Zeckenbiss und das Risiko von Multipler Sklerose: Ein komplexer Zusammenhang

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen sind. Die Ursachen der MS sind bis heute nicht vollständig geklärt, und die Diagnose kann aufgrund der vielfältigen Symptome und Ähnlichkeiten mit anderen Erkrankungen schwierig sein. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Beschwerden, wobei Medikamente und Physiotherapie eingesetzt werden, um Entzündungen zu hemmen und Symptome zu lindern.

In den letzten Jahren hat die Forschung jedoch zunehmend die Rolle von Infektionen bei der Entstehung von MS in den Fokus gerückt. Insbesondere durch Zecken übertragene Krankheitserreger wie Borrelien, Chlamydien und andere könnten eine Rolle bei der Pathogenese der MS spielen. Dieser Artikel beleuchtet den komplexen Zusammenhang zwischen Zeckenbissen, Infektionen und dem Risiko von Multipler Sklerose.

Die Infektionshypothese der MS

Die Autoren versäumen in ihrer Arbeit die multiple Sklerose (MS) als möglicherweise infektgetriggerte Autoimmunerkrankung aufzuführen. Die Infektionshypothese der MS wird kurzerhand der umfangreichen Darstellung der immunmodulativen Therapiemöglichkeiten „geopfert“.

Die Infektionshypothese der MS besagt, dass bestimmte Infektionen das Immunsystem so beeinflussen können, dass es fälschlicherweise die Schutzschicht um die Nervenfasern (Myelin) angreift und zerstört. Dies führt zu Entzündungsherden im Gehirn und Rückenmark, die unterschiedliche Funktionen beeinträchtigen und die vielfältigen Symptome der MS verursachen können.

Es gibt verschiedene Argumente, die diese Hypothese stützen:

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  • Epidemiologische Studien: Studien haben gezeigt, dass bestimmte Infektionen wie das Epstein-Barr-Virus oder Borreliose das Risiko für MS erhöhen können.
  • Geografische Verteilung: Die geografische Epidemiologie der MS und die der Arteriosklerose weisen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit auf. Beide Erkrankungen zeigen ein nahezu identisches Nord-Süd-Gefälle und eine ähnliche weltweite Verteilung.
  • Migrantenstudien: Migranten nehmen das Risiko, eine multiple Sklerose zu entwickeln, von dem Land mit, in dem sie während ihrer Pubertät gelebt haben. Das Migrationsverhalten der MS passt gut zu der These, dass die primäre Gefäßinfektion von Chlamydia pneumoniae typischerweise in der älteren Kindheit, beziehungsweise der Adoleszenz erfolgt.
  • Tierversuche: Säugetierchlamydien können besonders bei Rindern zu einer chronischen Enzephalomyelitis führen, die der MS ähnelt. Es gibt also so etwas wie eine natürliche Rinder-MS.

Zecken als Überträger von Krankheitserregern

Chlamydien werden - ebenso wie eine Vielzahl weiterer Erreger, etwa Borrelien, Babesien, Ehrlichien, Rickettsien, Yersenien, Leptospiren, Coxiella, Bartonellen, Francisella und FSME - häufig durch Zecken übertragen. Zecken sind kleine, blutsaugende Parasiten, die in vielen Teilen der Welt vorkommen. Sie leben im Gras, im Gebüsch oder im Unterholz und lauern dort auf ihre Opfer. Dabei haben Zecken ein sehr feines Gespür für Körperwärme, Atemluft und nahende Schritte. Die Winzlinge können nicht springen und fallen auch nicht von Bäumen herab, sondern klettern höchstens 1,5 Meter hoch und lassen sich abstreifen. Da sie etwas Luftfeuchtigkeit benötigen, sitzen die Spinnentiere lieber am Waldrand im schattigen Gras als auf offenem kurzem Rasen. „Sie sind oft da, wo wir Menschen gerne Picknick machen“, sagt Volker Fingerle, der Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Borrelien in Erlangen. Sie leben aber auch in Gärten.

Zecken können eine Vielzahl von Krankheitserregern übertragen, darunter:

  • Borrelien: Verursachen die Lyme-Borreliose, eine Multisystem-Erkrankung, die verschiedene Organe befallen kann.
  • Chlamydien: Können chronische Infektionen des Zentralnervensystems verursachen, die möglicherweise mit MS in Verbindung stehen.
  • Babesien und Ehrlichien: Verursachen Ehrlichiose und Babesiose, fieberhafte Allgemeininfektionen, die selten auch das ZNS befallen können.
  • FSME-Viren: Verursachen die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine Hirn- und Hirnhautentzündung.

Die Rolle von Borrelien bei MS

Die Lyme-Borreliose wird durch verschiedene Spezies von Bakterien des Genus Borrelia verursacht, die zum sogenannten Borrelia burgdorferi sensu lato (Bbsl) Komplex gehören. Die Lyme-Borreliose wurde nach dem Ort Lyme (Connecticut, USA) benannt. In dem Ort traten auffällig häufig Erkrankungsfälle mit Gelenkentzündungen nach Zeckenstichen auf. Die Lyme-Borreliose ist in der nördlichen Hemisphäre (Nordamerika, Europa und Asien) verbreitet. Sie ist in Europa die mit Abstand häufigste durch Zecken (siehe Infektionsweg) übertragene Krankheit.

Die Borreliose ist eine heimtückische Multisystem-Erkrankung, die alle Organe befallen kann und falls sie nicht rechtzeitig erkannt und ausreichend mit geeignetem Antibiotikum behandelt wird zu lebenslangen chronischen Beschwerden führen kann. Im 2. und 3. Stadium - meist einige Wochen bis Monate, beim 3. Stadium auch Jahre, nach dem Stich - kommt es zur Streuung des Erregers. In diesen Stadien zeigt die Borreliose ihr wahres Gesicht und es kann ein völlig buntes Symptombild auftreten. Wegen der unglaublichen, häufig wechselnden, Symptomvielfalt - welche viele andere Krankheiten imitieren kann - wird die Borreliose häufig als „der große Imitator“ bezeichnet. Die „typische“ Borreliose gibt es nicht. Häufige Fehldiagnosen der Borreliose sind: Psychosomatische Störungen, Arthritis, Gelenkrheuma, Polyarthritis, Bursitis (Schleimbeutelentzündung), Bandscheibenvorfall, Bindehautentzündung, Entzündungen aller Augenteile, Gefäßbeschwerden (Thrombose), Hirnhautentzündung, Karpaltunnelsyndrom, Gelenkentzündungen (alle großen Gelenke, auch Kiefergelenk), Multiple Sklerose, Fibromyalgie, Sehnenscheidenentzündung, HWS-Syndrom (Hals-Wirbelsäulen-Syndrom) und Schlaganfall.

Einige Studien haben einen Zusammenhang zwischen Borrelien-Infektionen und MS gefunden. So wurde in einigen Studien festgestellt, dass MS-Patienten häufiger positiv auf Borrelien getestet werden. Ein Beleg für den Zusammenhang ist damit aber nicht eindeutig erbracht, weil diese Untersuchungen recht klein waren und die Kausalkette unklar ist (Wer ist die Henne, wer ist das Ei?). Mediziner, die beim Thema "chronische Borreliose und MS" einen Zusammenhang vermuten, sind auch der Meinung, dass nicht allein Borrelien die Ursache der Erkrankung sind, sondern vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Keime erst zur Krankheit führt.

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Es gibt zwar definierte Diagnosekriterien für die Multiple Sklerose (MS), also Hinweise, die auf eine MS hindeuten. Dazu gehören zum Beispiel bestimmte Symptome, oder spezielle Veränderungen auf MRT-Aufnahmen des Gehirns. Doch alle diese Hinweise können theoretisch auch bei der Borreliose auftreten. Genau wie die Multiple Sklerose ist auch die Neuroborreliose nicht immer zweifelsfrei nachweisbar bzw. auszuschließen. Bei beiden Erkrankungen kommt es zu neurologischen Symptomen und beide Erkrankungen können Schäden (Läsionen) im zentralen Nervensystem verursachen, die sich mit der Magnetresonanztomografie (MRT-Aufnahmen) nachweisen lassen. Auch die Untersuchung der Hirnflüssigkeit (Liquor) kann keine eindeutigen Hinweise auf eine der beiden Erkrankungen liefern.

Die Standard-Elisa besitzen im Fall der Borreliose - aus einer Vielzahl von Gründen (zum Beispiel Immunsuppression, HIV-Infektion, Erregerheterogenität) - eine reduzierte Sensitivität, die immer wieder zu den beobachteten Therapieversagern und „Steroidkatastrophen“ bei vermeintlichen MS-Patienten führt. Letztgenannte sind in Wirklichkeit serologische „Non-Responder“ einer Borreliose. Es ist bekannt, dass seronegative Neuroborreliosepatienten eine stark erhöhte intrathekale Antikörperproduktion gegen Borrelien aufweisen können, wohingegen der serologische Nachweis im Blut nicht - oder erst nach einer Antibiose - gelingt. Ein Liquor-Serumindex von 8 als zwingende Vorraussetzung für den Beweis einer Neuroborreliose anzunehmen, ist vor dem Hintergrund der diagnostischen Unsicherheiten und der Non-Responder-Problematik ernsthaft infrage zu stellen und nicht geeignet, eine Neuroborreliose sicher auszuschließen. Auch die Borrelientestung mithilfe der Polymerasekettenreaktion (PCR) weist im Fall der Liquor-Diagnostik nur eine Sensitivität von zehn bis 30 Prozent auf und hilft nicht weiter.

Die Rolle von Chlamydien bei MS

Eine besondere Herausforderung ist die Chlamydien-Hypothese zur multiplen Sklerose, die aus aktuellem Anlaß einen Schwerpunkt der Tagung bildete. Wolfgang Stille und Christoph Stephan, Frankfurt/Main, sprachen über die Ätiologie der multiplen Sklerose, die bisher ungeklärt ist. Eine Reihe von Argumenten erlaubt die Interpretation des disseminiert entzündlichen ZNS-Prozesses, der zuletzt als Autoaggressionskrankheit interpretiert wurde, als chronischpersistierende Infektionskrankheit mit den erst im Jahr 1985 erkannten gramnegativen intrazellulären Erregern Chlamydia pneumoniae.

Die Tatsache, daß es offensichtlich eine weit verbreitete chronische Gefäßinfektion durch Chlamydia pneumoniae bei Europäern und Nordamerikanern gibt, rückt die Pathogenese der MS in ein neues Licht. Es gibt eine Reihe von Argumenten für die These, daß auch die MS das Resultat einer chronisch persistierenden Infektion des Zentralnervensystems mit Chlamydia pneumoniae darstellt:

  • Von Kurztke et al. wurden anhand der Analyse der MS-Epidemie nach 1940 auf den Färöer-Inseln epidemiologische Kriterien für ein zu forderndes infektiöses Agens in der Pathogenese der MS erstellt. Unter Antibiotika-Therapie mit Ofloxacin und Rifampicin verbesserte sich die Symptomatik.
  • Das gleiche Forschungsteam aus Nashville/USA berichtet jetzt über den Nachweis von Chlamydia pneumoniae mittels PCR und Kultur bei MS-Patienten: In Untersuchungen bei 17 Patienten mit schubförmiger multipler Sklerose wurde bei allen in der PCR und bei acht Patienten kulturell Chlamydia pneumoniae im Liquor nachgewiesen. Bei Patienten mit progredienter MS gelang in 19 von 20 Patienten der PCR-Nachweis, bei 16/20 der kulturelle Nachweis. Ferner wurden die als oligoklonale Banden bekannten autochthon produzierten IgGFraktionen im Liquor von Chlamydia pneumoniae adsorbiert, ein möglicher Hinweis auf die Spezifität dieser Antikörper. Eine Kontrollgruppe neurologischer Patienten (n=27) ohne MS wies sowohl in der PCR, als auch in der Kultur überwiegend negative Ergebnisse auf (PCR positiv 4/27, kulturell positiv 3/27).
  • Die gängige, für symptomatisch gehaltene Therapie mit Interferon-beta hat eine potentielle ChlamydienWirksamkeit: Experimentell lassen sich Chlamydien durch Interferon inhibieren.

Gerhard Holzer, Homburg/Saar, berichtete über Testergebnisse zum Nachweis von Antikörpern gegen Chlamydia pneumoniae im Liquor cerebrospinalis von MS-Patienten. Angeregt durch die spektakulären Ergebnisse aus der Vanderbilt Universität in Nashville, USA, wurden in einer Pilotuntersuchung Liquores von 22 MS-Patienten mit nachgewiesenem oligoklonalem IgG im Liquor, als Zeichen einer intrathekalen IgGSynthese, serologisch auf eine mögliche Infektion durch Chlamydia pneumoniae untersucht. Acht der 22 Patienten (36 Prozent) wiesen eine intrathekale Bildung von Chlamydien-spezifischen IgGAntikörpern auf. IgM-Antikörper, die auf eine frische Infektion hingedeutet hätten, konnten im Liquor nicht nachgewiesen werden.

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Differenzialdiagnose und Therapieansätze

Die differenzialdiagnostische Abgrenzung der durch diese Erreger verursachten Krankheitsbilder gegenüber der MS bereitet - mit Blick auf die Unzulänglichkeiten der serologischen und laborchemischen Bestimmungsmethoden - oftmals Probleme. So weist die Neuroborreliose im zerebralen Befallsmuster häufig große Ähnlichkeiten mit der MS auf.

Mit Blick auf die diversen Subtypen der MS, ihrem Nord-Süd-Gefälle im globalen Verteilungsmuster und der Vielzahl von durch Zecken übertragenen Krankheitserregern muss diskutiert werden, ob die verschiedenen Subtypen der MS nicht Ausdruck differenter und unterschiedlicher Anthropozoonosen sind, die unter dem Begriff der MS als einheitliche Entität fälschlicherweise zusammengefasst werden. Im Hinblick auf den heterogenen Erregerbefall der Zecken gilt es künftig infektgetriggerte Prozesse, die einer antibiotischen Therapie zugänglich sind, pathogenetisch bei der MS in Erwägung zu ziehen und im Einzelfall abzugrenzen. Nur so können die verheerenden Folgen einer systemischen Immunsuppression bei diesen Patienten abgewendet werden. Interessanterweise weist die im Artikel offenkundig propagierte Basistherapie mit Interferonpräparaten eine inhibitorische Wirkung gegen Chlamydien auf (1).

Patienten, die im Frühstadium der Lyme-Borreliose mit geeigneten Antibiotika behandelt werden, erholen sich in der Regel rasch und vollständig. So werden schwere Krankheitsverläufe und Spätmanifestationen verhindert. Üblicherweise zur oralen Behandlung eingesetzte Antibiotika umfassen Doxycyclin oder Amoxicillin als Therapie der Wahl; Therapiealternativen sind Cefuroximaxetil oder Azithromycin. Zur intravenösen Therapie werden Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G eingesetzt. Die empfohlene Therapiedauer bewegt sich in Abhängigkeit von Art, Dauer und Schwere der Manifestation sowie eingesetztem Antibiotikum zwischen 10 und 30 Tagen.

Prävention und Schutz vor Zeckenbissen

Da es derzeit keine Impfung gegen Borreliose gibt, sind prophylaktische Maßnahmen, insbesondere das frühzeitige, fachgerechte Entfernen der Zecke, hilfreich. Vor allem beim Kind muss dabei auch der behaarte Kopf nach Zecken abgesucht werden.

Die Gefahr, Zecken zu akquirieren, besteht bei Freilandaufenthalten mit Kontakt zu bodennahen Pflanzen (Gras, Kraut, Strauchwerk). Kleidung, die möglichst viel Körperoberfläche bedeckt (z.B. Abwehrmittel (Repellents) für die Haut (z.B. Icaridin oder Diethyltoluamid [DEET]) wirken in gewissem Umfang auch gegen Zecken. Zur Wirksamkeit, Anwendung oder Wirkdauer sind die Herstellerangaben zu beachten. Schuhwerk oder Kleidung können auch behandelt werden oder vorbehandelte Kleidung und Ausrüs…

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