Cannabis, eine Pflanze mit einer langen Geschichte der Nutzung in verschiedenen Kulturen, hat in den letzten Jahren aufgrund der Legalisierungsdebatte und der zunehmenden Forschung über ihre potenziellen medizinischen und psychischen Wirkungen viel Aufmerksamkeit erhalten. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen von Cannabis auf das Gehirn, von den Mechanismen, die Heißhunger auslösen, bis hin zu den potenziellen therapeutischen Anwendungen und Risiken.
Der "Munchies"-Effekt: Warum Cannabis Heißhunger auslöst
Viele Cannabiskonsumenten kennen den Heißhunger, der nach dem Konsum auftreten kann. Dieses Phänomen, oft als "Munchies" bezeichnet, führt zu einem unstillbaren Verlangen nach Essen, insbesondere nach Süßigkeiten und anderen schmackhaften Speisen.
Die Rolle des Endocannabinoidsystems
Tamas Horvath von der Yale University und seine Kollegen haben in Studien mit gentechnisch veränderten Mäusen herausgefunden, dass der Hauptwirkstoff von Cannabis, THC, an den Cannabinoid-1-Rezeptor (Teil des Endocannabinoidsystems) im Gehirn bindet. Dieser Rezeptor spielt eine Schlüsselrolle bei der Appetitregulation.
Paradoxe Aktivierung von Nervenzellen
Überraschenderweise werden die Fressattacken durch Nervenzellen ausgelöst, die normalerweise den Appetit zügeln. THC sorgt dafür, dass diese Nervenzellen, die eigentlich das Hungergefühl abschalten sollten, plötzlich aktiv werden und den Appetit der Mäuse steigern, obwohl die Tiere bereits satt sind.
Veränderte Signalstoffe im Gehirn
Verantwortlich für diese gestörte Hungerkontrolle scheint eine veränderte Zusammensetzung von Signalstoffen im Gehirn zu sein. THC bewirkt, dass Nervenzellen, die den Hunger stoppen sollen, plötzlich die falschen Botenstoffe produzieren. Dadurch erhält der Körper das Signal, immer weiter zu essen.
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Weitere Faktoren und Toleranzentwicklung
Obwohl die Forschung von Horvath wichtige Erkenntnisse liefert, sind die Mechanismen hinter den Fressattacken noch nicht vollständig geklärt. Viele weitere Funktionen in der Zelle, die über den Cannabinoid-1-Rezeptor gesteuert werden, könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Auch das gesteigerte Geschmackserlebnis dürfte hierzu beitragen. Interessanterweise entwickelt sich auch gegen den Heißhunger eine gewisse Toleranz, was erklären könnte, warum gewohnheitsmäßige Cannabiskonsumenten im Durchschnitt einen eher geringeren Body-Mass-Index (BMI) haben als Nichtkonsumenten.
Therapeutischer Nutzen bei Appetitlosigkeit
Für Menschen, die ihren Appetit verloren haben, beispielsweise während einer Chemotherapie, kann dieser Effekt von großem Nutzen sein. Cannabis kann helfen, den Appetit anzuregen und die Nahrungsaufnahme zu verbessern.
Duftstoffe und Aroma: Die Terpene und ihre Bedeutung
Die Cannabispflanze enthält über 120 bekannte Cannabinoide, die für viele ihrer Wirkungen verantwortlich sind. Der typische Geruch von Cannabisprodukten basiert jedoch vor allem auf Terpenen, auch ätherische Öle genannt, und flüchtigen Schwefelverbindungen.
Vielfalt der Terpene
Bisher wurden in verschiedenen Hanfpflanzen mehr als 200 verschiedene ätherische Öle nachgewiesen, von denen die meisten auch in anderen Pflanzen vorkommen. Zu den Monoterpenen der Cannabispflanze zählen beispielsweise Beta-Myrcen, Beta-Limonen, Alpha-Pinen und Linalool. Zu den Sesquiterpenen gehören unter anderem Beta-Caryophyllen, Humulen und Nerolidol.
Unterschiede zwischen Cannabissorten
Verschiedene Cannabissorten weisen unterschiedliche Mischungen dieser Verbindungen auf. Einige Terpene sind charakteristisch für bestimmte Pflanzen. So ist etwa Beta-Limonen ein wichtiges Terpen in Zitrusfrüchten und Alpha-Pinen ein dominierender Inhaltsstoff von Nadelhölzern.
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Einfluss auf die Wirkung
Terpene können bei der Differenzierung der Wirkungen verschiedener Cannabissorten eine Schlüsselrolle spielen. Einige Terpene können Entspannung und Stressabbau fördern, während andere möglicherweise Konzentration und Sehschärfe fördern.
Flüchtige Schwefelverbindungen
Erst 2021 wurde eine weitere Gruppe von Cannabis-Inhaltsstoffen entdeckt, die für den stechenden Geruch verantwortlich ist: eine Familie von prenylierten flüchtigen Schwefelverbindungen. Forscher identifizierten sieben Schwefelverbindungen in der am schärfsten riechenden Sorte, von denen einige auch in anderen Sorten vorkommen. Insbesondere eine Verbindung namens 3-Methyl-2-buten-1-Thiol (VSC3) war die am häufigsten vorkommende VSC in den Sorten, welche die Forscher als am stechendsten wahrgenommen hatten.
Cannabis und das "Hier und Jetzt": Achtsamkeit und Entspannung
Viele Cannabiskonsumenten berichten, dass Cannabis ihnen hilft, im gegenwärtigen Moment anzukommen und das Leben in vollen Zügen zu genießen.
Die Bedeutung des gegenwärtigen Moments
Im Hier und Jetzt zu leben, klingt einfach, fällt aber vielen Menschen schwer, insbesondere in der heutigen Zeit, die von einem ständigen Bombardement von Informationen und sozialen Interaktionen geprägt ist. Multitasking und Ablenkungen gehören zum Alltag, und Vergangenheit und Zukunft sind ständig präsent.
Cannabis als Hilfsmittel zur Achtsamkeit
Cannabis kann Menschen helfen, den Moment zu genießen. Die lustvolle, hedonistische Fokussierung der Aufmerksamkeit und die Intensivierung der Sinneseindrücke helfen, im Hier und Jetzt anzukommen. Man konzentriert sich mehr auf seine Sinneseindrücke und Körperwahrnehmungen, während Vergangenheit und Zukunft an Bedeutung verlieren. Man atmet, fühlt, ist präsent und mehr mit sich selbst verbunden, die Gedanken befreien sich vom flüchtigen Alltag. Dies wird oft als der "Zen-Effekt" von Cannabis bezeichnet.
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Hedonistische Erfahrungen und sexuelles Erleben
Das Hier und Jetzt steht in engem Zusammenhang mit hedonistischen Erfahrungen, Sich-Einlassen-Können und der Verzauberung der Welt. Auch beim sexuellen Erleben ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu sein, ebenso wie bei Heiterkeit und Lachen.
Therapeutisches Potenzial von Cannabis
Cannabis hat ein breites Spektrum an potenziellen therapeutischen Anwendungen gezeigt, die von der Linderung chronischer Schmerzen bis zur Behandlung von Angstzuständen und Depressionen reichen.
Linderung verschiedener Beschwerden
Cannabis kann zur Linderung oder sogar Heilung von Autismus, Albträumen, chronischen Darmentzündungen, Schmerzen, Depressionen, Angstzuständen und Juckreiz eingesetzt werden. Es ist zwar nicht so, dass jeder Patient durch die Verwendung von Cannabis plötzlich überhaupt keine Beschwerden mehr hat, aber diese können häufig in einem Maße gelindert werden, dass ein Patient beispielsweise wieder arbeiten gehen kann.
Umfangreiches pharmakologisches Potenzial
Es gibt kein zweites bekanntes Molekül auf der Welt, das ein derart umfangreiches pharmakologisches Potenzial besitzt, das auch therapeutisch genutzt werden kann.
Klinische Studien und Erkenntnisse
Seit der Entdeckung und Synthese des Cannabiswirkstoffes THC in der ersten Hälfte der 1960er Jahre wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, um seine Wirkungen zu untersuchen. Mittlerweile sind weit mehr als 200 kontrollierte klinische Studien bei verschiedenen Erkrankungen mit verschiedenen cannabisbasierten Medikamenten mit mehr als 15.000 Teilnehmern durchgeführt worden. Einige Erkrankungen wurden im Laufe der Jahrzehnte sehr gut untersucht, darunter vor allem die Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen, Spastik bei multipler Sklerose, Appetitlosigkeit bei HIV-Infizierten und Übelkeit und Erbrechen bei Krebschemotherapie. Bei vielen anderen möglichen Indikationen sind die Erkenntnisse aber häufig noch spärlich.
Positive Auswirkungen auf Empathie
Eine im Jahr 2023 veröffentlichte Studie von Forschern der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko deutet darauf hin, dass regelmäßige Cannabiskonsumenten offenbar eine gesteigerte Fähigkeit besitzen, die Emotionen anderer zu verstehen.
Spirituelles Bewusstsein
Cannabis wurde von Mitgliedern praktisch jeder größeren Religion in der Geschichte zur Erleuchtung und Ekstase eingesetzt. Heute schätzen viele Menschen Cannabis dafür, dass es spirituelles Bewusstsein auch außerhalb der formalen Religionen ermöglicht - "Instant-Spiritualität". Der gemeinsame Cannabiskonsum in Gruppen kann spirituelle Aspekte entfalten.
Sexuelle Höhepunkte
Hedonistische Erfahrungen stehen in engem Zusammenhang mit Endocannabinoiden, den körpereigenen Cannabinoiden. Sie sind entscheidend für Belohnungsverhalten wie Essen, Sex oder körperliche Aktivität. Cannabis wirkt auf die gleichen Rezeptoren wie die Endocannabinoide. Sex unter Cannabis-Einfluss macht oft mehr Spaß und wird intensiver erlebt. Vor allem Frauen können vom Cannabis-Rausch beim Sex profitieren, sie werden nicht nur schneller erregt, sondern kommen auch leichter zum Orgasmus und sind mit ihrem Orgasmus zufriedener.
Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis
Trotz der potenziellen Vorteile von Cannabis ist es wichtig, sich der Risiken und Nebenwirkungen bewusst zu sein, insbesondere im Hinblick auf die Gehirnentwicklung und die psychische Gesundheit.
Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung
Eine THC-Exposition, die bereits im Mutterleib während der Schwangerschaft beginnt, kann schädliche Wirkungen haben. Da das Endocannabinoidsystem an der normalen Entwicklung des Gehirns beteiligt ist, können von außen zugeführte Cannabinoide diesen Prozess beeinflussen und stören. Die Gehirnentwicklung ist erst im Alter von etwa 25 Jahren abgeschlossen, daher ist vor diesem Alter mit solchen Störungen durch Cannabis zu rechnen.
Kognitive Beeinträchtigungen
Es gibt eine Anzahl sehr guter Studien, die untersucht haben, ob die reduzierte kognitive Leistungsfähigkeit nach der Einnahme von Cannabis nach dem Absetzen der Droge weiterhin bestehen bleibt. Teilnehmer dieser Studien waren gewohnheitsmäßige Cannabiskonsumenten, die ihren Konsum unter stationären Bedingungen eingestellt haben. Man hat dann nach Tagen und Wochen der Abstinenz ihre kognitive und psychomotorische Leistungsfähigkeit untersucht, zum Teil unterstützt von bildgebenden Verfahren des Gehirns.
Einstiegsdroge
Ein Argument der Cannabis-Gegner ist immer, es sei die Einstiegsdroge für weit schlimmere Substanzen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die ersten Substanzen, die bei Kindern und Jugendlichen zu Abhängigkeit und Missbrauch führen, unbestritten Süßigkeiten und Fast Food sind. Danach variiert die Reihenfolge der nächsten Formen der Abhängigkeit. Meistens ist es in Mitteleuropa der Alkohol, weil dieser häufig auch von den Eltern in einem gewissen Rahmen toleriert wird.
Legalisierung von Cannabis in Deutschland
Nach schier endlosen Diskussionen liegt inzwischen ein Gesetzesentwurf für die Legalisierung von Cannabis in Deutschland vor. Dieser sieht Straffreiheit für den Besitz von bis zu 25 Gramm der bislang illegalen Droge vor und erlaubt den privaten Anbau von bis zu drei Pflanzen. Darüber hinaus kann, sobald das Gesetz gilt, Cannabis von so genannten Cannabis-Clubs bezogen werden.