Die Legalisierung von Cannabis hat nicht nur Auswirkungen auf den Freizeitkonsum, sondern eröffnet auch neue Perspektiven für Menschen, die Cannabis aus medizinischen Gründen anwenden möchten, insbesondere bei Migräne. Es wird schon länger berichtet, dass Cannabis bei einer Migräneattacke helfen kann.
Aktuelle Forschungsergebnisse
Forschende des San Diego Center for Pain Medicine haben in einer Studie bestätigt, dass Cannabis bei Migräneattacken helfen kann. Dazu ließen sie 92 Migränebetroffene zu Beginn des Migräneanfalls den Inhalt einer genau dosierten Cannabiskapsel mithilfe eines Verdampfers inhalieren. Eine Gruppe erhielt Kapseln mit 6 Prozent Tetrahydrocannabinol (THC), eine weitere Gruppe atmete 11-prozentiges Cannabidiol (CBD) ein. Eine dritte Gruppe erhielt beide Wirkstoffe in gleicher Menge, während eine vierte Gruppe als Kontrollgruppe nur wirkstofffreien Blütenextrakt einatmete.
Ergebnisse der Studie
Die Patientinnen und Patienten behandelten insgesamt 247 Migräneattacken mit den Hanfkapseln. Nach zwei Stunden war ein gewisser Anteil der Betroffenen in allen Gruppen schmerzfrei:
- 34,5 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
- 27,9 Prozent in der reinen THC-Gruppe
- 22,8 Prozent in der reinen CBD-Gruppe
- 15,5 Prozent in der Placebogruppe
Bei 67,2 Prozent der Betroffenen aus der THC/CBD-Gruppe hatten sich die Schmerzen nach zwei Stunden zumindest reduziert, in der Placebogruppe war das nur bei 46,6 Prozent der Teilnehmenden der Fall. Auch andere unangenehme Migränesymptome wie Licht- und Geräuschempfindlichkeit konnten durch die Cannabistherapie gelindert werden. Die typischen Nebeneffekte von Hanfkonsum wie Euphorie oder kognitive Veränderungen traten in allen Gruppen auf, jedoch nur bei 1,5 Prozent in der Placebogruppe.
Vorläufige Schlussfolgerung
Das vorläufige Ergebnis der Studie zeigt, dass die Kombination aus THC und CBD gegen Migräneattacken am wirksamsten zu sein scheint.
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Weitere Studien und Wirkmechanismen
Frühere Studien haben bereits mögliche Wirkmechanismen von Cannabis aufgedeckt. Es reduziert bestimmte Eiweißstoffe, die mit Migräne in Verbindung stehen, und beeinflusst spezielle Nerven, die auf den Blutfluss im Gehirn einwirken.
Eine Übersichtsarbeit, die 12 Publikationen mit 1980 Patienten auswertete, ergab, dass medizinisches Cannabis (MC) nach 6 Monaten der Einnahme Übelkeit und Erbrechen durch Migräne signifikant reduzieren konnte. Es sorgte schon nach 30 Tagen für eine Reduktion in der Migränehäufigkeit und -frequenz. MC war dabei 51 % effektiver in der Reduktion der Migräne als Produkte ohne Cannabis. Im Vergleich zu Amitriptylin konnte MC bei manchen Patienten (11,6 %) Migräneattacken stoppen und ansonsten die Frequenz reduzieren. Bei Nutzern von MC kam es jedoch oftmals zu Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch.
Die Autoren dieser Übersichtsarbeit schließen daraus, dass medizinisches Cannabis positive Effekte auf Häufigkeit und Frequenz von Migräne haben kann. Sie betonen jedoch, dass weitere experimentelle Studien zur Bewertung der Sicherheit und Effektivität von Cannabis bei Migräne notwendig sind, um dies verlässlich einschätzen zu können.
Cannabis als Medikament in Deutschland
Rechtliche Grundlagen
Seit 2017 ist es Ärzten in Deutschland erlaubt, medizinisches Marihuana oder Cannabis zu verschreiben. Die Indikationen für die Anwendung sind nicht explizit formuliert, allerdings geht die Fachliteratur von einem sehr breiten therapeutischen Spektrum aus. Da zu den etablierten Indikationen chronische Schmerzen zählen, ist das Interesse von Migräne-Patienten naheliegend.
Versicherte mit schwerwiegenden Erkrankungen haben Anspruch auf Versorgung mit Cannabis, wenn es keine alternative Therapie gibt, die etablierten Maßnahmen nicht wirken oder nicht ausreichen und wenn eine Aussicht auf Besserung durch diese Therapie besteht. Die erste Verordnung muss von der Krankenkasse genehmigt werden. Dazu ist ein begründeter Antrag des Arztes erforderlich. Der Arzt ist verpflichtet, Daten für eine Begleiterhebung zu erheben. Die gesetzlichen Krankenkassen können nach begründetem Antrag des behandelnden Arztes die Therapie erstatten.
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Die Entscheidung, ob ein Patient mit Cannabis behandelt werden muss, liegt beim behandelnden, bzw. verschreibendem Arzt. Die Erstattung muss jedoch von der Krankenkasse genehmigt werden.
Anwendungsformen
Medizinisches Cannabis lässt sich inhalieren (rauchen, verdampfen) oder oral einnehmen (Tropfen, Kapseln, Öl, Spray). Cannabis kann in zahlreichen unterschiedlichen Formen eingesetzt und konsumiert werden: inhalativ, in Form von Fertigarzneimitteln (u.a. Extrakten) oder ggf. auch rein in Form der isolierten wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe.
Inhaltsstoffe und ihre Wirkung
Cannabis wirkt antiphlogistisch, antiemetisch, muskelrelaxierend, sedierend, appetitanregend, analgetisch und antidepressiv. Bisher wurde in Deutschland vor allem der Wirkstoff THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) eingesetzt. Verfügbar ist zudem CBD (Cannabidiol). CBD hebt die psychoaktive Wirkung des THC auf, daher sollte medizinisches Cannabis THC und CBD in einem ausgeglichenen Verhältnis enthalten. Das Fertigspray Sativex enthält je 50 % THC und CBD.
THC ist psychoaktiv und bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren im Gehirn, was zu den bekannten Rauschzuständen führt. CBD, im Gegensatz dazu, ist nicht psychoaktiv und interagiert hauptsächlich mit CB2-Rezeptoren, die im Immunsystem und peripheren Nervensystem zu finden sind.
Kontraindikationen
Kontraindikationen für die Anwendung von Cannabis sind: Psychosen, affektive Störungen, Angststörung, Kindes- und Jugendalter, da irreversible kognitive Folgeschäden zu erwarten sind.
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Anwendungshinweise für Migränepatienten
Dosierung und Einnahme
Die Dosierung von Cannabis hängt stark von der individuellen Verträglichkeit ab. Für eine individuelle Beratung zu den besten Anwendungsmethoden und der passenden Dosierung kann die kostenlose Hotline der Cannamedical Pharma kontaktiert werden.
- Start low, go slow: Beginnen Sie mit einer niedrigen Dosis und steigern Sie langsam, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
- Einnahmemethoden variieren: Bei akuten Migräneanfällen ist die Inhalation (z. B. durch Verdampfen) wegen der schnellen Wirkung innerhalb weniger Minuten nützlich. Öle und Tinkturen sind eine diskrete Alternative, die unter die Zunge getropft wird und eine etwas längere Wirkung bietet.
- Überwachung der Reaktion: Führen Sie ein Tagebuch über Dosierung und Reaktionen, um herauszufinden, was am besten wirkt.
Mögliche Nebenwirkungen
Wie bei jeder Therapie können auch bei der Verwendung von Cannabis Nebenwirkungen auftreten, darunter Schwindel, Müdigkeit und Veränderungen der Stimmung.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Einige Migränemedikamente können mit Cannabis interagieren. Es ist wichtig, dies mit dem behandelnden Arzt zu besprechen.
Konsumformen
Es gibt verschiedene Cannabis Konsumformen zur Behandlung von Migräne:
- Inhalation (Rauchen oder Verdampfen): Dies bietet eine schnelle Linderung, da die Wirkstoffe direkt in den Blutkreislauf gelangen.
- Öle und Tinkturen: Produkte Wie Dronabinol werden oral eingenommen oder unter die Zunge getropft.
- Essbare Produkte (Edibles): Diese haben eine längere Wirkungsdauer, aber auch eine verzögerte Wirkung von bis zu zwei Stunden.
Cannabis im Vergleich zu traditionellen Migränemedikamenten
Im Vergleich dazu wirken traditionelle Migränemedikamente wie Triptane und NSAIDs (nichtsteroidale Antirheumatika) auf die Blutgefäße und Schmerzrezeptoren im Gehirn. Cannabis hat im Vergleich zu traditionellen Medikamenten ein anderes Nebenwirkungsprofil. Im Gegensatz dazu sind herkömmliche Migränemedikamente, insbesondere NSAIDs, mit gastrointestinalen Problemen wie Magenschmerzen und Blutungen assoziiert.
Aktuelle Nachrichten und Studien
Eine im April veröffentlichte Studie zeigte, dass die Inhalation der Cannabisdrogen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) in einer ersten randomisierten Studie die Dauer von Migräneattacken verkürzt.
Eine weitere Studie analysierte Daten der medizinischen App „Strainprint“ und extrahierte über 12.000 Einträge von 1306 Kopfschmerzpatienten sowie 7441 Anwendungen von insgesamt 653 Betroffenen mit Migräne - innerhalb von 16 Monaten. Cannabis verbesserte bei neun von zehn Kopfschmerzpatienten die Symptome. Mit rund 88 % lag die Quote von Migränikern nur knapp darunter. Die Schwere wurde von den Teilnehmern nach Gebrauch als deutlich geringer gewertet. Im Durchschnitt lagen die Werte um drei Punkte auf einer Zehn-Punkte-Skala - was in etwa einer Halbierung entsprach. Konzentrate zeigten insgesamt die etwas besseren Effekte als Blüten, wobei vermutlich nicht die Mengen an Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol entscheidend waren, sondern wahrscheinlich noch andere Cannabinoide bzw.