Zerebelläre Ataxie: Ursachen, Vererbung und Behandlungsmöglichkeiten

Eine Ataxie ist eine Störung der Bewegungskoordination, die sich durch unkontrollierte, überschießende oder ungenaue Bewegungen äußert. Diese Bewegungsstörungen sind nicht auf Muskelschwäche zurückzuführen, sondern auf eine gestörte Steuerung und Abstimmung der Bewegungen. Es gibt verschiedene Formen von Ataxien, die sich je nach Ursache und betroffener Struktur im Nervensystem unterscheiden. Die zerebelläre Ataxie ist eine davon.

Was ist zerebelläre Ataxie?

Die zerebelläre Ataxie ist eine neurologische Störung, die durch pathologische Veränderungen im Kleinhirn entsteht. Das Kleinhirn, ein wichtiger Teil des Gehirns im hinteren Schädelbereich, spielt eine entscheidende Rolle bei der Koordination von Bewegungen und der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts. Es verarbeitet Informationen über die Position und Bewegung der Muskeln und Gelenke und koordiniert diese, um eine präzise und flüssige Motorik zu gewährleisten. Man kann es sich als das "Dirigentenzentrum" des motorischen Systems vorstellen.

Bei der zerebellären Ataxie ist das Kleinhirn in seiner Fähigkeit, Bewegungen zu koordinieren, beeinträchtigt. Dies kann zu unkontrollierter und ungeschickter Motorik führen. Betroffene können Schwierigkeiten beim Gehen, Sprechen und Greifen haben. Auch die Augen können betroffen sein, was zu beeinträchtigten Augenbewegungen führt.

Ursachen der zerebellären Ataxie

Die zerebelläre Ataxie kann verschiedene Ursachen haben. Die Identifizierung der spezifischen Ursache ist oft entscheidend für die Behandlung und das Verständnis des Krankheitsverlaufs. In einigen Fällen bleibt die Ursache jedoch ungeklärt, was als idiopathische Ataxie bezeichnet wird. Eine umfassende Diagnose ist wichtig, um die bestmögliche Betreuung und Unterstützung für die Betroffenen zu gewährleisten.

Die Ursachen lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen:

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Genetische Ursachen

Eine der häufigsten Ursachen für zerebelläre Ataxie sind genetische Mutationen oder Veränderungen. Es gibt eine Vielzahl von Genen, die an der normalen Entwicklung und Funktion des Kleinhirns beteiligt sind. Mutationen in diesen Genen können zu Ataxie führen. Erbliche Ataxien können in verschiedenen Formen auftreten, wie z.B. der Friedreich-Ataxie oder der spinozerebellären Ataxie. Häufig werden diese innerhalb von Familien vererbt.

Die genetisch bedingten Ataxien werden - je nach Art der Vererbung - in dominant und rezessiv unterteilt. Jeder Mensch besitzt zwei Kopien jedes Gens - eines von der Mutter und eines vom Vater. Wird eine Erkrankung rezessiv vererbt, bricht die Krankheit nur aus, wenn die Person zwei defekte Genkopien besitzt. Ist eine intakte Genkopie vorhanden, tritt die Erkrankung hingegen nicht in Erscheinung. Derzeit sind mehr als 30 verschiedene rezessive Ataxien bekannt.

Die Ataxien bei dominanten Erbkrankheiten sind wahrscheinlich, wenn ein Elternteil ebenfalls an einer Ataxie erkrankt ist. Es reicht in diesem Fall eine defekte Genkopie, damit die Erkrankung zum Ausbruch kommt.

Eine weitere Form der genetisch bedingten Ataxien stellen die X-chromosomalen Erbkrankheiten dar. Dabei liegt eine fehlerhafte Information auf dem X-Chromosom vor. Männer sind vorwiegend betroffen, da in ihrem Erbmaterial nur ein X-Chromosom vorhanden ist (XY).

Erworbene Ursachen

  • Schlaganfall: Ein Schlaganfall im Bereich des Kleinhirns oder der zugehörigen Blutgefäße kann die Funktion des Kleinhirns beeinträchtigen und zu einer Ataxie führen.
  • Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen durch Unfälle, Stürze oder äußere Gewalteinwirkung können das Kleinhirn oder seine Verbindungen schädigen.
  • Entzündungen: Entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose, infektiöse Meningitis oder Autoimmunerkrankungen können das Kleinhirn betreffen und Ataxie verursachen.
  • Toxische Einflüsse: Substanzen wie Alkohol, bestimmte Medikamente, Schwermetalle oder Chemikalien können das Kleinhirn schädigen und zur Entwicklung von Ataxie beitragen.
  • Mangelernährung: Ein Mangel an Vitaminen wie Vitamin E und B12, beispielsweise durch eine schwerwiegende Mangelernährung oder eine Aufnahmestörung im Darm, kann manchmal zu Kleinhirnschäden führen.

Degenerative Ursachen

Bei degenerativen Ursachen verschlechtert sich das Kleinhirn im Laufe der Zeit aufgrund von nicht-genetischen Faktoren. Dies kann in späteren Lebensjahren auftreten oder durch andere degenerative Erkrankungen wie die sporadische Ataxie oder die altersbedingte Ataxie verursacht werden.

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Tumorbedingte Ursachen

Auch Tumore im Bereich des Kleinhirns oder in benachbarten Regionen können den normalen Betrieb des Kleinhirns beeinträchtigen und Ataxie verursachen.

Seltene Erkrankungen

Es gibt eine Vielzahl seltener Erkrankungen, die mit Ataxie in Verbindung stehen können. Einige Beispiele sind:

  • CAD - Cold Agglutinin Disease
  • Dunbar-Syndrom
  • Hereditäre Fruktoseintoleranz
  • MEN (Multiple Endokrine Neoplasie)
  • Phenylketonurie (PKU)
  • Roberts-Syndrom
  • Tay-Sachs-Krankheit
  • Treacher-Collins-Syndrom
  • Turner-Syndrom
  • Van-der-Woude-Syndrom

Symptome der zerebellären Ataxie

Die zerebelläre Ataxie beeinträchtigt in erster Linie die Bewegungskoordination und das Gleichgewicht. Die Symptome können vielfältig sein und von Person zu Person variieren.

  • Gleichgewichtsstörungen: Betroffene haben Schwierigkeiten, aufrecht zu stehen und zu gehen, und sind anfällig für Stürze. Dies führt zu Unsicherheit bei der Fortbewegung und erheblichen Einschränkungen in der Mobilität.
  • Koordinationsprobleme: Die Fähigkeit, Bewegungen präzise zu steuern, ist stark beeinträchtigt. Die Betroffenen können unkontrollierte und zittrige Bewegungen in den Armen und Beinen zeigen. Alltägliche Aufgaben wie das Schreiben, Greifen von Gegenständen oder das Anziehen von Kleidung werden zur Herausforderung.
  • Sprachstörungen: Die zerebelläre Ataxie kann auch die Sprache beeinflussen. Betroffene haben oft Schwierigkeiten beim Sprechen, da die Muskelkoordination für die Artikulation von Lauten gestört ist. Dies kann zu einer undeutlichen Aussprache und Verständigungsschwierigkeiten führen.
  • Augenbewegungsstörungen: Das Kleinhirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Koordination der Augenbewegungen. Bei einer zerebellären Ataxie können unkontrollierte Augenbewegungen auftreten, die das Sehen und Lesen erschweren können.
  • Muskelsteifheit und Muskelschwäche: Zusätzlich können Betroffene auch Muskelsteifheit und Muskelschwäche entwickeln. Diese Begleiterscheinungen erschweren nicht nur die Bewegungskoordination, sondern beeinträchtigen auch die Kraft und Flexibilität der Muskulatur.

Abhängig von den Symptomen und der betroffenen Körperregion lassen sich Ataxien somit auch unterscheiden in:

  • Gangataxie: Störungen des Ganges
  • Rumpfataxie: Aufrechte Haltung gestört
  • Gliedmaßenataxie: Störungen der Feinmotorik; zum Beispiel beim Greifen
  • Dysarthrie: Koordination der Muskeln zur Sprachproduktion gestört
  • Optische Ataxie: Störung der Augen-Hand-Koordination

Treten die motorischen Störungen oder Lähmungserscheinungen plötzlich auf, können dies auch Hinweise auf einen Schlaganfall oder eine Vergiftung sein.

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Verlauf der Erkrankung

Die Symptome der zerebellären Ataxie sind in der Regel fortschreitend, d.h. sie verschlimmern sich im Laufe der Zeit. Der Verlauf der Krankheit kann von Person zu Person stark variieren, jedoch gibt es einige allgemeine Merkmale, die einen typischen Krankheitsverlauf beschreiben können.

In den frühen Stadien können die Anzeichen mild sein und möglicherweise kaum bemerkt werden. Dies führt manchmal zu einer verzögerten Diagnostik, da die Probleme anfänglich leicht als normale Alterserscheinungen oder andere Gesundheitsprobleme fehlinterpretiert werden können.

Mit der Zeit neigen die Symptome dazu, sich zu verschlechtern. Die Koordinationsprobleme beim Gehen und Bewegen werden ausgeprägter, was zu wiederholten Stürzen und einer Zunahme der Mobilitätseinschränkungen führen kann. Die Muskelschwäche kann sich verstärken und das Alltagsleben immer anspruchsvoller werden.

Ein bemerkenswertes Merkmal der zerebellären Ataxie ist die große Variabilität der Symptome und des Verlaufs. Dies hängt oft mit der zugrunde liegenden Ursache zusammen. Einige Patienten können schneller fortschreitende Symptome haben, während andere über viele Jahre hinweg relativ stabil bleiben. Zusätzlich zu den primären motorischen Symptomen können auch begleitende Symptome auftreten, die den Krankheitsverlauf weiter komplex gestalten.

Diagnose

Zur Diagnose einer Ataxie sind die Anamnese und die körperliche Untersuchung grundlegend. Die Anamnese ist eine systematische Befragung zum Gesundheitszustand. Im Rahmen einer Ataxie-Diagnostik sind Fragen zum familiären Hintergrund besonders wichtig. Vergleichbare Bewegungsstörungen in der Familie können Hinweise auf eine genetische Ataxie geben.

Bei einer allgemeinen neurologischen Untersuchung ist die Funktion von Gehirn, Rückenmark und Nerven im Fokus. Dazu leuchtet derdie ArztÄrztin mit einer Taschenlampe in die Augen des*der Betroffenen und überprüft die Reflexe mit einem kleinen Gummihammer.

Im nächsten Schritt ist eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns üblich. Nur ein MRT gibt Aufschluss darüber, ob eine Ataxie oder eine andere Kleinhirnkrankheit (z. B. ein Tumor) vorliegt.

Manche Ataxien erfordern im Weiteren spezielle Untersuchungen wie eine Nervenwasseruntersuchung (Liquorpunktion), falls durch die vorangegangenen Befunde noch keine gesicherte Diagnose feststeht. Eine molekularbiologische Untersuchung ist zum Nachweis von erblich bedingten Formen der Ataxie ratsam.

Behandlung

Obwohl die zerebelläre Ataxie derzeit nicht heilbar ist, stehen verschiedene Therapieansätze zur Verfügung, die darauf abzielen, die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:

  • Physiotherapie: Regelmäßige Physiotherapie ist ratsam, um die Koordination aktiv zu fördern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, alltägliche Aufgaben trotz der Koordinationsprobleme zu bewältigen.
  • Logopädie: Bei Sprachstörungen kann Logopädie die Artikulation verbessern und die Verständigung erleichtern.
  • Medikamente zur Symptomkontrolle: Medikamente können eingesetzt werden, um Begleitsymptome wie Muskelkrämpfe oder Tremor zu lindern.
  • Spezialisierte Hilfsmittel: Schreibhilfen und Mobilitätsunterstützung können helfen, den Alltag zu erleichtern.

Eine frühe Diagnose sowie eine regelmäßige, fachärztliche Betreuung sind entscheidend, um den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen.

Medikamentöse Therapie bei Friedreich-Ataxie

Die Friedreich-Ataxie (FA oder FRDA) ist die häufigste rezessive Ataxie. Typische Anzeichen sind Gleichgewichtsprobleme, Muskelabbau, Sprachstörungen und manchmal Herzprobleme. Heilbar ist die Krankheit bisher nicht, aber die Beschwerden lassen sich lindern.

Seit 2024 ist das Medikament Omaveloxolon für Betroffene ab 16 Jahren zugelassen. Ergänzend wirken regelmäßige Therapien wie Physio-, Ergo- und Logopädie symptomlindernd. Regelmäßige Facharzttermine (Neurologie, Kardiologie, Orthopädie) sind zentral. Schreibhilfen und Mobilitätsunterstützung können helfen.

Vorbeugung

Einer Ataxie lässt sich grundsätzlich nicht vorbeugen. Lediglich die Schädigungen des Kleinhirns durch Alkohol oder andere Giftstoffe sowie ein Mangel an Vitamin E oder B12 sind vermeidbar.

Forschung

Momentan sind Ataxien noch nicht medikamentös behandelbar. Forschende widmen sich an mehreren Standorten in verschiedenen großen klinischen Studien der Erforschung von Ataxien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf genetisch bedingten Ataxien. So nehmen sie den Verlauf spinozerebellärer Ataxien unter die Lupe und fahnden nach messbaren biologischen Merkmalen (sogenannten Biomarkern, z. B. im Blut oder im Nervenwasser) für die Früherkennung. Darüber hinaus widmen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch neuen Wegen für die Therapie. So arbeiten sie an neuen, individuell auf die Betroffenen abgestimmten Gentherapien, um bei genetisch bedingten Ataxie-Formen den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten.

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