Louann Brizendines "Das weibliche Gehirn": Eine kritische Auseinandersetzung

Louann Brizendines Buch "Das weibliche Gehirn. Warum Frauen anders sind als Männer" hat eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst. Während einige Leser die verständliche Aufbereitung komplexer neurowissenschaftlicher Erkenntnisse loben, sehen andere darin eine gefährliche Vereinfachung und die Verbreitung von Geschlechterklischees. Dieser Artikel beleuchtet die Kritikpunkte an Brizendines Werk und setzt sich kritisch mit ihren Thesen auseinander.

Inhaltliche Zusammenfassung und Thesen des Buches

Brizendine argumentiert, dass Frauen aufgrund hormoneller Einflüsse und unterschiedlicher Gehirnstrukturen die Welt anders wahrnehmen und sich anders verhalten als Männer. Sie beschreibt spezifische Unterschiede im Gehirn, die bereits im Mutterleib angelegt werden und sich im Laufe des Lebens durch hormonelle Veränderungen weiterentwickeln.

Die Autorin geht auf verschiedene Lebensphasen einer Frau ein, von der Kindheit über die Pubertät bis hin zu den Wechseljahren, und erklärt, wie Hormone wie Östrogen und Progesteron das Verhalten und die Emotionen beeinflussen. Sie behauptet beispielsweise, dass Mädchen aufgrund eines höheren Oxytocin-Spiegels sozialer und kommunikativer sind als Jungen und dass Frauen in den Wechseljahren aufgrund des sinkenden Östrogenspiegels weniger altruistisch und scheidungslustiger werden.

Kritikpunkte an Brizendines Thesen

Vereinfachung und Klischeehafte Darstellung

Einer der Hauptkritikpunkte an Brizendines Buch ist die starke Vereinfachung komplexer neurowissenschaftlicher Erkenntnisse. Kritiker werfen ihr vor, Geschlechterklischees zu reproduzieren und Frauen als "Hormonsklavinnen" darzustellen, deren Verhalten ausschließlich von ihren Hormonen bestimmt wird. Judith Luig bemängelt, dass Brizendine "eifrig" Geschlechterklischees festschreibt und "vage Vermutungen über neurobiologische Prozesse" anstellt.

Die Beispiele, die Brizendine in ihrem Buch anführt, werden ebenfalls kritisiert. Sie beschreibt Frauen als Wesen, deren Welt sich ausschließlich um Männer dreht - wie man sie gewinnt, wie man sie hält und warum sie einen lieben, auch wenn sie einem nicht zuhören. Diese Darstellung wird als realitätsfern und klischeehaft abgelehnt.

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Mangelnde wissenschaftliche Fundierung

Ein weiterer Kritikpunkt ist die mangelnde wissenschaftliche Fundierung einiger von Brizendines Thesen. Ihr wird vorgeworfen, Studien zu vereinfachen und zuzuspitzen und Behauptungen aufzustellen, die nicht ausreichend belegt sind. So wird beispielsweise ihre Aussage, dass Frauen 20.000 Wörter am Tag gebrauchen, Männer dagegen nur 7.000, als falsch widerlegt.

Birgit Schönberger kritisiert, dass Brizendine vor allem Untersuchungen an Ratten, Wühlmäusen und Rhesusaffen sowie Anekdoten von Freundinnen und Patientinnen als Belege anführt. Sie bemängelt das Fehlen einer klaren Position und die unkritische Propagierung von Hormonen als "Königsweg zum Glück" in den Wechseljahren.

Vernachlässigung sozialer und kultureller Einflüsse

Kritiker bemängeln, dass Brizendine soziale und kulturelle Einflüsse auf das Verhalten von Frauen weitgehend vernachlässigt. Sie konzentriert sich fast ausschließlich auf biologische Faktoren und lässt außer Acht, dass Geschlechterrollen und Verhaltensweisen auch stark von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen geprägt werden.

Nina Zschocke betont, dass das Gehirn ein äußerst flexibles und dynamisches Organ ist, das sich durch Erfahrungen und Handlungen verändern kann. Sie kritisiert, dass Brizendine diese Erkenntnisse ignoriert und stattdessen an der Festschreibung von Geschlechterklischees arbeitet.

Fragwürdige Schlussfolgerungen

Einige Kritiker stellen auch die Schlussfolgerungen in Frage, die Brizendine aus ihren Forschungsergebnissen zieht. Sie argumentieren, dass die Unterschiede im Gehirn von Männern und Frauen zwar messbar sind, aber nicht zwangsläufig zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen müssen.

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Petra Gehring bemängelt, dass Brizendine eine "grobstrickige" und "auf Provokation getrimmte" Thesen aufstellt und eine ordentliche Portion Geschlechterklischees präsentiert. Sie kritisiert die unseriöse Verarbeitung verhaltenspsychologischer Erkenntnisse und das Fehlen einer klaren Theorie.

Die Rolle der Hormone in den Wechseljahren: Ein differenzierter Blick

Brizendines Buch geht ausführlich auf die Rolle der Hormone in den Wechseljahren ein. Sie beschreibt, wie der sinkende Östrogenspiegel zu verschiedenen Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen führen kann. Sie propagiert die Hormontherapie als wirksame Behandlungsmethode und argumentiert, dass sie nicht nur die Symptome lindert, sondern auch vor Demenz und anderen altersbedingten Erkrankungen schützen kann.

Diese unkritische Haltung zur Hormontherapie wird von vielen Medizinern und Wissenschaftlern kritisiert. Sie weisen darauf hin, dass die Hormontherapie auch Risiken birgt, wie beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Herzinfarkt und Schlaganfall. Sie betonen, dass die Entscheidung für oder gegen eine Hormontherapie individuell getroffen werden sollte und dass die Vor- und Nachteile sorgfältig abgewogen werden müssen.

Selbstfürsorge und alternative Behandlungsansätze

Unabhängig von der Frage, ob eine Hormontherapie sinnvoll ist oder nicht, betonen viele Experten die Bedeutung von Selbstfürsorge und alternativen Behandlungsansätzen in den Wechseljahren. Dazu gehören beispielsweise eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und Entspannungstechniken.

Einige Frauen berichten auch von positiven Erfahrungen mit pflanzlichen Präparaten, Akupunktur oder Yoga. Es ist wichtig, sich umfassend zu informieren und gemeinsam mit einem Arzt oder Therapeuten einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln.

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Fazit

Louann Brizendines Buch "Das weibliche Gehirn" hat eine wichtige Debatte über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen angestoßen. Allerdings ist es wichtig, ihre Thesen kritisch zu hinterfragen und sich nicht von vereinfachenden Darstellungen und Geschlechterklischees blenden zu lassen.

Die Forschung über das Gehirn und die Rolle der Hormone ist komplex und dynamisch. Es ist wichtig, sich auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu stützen und soziale und kulturelle Einflüsse auf das Verhalten von Frauen zu berücksichtigen.

Statt Frauen als "Hormonsklavinnen" darzustellen, sollten wir ihre Vielfalt und Individualität wertschätzen und sie darin unterstützen, ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

Persönliche Erfahrungen und Perspektiven

Die Auseinandersetzung mit Brizendines Thesen kann für Frauen in verschiedenen Lebensphasen sehr unterschiedlich sein. Eine Frau in den Wechseljahren, die unter starken Beschwerden leidet, mag sich von Brizendines positiver Darstellung der Hormontherapie angesprochen fühlen. Eine junge Frau, die sich von den Geschlechterklischees abgestoßen fühlt, wird Brizendines Buch eher kritisch betrachten.

Es ist wichtig, die eigenen Erfahrungen und Perspektiven in die Auseinandersetzung mit Brizendines Thesen einzubringen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Beispielhafte Auseinandersetzung mit Brizendines Thesen anhand von Angela Merkel

Um die Thesen von Louann Brizendine zu veranschaulichen und kritisch zu hinterfragen, kann man das Beispiel von Angela Merkel (M) heranziehen. M übernahm im Alter von 51 Jahren, also in einer Lebensphase, die Brizendine als besonders kritisch für Frauen betrachtet, das Amt der Bundeskanzlerin. Laut Brizendine erleben Frauen in den 50ern oft einen "Downgrade", da ihre reproduktive Fruchtbarkeit erlischt und sie traditionell in den Hintergrund treten. M hingegen ergriff die Macht und setzte sich in einer von Männern dominierten politischen Welt durch.

Brizendine argumentiert, dass Frauen in den Wechseljahren aufgrund des sinkenden Östrogenspiegels weniger altruistisch und scheidungslustiger werden. M hingegen blieb während ihrer gesamten Amtszeit ihrem politischen Kurs treu und setzte sich für die Interessen Deutschlands und Europas ein.

Brizendine betont die Bedeutung von Selbstfürsorge und einem gesunden Lebensstil für Frauen in den Wechseljahren. M ist bekannt für ihreDisziplin und ihrenFleiß.

Das Beispiel von Angela Merkel zeigt, dass Brizendines Thesen nicht auf alle Frauen zutreffen und dass individuelle Faktoren wie Persönlichkeit, Lebensumstände und soziale Unterstützung eine wichtige Rolle spielen.

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