Chronische Migräne und Depression: Ein komplexer Zusammenhang

Migräne ist eine der häufigsten Schmerzerkrankungen in Deutschland, von der über acht Millionen Menschen betroffen sind. Die „Global Burden of Diseases Study“ aus dem Jahr 2019 zeigte, dass Kopfschmerzerkrankungen bei beiden Geschlechtern an dritter Stelle von 369 Erkrankungen stehen, wenn es um die mit Behinderung gelebten Jahre geht. Bei den 15- bis 49-Jährigen stehen sie sogar an erster Stelle. Die Kopfschmerz-Attacken werden oft von weiteren Symptomen wie Übelkeit begleitet. Migräne belastet, ohne Frage. Regelmäßige Schmerzen und der Stress, der mit einer Migräneerkrankung einhergeht, können auch zu depressiven Symptomen führen.

Viele Betroffene sind sich nicht bewusst, dass es sich bei Migräne um eine neurologische Erkrankung mit eigenen Symptomen und Ursachen handelt. Oftmals werden Migräne-Attacken als Stress- oder Belastungskopfschmerz fehlinterpretiert.

Was ist Migräne?

Laut Definition äußert sich Migräne in wiederkehrenden Kopfschmerz-Attacken, welche mit Begleitsymptomen einhergehen, die das vegetative Nervensystem betreffen. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) hat über 240 verschiedene Kopfschmerzarten klassifiziert und Kriterien aufgestellt, nach denen Kopfschmerzen in drei Gruppen eingeteilt werden:

  • Primäre Kopfschmerzerkrankungen
  • Sekundäre Kopfschmerzerkrankungen
  • Kraniale Neuropathien, zentraler und primärer Gesichtsschmerz und andere Kopfschmerzen.

Die Migräne zählt dabei zu den primären Kopfschmerzerkrankungen. Die Haupt-Kopfschmerzphase der Migräne weist eine Dauer von 4 bis 72 Stunden auf. Die Migräne-Attacke kann mehrmals wöchentlich, alle paar Monate oder auch nur ein- bis zweimal im Jahr vorkommen. Im Durchschnitt treten Migräne-Attacken an dreieinhalb Tagen im Monat auf. Mediziner unterscheiden, was die Häufigkeit der Attacken betrifft, daher noch einmal zwischen der episodischen Migräne (an bis zu 14 Tagen im Monat) und der chronischen Migräne.

Mediziner teilen Migräne in weitere Unterformen ein. Die häufigsten sind Migräne ohne und mit Aura. Daneben unterscheiden die Experten noch weitere, zum Teil seltene Migräneformen. Typisch für eine Migräne ohne Aura sind einseitig pulsierende Kopfschmerzen von mittelschwerer bis hoher Intensität. Die Beschwerden verstärken sich bei körperlicher Aktivität, zudem kommt es häufig zu Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Symptome wie Kopfschmerzen und Übelkeit treffen auch auf die Migräne mit Aura zu - nur dass bei dieser Form noch zusätzliche visuelle Störungen auftreten, bevor die Schmerzen einsetzen.

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Es gibt somit eine genaue Migräne-Definition. Was jedoch die Migräne verursacht, konnte noch nicht eindeutig geklärt werden, es gibt jedoch verschiedene Theorien. Zum Beispiel gehen Experten davon aus, dass das Gehirn eines Migräne-Patienten Reize schneller und früher aufnimmt und es dadurch zu einer vorübergehenden Fehlfunktion der schmerzverarbeitenden Systeme kommt.

Die Verbindung zwischen chronischer Migräne und Depression

Viele Studien haben eine enge Korrelation zwischen Kopfschmerzen und Schlafstörungen beschrieben. Die Zusammenhänge zwischen primären Kopfschmerzen und Schlafstörungen ist nur unzureichend geklärt. Wenn neben einer Grunderkrankung wie Migräne eine zusätzliche Erkrankung auftritt, spricht man von sogenannten Begleiterkrankungen, die in der medizinischen Fachsprache als Komorbiditäten bezeichnet werden. Eine häufige Komorbidität bei Migräne ist die Depression. Die Komorbidität zwischen Kopfschmerzerkrankung, Angst, Depression und Schlafstörung bedingt höhere gesundheitsbedingte Einschränkungen. Diese drei Komorbiditäten spielen auch eine zentrale Rolle in der Schmerzmodulation.

Tatsächlich können viele Patienten weitere Erkrankungen, in der Fachsprache Komorbiditäten genannt, entwickeln. Zum einen haben Menschen mit Migräne ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen wie für Depressionen, generalisierte Angststörungen oder bipolare Störungen. Zum anderen steht Migräne schwach mit Epilepsie in Verbindung. Aber auch physische Leiden können mit Migräne zusammenhängen.

Studien haben gezeigt, dass für Migräne-Patienten ein erhöhtes Risiko für Depressionen besteht, besonders für Frauen mit einer Migräne mit Aura. Circa fünf Prozent der Deutschen sind von der Erkrankung betroffen. Es gibt eine Reihe an wirksamen Therapiemöglichkeiten. Doch wie hängen Migräne und Depression zusammen? Welche Krankheit bedingt die andere, was sind die Ursachen und wie kann eine Behandlung aussehen?

Der Zusammenhang zwischen Migräne und Depressionen kann unter anderem durch Stoffwechselveränderungen im Gehirn erklärt werden. Bei beiden Erkrankungen scheinen Ungleichgewichte bestimmter Botenstoffe im Gehirn vorzuliegen. Einer davon ist Serotonin. Dieser Neurotransmitter ist an der Schmerzwahrnehmung beteiligt und bei Menschen mit Depressionen und Migräne oft aus der Balance geraten.

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Aktuelle Daten von 1.410 Patienten mit Depression wiesen darauf hin, dass die Komorbidität von schwerer Depression und Migräne zu einer signifikant höheren funktionellen Behinderung und einem schlechteren Ansprechen auf die antidepressive Pharmakotherapie führte. Migränepatienten haben ein erhöhtes Risiko für eine generalisierte Angststörung oder eine bipolare Störung. Nach Daten von 468 Patienten mit Migräne korreliert die Anzahl der Kopfschmerztage pro Monat mit dem Risiko von Angstzuständen (r = 0,273; p < 0,001) und Depression (r = 0,337; p < 0,001). Das Risiko von Angstzuständen ist höher bei Patienten mit ≥ 3 Kopfschmerztagen pro Monat, Patienten mit ≥ 19 Kopfschmerztagen pro Monat haben ein höheres Risiko für Depressionen.

Forschungsergebnisse zum Zusammenhang

DGP - Forscher untersuchten bei Patienten mit Depression, ob sie unter Schmerzen litten und ob dies mit einer Migränediagnose in Zusammenhang stand. Zu Beginn der Untersuchung wurden 155 ambulante Patienten mit Depression befragt. Nach zwei Jahren konnten die Einschätzungen von 101 dieser Patienten analysiert werden.

Im Vergleich zur Patientengruppe ohne aktive Migräne litten die Patienten mit Depression und aktiver Migräne unter signifikant stärkeren Schmerzen in anderen Bereichen des Körpers. Darüber hinaus hatten sie aber auch seltener eine Remission, also Symptomfreiheit von der Depression, erreicht. Die Patientengruppen ohne Migräne und ohne Kopfschmerz in der letzten Woche unterschieden sich dagegen nicht in der Stärke ihrer sonstigen Schmerzen. Die Intensität der Kopfschmerzen korrelierte signifikant mit der Stärke anderer Schmerzen, sowohl zu Beginn der Untersuchung als auch nach zwei Jahren. Patienten mit Migräne und Depression mit aktiven Kopfschmerzen in der letzten Woche litten demnach häufiger unter weiteren körperlichen Schmerzen und erreichten seltener im untersuchten Zeitraum eine Remission von der Depression.

Weitere Komorbiditäten

Migräne kommt nicht immer allein. Tatsächlich können viele Patienten weitere Erkrankungen, in der Fachsprache Komorbiditäten genannt, entwickeln.

  • Angststörungen: Generalisierte Angststörungen und Migräne können sich gegenseitig bedingen - Migräne-Patienten haben ein vierfach erhöhtes Risiko für eine generalisierte Angst. Vor allem wenn Menschen unter chronischer Migräne leiden, besteht die Gefahr, dass sie Ängste vor der nächsten Attacke entwickeln. Diese können so ausgeprägt sein, dass sich allein aufgrund derer die Kopfschmerzen entwickeln. Auch bei Angststörungen besteht wahrscheinlich ein Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter wie Serotonin, ähnlich wie bei Migräne.
  • Reizdarm: Reizdarm ist eine chronische Magen-Darm-Erkrankung, die mit Symptomen wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfungen einhergeht. Laut einer Studie besteht für Menschen mit Migräne ein 1,95-fach erhöhtes Risiko, das Reizdarmsyndrom zu entwickeln.

Therapieansätze bei Migräne und Depression

Bei der Behandlung von Migräne und Depression in Kombination versucht der Arzt zunächst herauszufinden, welche Erkrankung zuerst da war. Denn dieser sollte idealerweise auch der Schwerpunkt in der Therapie zukommen. Wenn Patienten beispielsweise eine Depression haben und deshalb Kopfschmerzen entwickeln, steht zunächst die Depression im Mittelpunkt der Behandlung. Umgekehrt kann es sein, das Betroffene aufgrund der ständigen Angst und des Leidendrucks durch Migräne in eine Depression fallen.

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Heutzutage stehen für die Behandlung von Migräne und Depression sowohl gute und effektive medikamentöse als auch nicht-medikamentöse und psychotherapeutische Therapieansätze zur Verfügung. Betroffene sollten sich in fachärztliche Betreuung begeben, damit gezielt geeignete Therapien ausgewählt und Behandlungsmaßnahmen gegebenenfalls auf beide Erkrankungen abgestimmt werden können.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie bei einer solchen Zweifacherkrankung sollte unter allen Umständen streng ärztlich kontrolliert und begleitet werden, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen zu vermeiden.

  • Triptane: Als Akuttherapie bei einer Migräne-Attacke eignen sich unter anderem Triptane. Die Einnahme von Triptanen und Antidepressiva sollte besonders sorgfältig ärztlich betreut und überwacht werden, denn Triptane sind Serotonin-Agonisten.
  • Antidepressiva: Für die Migräneprophylaxe bei Patienten mit einer Depression eignet sich insbesondere Amitriptylin. Bei Patienten mit einer Angststörung können SSNRI (selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer) eingesetzt werden. Für Venlafaxin gibt es hier Hinweise für eine migräneprophylaktische Wirkung. Begleitend können dual wirksame Antidepressiva verordnet werden, die nachweislich sowohl bei Depressionen, als auch prophylaktisch bei speziellen chronischen Schmerzerkrankungen wie Migräne helfen können, indem sie den Serotonin- und den Noradrenalin-Haushalt regulieren und beide Botenstoffe wieder ins Gleichgewicht bringen.

Nicht-medikamentöse Therapie

Neben Medikamenten gehören weitere Bausteine zur Behandlung.

  • Psychotherapie: Gute Verbesserungen bei der Behandlung von Angststörungen zeigt die kognitive Verhaltenstherapie. Diese Methode der Psychotherapie kann ebenso bei Migräne hilfreich sein.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.
  • Sport und Bewegung: Sport und Bewegung haben nachweislich eine positive Wirkung auf das mentale Befinden. Jede Art von Bewegung kann kurzfristig dabei helfen, Stress zu reduzieren und die Stimmung zu heben. Wenn du dich regelmäßig bewegst, kannst du damit deine Kopfschmerztage reduzieren und dein Befinden insgesamt verbessern.
  • Ernährung: Es gibt einige Studien die den Einfluss von Ernährung auf Migräne und auf Depressionen zeigen konnten. Es wurde beispielsweise nachgewiesen, dass starke Blutzuckerschwankungen Migräneanfälle fördern und dass eine blutzuckerstabilisierende Ernährung eine wirksame Migräneprophylaxe sein kann. Die negativen Auswirkungen eines übermäßigen Zuckerkonsums auf die langfristige psychische Gesundheit wurde in einer anderen großen Studie nachgewiesen.

Die Bedeutung der Kopfschmerzbehandlung

Die Ergebnisse verdeutlichen die Bedeutung der Kopfschmerzbehandlung, die offenbar nicht nur für weitere Schmerzsymptome, sondern auch für die Prognose einer Depression relevant ist. Es ist wichtig zu wissen, dass man mentale Einschränkungen nicht einfach hinnehmen muss. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die dazu beitragen können, dass man sein Leben so leben kann, wie man es möchte - auch mit Migräne.

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