Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und können von genetischen Defekten über Hirnschäden bis hin zu Stoffwechselstörungen reichen. Angesichts der Komplexität der Erkrankung und der Tatsache, dass etwa ein Drittel der Betroffenen nicht ausreichend auf herkömmliche Antiepileptika anspricht, wächst das Interesse an alternativen Therapieansätzen, insbesondere an medizinischem Cannabis.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern eine Sammelbezeichnung für verschiedene Störungen der Gehirnfunktion, die epileptische Anfälle auslösen. Die Ursachen können vielfältig sein, darunter genetische Defekte, Aufbaustörungen des Gehirns, Folgen von Unfällen, Hirntumoren, Schlaganfälle, Blutungen oder Entzündungen. Die Anfälle können entweder nur Teile der Hirnrinde (fokale Anfälle) oder die gesamte Hirnrinde (generalisierte Anfälle) betreffen. Häufigkeit und Ausprägung der Anfälle variieren stark von Patient zu Patient.
Symptome der Epilepsie
Epileptische Anfälle können sich vielfältig äußern. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Anfälle: Diese reichen von milden, kurzen Bewusstseinstrübungen bis hin zu schweren generalisierten Krämpfen und Muskelzuckungen.
- Bewusstseinsverlust: Viele Betroffene verlieren während eines Anfalls das Bewusstsein, was mit Stürzen oder Zuckungen einhergehen kann.
- Aura: Manche Menschen erleben sensorische Vorzeichen, wie Sehstörungen, Gerüche oder Kribbeln, bevor ein Anfall beginnt.
- Verwirrtheit nach dem Anfall: Nach einem Anfall sind Betroffene oft verwirrt oder benötigen Zeit, um sich wieder zu orientieren.
Diagnose und Klassifikation
Epilepsie wird in der Regel durch eine Kombination aus EEG (Elektroenzephalogramm), MRT (Magnetresonanztomographie) und klinischer Beurteilung diagnostiziert. Die Erkrankung wird basierend auf dem Anfallstyp und den zugrunde liegenden Ursachen klassifiziert, um eine gezielte Behandlung zu ermöglichen.
Das Endocannabinoid-System und Epilepsie
Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener Gehirnaktivitäten. Es wird angenommen, dass die Endocannabinoide 2-Arachidonylglycerol (2-AG) und Anandamid an der Steuerung der neuronalen Erregungsaktivitäten beteiligt sind. Experimentelle und klinische Beobachtungen deuten darauf hin, dass körpereigene Cannabinoid-Signalwege auch an der Entstehung von Epilepsie beteiligt sein könnten. Bei Epilepsie-Patienten liegt möglicherweise ein dysfunktionales ECS vor, was die Idee nahelegt, dass medizinisches Cannabis dieses Ungleichgewicht ausgleichen und als therapeutisches Mittel wirken könnte.
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Konkret könnte medizinisches Cannabis die übermäßige Ausschüttung von Neurotransmittern verhindern und dadurch möglicherweise einen epileptischen Anfall abwenden. Insbesondere das THC aus medizinischem Cannabis kann in diesen Prozess eingreifen, indem es das ECS durch die Bindung an Cannabinoid-Rezeptoren aktiviert und die Neurotransmitter-Ausschüttung verhindert. Das CBD verfügt neben der Interaktion mit dem ECS auch über krampflösende Effekte, was einen zusätzlichen Nutzen bei der Behandlung der Epilepsie bieten kann. Darüber hinaus kann medizinisches Cannabis das Gehirn vor Schädigungen schützen, die mit dem Anfall verbunden sein können, indem es die Empfindlichkeit der Nervenzellen verändert und die Freisetzung von Glutamat reduziert.
Cannabinoide im Fokus: THC und CBD
Die Cannabispflanze enthält über 400 verschiedene Bestandteile, von denen einige in der Medizin eingesetzt werden. Besonders relevant für die Behandlung von Epilepsie sind die Cannabinoide THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol).
THC: Umstrittene Wirkung
THC ist das bekannteste Cannabinoid und hauptsächlich für die berauschende Wirkung von Cannabis verantwortlich. Einige ältere Studien aus den 1970er Jahren deuteten auf einen krampflösenden Effekt von THC hin, während andere Studien keine entsprechende Wirkung feststellen konnten oder sogar zu dem Schluss kamen, dass THC Krampfanfälle begünstigen könnte. Aufgrund dieser widersprüchlichen Ergebnisse wird die Verwendung von THC bei Epilepsie derzeit nicht empfohlen. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass der psychoaktive Cannabis-Wirkstoff THC in seltenen Fällen Anfälle auslösen oder bestehende Epilepsien verstärken kann.
CBD: Hoffnungsträger in der Epilepsiebehandlung
CBD hingegen hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2013 rückte die Anwendung von CBD bei Epilepsie erstmals in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit, als in der CNN-Dokumentation „WEED“ der Fall von Charlotte Figi beleuchtet wurde. Durch die Einnahme von CBD-Öl konnte die Zahl ihrer epileptischen Anfälle deutlich reduziert werden. Seitdem haben zahlreiche Studien untersucht, ob CBD bei Epilepsie vorteilhaft sein könnte.
Alle Untersuchungen hatten gemeinsam, dass CBD ergänzend zu herkömmlichen Antiepileptika angewendet wurde. Bei den Versuchsgruppen handelte es sich vorwiegend um Kinder und Jugendliche mit Lennox-Gastaut-Syndrom und Dravet-Syndrom, zwei seltenen und schwer behandelbaren Formen von Epilepsie, die schon im Kindesalter auftreten. Eine Studie des Johns-Hopkins-Instituts aus dem Jahr 2021 untersuchte den Einsatz von frei verkäuflichem CBD bei erwachsenen Epilepsie-Patienten. Dabei berichteten die Probanden, die CBD einnahmen, im Vergleich zur Kontrollgruppe von einer signifikant besseren Verträglichkeit herkömmlicher Epilepsiemedikamente und einer geringeren Wahrscheinlichkeit der Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten und traditionellen Antikonvulsiva.
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Im Jahr 2019 wurde Epidyolex® von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zur Behandlung des Dravet-Syndroms und des Lennox-Gastaut-Syndroms zugelassen. Hier können Ärzte also Cannabis auf Rezept verschreiben, oder genauer gesagt: einen aus Cannabis gewonnenen Wirkstoff.
Wie kann medizinisches Cannabis bei Epilepsie helfen?
Medizinisches Cannabis, insbesondere CBD, kann bei Epilepsie die Anfallshäufigkeit und -intensität verringern. CBD interagiert mit verschiedenen Rezeptoren im Gehirn, die an der Regulierung neuronaler Aktivität beteiligt sind, was die Krampfbereitschaft senken kann. THC kann in geringen Dosen bei bestimmten Patienten unterstützend wirken, muss jedoch individuell und mit ärztlicher Überwachung dosiert werden. Terpene wie Linalool und Caryophyllen verstärken die beruhigende Wirkung und tragen zu einer stabilen Anfallskontrolle bei.
Studien zur Wirksamkeit von Cannabis bei Epilepsie
In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien zur Wirksamkeit von Cannabis bei Epilepsie durchgeführt. Einige der wichtigsten Ergebnisse sind:
- Devinsky, O., et al. (2016): Diese Studie zeigte, dass CBD die Anfallshäufigkeit bei Patienten mit dem Dravet-Syndrom signifikant reduzieren kann.
- Thiele, E. A., et al. (2018): Diese Untersuchung fand, dass CBD die Anfallssymptome bei Patienten mit Lennox-Gastaut-Syndrom wirksam reduziert und gut verträglich ist.
- Russo, E. B. (2011): Diese Studie beschreibt, wie Terpene wie Linalool und Beta-Caryophyllen krampflösende Effekte unterstützen können.
- Israelische Forscher (2022): Eine Studie mit 114 Epilepsie-Patienten (Kinder und Jugendliche) zeigte, dass ein CBD-angereichertes Cannabis-Öl bei 51 % der Studienteilnehmer die Anfallshäufigkeit um mehr als 50 % innerhalb eines Behandlungsjahres senken konnte.
- Johns Hopkins Universität: Eine Studie ermittelte die Wirksamkeit von frei-verkäuflichem CBD bei Erwachsenen. Auch wenn die Ergebnisse nicht statistisch signifikant waren, so zeigte sich dennoch, dass die CBD-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe weniger Anfälle hatte und die Verträglichkeit der zusätzlich eingenommenen Antiepileptika deutlich verbessert war.
- Navarro CE (2023): Eine offene, prospektive Kohortenstudie (n = 44) zeigte, dass bei fast 80 % der Patienten die Anzahl der Anfälle um mehr als 50 % verringert werden konnte.
- Riva A, et al. (2023): Eine Studie mit 6 Probanden zeigte, dass Patienten mit einem seltenen genetisch-bedingten Mangel an Glycosylphosphatidylinositol-verankerten Proteinen (DPI-AD) ebenso von einer Add-on Cannabis-Therapie profitieren.
Ist Cannabis eine wirksame Therapie bei Epilepsie?
Medizinisches Cannabis, insbesondere CBD, hat sich als vielversprechende Therapie zur Reduktion der Anfallshäufigkeit und -intensität bei Epilepsie erwiesen. Die Kombination aus CBD und beruhigenden Terpenen wie Linalool und Caryophyllen kann zusätzlich zur Krampfreduktion beitragen. Eine ärztliche Begleitung ist entscheidend, um die Dosis und Form des Cannabismedikaments individuell anzupassen und die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.
Anwendung von medizinischem Cannabis bei Epilepsie
Die Anwendung von medizinischem Cannabis bei Epilepsie erfordert eine sorgfältige Abwägung und ärztliche Begleitung.
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Praktische Anwendung
CBD-Öl oder Kapseln sind die häufigsten Einnahmeformen und können eine konstante, langanhaltende Wirkung bieten. Die Dosierung sollte stets in Absprache mit einem Arzt erfolgen, insbesondere da die Wirkung je nach Anfallstyp und individueller Reaktion variieren kann. Epidyolex, ein zugelassenes CBD-Öl, wird in Form einer oralen Lösung verabreicht. Die Dosierung beginnt niedrig und wird individuell angepasst, abhängig von Gewicht und Verträglichkeit.
Medizinalcannabis zur Behandlung von Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen
Der Einsatz von Medizinalcannabis speziell bei Epilepsie im Kindesalter wurde maßgeblich durch den Fall Charlotte Figi beeinflusst. Seitdem haben andere Studien, insbesondere bei pädiatrischen Patienten, ebenfalls einen positiven Einfluss von medizinischem Cannabis mit hohem CBD- aber geringen THC-Gehalt meist ergänzend zu herkömmlichen Antiepileptika gezeigt. Nach Auswertung der Studienlage kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass es hinreichende Belege gibt, die die potenzielle Wirksamkeit von CBD-angereicherten Ölen bei der Behandlung von kindlicher Epilepsie rechtfertigen. Nichtsdestotrotz ist insbesondere die Behandlung von Kindern und Jugendlichen stets kritisch abzuwägen, da sich THC negativ auf die kognitive Entwicklung auswirken kann. Hierbei gilt es eine Nutzen-Risiko-Abschätzung ähnlich wie bei anderen Medikamenten durchzuführen.
Medizinalcannabis zur Behandlung von Epilepsie bei Erwachsenen
Im Moment gibt es deutlich weniger Studien, die den Einsatz von medizinischem Cannabis bei Erwachsenen zur Behandlung der Epilepsie untersuchen. Um den potenziellen Effekt und Nutzen von Medizinalcannabis bei Erwachsenen besser beurteilen zu können, sind jedoch weitere Studien (Placebo-kontrolliert) mit mehr Probanden über einen längeren Zeitraum nötig.
Isoliertes CBD versus Extrakt
Einige Studien verwenden für ihre Untersuchungen isoliertes, reines CBD, andere hingegen verwenden Extrakte, hergestellt durch eine Ethanol-Extraktion ausgehend von getrockneten Cannabisblüten. In einer Meta-Analyse wurde dieser Frage nachgegangen und anhand von 11 Beobachtungsstudien (5 mit isoliertem CBD, 6 mit CBD-reichen Extrakten) die Auswirkungen auf die Anfallshäufigkeit verglichen. Zwei Drittel aller Patienten berichteten, dass es zu einer Verringerung ihrer epileptischen Anfälle kam: bei Patienten, die CBD-Extrakte bekamen waren es 71 % und bei Patienten mit isoliertem CBD 46 %. Patienten, die CBD-Extrakte einnahmen, benötigten eine geringere Dosis als diejenigen, die isolierte CBD-Öle einnahmen (6,0 vs. 25,3 mg/kg/Tag). Ebenso traten bei der Verwendung der Extrakte weniger Nebenwirkungen auf. Die Forschungsgruppe vermutete als Ursache für diese Ergebnisse den Entourage-Effekt. Damit wird das synergistische Zusammenspiel aller Inhaltsstoffe des medizinischen Cannabis beschrieben. Demnach wird die Wirkung des CBD in Anwesenheit anderer Cannabionoide, Terpene und weiterer Inhaltsstoffe verstärkt.
Mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Wie bei allen Medikamenten können auch bei der Anwendung von medizinischem Cannabis Nebenwirkungen auftreten.
Nebenwirkungen
Da in der Behandlung von Epilepsie häufig CBD-reiche Cannabissorten eingesetzt werden, sind die Nebenwirkungen vergleichsweise mild und treten meist nur zu Beginn der Behandlung auf. Häufig wird von Schläfrigkeit, vermindertem Appetit, Durchfall, Erbrechen, Müdigkeit und Fieber berichtet.
Wechselwirkungen
Bei der Anwendung von CBD in Kombination mit herkömmlichen Antiepileptika kann es zu Wechselwirkungen kommen. In Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass medizinisches Cannabis die Wirkung von Antiepileptika verstärken kann. Die gleichzeitige Anwendung von Cannabidiol und Clobazam kann das Vorkommen von Somnolenz und Sedierung erhöhen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Valproat kann es vermehrt zu Durchfall und vermindertem Appetit kommen und das Risiko für eine Leberschädigung ist erhöht. Regelmäßige Kontrollen von Leberwerten und Medikamentenspiegeln sind unerlässlich.
Rechtliche Aspekte und Kostenübernahme
In Deutschland ist die Verschreibung von medizinischem Cannabis seit 2017 möglich. Seit April 2024 kann es auf ein einfaches Rezept von qualifizierten Ärzten, meist Neurologen, verschrieben werden, ohne die bisher erforderliche Betäubungsmittelrezeptierung. Die Cannabis Verschreibung bei Epilepsie setzt eine genaue medizinische Indikation voraus, etwa für zugelassene Präparate wie Epidyolex bei seltenen Epilepsieformen. Die Cannabis Kostenübernahme durch Krankenkassen ist möglich, erfordert aber einen Antrag mit ärztlicher Begründung. Die Kosten für Epidyolex oder andere Cannabis-Medikamente können jedoch beträchtlich sein.
Risiken der Selbstmedikation
Selbstmedikation mit frei verkäuflichem CBD-Öl oder Hanföl bei Epilepsie ist gefährlich. Diese Produkte sind nicht standardisiert, nicht medizinisch geprüft und können unwirksam oder schädlich sein. Ungeprüfte Produkte können Verunreinigungen wie Pestizide oder Schwermetalle enthalten und unklare Wirkstoffgehalte aufweisen, was die Anfallskontrolle gefährden kann.
Mythen und Fakten
Ein häufiger Mythos ist, dass Cannabis jede Epilepsie heilt oder THC genauso wirksam wie CBD ist. Tatsächlich ist CBD bei Epilepsie nur für bestimmte Formen zugelassen, und THC zeigt keine Vorteile.