Chotisol-Schäden im Gehirn: Auswirkungen von Stress auf die Gehirnstruktur und -funktion

Stress ist ein allgegenwärtiger Bestandteil des modernen Lebens, der jedoch weit mehr als nur ein vorübergehendes Gefühl der Anspannung ist. Er hinterlässt langfristige Spuren in unserem Körper und insbesondere in unserem Gehirn, beeinflusst unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden nachhaltig. Dieser Artikel untersucht die vielfältigen Auswirkungen von Stress auf das Gehirn, von der Beeinträchtigung der Gehirnstruktur bis hin zur Veränderung der Immunfunktion und der Beschleunigung des Alterungsprozesses.

Die Stressreaktion: Ein Dominospiel im Körper

Die Stressreaktion in unserem Körper ist ein komplexer Prozess, der wie ein Dominospiel abläuft. Auslöser kann beispielsweise eine Prüfung sein, die uns Sorgen bereitet. Daraufhin reagiert der Hypothalamus, eine Gehirnregion, die wichtige Körperfunktionen reguliert, und setzt das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) frei. Dieses Hormon erreicht die Hypophyse, eine Drüse unterhalb des Hypothalamus, und stimuliert dort die Freisetzung des Adrenocorticotropen Hormons (ACTH). ACTH gelangt über den Blutkreislauf zur Nebennierenrinde, einer kleinen Drüse auf den Nieren, und regt diese zur Freisetzung von Cortisol an.

Cortisol, oft als "Stresshormon" bezeichnet, erhöht den Blutdruck, beschleunigt die Atemfrequenz und lässt das Herz schneller pumpen. Diese Reaktionen versetzen den Körper in Alarmbereitschaft, um mit der vermeintlichen Bedrohung umzugehen, indem sie zusätzliche Energie bereitstellen und die Aufmerksamkeit auf akute Gefahren lenken.

Kindheitserfahrungen prägen das Stresssystem

Die Stressreaktion ist zwar ein relativ starrer Mechanismus, wird aber von unseren Lebenserfahrungen beeinflusst. Insbesondere Erfahrungen in der Kindheit spielen eine entscheidende Rolle bei der Ausformung des Stresssystems. "In der Kindheit werden die Weichen dafür gestellt, wie das Stresssystem im weiteren Verlauf des Lebens reagiert", erklärt die Psychologin und Stressforscherin Veronika Engert vom Uniklinikum Jena.

Wächst ein Kind in einer unsicheren Umgebung auf und erlebt beispielsweise ständig Bedrohung, reagiert das Stresssystem in der Folge sehr empfindlich auf neue Bedrohungen. Dies ist ein Überlebensmechanismus, der darauf abzielt, das Kind vor potenziellen Gefahren zu schützen. Im Gehirn zeigt sich dies durch eine Verringerung des Volumens des Hippocampus, einer zentralen Bremse der Stressachse. Wenn der Hippocampus seiner Aufgabe als Stressbremse nicht mehr so gut nachkommen kann, wird die Stressachse hyperreaktiv, was zu einer übermäßigen Ausschüttung von Stresshormonen, insbesondere Cortisol, führt. Zudem reagiert der Mandelkern überempfindlich auf bedrohliche Reize, was zu schnellerer Angstentwicklung führt.

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Stress der Mutter beeinflusst die Hirnentwicklung des Kindes

Stress muss nicht einmal selbst erlebt werden, um Spuren zu hinterlassen. Stress der schwangeren Mutter kann den Nachwuchs im Mutterleib negativ beeinflussen. Eine Rolle spielt dabei die Epigenetik, bei der Umwelteinflüsse bestimmen, ob bestimmte Gene abgelesen werden oder nicht, ohne die Gene selbst zu verändern.

Eine Studie von Forschern um Elisabeth Binder, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, untersuchte den Stress werdender Mütter, wie finanziellen Stress oder partnerschaftliche Konflikte. Das Ergebnis: Bei extremem Stress der Mutter war das Risiko für epigenetische Veränderungen des Kindes statistisch erhöht. Dies betraf Gene, die die Hirnentwicklung, Neurodegeneration und das Schizophrenierisiko mitbestimmen. Wie genau sich solche Veränderungen auf die Hirnentwicklung des Nachwuchses auswirken, ist noch unklar, aber es deutet darauf hin, dass Stress in der Schwangerschaft langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes haben kann.

Auswirkungen auf das Immunsystem: Ein zweischneidiges Schwert

Die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem sind komplex und hängen von der Dauer des Stresses ab. Im Rahmen einer akuten Stressreaktion aktiviert Cortisol Immunprozesse in der Peripherie des Körpers, was evolutionär sinnvoll ist, um etwaige Verletzungen schnell reparieren zu können.

Im modernen Leben wird Stress jedoch oft chronisch, beispielsweise durch Arbeitsdruck oder soziale Isolation, was weniger vorteilhafte Auswirkungen auf das Immunsystem hat. Langfristig unterdrückt Cortisol das Immunsystem, wodurch man anfälliger für Infektionen wird.

Es ist jedoch noch komplizierter: Zu viel Cortisol ist schädlich für das Gehirn, aber auch für den Rest des Körpers. Bei chronischem Stress werden die Cortisolrezeptoren an Zellen herunterreguliert, um die Zielzellen zu schützen. Dies hat auch Auswirkungen auf das Immunsystem, da alle Immunzellen über Cortisolrezeptoren verfügen. Dadurch kann langfristig zu wenig Cortisol an seinen Zielzellen wirken, was letztlich zu Autoimmunerkrankungen führen kann, da die Hemmung des Immunsystems über Cortisol nicht mehr funktioniert.

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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man in der frühen Phase von chronischem Stress anfälliger für Erkrankungen im Zusammenhang mit zu niedriger Immunabwehr ist, während man in späteren Phasen anfälliger für Autoimmunerkrankungen ist.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Stress als Risikofaktor

Dauerstress ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Stress kann den Blutdruck erhöhen, zu Herzrhythmusstörungen führen und Gefäßschäden verursachen, die bis zu einem Herzinfarkt führen können. Das Herz-Kreislauf-System wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert, das empfindlich auf Stress reagiert. Zudem kann das Stresshormon Cortisol die Blutgerinnung verstärken, was evolutionär bei akutem Stress sinnvoll ist, aber bei chronischem Stress das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht.

Interessanterweise bringt auch fehlender Stress ein erhöhtes Herzrisiko mit sich. Das Verhältnis von Stress und Gesundheit kann man sich wie ein umgekehrtes "U" vorstellen: Zu wenig und zu viel kann Risiken bergen. In der Mitte, wo der Mensch mittleren Herausforderungen begegnet, die er bewältigen kann, liegt ein "Trainingsbereich", der sich positiv auf unser Befinden und unsere Gesundheit auswirkt.

Stress kann auch indirekt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen beitragen, indem er ungesunde Verhaltensweisen wie übermäßiges Essen, Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch fördert. Das Belohnungssystem ist anfällig für Stress, und chronischer Stress kann dazu führen, dass das Belohnungssystem weniger reagiert, was zu einem verstärkten Verlangen nach stimulierenden Substanzen führt.

Beschleunigte Alterung: Stress als Faktor

Stress beeinflusst, wie wir altern. Neben unserem chronologischen Alter gibt es das biologische Alter, das den Zustand unseres Körpers widerspiegelt, abhängig von unseren Genen, Krankheiten, Bewegung und Ernährung. Das biologische Alter kann über die Länge der Telomere abgeschätzt werden, die als Schutzkappen an den Enden unserer Chromosomen sitzen. Chronischer oder traumatischer Stress kann dazu führen, dass sich die Telomerlänge schneller verkürzt, was zu Zelltod und beschleunigter biologischer Alterung führt.

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Stress und neurologische Erkrankungen

Dauerhafter Stress kann neurologische Symptome verschlechtern, insbesondere bei Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Parkinson und Migräne. Bei MS kann Stress das fehlgeleitete Immunsystem zusätzlich aktivieren, was zu neuen Entzündungen im Gehirn und neuen Symptomen führen kann. Entzündungen machen das Nervensystem empfindlicher, wodurch Schmerzen intensiver wahrgenommen werden. Stress kann auch dazu führen, dass sich die Blutgefäße im Gehirn verengen oder weiten. Bei Parkinson kann Stress den Abbau von Nervenzellen im Gehirn beschleunigen und Symptome wie Zittern oder steife Bewegungen verschlimmern.

Regelmäßiger Ausdauersport kann helfen, Stresshormone zu senken und Entzündungen im Nervensystem zu verringern. Außerdem schütten die Nerven beim Sport schützende Stoffe aus.

Cortisolspiegel und kognitive Funktion

Studien haben gezeigt, dass hohe Cortisolspiegel mit kognitiven Defiziten und hirnstrukturellen Veränderungen zusammenhängen können. Eine Studie der Harvard Medical School in Boston ergab, dass Personen mit hohen Cortisolwerten ein verringertes Großhirnvolumen aufwiesen, insbesondere in den Parietal- und Frontallappen. Zudem zeigten sie eine reduzierte fraktionelle Anisotropie in der weißen Substanz.

Hohe Cortisolwerte können auch dem Hippocampus schaden, unserem Lernzentrum im Gehirn, und oxidativen Stress und Schäden durch Beta-Amyloid fördern, ein für Alzheimer typisches Eiweiß.

Resilienz entwickeln: Mentale Ressourcen und innere Stärken

Resilienz ist die Fähigkeit, auf Belastungen des Lebens schnell, anpassungsfähig und flexibel zu reagieren. Unsere inneren Stärken und Ressourcen bilden die Grundlage für unsere psychische Widerstandskraft. Es ist wichtig, sich auf positive Erfahrungen in schwierigen Situationen zu besinnen und mehr mentale Ressourcen und Stärken in uns zu identifizieren, die uns helfen, mit schwierigen Situationen besser umzugehen.

Wir können nicht immer die äußere Situation ändern, aber wir können lernen, unsere Reaktion auf Stressoren zu verändern und unsere Resilienz zu stärken.

Cortisol in Balance halten

Cortisol ist nicht nur schädlich, sondern auch eine lebenswichtige Substanz für den Menschen. Es wird in der Nebennierenrinde produziert und hat vielfältige Wirkungen, die in gesundem Maß als anregend und unterstützend empfunden werden. Wichtig ist jedoch ein Gleichgewicht dieses Hormons im Körper.

Bei chronischem Stress kann der Cortisolspiegel aus dem Gleichgewicht geraten und Psyche und Körper schaden. Ein dauerhaft hoher Cortisolspiegel kann sich in Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Ängsten, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Libidoverlust, Bluthochdruck, schlechter Wundheilung, Wassereinlagerungen, Magengeschwüren, erhöhtem Blutzuckerspiegel, verkümmernder Muskulatur, Unruhe und Anspannung äußern.

Behandlung von stressbedingten hohen Cortisolwerten

Die Behandlung von stressbedingten hohen Cortisolwerten und deren Auswirkungen erfolgt mit einem ganzheitlichen Behandlungskonzept. Gemeinsam werden persönliche Stressoren ausfindig gemacht, reduziert und neue Strategien für den Umgang erlernt. Dies können kognitive Strategien, Verhaltensweisen oder Entspannungsverfahren sein, die ausgleichend wirken und stabilisieren können. Auch die Förderung von Achtsamkeit und die Stärkung der Resilienz sind häufige Therapieziele.

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