Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen, oft begleitet von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, gekennzeichnet ist. Die Behandlung von Migräne umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze. In den letzten Jahren hat das Interesse an der Rolle von Histamin bei Migräne zugenommen, was zu Fragen nach der Wirksamkeit von Antihistaminika wie Cetirizin bei der Behandlung dieser Erkrankung geführt hat. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Histamin und Migräne, die potenzielle Rolle von Cetirizin und anderen Antihistaminika sowie alternative Behandlungsansätze.
Was ist Histamin und welche Rolle spielt es bei Migräne?
Histamin ist ein biogenes Amin, das natürlich im Körper vorkommt und in verschiedenen Geweben wie Lunge, Haut und Magen-Darm-Trakt gespeichert wird. Es wird hauptsächlich in Immunzellen, den sogenannten Mastzellen und Basophilen, produziert. Histamin erfüllt wichtige immunologische und physiologische Aufgaben, darunter die Unterstützung der Verdauung, die Muskelkontraktion, die Erweiterung der Blutgefäße und die Erhöhung der Durchlässigkeit der Gefäßwände, was zu Entzündungsreaktionen führen kann. Darüber hinaus fungiert Histamin als Neurotransmitter im Gehirn und leitet Informationen zwischen Nervenzellen weiter.
Es gibt auch Histamin, das nicht vom Körper selbst produziert, sondern über die Nahrung aufgenommen wird. Dies spielt eine wichtige Rolle bei der Histaminintoleranz, bei der das Gleichgewicht zwischen Histaminaufnahme und -abbau gestört ist, was zu einer Ansammlung von zu viel Histamin im Körper führt. Ursache hierfür ist ein Enzymdefekt (DAO), das für den Abbau von Histamin aus der Nahrung verantwortlich ist. Dieser Defekt kann durch Medikamente oder genetische Mutationen verursacht werden. Die Symptome einer zu hohen Histaminkonzentration ähneln denen einer allergischen Reaktion.
Der Zusammenhang zwischen Histamin und Migräne wird seit fast 100 Jahren diskutiert. Frühe Forschungen aus dem Jahr 1926 deuteten darauf hin, dass Histamin Kopfschmerzen auslösen kann, wobei die Reaktion von der Dosis des Histamins abhing und zwischen den Versuchspersonen stark variierte. Auffällig war, dass Personen mit Migräne anfälliger für Histamin-induzierte Kopfschmerzen waren.
Bis heute sind die genauen Zusammenhänge zwischen Histamin und Migräne nicht vollständig geklärt. Ein möglicher Mechanismus ist, dass Histamin die Blutgefäße im Gehirn erweitert, was Entzündungsprozesse fördert und Migräneattacken auslösen kann. Es gibt auch neuere Studienergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen Histamin und dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) zeigen, das ebenfalls an der Entstehung von Migräne beteiligt ist. Des Weiteren wurde beobachtet, dass die Histamin-Konzentration im Blut während Migräneattacken erhöht ist und dass sich die Migräne-Symptome bei Personen mit Histamin-Intoleranz verschlimmern können.
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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Studienlage widersprüchlich ist und die Zusammenhänge als uneindeutig zu bewerten sind. Einige Studien zeigen, dass die Einnahme von Antihistaminika keine Verbesserung der Migräne herbeiführt. Dies könnte darauf hindeuten, dass Histamin eher als Mediator und nicht unbedingt als Auslöser von Migräneattacken fungiert, insbesondere wenn es um Nahrungsmittel-Histamin geht.
Die Rolle von Cetirizin und anderen Antihistaminika
Angesichts der potenziellen Beteiligung von Histamin an der Entstehung von Migräne stellt sich die Frage, ob Antihistaminika wie Cetirizin eine Rolle bei der Behandlung von Migräne spielen könnten. Cetirizin ist ein Antihistaminikum der zweiten Generation, das hauptsächlich zur Behandlung von Allergien eingesetzt wird. Es blockiert die Wirkung von Histamin an den H1-Rezeptoren und lindert so allergische Symptome wie Juckreiz, Niesen und laufende Nase.
Obwohl Cetirizin bei der Behandlung von Allergien wirksam ist, ist seine Rolle bei der Behandlung von Migräne weniger klar. Einige Studien haben gezeigt, dass Antihistaminika keine signifikante Wirkung auf die Linderung von Migräneattacken haben. Dies könnte daran liegen, dass Histamin nicht der Hauptauslöser von Migräne ist oder dass andere Histaminrezeptoren als H1 eine wichtigere Rolle spielen.
Eine Studie untersuchte beispielsweise die Wirkung des H1-Antihistamins Clemastin auf Migräneattacken, die durch die Substanz PACAP38 ausgelöst wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass Clemastin keine signifikante Linderung der Migräne bewirkte. Die Forscher schlossen daraus, dass Histamine aus den Mastzellen möglicherweise keine große Rolle bei Migräne spielen.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es verschiedene Arten von Histaminrezeptoren gibt, darunter H1, H2, H3 und H4. Antihistaminika wie Cetirizin wirken hauptsächlich auf die H1-Rezeptoren. Es ist möglich, dass andere Histaminrezeptoren, wie z. B. H3, eine größere Bedeutung bei Migräne haben. Interessanterweise wirkt der H3-Rezeptor selbstregulierend: Kleine Mengen Histamin (und nicht Anti-Histamin) bringen ihn dazu, die Ausschüttung von Histamin zu senken.
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Darüber hinaus können einige Antihistaminika der ersten Generation, wie Dimenhydrinat und Diphenhydramin, aufgrund ihrer anticholinergen und zentral sedierenden Wirkung bei der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, die häufig mit Migräne einhergehen, hilfreich sein. Diese Antihistaminika überwinden die Blut-Hirn-Schranke und beeinflussen die H1-Rezeptoren im Brechzentrum.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Anwendung von Antihistaminika bei Migräne immer mit einem Arzt besprochen werden sollte, da sie Nebenwirkungen verursachen und mit anderen Medikamenten interagieren können.
Histaminreiche Lebensmittel und Migräne
Einige Menschen mit Migräne berichten, dass bestimmte histaminreiche Lebensmittel Migräneattacken auslösen können. Zu diesen Lebensmitteln gehören:
- Käse (insbesondere gereifter Käse)
- Thunfisch
- Tomaten
- Hefe
- Schokolade
- Rotwein
- Sauerkraut
Diese Lebensmittel enthalten relevante Histamin-Konzentrationen, die bei einer Histaminintoleranz vermieden werden sollten. Reifungs- und Gärungsprozesse, wie sie bei der Herstellung von Rotwein oder Sauerkraut stattfinden, führen zu höheren Histamin-Konzentrationen. Daher gilt: Je reifer oder „älter“ ein Lebensmittel ist, desto höher ist der Histamingehalt.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass nicht jede Person mit Migräne auch eine Histaminintoleranz hat. Selbst wenn der Verdacht besteht, dass Histamin-haltige Lebensmittel Migräne auslösen, bedeutet dies nicht unbedingt, dass eine Histaminintoleranz vorliegt. Bei Verdacht auf eine Histaminintoleranz sollte ein Arzt konsultiert werden.
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Alternative Behandlungsansätze für Migräne
Da die Zusammenhänge zwischen Histamin und Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, ist es wichtig, auch andere Behandlungsansätze für Migräne in Betracht zu ziehen.
Medikamentöse Behandlung
- Analgetika (NSAR): Bei leichten und mittelstarken Attacken können Analgetika wie ASS, Ibuprofen und Paracetamol Abhilfe schaffen.
- Triptane: Bei mittelschwerer und schwerer Migräne oder wenn NSAR nicht ausreichend wirken, können Triptane eingesetzt werden. Naratriptan ist ein Triptan, das zur Behandlung von akuten Migränekopfschmerzen bei Erwachsenen eingesetzt wird. Es wirkt verengend auf die Blutgefäße und behandelt so gezielt die Symptome der Migräne.
- Antiemetika: Bei Übelkeit und Erbrechen, die häufig mit Migräne einhergehen, können Antiemetika wie Dimenhydrinat oder Diphenhydramin eingesetzt werden.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Niedrig-glykämische Ernährung: Eine niedrig-glykämische Ernährung kann helfen, starke Blutzuckerschwankungen zu vermeiden, die Migräne auslösen können. Die sinCephalea App bietet eine Migräneprophylaxe mit dem Ansatz der personalisierten, niedrig-glykämischen Ernährung. In Kombination mit einem Glukosesensor wertet die App die persönlichen Blutzuckerreaktionen auf Mahlzeiten aus und gibt individuelle Ernährungsempfehlungen, die den Blutzucker stabil halten und Migränetage reduzieren können.
- Vermeidung von Auslösern: Es ist wichtig, individuelle Auslöser für Migräne zu identifizieren und zu vermeiden. Dazu können bestimmte Lebensmittel, Stress, Schlafmangel oder hormonelle Veränderungen gehören.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Kopfschmerztagebuch: Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, Muster und Auslöser für Migräne zu erkennen und die Wirksamkeit von Behandlungen zu beurteilen.
Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen (MIKS)
Es ist wichtig zu beachten, dass die übermäßige Einnahme von Schmerzmitteln zur Behandlung von Migräne zu medikamenteninduzierten Kopfschmerzen (MIKS) führen kann. MIKS sind chronische Kopfschmerzen, die durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten, insbesondere Kopfschmerzmitteln, verursacht werden. Die Diagnose erfolgt, wenn der Kopfschmerz seit mindestens 3 Monaten besteht, an mindestens 15 Tagen pro Monat auftritt und der Patient an mindestens 15 Tagen pro Monat Schmerzmedikamente einnimmt.
Die einzige sinnvolle Therapie von MIKS ist der komplette Entzug von allen eingenommenen Substanzen. Dieser Entzug sollte vorzugsweise unter stationären Bedingungen erfolgen.