Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Leiden, das viele Menschen betrifft. Während gelegentliche Kopfschmerzen in der Regel kein Grund zur Besorgnis sind, können chronische Kopfschmerzen den Alltag erheblich beeinträchtigen. Ein Neurologe kann bei der Diagnose und Behandlung verschiedener Arten von chronischen Kopfschmerzen helfen.
Was sind chronische Kopfschmerzen?
Chronische Kopfschmerzen sind definiert als Kopfschmerzen, die an 15 oder mehr Tagen im Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten auftreten. Es gibt verschiedene Arten von chronischen Kopfschmerzen, darunter:
- Chronische Migräne: Migräne ist mehr als nur Kopfschmerzen. Millionen Menschen leiden darunter, oft ohne eine klare Diagnose oder passende Behandlung. Sie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer spontanen Aktivierung von Nervenzellen kommt, die von den Patient:innen als Schmerzen mit mittlerer bis schwerer Stärke - vornehmlich halbseitig auf der Stirn, der Schläfe bis zum Hinterkopf und Nacken - wahrgenommen werden. Typisch sind pulsierende, klopfende, hämmernde seitenbetonte Schmerzen des Kopfes, die durch körperliche Bewegung verstärkt werden und ohne Behandlung 4 - 72 Stunden anhalten. Dazu bestehen Zusatzsymptome wie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und/oder Geräuschen, seltener eine abnormale Geruchsempfindlichkeit sowie Übelkeit bis zu Erbrechen. Dem Kopfschmerz gehen bei einigen Patientinnen oder Patienten bereits an Tagen zuvor Symptome wie Heißhunger, depressive Verstimmung, gesteigerter Antrieb voran. Diese sind zu unterscheiden von der typischen Migräneaura unmittelbar vor oder seltener während der Kopfschmerzen. Hierbei handelt es sich um einseitige wandernde Lichtblitze oder sich bewegende farbige Bilder vor den Augen bis hin zu Sprachstörungen, Taubheit des Gesichtes bzw.
- Chronischer Spannungskopfschmerz: Diese werden von vielen Menschen als "normale" Kopfschmerzen bezeichnet. Ein Spannungskopfschmerz ist von leichter bis moderater Intensität, meist wie ein Ring um den Kopf, als Druck auf der Schädeldecke oder anhaltender Hinterkopfschmerz beschrieben. Gewöhnlich tritt er ohne Begleitsymptome auf, wenngleich z. B. eine leichte Geräuschempfindlichkeit möglich ist.
- Cluster-Kopfschmerz: Cluster Kopfschmerz (ca. 100 000 Patientinnen oder Patienten in Deutschland) besteht aus strikt halbseitigen Schmerzen um bzw. hinter einem Auge, der Stirn, der Schläfe bis in den Oberkiefer von stechendem, bohrendem bis ziehenden Charakter. Die Stärke ist schwer bis unerträglich. Zusätzlich zum Kopfschmerz können halbseitige Gesichtsschwitzen, Gesichtsrötung, Augentränen und/oder laufende/verstopfte Nase auftreten. Die Schmerzattacken treten häufig nachts zur gleichen Zeit auf und dauern von 15 - 180 Minuten an. Bewegungsunruhe ist typisch für die Schmerzattacken und diese sind tageszeitlich und jahreszeitlich "geclustert", d. h. treten zur selben Tages-/Jahreszeit auf.
- Medikamenteninduzierter Kopfschmerz: Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch.
Wann sollte man einen Neurologen aufsuchen?
Es ist ratsam, einen Neurologen aufzusuchen, wenn:
- Kopfschmerzen plötzlich und heftig auftreten.
- Kopfschmerzen von neurologischen Symptomen wie Schwäche, Taubheit, Sprachstörungen oder Sehstörungen begleitet werden.
- Kopfschmerzen trotz rezeptfreier Medikamente nicht besser werden.
- Kopfschmerzen häufiger auftreten oder sich verschlimmern.
- Kopfschmerzen den Alltag beeinträchtigen.
Diagnose chronischer Kopfschmerzen beim Neurologen
Beim ersten Besuch wird der Neurologe eine ausführliche Anamnese erheben, um die Krankengeschichte des Patienten zu erfassen. Dies beinhaltet Fragen zu Art, Häufigkeit, Dauer und Intensität der Kopfschmerzen sowie zuBegleitsymptomen und möglichen Auslösern. Der Neurologe wird auch nach Medikamenteneinnahme, anderen Erkrankungen und familiärer Vorbelastung für Kopfschmerzen fragen.
Anschließend erfolgt eine klinisch-neurologische Untersuchung, um neurologische Defizite auszuschließen. In einigen Fällen können weitere diagnostischeTests wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Computertomographie (CT) des Gehirns erforderlich sein, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Wir führen keine neurologische Zusatzdiagnostik durch, wie EEG, VEP und Doppler / Duplex-Sonographie.
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Behandlungsmöglichkeiten durch den Neurologen
Nach der Diagnose wird der Neurologe einen individuellen Behandlungsplan erstellen, der auf die spezifische Art der Kopfschmerzen und die Bedürfnisse des Patienten zugeschnitten ist. Die Behandlung kann medikamentöse und nicht-medikamentöseAnsätze umfassen.
Medikamentöse Behandlung
- Akutmedikation: Akutmedikamente werden eingenommen, um akute Kopfschmerzattacken zu behandeln. Dazu gehören Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol, Triptane (spezifische Migränemittel) undAntiemetika (gegen Übelkeit).
- Prophylaktische Medikamente: Prophylaktische Medikamente werden regelmäßig eingenommen, um die Häufigkeit und Intensität von Kopfschmerzattacken zu reduzieren. Dazu gehören Betablocker, Antidepressiva,Antiepileptika und CGRP-Antikörper. In der Migränetherapie konzentrieren sich deshalb jüngste Therapieansätze darauf, CGRP-vermittelte Signalkaskaden zu blockieren.
Nicht-medikamentöse Behandlung
- Verhaltensmedizinische Therapie: Hierbei werden die Patient:innen von Neurolog:innen gemeinsam mit Psycholog:innen, Krankengymnast:innen, Sportwissenschaftler:innen und in Kopfschmerz geschultem Pflegepersonal behandelt. Diese als multimodal und multiprofessionell bezeichnete Behandlungsform wird nur an wenigen Einrichtungen mit Schwerpunkt Kopfschmerzen in Deutschland angeboten. Im Rahmen dieser besonderen Behandlung lernen Sie einen hilfreichen Umgang mit Kopfschmerztriggern, sowie vorbeugende medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien (z.B. Entspannungsverfahren) kennen. Psycholog:innen betreuen sie im Rahmen dieses Programms sowohl in der Einzel- als auch Gruppentherapie. Physiotherapeut:innen beurteilen ihren Bewegungsapparat - im Besonderen die Hals- und Nackenbeweglichkeit - und zeigen Ihnen auf, wie Ausdauersport zur Vorbeugung der Kopfschmerzen erlernt werden kann.
- Physiotherapie: Bei chronischen Spannungskopfschmerzen kann Physiotherapie helfen, Muskelverspannungen im Nacken- und Schulterbereich zu lösen.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Behandlung von chronischen Kopfschmerzen wirksam sein kann.
- Biofeedback: Biofeedback ist eine Technik, bei der Patienten lernen, ihre Körperfunktionen wie Herzfrequenz und Muskelspannung zu kontrollieren, um Schmerzen zu reduzieren.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training und Meditation können helfen, Stress abzubauen und Kopfschmerzen vorzubeugen.
- Schlafhygiene: Ausreichend und regelmäßiger Schlaf ist wichtig für die Vorbeugung von Kopfschmerzen. Schlafdefizite gelten als unabhängiger, schmerzverstärkender Faktor - und erholsamer Schlaf als unterstützendes Therapeutikum in der Schmerztherapie.
Integrierte Versorgung
Die Integrierte Gesundheitsversorgung für Kopfschmerzpatienten (IGV-Kopfschmerz) stellt ein Behandlungsmodell dar, bei dem Spezialisten aus dem (teil-)stationären und ambulanten Bereich anhand evidenzbasierter Methoden zusammenarbeiten, um eine optimale Versorgung von Kopfschmerzpatienten zu gewährleisten. Das multimodale Team des Oberbayerischen Kopfschmerzzentrums am Universitätsklinikum Großhadern arbeitet zusammen mit niedergelassenen Ärzten und teilnehmenden Krankenkassen und kann so eine umfassende und sektorenübergreifend koordinierte Behandlung garantieren. Bei Ihrem ersten Besuch bei uns wird in Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und ggf. Physiotherapeuten ein individuell auf Sie abgestimmtes Therapiekonzept erstellt und falls nötig bei Verlaufsterminen modifiziert. Die langfristige ambulante Betreuung übernimmt anschließend ein in der Kopfschmerztherapie geschulter niedergelassener Neurologe.
Forschung
Als universitäres Kopfschmerzzentrum ist die Forschung für uns ein zentrales Anliegen. Zur Evaluation innovativer prophylaktischer und akut-medikamentöser Behandlungsmethoden führen wir klinische Studien zu neuen Substanzklassen durch. Hierbei wird das Prüfpräparat mit einem Placebo (Phase II und Phase III Studien) oder einer bestehenden Regelversorgung (Phase IV Studien) verglichen und hinsichtlich Effektivität sowie Sicherheit beurteilt. Neben den klassischen Medikamentenstudien beschäftigen wir uns in mehreren klinischen Studien mit der Untersuchung von klinischen (z.B. Kopfschmerztage, Begleitsymptome, erfolgte Therapien) und paraklinischen Parametern (z.B. Laborparameter und bildgebende Untersuchungen) unterschiedlicher primärer sowie sekundärer Kopfschmerzerkrankungen.
Spezialisierte Zentren und Ambulanzen
In Deutschland gibt es mehrere spezialisierte Kopfschmerzzentren und -ambulanzen, die eine umfassendeDiagnostik und Behandlung von chronischen Kopfschmerzen anbieten. Dazu gehören unter anderem:
- Kopfschmerzzentrum der Charité
- Kopfschmerzambulanz des UKE (Universitätsklinikum Eppendorf)
- Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
- Oberbayerisches Kopfschmerzzentrum am Universitätsklinikum Großhadern
Diese Einrichtungen arbeiten oft interdisziplinär mit Neurologen, Schmerztherapeuten, Psychologen und Physiotherapeuten zusammen, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten.
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