Chronische Migräne: Die IHS-Kriterien im Detail

Die chronische Migräne ist eine besonders belastende Form der Migräne, die durch häufige Kopfschmerzen und eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität gekennzeichnet ist. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) hat spezifische Kriterien für die Diagnose der chronischen Migräne entwickelt, die in der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD) festgelegt sind. Dieser Artikel beleuchtet die IHS-Kriterien für chronische Migräne im Detail und geht auf verwandte Kopfschmerzarten und diagnostische Aspekte ein.

Die Internationale Kopfschmerzklassifikation (ICHD)

Die Internationale Kopfschmerzklassifikation (ICHD) ist ein von der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS) entwickeltes Klassifikationssystem für Kopfschmerzerkrankungen. Sie dient als Grundlage für die Diagnose, Forschung und Behandlung von Kopfschmerzen. Die aktuelle Version ist die ICHD-3 (3. Auflage), die eine umfassende und detaillierte Einteilung der verschiedenen Kopfschmerzarten bietet.

Primäre Kopfschmerzen

Primäre Kopfschmerzen sind Kopfschmerzen, die nicht durch eine andere Erkrankung verursacht werden. Zu den wichtigsten primären Kopfschmerzarten gehören:

  • Migräne
  • Spannungskopfschmerz
  • Cluster-Kopfschmerz
  • Andere trigemino-autonome Kopfschmerzen

Sekundäre Kopfschmerzen

Sekundäre Kopfschmerzen sind Kopfschmerzen, die durch eine andere Erkrankung verursacht werden. Die Ursachen für sekundäre Kopfschmerzen können vielfältig sein und reichen von harmlosen Auslösern wie einer Erkältung bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen wie einem Hirntumor. Einige Beispiele für sekundäre Kopfschmerzen sind:

  • Kopfschmerz zurückzuführen auf ein Schädel-Hirn-Trauma
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine vaskuläre Störung (z.B. Dissektion der A. carotis oder A. vertebralis, reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom, zerebrale autosomal dominante Arteriopathie mit subkortikalen Infarkten und Leukenzephalopathie (CADASIL), mitochondriale Enzephalopathie, Laktatazidose und Schlaganfall-ähnlichen Episoden (MELAS), retinales Vaskulopathie-Syndrom mit zerebraler Leukenzephalopathie und systemischen Manifestationen)
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine nicht-vaskuläre intrakranielle Störung
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Infektion
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Störung der Homöostase
  • Kopfschmerz oder Gesichtsschmerz zurückzuführen auf eine Erkrankung von Schädel, Hals, Augen, Ohren, Nase, Nasennebenhöhlen, Zähnen, Mund oder anderen Gesichts- oder Schädelstrukturen
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine psychiatrische Störung

Schmerzhafte kraniale Neuropathien, andere Gesichts- und Kopfschmerzen

Dieses Kapitel umfasst verschiedene Schmerzsyndrome, die durch eine Schädigung oder Erkrankung von Hirnnerven oder anderen Strukturen im Kopf- und Gesichtsbereich verursacht werden. Einige Beispiele sind:

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  • Schmerzen zurückzuführen auf eine Läsion oder Erkrankung des N. trigeminus, N. glossopharyngeus, N. occipitalis major oder anderer Hirnnerven
  • Nacken-Zungen-Syndrom
  • Kopfschmerz zurückzuführen auf eine ischämische Lähmung des N. oculomotorius
  • Syndrom des brennenden Mundes
  • Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz
  • Zentraler neuropathischer Schmerz nach Hirninfarkt

Chronische Migräne: Die Diagnosekriterien der IHS

Die chronische Migräne ist in der ICHD-3 als eigene Migräneform definiert und nicht mehr als Komplikation der Migräne. Die Diagnose einer chronischen Migräne wird gestellt, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

A. Kopfschmerz an ≥15 Tagen/Monat seit >3 Monaten, der die Kriterien B und C erfüllt

B. Auftreten bei einem Patienten, der mindestens fünf Attacken hatte, die die Kriterien B-D für Migräne ohne Aura und/oder die Kriterien B und C für Migräne mit Aura erfüllen

C. An ≥8 Tagen/Monat seit >3 Monaten, die eines der folgenden Kriterien erfüllen:

  • Kriterien C und D für Migräne ohne Aura
  • Kriterien B und C für Migräne mit Aura
  • Der Patient ist der Ansicht, dass es sich bei Beginn der Kopfschmerzen um eine Migräne handelt.
  • Der Kopfschmerz wird durch ein Triptan oder ein Ergot-Derivat gelindert

D. Nicht besser durch eine andere ICHD-3-Diagnose zu erklären.

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Erläuterung der Kriterien

  • Kriterium A: Definiert die Häufigkeit und Dauer der Kopfschmerzen. Der Kopfschmerz muss an mindestens 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten auftreten.
  • Kriterium B: Stellt sicher, dass der Patient in der Vergangenheit Migräneattacken hatte, die die Kriterien für Migräne ohne oder mit Aura erfüllen.
  • Kriterium C: Besagt, dass an mindestens 8 Tagen im Monat die Kopfschmerzen entweder die Kriterien für Migräne erfüllen oder vom Patienten als Migräne wahrgenommen werden und auf Migränemittel ansprechen.
  • Kriterium D: Schließt andere Kopfschmerzarten aus, die die Symptome besser erklären könnten.

Bedeutung der Abgrenzung zur episodischen Migräne

Die Abgrenzung der chronischen Migräne von der episodischen Migräne ist wichtig, da sich die Behandlungsstrategien unterscheiden können. Patienten mit chronischer Migräne benötigen oft eine spezifischere und intensivere Therapie als Patienten mit episodischer Migräne.

Differenzialdiagnosen

Bei der Diagnose der chronischen Migräne müssen andere Kopfschmerzarten ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome verursachen können. Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen gehören:

  • Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK): Kopfschmerzen, die durch den übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln verursacht werden. Es ist wichtig zu beachten, dass ein MÜK sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne auftreten kann. In der ICHD-3 ist es möglich, sowohl die Diagnose chronische Migräne als auch MÜK zu stellen.
  • Spannungskopfschmerz: Eine häufige Kopfschmerzart, die sich durch einen dumpfen, drückenden Schmerz bemerkbar macht, der meist beidseitig auftritt.
  • Neu aufgetretener täglicher anhaltender Kopfschmerz (NDPH): Ein seltener Kopfschmerztyp, der plötzlich beginnt und von Anfang an täglich und anhaltend auftritt.
  • Hemicrania continua: Ein anhaltender, streng einseitiger Kopfschmerz, der auf Indomethacin anspricht.
  • Andere sekundäre Kopfschmerzarten: Kopfschmerzen, die durch eine andere Erkrankung verursacht werden (siehe oben).

Komorbiditäten

Patienten mit chronischer Migräne leiden häufig auch an anderen Erkrankungen, sogenannten Komorbiditäten. Zu den häufigsten Komorbiditäten gehören:

  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Schlafstörungen
  • Fibromyalgie
  • Reizdarmsyndrom

Therapie der chronischen Migräne

Die Therapie der chronischen Migräne ist oft komplex und erfordert einen multimodalen Ansatz. Zu den wichtigsten Therapiebausteinen gehören:

  • Akuttherapie: Behandlung der akuten Kopfschmerzattacken mit Schmerzmitteln (z.B. NSAR, Triptane) und Antiemetika.
  • Prophylaxe: Vorbeugende Behandlung zur Reduktion der Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken. Hierzu können verschiedene Medikamente eingesetzt werden (z.B. Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika, CGRP-Antikörper).
  • Verhaltensmedizinische Therapie: Erlernen von Strategien zur Stressbewältigung, Entspannungstechniken und Änderung des Lebensstils.
  • Neuromodulation: Einsatz von Geräten zur Stimulation von Nerven oder Gehirn zur Schmerzlinderung (z.B. transkranielle Magnetstimulation, Vagusnervstimulation).
  • Physikalische Therapie:Manuelle Therapie, Triggerpunktbehandlung, Dehnübungen.

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