Christoph Eschenbach, geboren am 20. Februar 1940 in Breslau, ist ein deutscher Pianist und Dirigent von Weltruf. Sein Leben ist geprägt von Verlust, Trauma und einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft der Musik.
Eine Kindheit im Schatten des Krieges
Eschenbachs frühe Kindheit war von Tragödien überschattet. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg als Regimekritiker in einem NS-Strafbataillon. Er wuchs bei seiner Großmutter auf, die jedoch im eiskalten Winter 1945 in einem Flüchtlingslager in Mecklenburg einer Typhuserkrankung erlag. Der kleine Christoph überlebte nur knapp und war monatelang sprachlos, traumatisiert von den Erlebnissen.
"Anfangs waren wir sechzig Leute im Lager, dann war ich einer von zwei Überlebenden. Das Leben war auf einmal eine große Einsamkeit. Ich konnte einfach nicht mehr sprechen, es war eine Verletztheit des Inneren."
Die Cousine seiner Mutter, Wallydore Eschenbach, rettete ihn im letzten Moment aus dem Lager und adoptierte ihn. Sie war Pianistin und unterrichtete auch zu Hause. Jeden Abend spielte sie Klavier, während Christoph in seinem Bett lag. Eines Abends fragte sie ihn, ob er auch spielen wolle. "Ja", war sein erstes Wort nach langer Stummheit.
"Meine Adoptivmutter war Pianistin. Sie unterrichtete auch zu Hause, und jeden Abend spielte sie mindestens zwei, drei Stunden Klavier, während ich in meinem Bettchen lag. Und eines Abends sah sie mich mit Riesenaugen daliegen und fragte: "Willst du auch spielen?" Und da sagte ich: "Ja", und das war mein erstes Wort nach einem Dreivierteljahr."
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Musikalische Ausbildung und erste Erfolge
Wallydore Eschenbach erkannte Christophs Talent und förderte ihn. Mit zehn Jahren gewann er den ersten Preis beim Hamburger Steinway-Wettbewerb. Nach dem Abitur in Aachen studierte er an der Musikhochschule in Köln und später in Hamburg Klavier bei Eliza Hansen und Dirigieren bei Wilhelm Brückner-Rüggeberg.
"Sie war eine gute Lehrerin, denn sie hat etwas nicht kaputtgemacht in mir, diese aufkeimende Liebe zur Musik."
Pianistenkarriere und der Ruf des Dirigentenpults
1966 begann Eschenbach seine internationale Karriere als Pianist. Er widmete sich der Liedbegleitung und der Kammermusik und gründete die Houston Symphony Chamber Players. Sein Repertoire reichte von Barock bis zur Gegenwart, wobei er sich am Piano besonders auf Schubert und Mozart konzentrierte.
Doch irgendwann genügte ihm die Pianistenkarriere nicht mehr. "Als Pianist reist man um die Welt, es ist ein attraktives, aber einsames Leben… Das fiel mir immer schwerer." Das Dirigieren zog ihn immer stärker an. "Mir fehlten die anderen Instrumente, die ich teils dank meiner Adoptivmutter spielen konnte." Mit elf Jahren hatte er Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern erlebt und wollte seitdem Dirigent werden.
Mentoren und eigene Förderung junger Talente
Eschenbach hatte das Glück, von bedeutenden Dirigenten wie Herbert von Karajan und George Szell gefördert zu werden. Von ihnen lernte er, wie man probt, ohne viele Worte zu verlieren, und wie man ein Orchester zu einem einzigartigen Klang führt.
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"Nein, ich habe gelernt, wie man probt, ohne viele Worte zu verlieren."
Szell bereitete ihn intensiv auf sein amerikanisches Debüt mit dem Cleveland Orchestra vor. "Er kam zu spät, aber schimpfte, dass ich zu spät sei. Er konnte sehr mürrisch sein." Trotz seines Rufes als Tyrann bereitete sich Szell akribisch auf die Zusammenarbeit mit Eschenbach vor und reservierte sogar in Wien zwei Flügel, um sich vorzubereiten.
Eschenbach gibt seine Erfahrungen gerne an junge Musiker weiter. Zu seinen Schützlingen zählen Lang Lang, Julia Fischer und Renée Fleming. "Es ist doch unsere Pflicht, etwas weiterzugeben." Er erkannte Lang Langs außergewöhnliches Talent, als dieser ihm als 17-Jähriger vorspielte.
Chefdirigent bedeutender Orchester
Sein Dirigentendebüt absolvierte Eschenbach 1972 in Hamburg. Kurz darauf wurde er Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen. Es folgten Stationen als Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters in Zürich, des NDR-Sinfonieorchesters, des Orchestre de Paris und des National Symphony Orchestra in Washington. Seit 2019 ist er Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin.
"Ich möchte noch dirigieren, wenn ich 100 bin, weil ich im 99."
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Eschenbach ist bekannt für seine hohe Sensibilität und seine Fähigkeit, Musiker zu inspirieren. "Musiker merken sehr genau, in welche Richtung es gehen soll. Wenn sie den Dirigenten mögen, wenn sie Respekt vor seiner Lesart der Partitur haben, folgen sie gerne." Er legt Wert auf eine kollegiale Zusammenarbeit und betrachtet das Orchester als ein Instrument, mit dem er gemeinsam Musik macht.
Auszeichnungen und Ehrungen
Eschenbachs Talent wurde vielfach ausgezeichnet. Er erhielt unter anderem 2014 den Grammy in der Kategorie "Best Classical Compendium" und 2015 den Ernst von Siemens Musikpreis, den sogenannten Nobelpreis der Musik. 2016 ehrte man ihn mit dem Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau.
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