Polyneuropathie: Selbsthilfe und Bewegungstherapie für mehr Lebensqualität

Polyneuropathie, oft eine Folge von Chemotherapien bei Krebspatienten, ist eine Erkrankung, die durch Schädigungen der peripheren Nerven gekennzeichnet ist. Diese Nervenschäden beeinträchtigen die Kommunikation zwischen Gehirn und Extremitäten, was zu Schmerzen, Taubheit, Kribbeln und Missempfindungen führt. Besonders betroffen sind Zehenspitzen, Füße und Hände, da lange Nerven stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Im Alltag äußert sich dies durch Schwierigkeiten beim Gehen, Gleichgewichtsprobleme und ein erhöhtes Sturzrisiko.

Obwohl es derzeit kein standardmäßig eingesetztes Medikament gegen Polyneuropathie gibt, können Betroffene aktiv etwas für ihre Gesundheit tun. Studien zeigen, dass gezielte Bewegung die beste Behandlungsmethode bei Nervenschäden darstellt. Sie kann Taubheit in Händen und Füßen verringern sowie Gangunsicherheit und Sturzrisiko reduzieren.

Bewegung als Therapie: Wie es funktioniert

Bewegungsübungen können bei Polyneuropathie helfen, weil das Gleichgewicht und die Sicherheit beim Gehen nicht nur von den Signalen der Nerven in den Füßen abhängen, sondern auch davon, wie gut das Gehirn diese Signale verarbeiten kann. Das Gehirn kann trainiert werden, aus weniger Signalen eine bessere Bewegungssteuerung zu entwickeln. Durch gezieltes Training kann das Gehirn lernen, aus weniger Informationen mehr zu machen.

Schmerzlinderung durch Bewegung

Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Training und die daraus resultierenden Anpassungen im Gehirn Schmerzen und Missempfindungen reduzieren können. Am effektivsten scheint es zu sein, wenn Chemotherapie-Patienten bereits vor dem Auftreten erster Symptome mit dem Training beginnen, da dies das Auftreten der Symptome verhindern kann.

Das Gehirn lernt schnell

Im Gegensatz zum Muskelaufbau, der Wochen intensiven Trainings erfordert, kann das Gehirn bei richtiger Stimulation schnell lernen. Viele Polyneuropathie-Patienten berichten bereits nach einer halben Stunde Bewegungstherapie über sichtbare und spürbare Fortschritte. Da es sich um einen Lernprozess und kein Fitnesstraining handelt, ist es wichtig, Pausen einzulegen und körperliche Anstrengung zu vermeiden.

Lesen Sie auch: Einblick in Christian Neureuthers Karriere

Die Bewegungstherapie: So läuft sie ab

Der Schlüssel zur erfolgreichen Bewegungstherapie liegt darin, den richtigen Schwierigkeitsgrad für die Übungen zu finden. Dies geschieht durch eine ausführliche Anamnese und Gleichgewichtstests. Die Übungen beginnen einfach und werden langsam schwieriger, bis der Patient an seine Grenzen stößt. Auch für sehr schwache Patienten gibt es machbare Übungen, die selbstständig durchgeführt werden können. Es ist jedoch wichtig, immer etwas zum Festhalten zu haben, um Stürze zu vermeiden.

Wann man pausieren sollte

Es gibt bestimmte Situationen, in denen man das Training ruhen lassen sollte, z. B. in den ersten 24 Stunden nach einer Chemotherapie, bei Schwindel, Fieber oder sehr niedrigen Blutplättchen. Es ist ratsam, vor Beginn des Trainings mit einem Arzt zu sprechen.

Bewegungstherapie für Zuhause

Da es bisher nur wenige Therapeuten gibt, die sich mit Polyneuropathie auskennen, werden telefonische Beratungen und Übungspläne für zu Hause angeboten. Es gibt auch Beispielvideos für Gleichgewichtsübungen, die zu Hause sicher und selbstständig durchgeführt werden können.

Die Vorteile der Bewegungstherapie

Bewegungstherapie hilft nicht nur bei Polyneuropathie, sondern wird auch von Leistungssportlern und in Altersheimen zur Sturzprophylaxe eingesetzt. Sie steigert die Lebensqualität und die Überlebenschancen bei Krebs, indem sie verschiedene Nebenwirkungen der Erkrankung und Therapie lindert. Krebspatienten fühlen sich stärker und haben mehr Energie.

Kostenübernahme durch Krankenkassen

Es ist ratsam, sich bei der Krankenkasse oder dem Arzt über die Kostenübernahme für Sporttherapie zu informieren. Privatversicherte erhalten die Kosten in der Regel erstattet.

Lesen Sie auch: Seiferts Veröffentlichungen zur Neurologie

Selbst aktiv werden: Übungen für zu Hause

Um sicher zu gehen, ist es wichtig, die Übungen mit doppelter und dreifacher Sicherheit auszuführen. Stellen Sie sich zwischen einen Tisch und einen Sessel, um sich bei Bedarf festhalten oder auffangen zu können.

Gleichgewicht verbessern

Eine einfache Übung ist das Stehen in verschiedenen Positionen:

  1. Füße direkt nebeneinander
  2. Einen Fuß etwas nach vorne, sodass sich Fußspitze und Ferse berühren
  3. Auf einem Bein stehen

Zusätzlich können die Augen geschlossen werden, um die Selbstwahrnehmung zu schulen.

Sicheres Gehen trainieren

  1. In Zeitlupe gehen
  2. Bei jedem Schritt das Knie anheben
  3. Dieselbe Übung mit geschlossenen Augen machen
  4. Auf den Zehenspitzen gehen
  5. Möglichst große Schritte machen

Gleichgewicht unter Ablenkung

Um die Alltagssicherheit zu erhöhen, sollte das Gleichgewicht auch unter Ablenkung trainiert werden. Beginnen Sie damit, mit geschlossenen Beinen zu stehen und einen Ball von einer Hand in die andere zu legen. Trainieren Sie am besten mit einem Trainingspartner, um den Spaßfaktor zu erhöhen.

Koordination der Hände verbessern

Um die Hände gezielter zu erreichen, sind Koordinationsübungen sinnvoll. Stellen Sie eine leere Plastikflasche auf die ausgestreckte Handfläche und balancieren Sie sie dort. Versuchen Sie, Ihre Finger abwechselnd einzeln zu beugen oder zu strecken.

Lesen Sie auch: Heidels Weg zurück: Genesung nach dem Schlaganfall

Feinmotorik trainieren

Üben Sie das Öffnen und Schließen von Knöpfen an einem Hemd oder einer Bluse. Stellen Sie sich dazu in eine Position, in der Sie zusätzlich das Gleichgewicht trainieren. Versuchen Sie, besonders schön und präzise zu schreiben. Auch Zeichnen, Handarbeit oder Modellbau sind sinnvolle Tätigkeiten.

Das Nervensystem verstehen und trainieren

Um die Polyneuropathie zu verbessern, muss man dafür sorgen, dass das Nervensystem besser funktioniert. Um das zu erreichen, muss man dem Nervensystem Aufgaben stellen, die nicht ganz einfach zu lösen sind. Das Nervensystem reagiert dann mit einem Lernprozess. Wenn Sie das Gleichgewicht trainieren, muss Ihr Nervensystem ständig wahrnehmen, wie sich Ihr Körper bewegt. Außerdem muss es immer wieder neu reagieren und kleinste Änderungen in der Spannung der einzelnen Muskeln in Ihrem Körper vornehmen.

Die Rolle des Gehirns

Die Nervenschäden in der Peripherie des Körpers führen dazu, dass das Gehirn die Signale, die aus dem Körper kommen, nicht mehr richtig interpretieren kann. Das führt häufig zu Taubheitsgefühlen oder zu einem Verlust der Wahrnehmung. Sehr häufig reagiert das Nervensystem aber auch durch eine Überempfindlichkeit. Das Gehirn ist das anpassungsfähigste Organ, das wir haben. Wenn Sie das Gleichgewicht trainieren, bewirkt das vor allem eine Anpassung des Gehirns. Es muss dann die ganze Zeit Signale aus dem gesamten Körper wahrnehmen, interpretieren und darauf reagieren.

Sport mit Polyneuropathie

Wichtig beim Sport mit Polyneuropathie ist sicherzustellen, dass man sich dabei nicht verletzt. Sie sollten also beim Sport etwas vorsichtiger sein. Allerdings ist Sport immer mit einem gewissen Risiko verbunden und mit übertriebener Vorsicht macht Bewegung keinen Spaß, denn man will ja schließlich nicht dauernd an die Verletzungsgefahr denken.

Schmerzen lindern und Muskeln behandeln

Schmerzen sind bei Polyneuropathie neben Missempfindungen und Taubheit das schlimmste Symptom. Neueste Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass die richtige Bewegung helfen kann.

Das Myofasziale Schmerzsyndrom

Bei vielen Patienten bilden sich zusätzlich zur Polyneuropathie Muskelverhärtungen, die ebenfalls Schmerzen verursachen. Medizinisch nennt man das Myofasziale Schmerzsyndrom. Es hat sich bereits bei zahlreichen körperlichen Problemen gezeigt, dass eine gute Wahrnehmung des Körpers vor Schmerzen schützt, denn wer seinen Körper gut wahrnehmen und steuern kann, vermeidet Über- und Fehlbelastungen.

Triggerpunkte erkennen und behandeln

Um die Schmerzen zu reduzieren, massieren Sie die mit einem Kreuzchen markierte Stelle. Stellen Sie sich dazu vor einen Stuhl und legen Sie ein Bein auf die Sitzfläche. Ziehen Sie die Fußspitze nach oben und strecken Sie das Knie.

Dehnübungen für bestimmte Muskelgruppen

  • Zehenbeuger: Fußspitze so auf einen Stuhl stellen, dass die Ferse frei nach unten gedrückt werden kann und eine Vorspannung entsteht. Dann mit den Händen die Großzehe nach oben ziehen.
  • Wadenmuskulatur: Regelmäßige Dehnung durchführen.

Ursachen und Formen der Polyneuropathie

Die Polyneuropathie stört die Signalübertragung der Nerven, was zu Störungen der Körperwahrnehmung, Gefühllosigkeit, Taubheit, Kribbeln, Schmerzen und Missempfindungen führen kann. Außerdem kann es zum Verlust der Muskelkraft bis hin zu Lähmungen kommen, weil die Signale vom Gehirn die Muskeln nicht mehr erreichen.

Sensorische und motorische Polyneuropathie

  • Sensorische Polyneuropathie: Veränderungen in der Körperwahrnehmung, Gefühllosigkeit, Schmerzen und Missempfindungen.
  • Motorische Polyneuropathie: Verlust der Muskelkraft, bis hin zu Lähmungen.

Weitere Ursachen

  • Direkte Schädigung der Nerven
  • Angriff des Immunsystems auf die Nerven (z.B. chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie, Guillain-Barré-Syndrom)
  • Störungen der Durchblutung und des Stoffwechsels (insbesondere bei Diabetikern)
  • Mangel an bestimmten Vitaminen (Vitamin D und B-Vitamine)
  • Folge anderer Erkrankungen

Risikofaktoren und Vorbeugung

  • Alter: Das Risiko an Polyneuropathie zu erkranken steigt mit dem Alter.
  • Geschlecht: Frauen leiden häufiger an Polyneuropathie als Männer.
  • Alkohol: Die Gefahr an Polyneuropathie zu erkranken ist bei Alkoholikern etwa viermal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.
  • Diabetes: Die Zahl an Menschen mit Polyneuropathie ist bei Diabetikern fast neunmal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.
  • Nährstoffmangel: Insbesondere ein Mangel an Vitamin D und B-Vitaminen kann eine Rolle für die Polyneuropathie spielen.

Was hilft?

  • Ausreichende Nährstoffe: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und gleichen Sie eventuelle Mängel aus.
  • Gute Durchblutung: Fördern Sie die Durchblutung durch viel Bewegung, Ausdauersport und eine Ernährung mit ausreichend Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren.
  • Gleichgewichtstraining: Ein gut trainiertes Nervensystem ist in der Lage, die Signale, die aus den geschädigten Nerven kommen, besser zu verarbeiten und die Schäden zu einem gewissen Grad auszugleichen.

tags: #christian #bitzer #bewegung #bei #polyneuropathie