Nackenschmerzen und Symptome eines Bandscheibenvorfalls sind weit verbreitet. Ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule (HWS) kann zu Nackenschmerzen, ausstrahlenden Schmerzen im Arm, Schulterschmerzen und Taubheitsgefühl oder Kribbeln in Arm oder Hand führen. Insbesondere das Taubheitsgefühl im Daumen kann ein Hinweis auf einen HWS-Bandscheibenvorfall sein.
Anatomie der Halswirbelsäule und Bandscheiben
Der Nacken besteht aus Muskeln, Knochen, Bändern und Gelenken, die alle mit Nervenenden ausgestattet sind. Die Halswirbelsäule (HWS) besteht aus sieben Zervikalwirbeln, die von C1 bis C7 bezeichnet werden. Der erste Halswirbel (C1) wird Atlas genannt, der zweite Halswirbel (C2) Axis. Zwischen den Halswirbeln befinden sich Bandscheiben, die eine wichtige Rolle bei der Beweglichkeit und Stoßdämpfung spielen.
Die Bandscheiben sind wie flüssigkeitsgefüllte Kissen zwischen den Wirbelkörpern und ermöglichen Drehbewegungen in alle Richtungen. Sie puffern Erschütterungen und Stöße ab und bestehen aus einem weichen, gallertartigen Kern (Nucleus pulposus), der von einem festen Faserring aus Bindegewebe (Anulus fibrosus) umgeben ist.
Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Ein Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) tritt auf, wenn der Gallertkern durch einen Riss im Faserring austritt und auf Nervenwurzeln oder das Rückenmark drückt. Der Fachausdruck für den Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule lautet „cervicale Diskushernie“. Mit dem Alter verlieren die Bandscheiben ihre Flexibilität und Elastizität, und die umgebenden Bänder werden spröde und reißen leichter ein.
Dr. Ralf Oliver Breuer, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulentherapie und Wirbelsäulenchirurgie im Helios Klinikum Schwelm, definiert einen Bandscheibenvorfall als "ein Heraustreten des Bandscheibenkerns durch einen Riss des Bandscheibenringes in den Nervenkanal mit möglicher Reizung des Nervengewebes".
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Taubheitsgefühl im linken Daumen
Ursachen und Risikofaktoren
Bei einem Bandscheibenvorfall wirken häufig mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Dazu gehören:
- Ungesunde Ernährung und unzureichende Trinkmenge
- Rauchen
- Mangelnde Bewegung
- Sitzende Tätigkeiten
- Fehlhaltung und -belastung
- Schwäche der Rumpfmuskulatur
- Alterungsprozess und Abnutzung der Wirbelkörper
- Ständig wiederkehrende Bewegungen oder Verletzungen der Wirbelsäule
- Degenerative Verschleißerscheinungen, die mit einem geschwächten Bindegewebe einhergehen
- Berufliche oder sportliche Fehlbelastungen der Halswirbelsäule über einen längeren Zeitraum
- Unfälle mit abrupten Drehbewegungen des Kopfes (selten)
Symptome eines HWS-Bandscheibenvorfalls
Ein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule kann verschiedene Symptome verursachen, die von dumpf, ziehend und schwer zu lokalisieren bis zu scharf, brennend und genau zu lokalisieren reichen. Typische Symptome sind:
- Nackenschmerzen
- Ausstrahlende Schmerzen im Arm
- Schulterschmerzen
- Taubheitsgefühl oder Kribbeln in Arm oder Hand, insbesondere im Daumen
- Schwäche der Armmuskeln
- In schweren Fällen Querschnittssyndrome mit Lähmungserscheinungen
Die Schmerzausstrahlung folgt meist dem Hautabschnitt (Dermatom), welches von der betroffenen Nervenwurzel versorgt wird. Bei einem Bandscheibenvorfall in der Höhe C6/C7 kommt es häufig zu einem stechenden, bohrenden Schmerz unter dem Schulterblatt. Kribbeln und Taubheitsgefühl werden oft in den Fingern 2 bis 4 (Zeigefinger bis Ringfinger) wahrgenommen.
Taubheitsgefühl im Daumen als spezifisches Symptom
Empfindet der Patient Schmerzen über den gesamten Arm bis in den Daumen hinein, deutet dies auf eine Beteiligung des 6. Spinalnerven hin. Das bedeutet, dass ein Bandscheibenvorfall in der Höhe C5/C6 wahrscheinlich ist, da dieser Bereich den Daumen versorgt.
Diagnose
Die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls beginnt mit einer vollständigen Untersuchung des Nackenbereichs, der Arme und Beine. Der Arzt testet den Nacken auf Flexibilität, Bewegungsradius und Anzeichen für eine Belastung der Nervenwurzeln oder des Rückenmarks. Der Patient wird eventuell gebeten, in einem Diagramm anzugeben, wo er Schmerzen, Taubheitsgefühl, Kribbeln und Schwäche verspürt.
Lesen Sie auch: Diagnose und Behandlung von Daumen-Taubheit
Weitere diagnostische Maßnahmen sind:
- Röntgenuntersuchungen: Zum Ausschluss knöcherner Ursachen
- Magnetresonanztomographie (MRT): Das geeignetste bildgebende Verfahren, um den Bandscheibenvorfall und seine Auswirkungen auf Nerven und Rückenmark darzustellen.
- Computertomographie (CT): Kann in bestimmten Fällen ergänzende Informationen liefern.
- Myelographie: In seltenen Fällen eingesetzt.
- Elektromyographie (EMG): Misst die Nervenfunktion durch die Muskeln und kann feststellen, ob das Taubheitsgefühl tatsächlich von der Wirbelsäule ausgeht oder ob es sich um eine Schädigung eines Nervs in der Peripherie handelt.
- Wirbelsäulenvermessung: Kann Fehlhaltungen aufzeigen, die zu Verschleiß und Bandscheibenvorfällen führen können.
Konservative Behandlung
In den meisten Fällen kann ein Bandscheibenvorfall konservativ behandelt werden. Ziel der konservativen Therapie ist es, die Beschwerden zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und die Nervenstrukturen zu entlasten.
Zu den Therapiemaßnahmen gehören:
- Bewegung, Entspannung und Entlastung: Leichte, moderate Übungen zur Lockerung verhärteter Muskelgruppen.
- Schmerzstillende Medikamente: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac.
- Muskelrelaxanzien: Bei starken muskulären Verspannungen.
- Manuelle und physikalische Therapien: Druck, Zug, Wärme, Kälte oder Elektrizität.
- Wärme- oder Kälteanwendungen: Je nach Phase und Art der Beschwerden. Wärmeanwendungen fördern die Durchblutung und wirken schmerzlindernd, während Kälteanwendungen bei akuten Entzündungen helfen können.
- Physiotherapie: Individuell angepasste Übungen zur Stärkung der Rücken- und Bauchmuskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit und Förderung einer stabilen Körperhaltung.
- Injektionen: Infiltrationen mit Lokalanästhetika und/oder Kortison in die Nähe der betroffenen Nervenwurzel zur Reduzierung von Entzündungen und Schmerzen.
- Halskrause (Zervikalstütze): Kurzfristig zur Entlastung der Muskulatur.
Operative Behandlung
Eine Operation wird in Erwägung gezogen, wenn die konservative Therapie nicht zu einer zufriedenstellenden Beschwerdelinderung führt, Lähmungen, Inkontinenz oder Sexualfunktionsstörungen vorliegen oder die Gefahr einer bleibenden Nervenschädigung besteht.
Es gibt verschiedene operative Verfahren:
Lesen Sie auch: Behandlung von Taubheitsgefühl im Daumen nach Gips
- Mikrochirurgische Bandscheibenoperation ("offene Operation"): Entfernung des vorgefallenen Bandscheibengewebes unter dem Mikroskop.
- Endoskopische Bandscheibenoperation: Minimalinvasives Verfahren zur Entfernung von Bandscheibengewebe.
- Ventrale Fusion: Stabilisierung der Höhe C6/C7 mit einem Implantat anstelle der Bandscheibe.
- Dorsale Foraminotomie nach Frykholm: Eine ältere Methode, die in bestimmten Fällen Vorteile bieten kann.
Der Einsatz einer Bandscheibenprothese erhält die komplette Beweglichkeit der Halswirbelsäule und verhindert zusätzlich eine übermäßige Belastung der benachbarten Segmente.
Was kann man selbst tun?
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Achten Sie auf eine gesunde Haltung beim Sitzen und Arbeiten, insbesondere bei Bildschirmarbeit.
- Regelmäßige Bewegung: Fördert die Durchblutung und Nährstoffversorgung der Bandscheiben.
- Kräftigung der Rumpfmuskulatur: Stabilisiert die Wirbelsäule und entlastet die Bandscheiben.
- Vermeidung von Fehlbelastungen: Heben Sie schwere Gegenstände aus den Knien heraus mit geradem Rücken.
- Gesunde Ernährung: Versorgt den Körper mit wichtigen Nährstoffen für gesunde Knochen und Bandscheiben.
- Stressreduktion: Psychische Belastungen können zu Muskelverspannungen führen und Schmerzen verstärken.
tags: #bsv #taubheitsgefuhl #daumen