Hirnmetastasen bei Brustkrebs: Häufigkeit, Symptome und neue Therapieansätze

Brustkrebs kann streuen und Metastasen in verschiedenen Organen bilden. Am häufigsten sind Knochen, Leber oder Lunge betroffen. Hirnmetastasen sind besonders gefürchtet, da sie neurologische Symptome verursachen können und die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Häufigkeit von Hirnmetastasen bei Brustkrebs, ihre Symptome, Diagnose und aktuelle Therapieansätze.

Häufigkeit von Hirnmetastasen bei Brustkrebs

Expertenschätzungen zufolge entwickeln etwa 10 bis 40 Prozent der Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs im Verlauf ihrer Erkrankung Hirnmetastasen. Die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Hirnmetastasen hängt stark von den biologischen Eigenschaften des ursprünglichen Tumors ab. So weisen HER2-positive und triple-negative Brustkrebsarten ein höheres Risiko für die Bildung von Tochtergeschwülsten im Gehirn auf.

Anna Sophie Berghoff von der Medizinischen Universität Wien gibt an, dass zwischen 10 und 30 % der Patientinnen mit Brustkrebs im Laufe ihrer Erkrankung Hirnmetastasen entwickeln. Werden asymptomatische Hirnmetastasen eingeschlossen, steigt der Anteil der betroffenen Patientinnen bis auf 40 %.

In den letzten Jahren konnte eine steigende Inzidenz von Hirnmetastasen beobachtet werden, möglicherweise durch therapiebedingte verbesserte Kontrolle der extrakraniellen Metastasierung und/oder infolge der Verbesserungen in der Bildgebung mittels Magnetresonanz (MRT) als aktuelle Standardmethode.

Als Risikofaktoren für das Auftreten von Hirnmetastasen gelten ein junges Ersterkrankungsalter, HER2-positive oder tripelnegative Tumoren, ein hohes Grading, ein hoher Ki-67-Wert und/oder ein positiver Nodalstatus.

Lesen Sie auch: Behandlung von Nervenschmerzen nach Brustkrebs-OP

Symptome von Hirnmetastasen

Hirnmetastasen können vielfältige Symptome verursachen, deren Art und Schweregrad davon abhängen, wo im Gehirn sich die Metastasen befinden. Mögliche Beschwerden sind:

  • Kopfschmerzen
  • Sprachstörungen
  • Kognitive Beeinträchtigungen (z.B. Konzentrations-, Denk-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen)
  • Veränderungen der Sinneswahrnehmung
  • Neurologische Funktionsstörungen, wie zum Beispiel eine Lähmung von Armen oder Beinen
  • Kognitive Störungen wie Erinnerungsstörungen, Stimmungsschwankungen oder Persönlichkeitsveränderungen
  • Veränderungen beim Sehen, Riechen, Hören oder beim Tasten
  • Krampfanfälle / epileptische Anfälle
  • Schlaganfall
  • Hirnorganisches Psychosyndrom
  • Weitere Hirndruckzeichen wie Übelkeit und Erbrechen
  • Müdigkeit bis hin zu Bewusstseinsstörungen.

Meist werden die Symptome durch einen erhöhten Hirndruck ausgelöst, der durch Flüssigkeitsansammlungen (Ödeme), Schwellungen oder die Metastasen selbst verursacht wird.

Zu Beginn verursachen Hirnmetastasen oft keine Symptome. Erst wenn sie größer werden oder in empfindlichen Hirnregionen auftreten, lösen sie Beschwerden aus.

Diagnose von Hirnmetastasen

Ein routinemäßiges Screening auf Hirnmetastasen mittels Magnetresonanztomographie (MRT) wird bei Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs ohne neurologische Symptome derzeit nicht empfohlen, da klinische Studien bisher keinen Vorteil hinsichtlich Überleben oder Lebensqualität gezeigt haben. Die meisten Ärztinnen und Ärzte führen Untersuchungen auf Hirnmetastasen vor allem dann durch, wenn die Krankheit außerhalb des Gehirns fortschreitet, insbesondere bei HER2-positiven oder triple-negativen Tumoren.

Behandlung von Hirnmetastasen

Die Behandlung von Hirnmetastasen zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, das Tumorwachstum zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:

Lesen Sie auch: Lebenserwartung bei Brustkrebs-Hirnmetastasen

  • Operation: Die operative Entfernung von Metastasen kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein, insbesondere bei einzelnen, gut zugänglichen Metastasen.
  • Stereotaktische Bestrahlung (Radiochirurgie): Diese Methode ermöglicht eine hochpräzise Bestrahlung der Metastasen, wodurch das umliegende gesunde Gewebe geschont wird.
  • Ganzhirnbestrahlung: Bei multiplen Metastasen kann eine Bestrahlung des gesamten Gehirns in Erwägung gezogen werden.
  • Systemische Therapien: Chemotherapie, zielgerichtete Therapien, Hormontherapien und Immuntherapien können eingesetzt werden, um das Tumorwachstum im gesamten Körper zu kontrollieren.
  • Kortikosteroide: Diese Medikamente können helfen, Schwellungen im Gehirn zu reduzieren und den Hirndruck zu senken.

Neue Therapieansätze

Die moderne Medizin teilt Brusttumoren, abhängig von bestimmten biochemischen Merkmalen des Krebsgewebes, in verschiedene Typen ein. Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs und dem Gewebemerkmal HER2 leiden zu 50 Prozent an Tochtergeschwulsten (Metastasen) im Gehirn, die mit Medikamenten bislang nicht behandelbar sind. Denn die Blut-Hirn-Schranke verhindert oft, dass Wirkstoffe in das Denk- und Gefühlsorgan eindringen können. Neue Medikamente sind also dringend gefragt.

Ein vielversprechender neuer Ansatz ist die Entwicklung von Medikamenten, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Ein Beispiel hierfür ist das Antikörper-Konjugat Trastuzumab Deruxtecan, das in der DESTINY-Breast12-Studie vielversprechende Ergebnisse bei Patientinnen mit HER2-positivem Brustkrebs und Hirnmetastasen gezeigt hat. Im Schnitt überlebten die Patientinnen auch mit Hirnmetastasen über 17 Monate ohne ein Fortschreiten der Krebserkrankung. Über 60 Prozent der Patientinnen überlebten zwölf Monate ohne weiteres Tumorwachstum. Bei über 70 Prozent der Teilnehmerinnen konnten die Forschenden einen Rückgang des Krebses im Gehirn nachweisen.

Nadia Harbeck attestiert den Antikörper-Konjugaten ein „großes Potenzial in der Therapie von Brusttumoren.“

Die zielgerichteten Therapien, Immuntherapien und Antihormontherapien konnten in Studien das Überleben von bestimmten Patientengruppen deutlich verlängern. Zudem forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler intensiv an der Entwicklung neuer Krebsmedikamente, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Und bereits heute gibt es Wirkstoffe, die z. B. effektiv Lungenkrebs und gleichzeitig Hirnmetastasen behandeln können. Weitere Mechanismen zur Überwindung der BHS sind in der Erforschung, beispielsweise das Verpacken von Wirkstoffen in sogenannten Nanopartikeln.

Die Blut-Hirn-Schranke

Ein spezieller Schutzmechanismus unseres Gehirns erschwert die Behandlung von Hirnmetastasen: die Blut-Hirn-Schranke.

Lesen Sie auch: Behandlung von Taubheitsgefühl nach Brustkrebs

Das zentrale Nervensystem (ZNS), also Gehirn und Rückenmark, reagiert auf viele Moleküle sehr empfindlich. Dazu gibt es zwei Sicherheitsbarrieren. Die erste Barriere ist eine dicht gepackte Zellschicht, die sogenannte Blut-Hirn-Schranke (BHS). Die zweite Kontrollinstanz ist ein aktiver Rücktransport. Sie schützen das ZNS vor Krankheitserregern oder schädlichen Substanzen und kontrollieren, welche Stoffe aus dem Blut ins Gehirn gelangen und welche nicht.

Obwohl diese beiden Sicherheitsbarrieren für unseren Körper lebenswichtig sind, erschweren sie die effektive Behandlung von Gehirnerkrankungen, wie z. B. Hirntumoren bzw. Hirnmetastasen. Denn während die meisten Medikamente - auch Krebsmedikamente - die BHS absichtlich nicht passieren sollen, ist es bei der Behandlung von Hirnmetastasen unerlässlich, dass sie diese natürliche Barriere überwinden können.

Eigenschaften wie die Größe, Ladung oder Löslichkeit von Molekülen können Einfluss darauf haben, ob und wie leicht sie die Barrieren überwinden.

Forschende gehen davon aus, dass die BHS als physiologische Barriere ab einer Hirnmetastasen-Größe von 1 bis 2 Millimetern nicht mehr intakt ist. Dann ist es möglich, dass auch größere Moleküle eingesetzter Medikamente die BHS passieren. Wie lange sie dort verbleiben und ihre Wirkung entfalten können, bevor sie wieder abtransportiert werden, ist abhängig von sogenannten Transportproteinen oder Exportproteinen, die die Aufnahme in Zellen oder die Ausscheidung beeinflussen.

So wirken viele Krebsmedikamente nicht gegen Hirnmetastasen (klassische Chemotherapien oder auch einige zielgerichtete Therapien) oder nur zeitlich begrenzt (Immuntherapien), weil sie entweder die BHS gar nicht erst passieren können oder schnell wieder von Exportproteinen entfernt werden.

Register und Langzeitüberleben

Das mediane Überleben liegt zwischen 4 und 19 Monaten. Allerdings lebt ein Viertel der Erkrankten mit Hirnmetastasen länger als zwei Jahre. Bei dem BMBC-Register handele es sich um die weltweit größte Datenbank zu Mammakarzinom-Patient:innen und Hirnmetastasen mit über 4.000 Datensätzen, berichtete Dr. Kerstin­ Riecke, Klinik und Poliklinik für Gynäkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Mittlerweile schließen über 160 deutsche Zentren Patient:innen ein. Langzeitüberlebende wurden signifikant häufiger mit einer Kombination aus Operation und Radiotherapie behandelt und waren signifikant häufiger neurologisch asymptomatisch, so die Autor:innen.

Signifikant mit einem Langzeitüberleben assoziiert waren folgende Faktoren:

  • jüngeres Alter
  • positiver Hormonrezeptorstatus
  • positiver HER2-Status
  • eine geringe Anzahl von Hirnmetastasen
  • keine extrakraniale Metastasierung
  • stattgehabte Chemo nach Diagnose der Hirnmetastasen

Wunsch nach mehr Information

Eine internationale Online-Umfrage ergab, dass sich die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten (91 Prozent) mehr Informationen über das Thema Hirnmetastasen wünscht, während nur 13 Prozent der Ärztinnen und Ärzte das Thema von sich aus routinemäßig ansprechen. Dies unterstreicht den Bedarf an einer besseren Kommunikation und Aufklärung über Hirnmetastasen.

tags: #brustkrebs #metastasen #gehirn #haufigkeit