Chemische Auslöser der Epilepsie: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen des Gehirns, von der schätzungsweise 400.000 bis 800.000 Menschen in Deutschland betroffen sind. Jährlich kommen etwa 30.000 Neuerkrankungen hinzu. Charakteristisch für Epilepsie sind wiederholte epileptische Anfälle, die durch eine vorübergehende Störung der elektrisch-chemischen Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn entstehen. Diese Anfälle können sich vielfältig äußern, von kurzen Bewusstseinsstörungen bis hin zuGeneralisierten Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust und unwillkürlichen Bewegungen.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist gekennzeichnet durch eine übermäßige Aktivität einzelner Hirnbereiche oder des gesamten Gehirns, was zu einer erhöhten Signalübertragung und somit zu epileptischen Anfällen führt. Diese Anfälle können sich in unterschiedlicher Art und Weise äußern, von Muskelzuckungen einzelner Gliedmaßen bis hin zuGeneralisierten Krämpfen des gesamten Körpers mit Bewusstlosigkeit.

Ursachen von Epilepsie

Epilepsie kann viele Ursachen haben, darunter genetische Veränderungen, Stoffwechselstörungen, Fehlbildungen des Gehirns, Folgen von Hirnverletzungen und Entzündungen des Gehirns bis hin zu Hirntumoren und Schlaganfällen. In etwa 40 Prozent aller Fälle spielt eine erbliche Komponente eine Rolle. Forscher haben ein neues Epilepsie-Gen entdeckt, das den Chloridkanal in der Nervenzellmembran codiert. Mutationen in diesem Gen vermindern die Hemmung der elektrischen Aktivität von Nervenzellen, was zu einer gesteigerten Erregbarkeit im Gehirn und schließlich zu epileptischen Anfällen führt.

Epilepsie im höheren Alter

Die Epilepsie ist die dritthäufigste neurologische Erkrankung im höheren Alter. In Deutschland sind etwa 150.000 Menschen über 60 Jahren betroffen. Das Krampfleiden ist meist schwierig zu erkennen oder wird gar fehldiagnostiziert. Bei älteren Patienten sind epileptische Anfälle meist fokal, d.h. sie gehen von einem Ursprungsort aus und die neuronalen Entladungen bleiben auf einen umschriebenen Bereich des Gehirns beschränkt. Die Symptome können vielfältig sein und reichen von rhythmischen Zuckungen einer Extremität bis hin zu Missempfindungen. Oft werden Anfälle als unklare mentale Veränderungen, Verwirrtheit, Synkopen, Gedächtnisstörungen oder als Schwindel fehlgedeutet.

Chemische Auslöser von Anfällen

Verschiedene Faktoren können epileptische Anfälle auslösen oder begünstigen. Dazu gehören:

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  • Fehlende Medikamente: Die unregelmäßige oder vergessene Einnahme von Antiepileptika ist eine der häufigsten Ursachen für Anfälle.
  • Alkohol: Übermäßiger Alkoholkonsum kann die Gehirnchemie beeinflussen und Anfälle auslösen. Mäßiger Alkoholkonsum (ein bis zwei Gläser pro Tag) ist normalerweise in Ordnung.
  • Freizeitdrogen: Viele Freizeitdrogen können die Gehirnchemie beeinflussen und möglicherweise einen Anfall auslösen.
  • Schlafmangel/Müdigkeit: Dies ist einer der größten Auslöser für Anfälle.
  • Stress: Stress kann die Anfallswahrscheinlichkeit erhöhen.
  • Dehydrierung: Achten Sie darauf, dass Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie Sport treiben.
  • Ausgelassene Mahlzeiten: Regelmäßige Mahlzeiten können dazu beitragen, dass Ihre Anfälle unter Kontrolle bleiben.
  • Blinkendes/flackerndes Licht: Nur etwa 3 % der Menschen mit Epilepsie sind lichtempfindlich.
  • Bestimmte Medikamente: Eine Reihe von Medikamenten kann die Krampfschwelle senken. In therapeutischer Dosierung gilt dies für Neuroleptika, trizyklische Antidepressiva, Muskelrelaxanzien, Sympathomimetika sowie eine Reihe von Analgetika, Antirheumatika und Antibiotika. Bei Überdosierung können auch Diphenylhydantoin, Isoniazid, Acetylsalicylsäure, Clozapin und Antihistaminika Krämpfe induzieren. Bei intravenöser Gabe können Theophyllinderivate, Penicillin, Narkotika, Cephalosporine, Piperazine und Piracetam einen Anfall auslösen. Die intrathekale Gabe von Antibiotika, Zytostatika, Baclofen und Kontrastmitteln kann ebenfalls dazu führen.
  • Störungen des Elektrolythaushalts: Im Alter lösen Störungen des Elektrolythaushalts wie eine Hyponatriämie häufiger einen Krampfanfall aus. Ältere können Dysbalancen des Elektrolythaushalts nicht so gut ausgleichen wie junge Menschen.

Diagnose von Epilepsie

Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, neurologischen Untersuchung und verschiedenen technischen Untersuchungen.

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die genaue Beschreibung des Anfalls, mögliche Auslöser, Begleiterkrankungen und bekannte Fälle von Epilepsie in der Familie. Fotos oder Videoaufzeichnungen des Anfalls können sehr hilfreich sein.
  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt prüft den Zustand des Nervensystems anhand verschiedener Tests und Untersuchungen.
  • Elektroenzephalografie (EEG): Hierbei werden die Hirnströme gemessen. Typische Kurvenveränderungen im EEG können auf eine Epilepsie hinweisen, aber auch ein unauffälliges EEG schließt Epilepsie nicht aus.
  • Magnetresonanztomografie (MRT): Detaillierte Schnittbilder des Gehirns können Schäden oder Fehlbildungen des Gehirns als mögliche Ursache des Anfalls erkennen lassen.
  • Computertomografie (CCT): Vor allem in der Akutphase kann die Computertomografie hilfreich sein, um beispielsweise Hirnblutungen als Auslöser des Anfalls zu entdecken.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen können Hinweise auf Entzündungen oder Stoffwechselveränderungen geben. Bei Verdacht auf Drogenkonsum werden entsprechende Bluttests gemacht.
  • Lumbalpunktion: Bei Verdacht auf eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder eine andere Grunderkrankung kann eine Probe der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) entnommen und untersucht werden.

Behandlung von Epilepsie

Die langfristige Behandlung von Epilepsie-Patienten erfolgt meist durch einen niedergelassenen Neurologen oder Kinder- und Jugendneurologen. In manchen Fällen ist es sinnvoll, sich an eine spezialisierte Einrichtung (Schwerpunktpraxis für Epilepsie, Epilepsieambulanz, Epilepsiezentrum) zu wenden, insbesondere wenn die Diagnose unklar ist, es trotz Behandlung zu Anfällen kommt oder spezielle Probleme mit der Epilepsie zusammenhängen.

Medikamentöse Behandlung

Die meisten Epilepsie-Patienten können mit einer medikamentösen Behandlung ein anfallsfreies Leben führen. Sogenannte Antiepileptika (Antikonvulsiva) hemmen die übermäßige Aktivität von Nervenzellen im Gehirn und senken so das Risiko für einen Krampfanfall. Es gibt verschiedene Wirkstoffe wie Levetiracetam oder Valproinsäure, die je nach Art der Anfälle und individuellen Faktoren des Patienten eingesetzt werden. Ziel ist es, weitere Anfälle zu verhindern oder zumindest zu reduzieren und gleichzeitig die Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten. In der Regel wird zunächst ein einziges Antiepileptikum (Monotherapie) verschrieben. Wenn dieses Medikament nicht die gewünschte Wirkung zeigt oder starke Nebenwirkungen verursacht, kann auf ein anderes Präparat umgestellt werden. Bei manchen Patienten ist eine Kombinationstherapie mit zwei oder mehr Antiepileptika erforderlich.

Antiepileptika müssen regelmäßig eingenommen werden, um zuverlässig zu wirken. Die Einnahme sollte niemals auf eigene Faust abgebrochen werden, da dies lebensgefährliche Konsequenzen haben kann. Nach einem langen Zeitraum ohne Anfälle kann in Absprache mit dem Arzt ein Absetzversuch unternommen werden, wobei die Dosierung schrittweise verringert wird.

Operation (Epilepsiechirurgie)

Bei manchen Patienten ist die Epilepsie mit Medikamenten nicht ausreichend behandelbar. Wenn die Anfälle immer von einer begrenzten Hirnregion ausgehen (fokale Anfälle), kann dieser Teil des Gehirns operativ entfernt werden (Resektion). Eine resektive Operation kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn die epileptischen Anfälle im Schläfenlappen (Temporallappen) des Gehirns entstehen.

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Stimulationsverfahren

Wenn Medikamente bei Epilepsie nicht ausreichend wirken, können Stimulationsverfahren infrage kommen. Dabei werden bestimmte Strukturen im Gehirn oder der Vagusnerv mit niedriger Stromstärke stimuliert, was epileptischen Anfällen zum Teil entgegenwirkt. Am weitesten verbreitet ist die Vagusnerv-Stimulation (VNS), bei der dem Patienten ein kleines, batteriebetriebenes Gerät unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut implantiert wird, das in Intervallen leichte Stromstöße an den Nerv abgibt. Ein anderes Stimulationsverfahren ist die tiefe Hirnstimulation, bei der kleine Elektroden an bestimmten Stellen im Gehirn implantiert werden, um das Nervengewebe mit elektrischen Impulsen zu stimulieren.

Behandlung bei Status epilepticus

Ein Status epilepticus ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der sofort notärztlich behandelt werden muss. Der Patient erhält als erstes ein Beruhigungsmittel (Benzodiazepin), das gegebenenfalls auch von medizinischen Laien verabreicht werden kann. Im Krankenhaus wird die Behandlung fortgesetzt, und bei Bedarf wird der Patient in Narkose gelegt und künstlich beatmet.

Verhalten bei einem epileptischen Anfall

Bei einem epileptischen Anfall ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen. Hält der Anfall länger als fünf Minuten an oder treten mehrere Anfälle kurz hintereinander auf, sollte der Rettungsdienst (Notruf 112) informiert werden.

Forschung zu Epilepsie

Die Forschung zu Epilepsie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. So haben Wissenschaftler die Funktion und Struktur des Membrantransporters SLC13A5 umfassend erforscht und dabei die Mechanismen der SLC13A5-Citrattransporter-Defizienz aufgedeckt, einer schweren Form der Epilepsie. Zudem wurde entdeckt, dass ein Versagen der Gliazellen im Gehirn die epileptischen Anfälle auslösen kann. Diese Erkenntnisse könnten in Zukunft zu neuen Therapieansätzen führen.

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