Chronisch geschädigtes Rückenmark: Ursachen und Therapieansätze

Ein chronisch geschädigtes Rückenmark stellt eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität dar und erfordert eine umfassende und langfristige Therapie. Die Ursachen für solche Schädigungen sind vielfältig und reichen von traumatischen Ereignissen bis hin zu entzündlichen oder degenerativen Erkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen eines chronisch geschädigten Rückenmarks und stellt die gängigen Therapieansätze vor.

Was ist ein chronisch geschädigtes Rückenmark?

Ein chronisch geschädigtes Rückenmark bezieht sich auf eine dauerhafte Schädigung des Rückenmarks, die zu anhaltenden neurologischen Ausfällen führt. Diese Ausfälle können motorische, sensorische und vegetative Funktionen betreffen. Je nach Höhe und Ausmaß der Schädigung können unterschiedliche Symptome auftreten, von leichten Sensibilitätsstörungen bis hin zu vollständigen Lähmungen.

Die Schädigung des Rückenmarks kann sich als Paraplegie manifestieren, bei der die unteren Extremitäten betroffen sind, oder als Tetraplegie, bei der alle vier Gliedmaßen betroffen sind. Bei rund der Hälfte aller Menschen, die unter einer Querschnittlähmung leiden, liegt eine Tetraplegie vor. Die andere Hälfte ist von einer sogenannten Paraplegie betroffen, die auf eine Rückenmarkschädigung im Bereich unterhalb der Brustwirbelsäule zurückzuführen ist und nur die unteren Extremitäten betrifft. Ob sich eine Querschnittlähmung als Tetra- oder Paraplegie manifestiert, hängt davon ab, in welchem Bereich der Wirbelsäule das Rückenmark verletzt oder geschädigt wurde.

Ursachen eines chronisch geschädigten Rückenmarks

Die Ursachen für ein chronisch geschädigtes Rückenmark sind vielfältig. In den meisten Fällen, bei rund fünfzig bis sechzig Prozent aller Patienten, wird eine Querschnittlähmung durch Traumata ausgelöst. Solche Verletzungen entstehen vor allem im Rahmen von Unfällen im Straßenverkehr oder bei sportlichen Aktivitäten. Auffallend ist, dass der Anteil an Tetraplegie-Patienten in dieser Altersgruppe besonders hoch ist. Da Männer grundsätzlich risikobereiter sind als Frauen, sind männliche Tetraplegiker mit fast siebzig Prozent deutlich in der Überzahl. Neben Verkehrs- und Sportunfällen sind verschiedene Erkrankungen häufige Auslöser einer Tetraplegie. Diese können wie etwa die Kinderlähmung oder eine Syringomyelie angeboren sein.

Zu den häufigsten Ursachen gehören:

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  • Traumatische Verletzungen: Unfälle im Straßenverkehr, Sportunfälle, Stürze und Gewalttaten können zu direkten Schädigungen des Rückenmarks führen. Dabei verschieben sich Wirbelkörper und das Rückenmark wird gequetscht. Auch Gewebeschwellungen und Blutergüsse können zu Schäden im Rückenmark führen.
  • Entzündliche Erkrankungen: Multiple Sklerose (MS), Myelitis und andere entzündliche Erkrankungen können das Rückenmark schädigen. Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung und neben der Epilepsie, die häufigste neurologische Erkrankung bei jungen Erwachsenen. Die genauen Ursachen der Erkrankung sind bisher nicht geklärt. Es entstehen in der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark Entzündungsherde, in denen das körpereigene Immunsystem die Myelinschicht attackiert. Die Myelinschicht, ist die isolierende Schicht welche die Axone der Nervenzellen umgibt und wird im ZNS von den Oligodendrozyten gebildet. Die Zerstörung der Myelinschicht führt dazu, dass die Signalweiterleitung entlang der Axone nicht mehr korrekt erfolgt, was letztendlich zu den Symptomen der MS führt.
  • Infektiöse Erkrankungen: Infektionen mit Viren oder Bakterien können eine Myelitis verursachen, eine Entzündung des Rückenmarks, die zu dauerhaften Schäden führen kann. Infektionen mit Herpes-Viren wie beispielsweise Herpes zoster, Varizellen, das Eppstein-Barr- und das HI-Virus kommen als Ursachen ebenso in Betracht wie Mykoplasmen, Brucellen und andere bakterielle Erreger.
  • Vaskuläre Erkrankungen: Ein Rückenmarkinfarkt, verursacht durch eine Durchblutungsstörung des Rückenmarks, kann zu irreversiblen Schäden führen. Beim Rückenmarksinfarkt ist die Blutversorgung in einem Teil des Rückenmarks gestört. Plötzlich auftretende Rückenschmerzen, vor allem aber neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Spastiken und/oder Inkontinenz können ein Hinweis sein.
  • Tumore: Tumore im Bereich des Rückenmarks oder der Wirbelsäule können Druck auf das Rückenmark ausüben und es schädigen.
  • Degenerative Erkrankungen: Bandscheibenvorfälle, Spinalkanalstenosen und andere degenerative Veränderungen der Wirbelsäule können das Rückenmark chronisch schädigen. Insbesondere bei den häufig vorkommenden, chronischen Verläufen eines Bandscheibenvorfalls kann eine Myelomalazie (Myelopathie) auftreten. Die Wahrscheinlichkeit einer Myelomalazie steigt, wenn Verkalkungen bzw. Knochenanbauten (Osteophyten) eine dauerhafte Druckwirkung auf das Rückenmark ausüben.

Symptome eines chronisch geschädigten Rückenmarks

Die Symptome eines chronisch geschädigten Rückenmarks sind vielfältig und hängen von der Höhe und dem Ausmaß der Schädigung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Motorische Ausfälle: Lähmungen der Arme und/oder Beine, Muskelschwäche, Spastik. Die Paraplegie führt zu Funktionsstörungen in der Muskulatur des Rumpfes und der Beine. Bei Vorliegen einer Tetraplegie ist zusätzlich auch die Bewegungsfähigkeit der Armmuskulatur eingeschränkt. Sind im Rahmen einer Tetraplegie die absteigenden Nervenbahnen betroffen, hat dies zur Folge, dass vom Gehirn an die Arme und Beine ausgesendete motorische Signale nicht mehr vollständig übertragen werden.
  • Sensorische Ausfälle: Verlust des Tastsinns, Schmerzempfindens oder Temperaturempfindens. Bei Verletzungen oder Schädigungen aufsteigender Nervenfasern kommt es zu einem Verlust des sensorischen Empfindens. Viele Menschen, die unter dieser Form der Tetraplegie leiden, spüren in den Gliedmaßen keinen Schmerz oder nehmen Temperatureinwirkungen auf der Haut nicht mehr wahr.
  • Vegetative Störungen: Blasen- und Darmfunktionsstörungen, sexuelle Dysfunktion, Störungen der Herz-Kreislauf-Regulation, gestörte Schweißsekretion. Bei schweren Ausprägungen geht eine Tetraplegie nicht nur mit dem Verlust motorischer und sensorischer Fähigkeiten einher, sondern auch mit Funktionsstörungen innerer Organe. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Verletzung des Rückenmarks auch Störungen im autonomen Nervensystem verursacht. Dadurch ist die unwillkürliche Kontrolle über Organsysteme und den Blutkreislauf ebenfalls beeinträchtigt. Dies kann sich in Funktionsstörungen im Bereich des Magen-Darm-Traktes, der Blase und der Sexualorgane manifestieren. Auch die unwillkürliche Regulation der Herzfrequenz, der Körpertemperatur oder des Blutdrucks ist ein häufig auftretendes Begleitsymptom.
  • Schmerzen: Chronische Schmerzen können in verschiedenen Formen auftreten, z.B. als neuropathische Schmerzen oder als Muskel- und Gelenkschmerzen.

Diagnose eines chronisch geschädigten Rückenmarks

Die Diagnose eines chronisch geschädigten Rückenmarks umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden. Am Beginn der Untersuchung wird der Unfallhergang rekonstruiert bzw. bei nichttraumatischen Verletzung eine Untersuchung auf mögliche andere infrage kommende Erkrankungen durchgeführt.
  • Neurologische Untersuchung: Überprüfung der motorischen, sensorischen und vegetativen Funktionen. Hier kontrolliert das ärztliche Personal Motorik und Sensibilität des Körpers und der Gliedmaßen. Außerdem prüft es die Reflexe. Darüber hinaus untersucht es Störungen der Blase und des Mastdarms und klärteventuelle Vorerkrankungen ab.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung des Rückenmarks und der umliegenden Strukturen. MRT-Aufnahmen sind besonders hilfreich, um das Ausmaß, die Ursache und die spezifische Lage der Schädigung im Rückenmark zu bestimmen. Computertomografie (CT) und Röntgenaufnahmen können ebenfalls verwendet werden, um begleitende Verletzungen der Wirbelsäule zu identifizieren.
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und der Muskelaktivität, um die Funktion der Nervenbahnen zu beurteilen.

Therapieansätze bei einem chronisch geschädigten Rückenmark

Die Therapie eines chronisch geschädigten Rückenmarks ist komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz. Ziel der Behandlung ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, Komplikationen zu vermeiden und die Selbstständigkeit so weit wie möglich zu erhalten. Die Behandlung von Tetraplegien erfordert eine umfassende Betreuung von Medizinern, Therapeuten und Pflegepersonal mit fachlicher Spezialausbildung und stützt sich auf mehrere Säulen. Abhängig von den Ursachen und der Ausprägung der Querschnittlähmung kommen in der Regel chirurgische Verfahren, fachneurologische Untersuchungsmethoden sowie verschiedene physiotherapeutische Ansätze zur Anwendung. Da viele Betroffene aufgrund ihrer Lebenssituation Depressionen entwickeln oder sogar suizidgefährdet sind, gilt auch die Psychotherapie als wichtiger Bestandteil der Behandlung.

Die Therapie umfasst in der Regel folgende Maßnahmen:

  • Medikamentöse Therapie: Schmerzmittel, Muskelrelaxantien, Medikamente zur Behandlung von Blasen- und Darmfunktionsstörungen, Antidepressiva. Gegen die Schmerzen können Schmerzmittel helfen. Deren Einnahme sollte bei der Durchblutungsstörung zwingend ärztlich abgesprochen werden, da bestimmte Wirkstoffe die Blutgerinnung beeinflussen können.
  • Physiotherapie: Kräftigung der Muskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit, Förderung der Koordination. Bei einem Rückenmarksinfarkt können Physio- und Ergotherapie die Betroffenen dabei unterstützen, ihre Beweglichkeit zu verbessern, Muskeln zu stärken und besser im Alltag zurechtzukommen. Nach der Erstversorgung wird eine intensive, meist viele Jahre andauernde Rehabilitationsbehandlung eingeleitet. Der individuelle Therapieplan richtet sich nach dem Allgemeinzustand des Patienten und dem Ausmaß der Symptome und Begleiterkrankungen. Ziel ist immer eine bestmögliche Wiederherstellung der Selbstständigkeit des Betroffenen. Die Lähmung, die im Rahmen einer Tetraplegie auftritt, kann eine komplette oder inkomplette Ausprägung annehmen. Bei einer inkompletten Ausprägung sind noch sensorische und motorische Fähigkeiten vorhanden, die im Rahmen der Therapie aktiviert und erfolgreich trainiert werden können.
  • Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten, Anpassung der Wohnumgebung, Hilfsmittelversorgung.
  • Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
  • Psychotherapie: Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung, Bewältigung von Depressionen und Ängsten. Von großer Bedeutung ist die psychische Betreuung der Betroffenen, deren Leben sich schlagartig drastisch verändert hat.
  • Rehabilitation: Umfassende Betreuung in spezialisierten Zentren, um die Selbstständigkeit und Lebensqualität zu verbessern. Mit zunehmender Stabilisierung seines Zustands lernt der Betroffene in spezialisierten Kliniken und unter Einsatz von Hilfsmitteln, seine Restfunktionen bestmöglich zu nutzen. Die Rehabilitation im Krankenhaus dauert je nach Verletzung etwa 6-10 Monate.
  • Operative Maßnahmen: In einigen Fällen können operative Eingriffe erforderlich sein, um das Rückenmark zu entlasten oder die Wirbelsäule zu stabilisieren. Wenn nach einem Unfall der Verdacht auf eine Querschnittlähmung besteht, wird der Patient umgehend in die Klinik eingewiesen. Nach einer entsprechenden Diagnose erfolgt in vielen Fällen eine Operation, die eine Entlastung des Rückenmarks und die Stabilisierung der Wirbelsäule zum Ziel hat.

Spezifische Therapieansätze bei Tetraplegie

Bei Tetraplegie, einer Querschnittlähmung, die alle vier Gliedmaßen betrifft, sind spezielle Therapieansätze erforderlich:

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  • Atemtherapie: Bei Beeinträchtigung der Atemmuskulatur ist eine Atemtherapie notwendig, um die Atmung zu unterstützen und Komplikationen wie Lungenentzündungen vorzubeugen. Abhängig vom Lähmungsniveau kann auch eine Atemtherapie notwendig sein.
  • Sitzoptimierung im Rollstuhl: Eine gezielte Sitzoptimierung im Rollstuhl ist wichtig, um Druckgeschwüre zu vermeiden und eine optimale Körperhaltung zu gewährleisten. Eine gezielte Sitzoptimierung im Rollstuhl und das Training im Umgang mit diesem gewährleisten die notwendige Versorgung des Patienten im Alltag.
  • Training von Alltagsaktivitäten mit Hilfsmitteln: Durch den Einsatz von speziellen Hilfsmitteln können viele Alltagsaktivitäten trotz der Lähmungen selbstständig durchgeführt werden. Einen besonders wichtigen Stellenwert nehmen nach Ablauf der ersten Rehabilitationsphase Maßnahmen zur Sehnenumlagerung und Ellbogenstreckung ein. Diese tragen wesentlich dazu bei, aus dem Rollstuhl aus alltägliche Tätigkeiten wie etwa das Ergreifen von Gegenständen oder das Bedienen eines Lichtschalters wieder zu bewerkstelligen.

Innovationen in der Therapie

Die Forschung im Bereich der Rückenmarksverletzungen schreitet stetig voran. Neue Therapieansätze wie Stammzelltherapie, Gentherapie und Neurostimulationstechniken bieten Hoffnung auf eine Verbesserung derFunktionen und Lebensqualität von Menschen mit chronisch geschädigtem Rückenmark. Ein Forschungsschwerpunkt des Zentrums für Pharmakologie beschäftigt sich daher mit den Mechanismen, die dieser eingeschränkten Regenerationsfähigkeit des ZNS zugrunde liegen. Ziel ist die Entwicklung von neuen gentherapeutischen sowie pharmakologischen Ansätzen zur Förderung der axonalen Regeneration und somit der Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks.

Leben mit einem chronisch geschädigten Rückenmark

Ein Leben mit einem chronisch geschädigten Rückenmark stellt eine große Herausforderung dar. Neben den körperlichen Einschränkungen sind oft auch psychische und soziale Probleme zu bewältigen. Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Eine besonders informative Anlaufstelle ist die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V. (Link unten). Hier bekommt man Kontakt zu Betroffenen und sogenannten Stützpunkten und Hilfe, sich mit der neuen Lebenssituation auseinanderzusetzen.

Mit der richtigen Therapie und Unterstützung ist es jedoch möglich, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen.

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