Die Behandlung von Epilepsie, insbesondere bei Kindern, stellt eine große Herausforderung dar. Konventionelle Antiepileptika zeigen nicht immer die gewünschte Wirkung, und viele Betroffene leiden weiterhin unter Anfällen. In den letzten Jahren hat Cannabidiol (CBD), ein nicht-psychoaktives Cannabinoid aus der Cannabispflanze, als möglicher Therapieansatz zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dieser Artikel fasst die aktuelle Studienlage und klinische Erfahrungen zum Einsatz von CBD bei Epilepsie zusammen.
Einführung in CBD und Epilepsie
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Krampfanfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch unkontrollierte elektrische Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Die Ursachen für Epilepsie können vielfältig sein, darunter genetischeDefekte, Hirntraumata oder Stoffwechselstörungen. In Deutschland leiden schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen an Epilepsie, wobei etwa ein Drittel nicht ausreichend auf herkömmliche Antiepileptika anspricht.
CBD ist ein Cannabinoid, das aus der Hanfpflanze gewonnen wird. Im Gegensatz zu Tetrahydrocannabinol (THC) hat CBD keine psychoaktive Wirkung. Es wird in der Medizin bereits bei bestimmten Formen der Epilepsie eingesetzt, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) und dem Dravet-Syndrom (DS).
Zulassung von Epidyolex® und klinische Studien
Im Jahr 2020 erhielt eine flüssige Formulierung von CBD (Epidyolex®) die Zulassung für den europäischen Markt. Seitdem kann CBD in Kombination mit Clobazam bei Patienten ab zwei Jahren zur adjuvanten Behandlung von Krampfanfällen im Zusammenhang mit LGS oder DS eingesetzt werden.
Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS)
Das Lennox-Gastaut-Syndrom ist eine schwere, seltene und therapieresistente Form der Epilepsie. Klinische Studien haben gezeigt, dass CBD als Zusatztherapie die Anfallshäufigkeit bei LGS-Patienten reduzieren kann.
Lesen Sie auch: Epilepsie-Studien: Diagnose & Therapie
In zwei zulassungsrelevanten, randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studien (GWPCARE3 und -4) wurde die Wirksamkeit und Verträglichkeit von CBD als Zusatztherapie bei Krampfanfällen im Zusammenhang mit LGS untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass CBD in den Subgruppen der Patienten, die gleichzeitig Clobazam einnahmen, zu einer signifikanten Reduktion der Sturzanfallhäufigkeit führte.
Eine Subgruppenanalyse der Studie GWPCARE4 ergab, dass 20 mg CBD/kg Körpergewicht pro Tag als antiepileptische Zusatztherapie zu Clobazam bei LGS-Patienten zu einer Reduktion der monatlichen Häufigkeit von Sturzanfällen gegenüber dem Ausgangswert um 62,4 % führten, verglichen mit 30,7 % in der Placebo-Gruppe. In der GWPCARE3-Studie wurde eine Reduktion von 64,3 % in der 20-mg-CBD-Gruppe, 45,6 % in der 10-mg-CBD-Gruppe und 22,7 % unter Placebo beobachtet.
Die Gabe von CBD zu Clobazam ging auch mit einer signifikanten Verbesserung der Ansprechrate einher. Eine Verringerung der Häufigkeit von Sturzanfällen um mindestens 50 % erreichten in der GWPCARE4-Studie 54,8 % der Patienten unter 20 mg CBD/kg KG pro Tag vs. 28,6 % unter Placebo. In der GWPCARE3-Studie waren es 55,6 % bei 20 mg, 40,5 % bei 10 mg und 21,6 % unter Placebo.
Eine Reduktion der Sturzanfallhäufigkeit um mindestens 75 % wurde bei 31 % der Patienten unter 20 mg vs. 7 % unter Placebo in der GWPCARE4-Studie bzw. bei 36 % unter 20 mg, 11 % unter 10 mg und 3 % unter Placebo in der GWPCARE3-Studie beobachtet. Zudem profitieren LGS-Patienten unter 10- bzw. 20-mg-CBD-Zusatz von einem Plus von 3,3 bzw. 5,5 bis 7,6 sturzanfallsfreien Tagen pro Monat im Vergleich zum Placebo-Arm, wie eine Subgruppenanalyse der zulassungsrelevanten GWPCARE3/4-Studien zeigte.
Eine offene Langzeitstudie unterstützte diese Ergebnisse, wobei 88 % der Patienten bzw. Betreuer eine generelle Verbesserung des Gesamtzustands des Patienten nach 48 Wochen berichteten.
Lesen Sie auch: Studienteilnahme bei Epilepsie: Was Sie wissen müssen
Dravet-Syndrom (DS)
Das Dravet-Syndrom ist eine schwere frühkindliche und sehr therapieresistente Epilepsieform. Auch bei DS-Patienten führte CBD als antiepileptische Zusatztherapie zu Clobazam zu einer Placebo überlegenen Wirksamkeit.
In der GWPCARE1-Studie wurde die Häufigkeit von Krampfanfällen unter 20 mg CBD/kg KG pro Tag signifikant um 53,6 % vs. 18,9 % (Placebo) gesenkt. In der GWPCARE2-Studie wurde eine Reduktion um 56,8 % unter 20 mg CBD, 60,9 % unter 10 mg bzw. 37,6 % unter Placebo beobachtet.
Die Ansprechrate (mindestens 50%ige Reduktion der Häufigkeit von Krampfanfällen) betrug in der GWPCARE1-Studie 47,5 % bei Patienten unter 20 mg CBD/kg KG pro Tag vs. 23,7 % unter Placebo und in der GWPCARE2-Studie 62,5 % bei 20 mg, 55,6 % bei 10 mg und 36,6 % unter Placebo.
Eine mindestens 75%ige Verringerung des Häufigkeit von Krampfanfällen erzielten bei einer Verabreichung von 20 mg CBD/kg KG pro Tag in der GWPCARE1-Studie 25 % im Vergleich zu 13 % unter Placebo; in der GWPCARE2-Studie betrug diese Ansprechrate ebenfalls 25 %. Unter 10 mg CBD/kg KG/Tag sprachen 36 % der Patienten und im Placebo-Arm 10 % an.
Nebenwirkungen und Verträglichkeit
Die häufigsten unerwünschten Ereignisse bei den Patienten in den CBD-Gruppen waren Somnolenz, verminderter Appetit und Durchfall. Diese Ereignisse traten mit 94 % in der Gruppe mit höheren Dosen häufiger auf als bei der niedrigen Dosierung (84 %) und in der Placebo-Gruppe (72 %). Als häufigster Studienabbruchgrund wurden erhöhte Leberenzymwerte dokumentiert.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Es ist wichtig zu beachten, dass es Hinweise auf mögliche Wechselwirkungen zwischen CBD und herkömmlichen Antiepileptika gibt. Daher sollte die Einnahme von CBD immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
CBD im klinischen Alltag
Die positiven Ergebnisse aus kontrollierten Studien lassen sich auch in den klinischen Alltag übertragen. Kasuistiken zeigen, dass CBD bei einigen Patienten mit therapieresistenter Epilepsie zu einer deutlichen Reduktion der Anfallshäufigkeit führen kann.
CBD und THC: Ein wichtiger Unterschied
Es ist wichtig, zwischen CBD und THC zu unterscheiden. THC ist der psychoaktive Bestandteil der Cannabispflanze und kann in einigen Fällen Krampfanfälle begünstigen. CBD hingegen hat keine psychoaktive Wirkung und wird in der Epilepsiebehandlung eingesetzt, um Anfälle zu reduzieren.
Rechtliche Aspekte und Kosten
In Deutschland ist Cannabidiol seit März 2017 bei pharmakorefraktären Epilepsien verschreibungsfähig. Die Kosten für eine CBD-Behandlung können jedoch erheblich sein. Im Falle von Cannabidiol würde man bei einem Erwachsenen durchschnittlichen Gewichts monatlich 3.000 bis 3.500 Euro ansetzen müssen. Daher ist es ratsam, vor Beginn einer CBD-Therapie einen Antrag bei der Krankenkasse oder -versicherung zu stellen.