Essentieller Tremor und Parkinson-Tremor: Unterschiede, Diagnose und Therapie

Der Tremor, oder das Muskelzittern, ist ein Symptom, das oft mit neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. Obwohl viele Menschen bei Zittern sofort an Parkinson denken, gibt es verschiedene Arten von Tremor, die unterschiedliche Ursachen und Merkmale haben. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen essentiellem Tremor und Parkinson-Tremor, geht auf Diagnosemethoden ein und stellt verschiedene Therapieansätze vor.

Was ist ein Tremor?

"Tremor" ist der medizinische Fachbegriff für Muskelzittern. Ein leichtes Zittern ist eine normale Reaktion des Körpers, beispielsweise auf Kälte, da Muskelkontraktionen Wärme erzeugen. Jeder Mensch kann ein leichtes Zittern feststellen, wenn er die Hand ausstreckt. Dieses leichte Muskelzittern wird als physiologischer Tremor bezeichnet und ist völlig normal. Die Intensität variiert je nach Erregungszustand des Körpers. Alkohol, Koffein und Drogen können die Intensität des physiologischen Tremors verstärken.

Wenn das Zittern jedoch stärker wird, kann es Bewegungsabläufe beeinträchtigen. Dies kann durch Aufregung oder große körperliche Erschöpfung verursacht werden. Verschiedene Erkrankungen können jedoch auch die Ursache für zunehmendes Muskelzittern sein. Verlauf und Ausprägung sind sehr individuell. Typisch ist, dass die Symptome langsam beginnen und mit den Jahren zunehmen. Anfangs bemerken Betroffene kaum etwas vom Muskelzittern, doch mit den Jahren kann sich eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität entwickeln, wenn Aufgaben wie die Nutzung eines Smartphones, das Anziehen und Waschen und später sogar das bloße Halten von Besteck oder einer Wasserflasche schwerfallen. Außerdem können der Gang unsicher und/oder die Stimme zittrig werden.

Je nach Ursache, betroffenen Muskeln und Ausprägung werden verschiedene Formen des Muskelzitterns unterschieden:

  • Orthostatischer Tremor: Tritt beim Aufstehen auf.
  • Zerebellärer Tremor: Wird durch Schäden oder Probleme im Kleinhirn verursacht, das die Bewegungskoordination steuert.
  • Dystoner Tremor: Tritt bei Personen mit Dystonie auf, einer Bewegungsstörung, die zu unwillkürlichen Muskelkontraktionen führt.

Essentieller Tremor: Symptome und Ursachen

Die häufigste Form des Tremors ist der essenzielle Tremor. Etwa 1 % der Bevölkerung ist betroffen, wobei die Häufigkeit ab dem 60. Lebensjahr steigt. Jüngere Menschen können jedoch auch betroffen sein. Der essenzielle Tremor tritt in zwei Altersgipfeln auf: zwischen dem 11. und 20. Lebensjahr sowie zwischen dem 51. und 60. Lebensjahr.

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Der essenzielle Tremor ist ein unwillkürliches Zittern, das meist die Hände betrifft und feinmotorische Aufgaben wie das Schreiben erschwert. Auch grobmotorische Haltetätigkeiten wie das Essen mit Besteck oder das Halten eines Glases sind häufig betroffen. Diese Form des Muskelzitterns ist ein eigenständiges neurologisches Krankheitsbild, dessen genaue Ursachen bisher nicht vollständig erforscht sind. Es wird vermutet, dass der essentielle Tremor durch eine Fehlfunktion in den motorischen Netzwerken des Gehirns entsteht, insbesondere in den Strukturen des Kleinhirns, des Thalamus und der Basalganglien.

Typische Symptome des essenziellen Tremors sind rhythmisch zitternde Körperteile. Der Tremor beginnt unauffällig und wird mit der Zeit immer stärker. Am häufigsten sind die Hände betroffen, doch auch Arme, Beine, Kopf und sogar die Stimme bzw. die an der Stimmbildung beteiligten Muskelgruppen können betroffen sein. Anders als der Ruhe-Tremor bei Parkinson entsteht das Muskelzittern hier nicht (ausschließlich) durch das Absterben dopaminproduzierender Neuronen. Beim essenziellen Tremor ist die Kommunikation zwischen Rückenmark und bestimmten Hirnregionen wie dem Kleinhirn, Thalamus und Hirnstamm gestört.

Es gibt verschiedene Arten von essentiellem Tremor:

  • Aktionstremor: Das Muskelzittern tritt bei willkürlich ausgeführten Bewegungen auf, zum Beispiel während Betroffene die Gabel zum Mund führen oder eine Buchseite umblättern.
  • Haltetremor: Der Tremor tritt auf, wenn die betroffene Muskelgruppe aktiviert wird, um zum Beispiel den Arm gegen die Schwerkraft in einer bestimmten Position zu halten.
  • Intentionstremor: Das Zittern beginnt, wenn eine Bewegung eines ganz bestimmten Ziels ausgeführt wird, zum Beispiel um einen Türgriff zu nutzen.

Ein differentialdiagnostisches Kriterium ist, dass Alkohol die Ausprägung der Symptome beim essenziellen Tremor lindern kann, während er den physiologischen Tremor verstärken kann. Dies kann jedoch bei Betroffenen zu Alkoholmissbrauch führen (Selbsttherapie).

Parkinson-Tremor: Symptome und Ursachen

Parkinson wird anhand von charakteristischen Symptomen wie Zittern, Steifheit und Bewegungsverlangsamung diagnostiziert. Andere Symptome wie Demenz oder häufige Stürze weisen auf eine atypische Form von Parkinson hin. Der Tremor bei Parkinson tritt meist in Ruhe und mit einer Frequenz von 4-7 Hz auf. Er kann sich bei Anspannung verstärken. Wenn die betroffene Person sich bewegt, stoppt das Muskelzittern. Der Ruhe-Tremor ist also das Gegenteil des Aktionstremors und Intentionstremors.

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Diagnose von Tremor

Da hinter einem Tremor verschiedenste Ursachen stecken können, sollte man generell immer einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Die Tremor-Analyse und die Diagnose der Ursache sind entscheidend für die richtige Behandlung und Prognose. Häufig bemerken die Angehörigen die Symptome eines Tremors zuerst und nicht die Betroffenen selbst.

Ärztinnen und Ärzte stellen zunächst Fragen zu den Symptomen und der Krankengeschichte der Patientinnen und Patienten. Danach wird eine körperliche Untersuchung durchgeführt, die auf eine mögliche Ursache des Tremors hinweisen kann. Zusätzlich wird die Krankengeschichte der Betroffenen analysiert. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die einen Tremor verursachen können, von Schilddrüsenüberfunktionen über Multiple Sklerose und Parkinson bis hin zu Diabetes mellitus oder Demenz.

Anschließend erfolgt die Analyse des Tremors selbst. Dabei achten die Ärztinnen und Ärzte darauf, welche Körperteile vom Tremor betroffen sind und wie schnell die Bewegungen in verschiedenen Situationen sind. Zudem können Tests wie der Finger-Nase-Test und die Armvorhalteuntersuchung durchgeführt werden, um zwischen Aktionstremor, Intentionstremor und Haltetremor zu unterscheiden. Die meisten Tremorarten können anhand ihrer Merkmale und der Ergebnisse der Anamnese und körperlichen Untersuchung erkannt werden.

Zur Quantifizierung der Tremorstärke und -frequenz sowie zur Differenzierung von Tremorerkrankungen wird die sogenannte Tremoranalyse durchgeführt. Hierdurch ist eine Unterscheidung zwischen einem zentralen oder peripheren Tremor möglich.

Differentialdiagnose

Die umfassende differentialdiagnostische Tremor-Analyse ist entscheidend, um andere Erkrankungen wie Dystonie, Morbus Wilson und epileptische Myoklonien auszuschließen. Bei manchen Parkinsonpatienten steht der Tremor ganz im Vordergrund, weshalb eine Abgrenzung zum essentiellen Tremor (ET) wichtig ist.

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Apperative Zusatzdiagnostik dient im Wesentlichen dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Am verbreitetsten ist der DAT-Scan, bei dem die Dopamin-Transportermoleküle dargestellt werden. Um eine zeitaufwendige bzw. ungezielte Diagnostik zu vermeiden, sollte die Indikation zur Bildgebung nur durch den Spezialisten gestellt werden.

Therapie von Tremor

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zur Therapie eines Tremors. Diese richten sich in erster Linie nach der eigentlichen Ursache. Vor allem, wenn der Tremor die Folge einer anderen Erkrankung ist, hängt die Verbesserung der Symptome oft mit der Behandlung der primären Erkrankung zusammen.

Eine wichtige Säule der Therapie ist die medikamentöse Behandlung, welche vor allem darauf abzielt, das Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Gehirn auszugleichen, welches häufig zum Muskelzittern führt. Hier kommen verschiedenste Medikamente zum Einsatz. Da diese aber teils mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen können, werden sie meist nur in besonders schweren Fällen eingesetzt, wenn der Tremor die Motorik massiv beeinträchtigt. Welches Medikament im Einzelfall zum Einsatz kommt, hängt von zahlreichen Faktoren ab und kann deshalb erst nach einer ausführlichen Diagnose durch Ärztinnen und Ärzte entschieden werden.

Botox-Injektionen können bei Tremor-Formen helfen, welche Kopf und/oder Stimme betreffen. Zudem gibt es ganz unterschiedliche Behandlungsziele. Nicht nur bei Parkinson, sondern auch bei seltenen Tremor-Syndromen lässt sich das Muskelzittern oft nicht vollständig therapieren. Dann zielen Behandlungen wie Physio- und Ergotherapie vor allem darauf ab, die Beweglichkeit im Alltag zu verbessern, um die Lebensqualität und Selbstständigkeit der Betroffenen möglichst lange zu erhalten.

Außerdem kann ein Tremor, auch wenn das Muskelzittern selbst oft nicht gefährlich für die Gesundheit ist, zu erheblichen psychischen Problemen führen. In diesen Fällen ist eine Psychotherapie eine wichtige, ergänzende Behandlung. Auch Bewegung und Ernährung können dabei helfen, Stress zu reduzieren, um so den Tremor zu lindern.

Medikamentöse Therapie

  • Essentieller Tremor: Nicht kardio-selektive Betablocker wie Propranolol, Antiepileptika wie Primidon, Gabapentin und Topiramat oder Botulinumtoxin A.
  • Parkinson-Tremor: Anticholinergika, Budipin und Clozapin (off-label) beim Ruhetremor. Propranolol und Primidon beim Halte- und Bewegungstremor. Medikamente wie Levodopa und Dopaminagonisten können helfen, den Parkinson-Tremor zu reduzieren. In schweren Fällen können auch Anticholinergika eingesetzt werden.
  • Orthostatischer Tremor: Gabapentin oder Clonazepam, in schweren Fällen Tiefe Hirnstimulation im Ncl. ventralis intermedius (VIM) des Thalamus.
  • Dystoner Tremor: Botulinumtoxin A, Anticholinergika oder Tiaprid.
  • Zerebellärer Tremor: Topiramat, Clonazepam oder Propranolol (off-label).
  • Holmes Tremor: L-Dopa und Dopamin-Agonisten, Anticholinergika, Clonazepam oder Clozapin (off-label).
  • Tremor bei Neuropathie: Propranolol, Primidon oder Pregabalin.

Tiefe Hirnstimulation (THS)

Bei Therapieresistenz kann eine Tiefe Hirnstimulation im Ncl. ventralis intermedius (VIM) des Thalamus (bei essentiellem Tremor, orthostatischem Tremor, zerebellärem Tremor, Holmes Tremor, Tremor bei Neuropathie) oder im Ncl. subthalamicus (STN) (bei Parkinson-Tremor) mit gutem Erfolg in Betracht gezogen werden. Bei der operativen Therapie, der sogenannten „Tiefen Hirnstimulation“ (THS), werden Elektroden in der Tiefe des Gehirns platziert, was mit einer Eröffnung des Schädels einher geht.

Magnetresonanztomografie-gesteuerter fokussierter Ultraschall (MRgFUS)

Eine neue Therapie, bei der die tief im Gehirn liegenden Störherde mittels Magnetresonanztomografie-gesteuertem fokussiertem Ultraschall (MRgFUS) ausgeschaltet werden, kann die Beschwerden auch ohne offene Chirurgie deutlich lindern. Eine aktuelle Studie belegt, dass das Zittern bei den Teilnehmern auch drei Jahre nach dem Eingriff noch deutlich verbessert war.

Hilfe im Alltag

Einfache Tricks und Helfer können den Alltag für Menschen mit einem essentiellen Tremor etwas erleichtern. Dazu gehört der Verzicht auf Substanzen wie Koffein. Es kann dazu beitragen, dass sich die Symptome verstärken. Ebenso verstärkt Stress oftmals die Symptome. Ein Hilfsmittel zum Essen ist ein „Tremorlöffel“ und zum Schreiben gibt es einen speziellen „Tremorstift“.

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