Paul Julius Möbius: Ein Pionier der Neurologie und Neuroophthalmologie im Spannungsfeld seiner Zeit

Einführung

Paul Julius Möbius (1853-1907) war ein deutscher Nervenarzt und Wissenschaftspublizist, dessen Werk im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sowohl bedeutende Beiträge zur Neurologie und Neuroophthalmologie als auch kontroverse Ansichten, insbesondere über Frauen, hervorbrachte. Ziel dieses Artikels ist es, Möbius' Leistungen in den Bereichen Migräne, Neuroophthalmologie und Morbus Basedow zu beleuchten und gleichzeitig seinen umstrittenen Ruf kritisch zu würdigen.

Möbius' Beitrag zur Migräneforschung

Möbius widmete sich intensiv dem Thema Migräne und veröffentlichte 1894 seine Monographie „Die Migräne“. Diese Arbeit, ein hochwertiger Nachdruck der Originalausgabe, wird im Kontext zeitgenössischer Werke europäischer Kollegen betrachtet. Es wird festgestellt, dass Möbius' Ansichten in vielen Aspekten mit denen seiner Kollegen übereinstimmten.

Kopfschmerzen, insbesondere Migräne, sind ein weit verbreitetes Phänomen, dessen Therapie oft schwierig ist. Möbius selbst erkannte die Bedeutung des Schmerzes als Leitsymptom: "Der Schmerz ist das wichtigste aller Krankheitssymptome, er treibt den Kranken zum Arzt und dieser soll vor allem Schmerzen vertreiben oder lindern." Diese Beobachtung ist bis heute gültig.

Pionierarbeit in der Neuroophthalmologie

Ein weiterer Schwerpunkt von Möbius' Werk lag im Bereich der Neuroophthalmologie. Er leistete Pionierarbeit zu den Entitäten Periodische Okulomotoriuslähmung, infantiler Kernschwund und Morbus Basedow.

Periodische Okulomotoriuslähmung

Möbius beschäftigte sich intensiv mit der periodisch wiederkehrenden Okulomotoriuslähmung und veröffentlichte mehrere Arbeiten zu diesem Thema. Seine Erkenntnisse trugen wesentlich zum Verständnis dieser Erkrankung bei.

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Infantiler Kernschwund (Möbius-Syndrom)

Möbius beschrieb als einer der Ersten den infantilen Kernschwund, der heute als Möbius-Syndrom bekannt ist. Dieses seltene neurologische Krankheitsbild ist durch eine angeborene Lähmung der Gesichts- und Augenmuskulatur gekennzeichnet. Möbius' detaillierte Beobachtungen und Beschreibungen trugen maßgeblich zur Identifizierung und Erforschung des Syndroms bei.

Morbus Basedow

Möbius lieferte wichtige Beiträge zum Verständnis des Morbus Basedow, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Er untersuchte die Zusammenhänge zwischen der Schilddrüsenfunktion und den okulären Symptomen der Krankheit und trug so zur Entwicklung des Konzepts der endokrinen Orbitopathie bei.

Elektrotherapie bei Kopfschmerzen: Historische und moderne Ansätze

Möbius beschäftigte sich auch mit der Elektrotherapie, insbesondere im Zusammenhang mit Kopfschmerzen. In den 1880er und 1890er Jahren verfasste er Sammelbesprechungen über neuere elektrotherapeutische Arbeiten für die Rezensionszeitschrift „Schmidts Jahrbücher der in- und ausländischen gesammten Medicin“.

Die Anwendung schwacher Ströme als Therapeutikum hat eine lange Tradition. Im Rahmen dieser Arbeit wurden wissenschaftliche Kasuistiken und Studien zur Anwendung von schwachen elektrischen Strömen bei Kopfschmerzen, die während der ersten Hochphase der Elektrotherapie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen, identifiziert und hinsichtlich der spezifischen Aspekte der Indikation, der angewendeten Behandlung und des Behandlungserfolgs ausgewertet.

Grundlegend fanden drei Arten der Anwendung von elektrischem Strom im Rahmen der Elektrotherapie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Verwendung: Galvanisation, Franklinisation und Faradisation.

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  • Galvanisation: Ein schwacher, aber hochgespannter Gleichstrom wurde angewendet.
  • Franklinisation: Die Behandlung erfolgte mittels statischer Elektrizität.
  • Faradisation: Es wurde ein unterbrochener, rasch pulsierender Gleichstrom eingesetzt.

Eine Übersicht über historische Studien zur Elektrotherapie bei Kopfschmerzen zeigt eine Vielfalt an Indikationen, Stimulationsmethoden und Behandlungserfolgen.

Tabelle: Historische Studien zur Elektrotherapie bei Kopfschmerzen

(Erst‑)AutorJahrProbandenzahlIndikationArt der StimulationDauer der StimulationFrequenz/Häufigkeit der StimulationKontrollgruppe/VerblindungErfolg
Katyschew1878Keine AngabeCongestiver KopfschmerzFaradisation des Plexus caroticusKeine AngabeKeine AngabeKeineRasche und lang anhaltende Effekte
Calonius18794 (2 w)KopfschmerzenGalvanisation am Kopf und Sympathikus20 minKeine Angabe, insgesamt 5-13 MalKeineGenesung, z. T. mit Rezidiven
Meyer18811 (1 w)MigräneGalvanisation Schläfe-Hals2-3 min jede Seite2-4 Sitzungen/Woche, insgesamt 35 MalKeineGeheilt, Rezidiv im Verlauf, nach 30 weiteren Sitzungen erneut geheilt
Rumpf18812 (0 w)Kopfschmerzen bei „Congestionen“Faradisation (Faradischer Pinsel)Keine AngabeAlle 3 Tage, insgesamt 2 bzw. 18 MalKeineHeilung
Fischer18822 (2 w)Kopfschmerzen bei „melancholischer Verstimmung“ und bei BleichsuchtAllgemeine Faradisation10-20 min2-3 Sitzungen/Woche, insgesamt bis 24 MalKeineDeutliche Verbesserung
Stein18825 (1 w)Neurasthenischer KopfdruckFranklinisation20-30 minTäglich, insgesamt 25-38 MalKeine4 × Heilung, 1 × kein Effekt
Holst18828 (8 w)4 × Neurasthenie, 4 × MigräneFranklinisationKeine AngabeKeine AngabeKeine1 × Heilung, 6 × Teilerfolg, 1 × Verschlechterung
Tigges18837 (4 w)Kopfschmerzen im Rahmen psychischer Erkrankungen (meist Manien)Galvanisation des SympathikusKeine AngabeKeine AngabeKeine4 × Besserung der Kopfschmerzen, 3 × (bei „zu starkem Strom“) Zunahme von Kopfschmerzen
Stein18861 (0 w)Kopfschmerzen bei NeurasthenieGalvanisation am Rücken und Faradisation10 min Galvanisation und 15-17 min FaradisationJeweils täglich, jeweils insgesamt 14 MalKeineHeilung
Eulenburg1887Keine AngabeKopfschmerz bei Neurasthenie und Zephalgien unterschiedlichster ArtFranklinisationKeine AngabeKeine AngabeKeine„sehr entschieden günstig beeinflusst“
Fischer18871 (0 w)Kopfschmerzen bei Verfolgungswahn und HalluzinationenGalvanisation am Kopf2 minTäglich, insgesamt 29 MalKeineInitiale Besserung, dann Wiederkehr der Kopfschmerzen
Neftel18909 (6 w)Migräne7 × Galvanisation am Kopf, 2 × Faradisation3 min bzw. keine AngabeTäglich, 2 Wochen bis 3 Monate langKeine3 × Heilung, 6 × guter Teilerfolg
Sperling189215 (11 w)Kopfschmerzen verschiedener Genese (Migräne, Neuralgie, Neurasthenie)Galvanisation am Kopf oder Hals1-2 minTäglich bzw.

Die Ergebnisse sowohl der historischen elektrotherapeutischen Arbeiten als auch der Publikationen zur modernen transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS) legen nahe, dass die medizinische Applikation von Strom vielversprechende Wirkungen haben kann.

Paul Julius Möbius' Schattenseiten: "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes"

Trotz seiner wissenschaftlichen Leistungen ist Möbius vor allem für seine Schrift "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" bekannt, die Anfang 1900 veröffentlicht wurde. In diesem Traktat vertrat er die Ansicht, dass Frauen aufgrund ihrer biologischen Natur intellektuell minderwertig seien.

Diese Thesen stießen auf breite Ablehnung und Kritik, trugen aber paradoxerweise zu Möbius' Popularität bei. Seine abwegigen Begründungen und die zahlreichen ablehnenden Rezensionen machten ihn zu einer umstrittenen Figur.

Es ist wichtig, Möbius' wissenschaftliche Leistungen kritisch im Kontext seiner Zeit zu betrachten. Seine Ansichten über Frauen sind aus heutiger Sicht inakzeptabel und diskriminierend.

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