CGRP-Antikörper gegen Migräne: Kostenübernahme, Wirksamkeit und Anwendung

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der in Deutschland über acht Millionen Menschen betroffen sind. Man unterscheidet zwischen der episodischen und der chronischen Form, wobei die chronische Form durch mehr als 15 Kopfschmerztage und mindestens acht Migränetage pro Monat gekennzeichnet ist. Viele Patienten mit chronischer Migräne leiden zusätzlich unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Die Einführung von CGRP-Antikörpern weckte große Hoffnungen bei vielen Migränepatienten. Doch wie sieht es mit der Kostenübernahme, der Wirksamkeit und der Anwendung dieser relativ neuen Therapieform aus?

Was sind CGRP-Antikörper?

CGRP steht für Calcitonin Gene-Related Peptide. Es handelt sich dabei um einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine zentrale Rolle spielt. Während einer Migräneattacke werden erhöhte CGRP-Werte im Körper nachgewiesen. CGRP wirkt gefäßerweiternd und ist an der Entzündungsreaktion bei Migräne beteiligt.

Die Migräne-Spritze enthält monoklonale Antikörper, die entweder CGRP selbst oder seinen Rezeptor blockieren. Dadurch kann der Botenstoff seine Wirkung nicht mehr entfalten, was zu weniger Entzündungen, weniger Schmerzübertragung und im besten Fall zu weniger Migräneanfällen führt. Die Antikörper sind hochspezifisch und zeigen eine im Vergleich zu den etablierten Prophylaxen sehr gute Verträglichkeit.

Die ersten in Deutschland zugelassenen CGRP-Antikörper waren Erenumab (im November 2018), Galcanezumab (im April 2019) und Fremanezumab (im Mai 2019). Mittlerweile ist auch Eptinezumab verfügbar.

Unterschiede zwischen Migräne- und Botox-Spritze

Obwohl beide Spritzen darauf abzielen, Migräneanfälle zu reduzieren, wirken sie völlig unterschiedlich. Die Migräne-Spritze blockiert gezielt den Botenstoff CGRP oder seinen Rezeptor und kommt bei episodischer und chronischer Migräne zum Einsatz. Botox (Botulinumtoxin A) wird nur bei chronischer Migräne empfohlen und wirkt, indem es die Muskeln entspannt und bestimmte Schmerzsignale unterdrückt.

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Für wen ist die Migräne-Spritze geeignet?

Die Spritze gegen Migräne kommt infrage, wenn andere vorbeugende Therapien nicht wirken oder nicht vertragen werden. Sie richtet sich an Menschen, die regelmäßig unter Migräne leiden, also meist bei mindestens vier Migräne-Tagen pro Monat. Besonders geeignet ist die Migräne-Spritze für Betroffene mit schweren Verläufen oder bei starker Beeinträchtigung im Alltag. Auch bei chronischer Migräne kann die Spritze eine sinnvolle Option sein.

Professor Dr. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie und spezielle Schmerztherapie, erläutert, dass die CGRP-Antikörper für Patienten mit monatlich mindestens vier Migränetagen gedacht sind, die auf bisherige zugelassene Medikamente zur Prophylaxe nicht ansprechen, sie nicht vertragen oder aufgrund anderer Krankheiten nicht einnehmen können.

Anwendung und Dosierung

Die Migräne-Spritze wird unter die Haut gespritzt, meist am Bauch oder Oberschenkel. Nach einer ausführlichen ärztlichen Einweisung können Patient*innen sich die Spritze auch selbst zu Hause verabreichen. Die Dosierung hängt vom jeweiligen Medikament ab und wird von der Ärztin oder dem Arzt festgelegt. Auch wie häufig die Spritze gegen Migräne verwendet wird, ist abhängig vom Wirkstoff. Eine typische Häufigkeit ist beispielsweise einmal pro Monat über mehrere Monate hinweg. Eptinezumab wird üblicherweise alle zwölf Wochen intravenös verabreicht.

Dauer der Anwendung

Die Migräne-Spritze ist für eine langfristige Anwendung gedacht. Es gibt keine feste Höchstdauer, solange Betroffene das Medikament gut vertragen und sich eine Besserung zeigt. In der Regel kontrollieren Ärzt*innen in gewissen Abständen, ob sich die Häufigkeit der Migräne-Anfälle deutlich reduziert hat. Bleibt die Wirkung aus, wird die Therapie meist beendet. Zeigt sich hingegen eine gute Wirkung, kann die Behandlung teils über mehrere Jahre hinweg fortgesetzt werden. Manche Fachleute empfehlen, nach sechs bis neun Monaten eine Therapiepause einzulegen, um zu prüfen, ob die Migräne vielleicht auch ohne das Medikament stabil bleibt.

Wann darf die Migräne-Spritze nicht verwendet werden?

In folgenden Fällen ist die Spritze gegen Migräne nicht geeignet:

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  • Allergie: Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen einen Inhaltsstoff darf die Spritze nicht angewendet werden.
  • Schwangerschaft: Die Sicherheit in der Schwangerschaft ist nicht ausreichend untersucht. Deshalb wird von der Anwendung abgeraten.
  • Stillzeit: Auch hier fehlen verlässliche Daten. Die Migräne-Spritze sollte nur nach sorgfältiger Abwägung zum Einsatz kommen.
  • Kinder und Jugendliche: In Deutschland ist die Anwendung für Minderjährige unter 18 Jahren nicht zugelassen.
  • Bestimmte Vorerkrankungen: Bei schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist besondere Vorsicht geboten.

Mögliche Nebenwirkungen

Wie die meisten Medikamente kann auch die Migräne-Spritze Nebenwirkungen haben. Viele Beschwerden sind eher mild und vorübergehend. Dazu zählen beispielsweise:

  • Reaktionen an der Einstichstelle: Häufig kommt es zu Rötungen, Schwellungen, Juckreiz oder Schmerzen direkt nach der Injektion.
  • Müdigkeit oder Erschöpfung: Vor allem in den ersten Tagen nach der Anwendung kann ein allgemeines Schwächegefühl auftreten.
  • Verstopfung: Einige Wirkstoffe (z. B. Erenumab) stehen mit einer veränderten Darmtätigkeit in Zusammenhang.
  • Muskel- oder Gliederschmerzen: Diese Beschwerden können gelegentlich auftreten, sind aber meist nur leicht ausgeprägt.
  • Allergische Reaktionen: In sehr seltenen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen kommen, etwa mit Hautausschlag, Juckreiz oder Atembeschwerden.

Bislang gibt es keinen klaren Zusammenhang zwischen Migräne-Spritzen und einer Gewichtszunahme.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Die Spritze gegen Migräne zeigt bislang kaum Wechselwirkungen mit gleichzeitig eingenommenen anderen Medikamenten. Das liegt daran, dass der Körper die Wirkstoffe der Migräne-Spritze nicht über die Leber verstoffwechselt, so wie es bei vielen Arzneimitteln der Fall ist.

Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen

Auch wenn die Migräne-Spritze in vielen Fällen gut verträglich ist, gibt es bestimmte Situationen, in denen besondere Vorsicht geboten ist.

  • Therapie nur bei klarer Diagnose: Die Migräne-Spritze ist ausschließlich für die Vorbeugung von Migräne gedacht und nicht zur Linderung akuter Kopfschmerzen. Eine eindeutige Diagnose ist Voraussetzung für die Behandlung.
  • Regelmäßige ärztliche Kontrolle: Während der Therapie sollten die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen regelmäßig überprüft werden. Das erfolgt meist nach drei bis sechs Monaten. Auch längerfristig sind Kontrolltermine wichtig, um zu beurteilen, ob die Behandlung weiter notwendig ist.
  • Achtung bei Magen-Darm-Beschwerden: Einige Präparate stehen im Verdacht, Verstopfung oder andere gastrointestinale Beschwerden zu verstärken.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Die Kosten für eine Migräne-Spritze liegen je nach Präparat zwischen 250 und 500 Euro pro Stück. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

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  • Mindestens vier Migräne-Tage pro Monat liegen vor.
  • Andere vorbeugende Therapien (z.B. Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika) haben nicht ausreichend geholfen oder wurden nicht vertragen.
  • Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat einen Zusatznutzen der Therapie festgestellt.

Die Techniker Krankenkasse (TK) berichtet, dass die Verordnungen von CGRP-Antikörpern kontinuierlich stark gestiegen sind. Allerdings verzeichnet die TK auch einen ungezielten Einsatz, da gut die Hälfte der Versicherten, die einen solchen Antikörper verordnet bekam, keine oder nur wenige Vortherapien erhalten hatte. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, betont daher die Notwendigkeit eines zielgerichteten Einsatzes und Aufklärungsbedarfs.

Migräne-Spezialversorgungs-Vertrag (Migräne-SV-Vertrag)

Um eine sachgerechte Versorgung und eine strukturierte Dokumentation der Verlaufs- und Erfolgskontrolle zu gewährleisten, wurde zwischen der Techniker Krankenkasse (TK) und der Schmerzklinik Kiel ein innovativer Vertrag mit dem Titel „Vertrag zur besonderen Versorgung nach § 140a SGB V für die Indikation Migräne - Migräne-Spezialversorgungs-Vertrag (Migräne-SV-Vertrag)“ geschlossen. Ziel ist, Versicherten besondere medizinische Leistungen zur Verfügung zu stellen, medizinisch unnötige Leistungen zu vermeiden und eine Optimierung der Behandlungsabläufe sicherzustellen.

Wirksamkeit der CGRP-Antikörper

Studien haben gezeigt, dass CGRP-Antikörper sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne wirksam sind. Sie können die Häufigkeit der Migräneattacken reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Allerdings gibt es auch Patienten, bei denen die Migräne-Spritze wirkungslos bleibt.

In den Zulassungsstudien lagen die 50-%-Responderraten (Reduktion der Kopfschmerz- bzw. Migränetage um mindestens 50 %) für die monoklonalen Antikörper zwischen 39 % und 62 % bei episodischer Migräne und zwischen 27 % und 57 % bei chronischer Migräne. Die Reduktion der Migränetage im Vergleich zu Placebo lag zwischen −1,3 und −1,9 Tagen für die episodische Migräne und bei −1,7 bis −2,5 Tagen für die chronische Migräne pro 4 Wochen.

Vergleich mit anderen Migräneprophylaktika

Leider gibt es bislang keine direkten Vergleichsstudien zwischen CGRP-Antikörpern und den bisher verwendeten zugelassenen Migräneprophylaktika. Indirekte Vergleiche lassen aber vermuten, dass die Wirksamkeit der monoklonalen Antikörper nicht besser ist als die der bisher verfügbaren Migräneprophylaktika.

Wirkung bei Therapieversagen

Die CGRP-Antikörper wurden auch bei Patienten eingesetzt, bei denen die bisherige Migräneprophylaxe versagt hatte. In dieser Patientengruppe waren die monoklonalen Antikörper signifikant wirksamer als Placebo.

Wirkungseintritt

Die Wirkung der monoklonalen Antikörper setzt fast sofort ein. In den Studien konnte zum Teil bereits nach einer Woche ein signifikanter Unterschied zwischen Placebogruppe und Verumgruppe gezeigt werden. Da die Wirksamkeit im Zeitverlauf zuzunehmen scheint, ist ein Therapieversuch über 3 Monate gerechtfertigt. Zeigt sich nach 3 Monaten kein Effekt, sollte die Therapie beendet werden.

Alternativen zur Migräne-Spritze

Die monoklonalen Antikörper gelten als Meilenstein in der Migräne-Behandlung. Vor ihrer Zulassung gab es zur Vorbeugung der schmerzhaften Attacken nur Medikamente, die ursprünglich für andere Krankheiten entwickelt worden waren und sich im Nebeneffekt auch positiv auf Migräne auswirkten. Diese Standard-Therapien sind nach wie vor wichtig.

Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfallsprophylaxe ist Ausdauersport. Auch Kraftsport, Entspannungsübungen, ein gesunder Takt bei Schlaf und Mahlzeiten sowie Methoden der Stressbewältigung können helfen, Migräneattacken zu vermeiden.

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