochdosierten Vitamin-D-Einnahme spielen auch Ernährung und Lebensstil eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS. Eine calciumarme Ernährung, eine hohe Flüssigkeitszufuhr, regelmäßige Bewegung und Stressmanagement sind wichtige Bestandteile des Coimbra-Protokolls.

Forschung in Brasilien

Dr. Cicero G. Coimbra, ein brasilianischer Arzt für Innere Medizin und Neurologie, hat umfangreiche Forschungsergebnisse zusammengeführt, die einen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und der Entstehung von Autoimmunerkrankungen in eine Verbindung bringen. Er entwickelte das Coimbra-Protokoll und konnte damit bereits viele Patienten erfolgreich therapieren.

Von 2012 - 2018 hat er über 140 Ärzte weltweit in der Behandlung des Coimbraprotokolls im Rahmen einer einwöchigen Hospitation in seiner Praxis in Saõ Paulo kostenlos geschult. Im deutschsprachigen Raum ist das Coimbraprotokoll durch die Initiative von Christina Kiening bekannt geworden. Sie profitiert als MS-Patientin selbst von der Behandlung und engagiert sich seit 2016 ehrenamtlich in der Verbreitung der Therapie.

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