Spastik ist eine belastende Begleiterscheinung neurologischer Erkrankungen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken kann. Die Suche nach wirksamen Therapien, insbesondere solchen, die auf das zentrale Nervensystem und das Immunsystem einwirken, ist daher von großer Bedeutung. Cannabinoide, insbesondere Cannabidiol (CBD), rücken zunehmend in den Fokus der Forschung und Anwendung. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zu CBD bei Spastik, die Unterschiede zu THC, die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und die potenziellen Risiken der Therapie.
Was ist Spastik?
Spastik ist eine komplexe neurologische Bewegungsstörung, die durch eine erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus) und unwillkürliche Muskelkrämpfe gekennzeichnet ist. Fachleute definieren Spastik als einen gesteigerten, geschwindigkeitsabhängigen Dehnungswiderstand der Skelettmuskulatur. Das bedeutet, dass die Muskelspannung umso stärker ist, je schneller der Muskel passiv bewegt wird.
Die Symptome der Spastik können vielfältig sein und sich individuell unterschiedlich äußern. Zu den häufigsten Anzeichen gehören:
- Erhöhte Muskelspannung
- Unkontrollierte Muskelkontraktionen
- Einschränkungen der Beweglichkeit
- Muskellähmung
- Verlangsamte Bewegungsabläufe
- Gesteigerte Eigenreflexe der Muskeln
- Gestörter Muskeltonus (spastische Dystonie)
Je nach Ausprägung kann die Spastik lokal begrenzt (fokal) sein oder ein ganzes Rückenmarkssegment betreffen (segmental). Bestimmte Triggerfaktoren können Spasmen auslösen oder verschlimmern, darunter eingeschränkte Beweglichkeit, Schmerzen, emotionale Anspannung, Entzündungen, Infektionen, Stuhldrang, Harndrang, Druckgeschwüre, Thrombosen und Knochenbrüche.
Die Rolle des Dehnungsreflexes
Der Dehnungsreflex spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Spastik. In der Skelettmuskulatur befinden sich Muskelspindeln, die den Dehnungszustand der Muskeln messen und über Nervenfasern Signale an das Rückenmark weiterleiten. Bei einer passiven Dehnung des Muskels wird im Rückenmark der Dehnungsreflex ausgelöst, der über Motoneuronen eine Muskelkontraktion bewirkt. Normalerweise dämpft das Gehirn diese Muskelkontraktion über hemmende Interneurone, um ein Gleichgewicht zwischen Dehnung und Kontraktion herzustellen. Bei Menschen mit Spastik sind jedoch die für geregelte Bewegungsabläufe zuständigen Bereiche des zentralen Nervensystems verletzt, wodurch die Muskelaktivität nicht ausreichend gebremst wird.
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Ursachen und Häufigkeit
Spastik tritt häufig im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS), Zerebralparese oder nach einem Schlaganfall auf. Schätzungsweise leiden in Deutschland etwa 250.000 Menschen an einer spastischen Bewegungsstörung, wobei der Schlaganfall die häufigste Ursache darstellt. Je nach zugrunde liegender Erkrankung kann sich eine Spastik zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Krankheitsverlauf entwickeln. So entwickeln beispielsweise 20 bis 40 Prozent der Schlaganfallpatienten innerhalb eines Jahres eine Spastik.
Konsequenzen unbehandelter Spastik
Wird eine Spastik nicht oder zu spät behandelt, kann es zu Komplikationen wie Schmerzen, Muskelverkürzungen (Kontrakturen) und Hautverletzungen bis hin zu Druckgeschwüren kommen. Diese Beschwerden können nahezu alle Alltagsaktivitäten beeinträchtigen.
Konventionelle Therapien bei Spastik
Spastiken sind nicht heilbar, können aber gut behandelt werden. Die Grundsäule der Therapie besteht aus:
- Ergotherapie: zur Verbesserung derFunktionsfähigkeit im Alltag
- Physiotherapie: zurDehnung und Kräftigung der Muskulatur
- Lagerung: in möglichst schmerzfreier Dehnung
Zusätzlich können physikalische Therapien wie Wärme- oder Kälteanwendungen eingesetzt werden. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, kommen Medikamente zum Einsatz, die den erhöhten Muskeltonus reduzieren sollen. Am häufigsten werden Baclofen und Tizanidin in Tablettenform verordnet. Weitere Wirkstoffe sind Benzodiazepine (z.B. Clonazepam), Dantrolen und Tolperison.
Lokal begrenzte Spastiken können mit orthopädischen Hilfsmitteln (Schienen, Orthesen) oder Botulinumtoxin behandelt werden. Botulinumtoxin wird direkt in den betroffenen Muskel gespritzt, um gezielt die Kontraktion zu unterbinden. Bei schweren Spastiken kann Baclofen über eine implantierte Pumpe intrathekal, also direkt in die das Rückenmark umgebende Flüssigkeit, appliziert werden.
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Herkömmliche orale Antispastika müssen oft relativ hoch dosiert werden, was zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Muskelschwäche führen kann, die die Lebensqualität der Betroffenen einschränken.
Cannabinoide als Therapieoption bei Spastik
Cannabinoide, insbesondere Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), haben in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit als potenzielle Therapieoption bei Spastik erlangt. Sie wirken direkt auf das zentrale Nervensystem und das Immunsystem und können so möglicherweise die Symptome der Spastik lindern.
THC vs. CBD: Unterschiede in Wirkung und Anwendung
THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) sind die beiden bekanntesten Cannabinoide der Cannabis-Pflanze, die sich grundlegend in ihrer Wirkung und Anwendung unterscheiden.
- THC: vermittelt seine antispastischen Wirkungen hauptsächlich durch die Aktivierung der Endocannabinoidrezeptoren CB1 und CB2. Der CB1-Rezeptor wird überwiegend in Gehirn und Rückenmark ausgebildet, findet sich aber auch außerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS). THC wirkt als Partialagonist an CB1, der hauptsächlich in ZNS-Bereichen vorkommt, die unter anderem mit Schmerz- und Sinneswahrnehmung, Kognition, Emotionen oder Appetit verbunden sind. Wissenschaftler vermuten, dass THC durch Anheften an präsynaptische CB1-Rezeptoren die übermäßige Glutamat-Freisetzung bremst.
- CBD: Wie Cannabidiol (CBD) antispastisch wirkt, ist derzeit ungeklärt. CBD besitzt eine geringere Affinität zu CB1 und wirkt antagonistisch an diesem Rezeptor. Man vermutet, dass CBD deshalb die psychoaktiven Effekte von THC mildert und gleichzeitig seine therapeutischen Effekte verstärkt. CBD kann in einem schwächeren Ausmaß an CB1-Rezeptoren binden.
Die Wahl zwischen THC und CBD hängt stark von der individuellen Gesundheitssituation und den therapeutischen Zielen ab und sollte nach ärztlicher Beratung erfolgen.
Studienlage zu Cannabinoiden bei Spastik
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Spastik ist moderat bis niedrig, insbesondere bei Multipler Sklerose. Es gibt jedoch einige vielversprechende Studien, die positive Effekte zeigen.
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- Sativex®: Ein Forscherteam untersuchte im Jahr 2010 die Wirksamkeit von Sativex® (einem Oromukosalspray mit einem THC- und CBD-reichem Cannabisextrakt) oder Placebo bei 337 Patient*innen mit therapieresistenter Spastik in Folge von Multipler Sklerose. Die Ergebnisse zeigten, dass Sativex® die Stärke der Beschwerden signifikant reduzieren konnte und gut verträglich war. Basierend auf diesen Ergebnissen wurde Sativex® im Juli 2011 in Deutschland zugelassen.
- Nabilon: Eine kleine randomisierte, placebokontrollierte Cross-over Studie aus dem Jahr 2010 untersuchte die Wirksamkeit von Nabilon bei Betroffenen mit spastischen Beschwerden nach einer Verletzung des Rückenmarks. Die Ergebnisse zeigten, dass Nabilon die Spastik in den am meisten betroffenen Muskeln signifikant reduzieren konnte.
- Übersichtsarbeiten: Eine Übersichtsarbeit von 2019 wertete 32 Studien zur Therapie der Spastik mit Cannabinoiden aus. Die Patient*innen berichteten subjektiv über eine Besserung der Spastik mit verschiedenen Cannabinoid-Medikamenten. Objektiv konnten die Therapieerfolge mit reduzierten Werten in der Ashworth-Skala in der Dronabinolgruppe untermauert werden.
Cannabinoide bei verschiedenen Grunderkrankungen
Spastik bei Multipler Sklerose gehört zu einer der wenigen gesicherten Anwendungsgebiete für Medizinalcannabis. Cannabinoide haben mittlerweile Einzug in deutsche Leitlinien zur Therapie des spastischen Syndroms gefunden. Für die Wirksamkeit bei Spastiken aufgrund anderer Grunderkrankungen liegen derzeit kaum Studien vor. Jedoch gibt es einige erfolgversprechende Studien zur Therapie der Spastik nach Rückenmarksverletzung und Motoneuron-Erkrankungen. Einige Fallberichte zeigten außerdem Therapieerfolge bei schwer kranken Kindern und jungen Erwachsenen, von denen die meisten an infantiler Zerebralparese leiden. Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin (Meyer et al., 2019) wurde mit 32 Patienten, die wegen Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) unter Spastiken litten, durchgeführt. Alle wurden mit THC:CBD Spray behandelt. Der allgemeine NPS betrug +4,9, was eine positive Empfehlung bedeutet. Insbesondere Patienten mit moderater bis schwerer Spastik hatten eine hohe Empfehlungsrate (NPS: +29) im Vergleich zu Patienten mit leichter Spastik. Insgesamt war die Behandlungszufriedenheit hoch.
Anwendungsformen von Cannabinoiden bei Spastik
Cannabinoide können in verschiedenen Formen zur Behandlung von Spastik eingesetzt werden:
- Oromukosales Spray (z.B. Sativex®): wird in die Mundhöhle gesprüht und ermöglicht eine schnelle Aufnahme der Wirkstoffe über die Mundschleimhaut.
- Kapseln (z.B. Dronabinol): enthalten synthetisch hergestelltes THC und werden oral eingenommen.
- Cannabisblüten: können verdampft oder geraucht werden.
- Öle/Tropfen: werden oral eingenommen oder unter die Zunge geträufelt.
Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland
Die Cannabistherapie bei Spastik unterliegt in Deutschland komplexen rechtlichen Rahmenbedingungen. Seit 2017 ist die Verordnung von Cannabisarzneimitteln unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen ist möglich, wenn andere Therapieoptionen ausgeschöpft sind und eine реаistische Aussicht auf eine positive Wirkung besteht. Die Verordnung erfolgt auf Betäubungsmittelrezept, und Patienten müssen mit einer engmaschigen medizinischen Kontrolle rechnen.
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Die Cannabistherapie bei Spastik ist ein komplexes medizinisches Thema, das eine sorgfältige Abwägung zwischen potenziellen Vorteilen und möglichen Risiken erfordert. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören:
- Schwindel
- Müdigkeit
- Psychische Effekte wie Euphorie oder Angstzustände
- Tachykardie
- Orthostatische Hypotonie
- Erhöhte Rate an Ischämien (bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung kontraindiziert)
Es ist wichtig zu beachten, dass die individuelle Reaktion auf Cannabistherapie stark variiert. Einige Patienten berichten von deutlicher Symptomlinderung, während andere nur geringe oder keine Verbesserung wahrnehmen.
Fazit
Cannabinoide, insbesondere CBD und THC, stellen eine vielversprechende Therapieoption bei Spastik dar. Die Studienlage ist zwar noch nicht ausreichend, um eine generelle Empfehlung auszusprechen, aber es gibt Hinweise auf positive Effekte bei bestimmten Patientengruppen, insbesondere bei Multipler Sklerose und Rückenmarksverletzungen. Die Entscheidung für oder gegen eine Cannabinoidtherapie sollte immer in Absprache mit einem Arzt getroffen werden, der die individuelle Situation des Patienten berücksichtigt und die potenziellen Vorteile und Risiken sorgfältig abwägt.