Chronische Migräne: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Die chronische Migräne ist eine stark beeinträchtigende Erkrankung, die sich durch häufige und lang anhaltende Kopfschmerzen auszeichnet. Im Gegensatz zur episodischen Migräne, bei der Kopfschmerzen seltener auftreten, leiden Betroffene mit chronischer Migräne an mindestens 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten an Kopfschmerzen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der chronischen Migräne.

Was ist chronische Migräne?

Von chronischer Migräne spricht man, wenn die Beschwerden an mehr als 15 Tagen pro Monat über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten anhalten. Die Lebensqualität ist meistens stark beeinträchtigt. Gemäß der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft unterteilt man Migräne-Kopfschmerzen in zwei Untergruppen: die episodische und die chronische Form.

Eine chronische Migräne liegt dann vor, wenn Betroffene über mindestens drei Monate hinweg an mehr als 15 Tagen im Monat über Kopfschmerzen leiden. Dabei müssen an mindestens acht dieser Tage typische Begleitsymptome wie Aura, Übelkeit oder Erbrechen auftreten. Ein weiteres Kriterium ist, dass die Kopfschmerzen nicht auf einen Übergebrauch von Medikamenten zurückzuführen sind.

Die chronische Migräne tritt bei etwa ein bis zwei Prozent der allgemeinen Bevölkerung auf, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Symptome der chronischen Migräne

Die Symptome der chronischen Migräne ähneln denen der episodischen Migräne, treten jedoch häufiger auf und können stärker ausgeprägt sein. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Kopfschmerzen: Starke, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten, aber auch beidseitig sein können.
  • Licht- und Lärmscheu: Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen.
  • Aura: Sehstörungen, Missempfindungen, Sprechstörungen, Sprachstörungen, Bewegungsstörungen, Doppelbilder, Ohrgeräusche oder Flimmern sind möglich.
  • Stimmungsveränderungen: Gereiztheit, Depressionen oder Angstzustände.
  • Heißhunger oder Appetitlosigkeit: Veränderung des Appetits.
  • Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Konzentrieren: Kognitive Beeinträchtigungen.
  • Vermehrtes Gähnen und Müdigkeit: Erschöpfung und Energiemangel.
  • Übelkeit und/oder Erbrechen: Magen-Darm-Beschwerden.
  • Symptomverstärkung durch körperliche Aktivität: Verschlimmerung der Symptome bei Anstrengung.

Krankheiten, die oft zusammen mit chronischer Migräne auftreten (Komorbiditäten): Depression, Angsterkrankung, Übergewicht, arterielle Hypertonie, Medikamentenübergebrauch und Schlafstörungen

Die chronische Migräne kann mit und ohne Aura auftreten. Als Diagnosekriterium ist jedoch nur relevant, wie lange die Anfälle dauern und wie oft sie auftreten. Nur die Anfallshäufigkeit unterscheidet also die chronische von der episodischen Migräne.

Ursachen der chronischen Migräne

Die genauen Ursachen der chronischen Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, da häufig mehrere Familienmitglieder betroffen sind.

Aktuelle Studien zeigen, dass die Entwicklung einer chronischen Migräne durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. Dazu gehören hormonelle Veränderungen und verschiedene Umweltfaktoren, die die Umwandlung von episodischer zu chronischer Migräne begünstigen können. Zu den Umweltfaktoren zählen Stress, Schlafstörungen, Wetterveränderungen, bestimmte Nahrungsmittel und sensorische Reize. Besonders bei genetisch anfälligen Personen spielen diese Faktoren eine entscheidende Rolle.

Zudem tritt die chronische Migräne häufiger in Verbindung mit Depressionen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen und anderen Schmerzkrankheiten auf.

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Als gesichert gilt, dass chronische Migräne nicht durch einen Übergebrauch von Medikamenten ausgelöst wird.

Mögliche Ursachen eines chronischen Kopfschmerzes

Bei Verdacht auf einen chronischen Kopfschmerz ist ein breites Spektrum an möglichen Ursachen auszuschließen. Hat ein Patient beispielsweise zusätzlich zum Kopfschmerz Fieber und Entzündungssymptome, könnte eine Infektion vorliegen. So können HIV­Infektionen chronische Kopfschmerzen auslösen. Zudem ist abzuklären, ob der Kopfschmerz von bestimmten Umständen abhängt und zum Beispiel durch ein Valsalva­Manöver bzw. eine Lageänderung und somit durch Veränderungen des intrakraniellen Druckes ausgelöst werden kann. Ergibt sich aus der Anamnese eines der aufgeführten Warnzeichen, besteht die Indikation für eine weiterführende Diagnostik, zum Beispiel für eine Kernspintomografie. Die Diagnose einer primären chronischen Migräne, bei der keine Ursache zu identifizieren ist, erfordert hingegen keine apparative Diagnostik.

Transformation von episodischer zu chronischer Migräne

Aus der episodischen Migräne kann sich eine chronische Migräne entwickeln, aber auch die umgekehrte Entwicklung ist möglich. So erleben jedes Jahr 2,5 bis 4,6 % der Patienten mit episodischer Migräne ein Fortschreiten hin zur chronischen Form. Hierbei hat der Betroffene zunächst keine Migräne; in der Jugendzeit oder im jungen Erwachsenenalter entwickelt er meistens eine niederfrequente episodische Migräne mit einigen Kopfschmerztagen im Monat. Diese geht über in eine hochfrequente episodische Migräne mit zehn bis 14 Tagen pro Monat, aus der dann eine chronische Migräne entsteht. Jedes Jahr entwickelt sich jedoch ebenfalls bei einigen der Betroffenen eine chronische Migräne spontan wieder zurück in eine episodische Migräne. Leider sind die Faktoren, die bei dieser Entwicklung eine Rolle spielen, bislang nicht bekannt. Besser bekannt sind hingegen sowohl modifizierbare als auch nicht modifizierbare Risikofaktoren für den Übergang einer episodischen in eine chronische Migräne. Zu den modifizierbaren Faktoren gehört die Zahl der Attacken, die das Risiko für die Entwicklung einer chronischen Migräne erhöht. Dies gilt ebenfalls für den Medikamentenübergebrauch: Die Einnahme von akut gegen Kopfschmerz wirkenden Medikamenten an mehr als zehn Tagen im Monat begünstigt das Entstehen einer chronischen Migräne. Auch das gemeinsame Vorliegen einer episodischen Migräne und anderer Schmerzsyndrome, wie Rückenschmerzen, begünstigt die Chronifizierung der Migräne. Bei einem Koffeinübergebrauch, d. h. ab drei Koffeineinheiten (drei Gläser Cola oder drei Tassen Kaffee) steigt das Risiko, eine chronische Migräne zu entwickeln, ebenfalls. Zu weiteren Risikofaktoren gehören belastende Lebensereignisse, Schnarchen, Bruxismus (Zähneknirschen) und Fettleibigkeit. Übergewicht führt zwar nicht dazu, dass das Migränerisiko steigt, aber bei Vorliegen einer Veranlagung zur Migräne erhöht Übergewicht das Risiko, eine chronische Migräne zu entwickeln.

Behandlung der chronischen Migräne

Die Behandlung der chronischen Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Kopfschmerzen zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieansätzen.

Medikamentöse Behandlung

Die medikamentöse Behandlung der chronischen Migräne kann in zwei Kategorien unterteilt werden: Akutbehandlung und Prophylaxe.

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Akutbehandlung

Die Akutbehandlung zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern. Hierfür können folgende Medikamente eingesetzt werden:

  • Schmerzmittel: Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol können bei leichten bis mittelschweren Kopfschmerzen helfen.
  • Triptane: Triptane sind spezifische Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und Entzündungen reduzieren.
  • Antiemetika: Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen können das Wohlbefinden der Betroffenen deutlich steigern.
  • Kombinationspräparate: Kombinationen aus Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS) und Koffein können ebenfalls helfen, die Beschwerden zu lindern. Auch Koffein alleine kann hilfreich sein.

Es wird empfohlen, Kombinationspräparate nicht länger als 10 Tage im Monat und einfache Schmerzmittel nicht länger als 15 Tage im Monat einzunehmen, um das Risiko von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen zu vermeiden.

Amitriptylin ist eigentlich ein Medikament, das gegen Depressionen hilft. Trotzdem wird es auch zur Therapie der chronischen Migräne eingesetzt. Besonders bei Patienten, die zusätzlich an einer Depression erkrankt sind, ist Amitriptylin ein bewährtes Medikament. Es wird meistens gut vertragen.

Eine invasive Neurostimulation ist zwar auch bei chronischer Migräne denkbar, Ärzte empfehlen sie aber nur als letzten Ausweg, wenn die bisherigen Therapieoptionen nicht erfolgreich waren. Bei der invasiven Neurostimulation werden elektrische Impulse ausgesendet und die Schmerzimpulse dadurch unterdrückt. Dieses Verfahren wird auch bei Parkinson, Alzheimer oder anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt.

Prophylaxe

Die Prophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Hierfür können folgende Medikamente eingesetzt werden:

  • Monoklonale Antikörper: Monoklonale Antikörper sind eine neue Art von Medikamenten, die helfen können, Migräne zu verhindern. Sie wirken, indem sie ein Molekül namens CGRP blockieren, das bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt. Diese Medikamente können die Anzahl und Schwere der Migräneanfälle verringern.

    Es gibt mehrere monoklonale Antikörper, die für die Migräneprophylaxe eingesetzt werden. Erenumab blockiert den CGRP-Rezeptor und kann helfen, Migränetage zu reduzieren. Fremanezumab zielt direkt auf das CGRP-Molekül ab und wird regelmäßig verabreicht, um Migräneanfälle zu verhindern. Galcanezumab, ähnlich wie Fremanezumab, blockiert CGRP und wird zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt. Eptinezumab wird intravenös verabreicht und wirkt ebenfalls gegen CGRP.

    Die Wirkung dieser Antikörper beginnt oft schon nach wenigen Wochen, und viele Menschen bemerken eine Verbesserung innerhalb von drei Monaten.

  • OnabotulinumtoxinA (Botox): Eine Form von Botox, die in die Kopf- und Nackenmuskulatur injiziert wird, um die Muskelspannung zu reduzieren und die Schmerzübertragung zu blockieren.

  • Topiramat: Ein Antiepileptikum, das auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt wird.

  • Betablocker: Betablocker wie Propranolol, Metoprolol und Bisoprolol, die normalerweise bei Herzerkrankungen oder Bluthochdruck eingesetzt werden, können einer chronischen Migräne vorbeugen und sind oft schon in geringer Dosis wirksam.

  • Neurostimulation des Nervus supraorbitalis: Bei einer Neurostimulation des Nervus supraorbitalis wird jener Nerv, der oberhalb der Augenhöhle liegt, durch elektrische Impulse stimuliert. Studien haben gezeigt, dass diese Methode bei einigen Patienten die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduziert.

  • Okzipitale Nervenblockade: Die okzipitale Nervenblockade hat in Studien gezeigt, dass sie kurzfristig wirksam ist und helfen kann, die Anzahl der Migränetage zu reduzieren. Die Langzeitwirkung ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht. Bei der okzipitalen Nervenblockade werden bestimmte Nerven betäubt, die für das Gefühl im hinteren Teil des Kopfes verantwortlich sind.

Außerdem ist bekannt, dass es für die Prophylaxe der chronischen Migräne wichtig ist, die Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) zu behandeln. Werden Krankheiten therapiert, die mit der chronischen Migräne gemeinsam auftreten, wirkt sich das positiv auf den Therapieerfolg bei chronischer Migräne aus.

Zu solchen Komorbiditäten zählen Depression, Angsterkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Übergewicht, Bluthochdruck, Medikamentenübergebrauch und Schlafstörungen.

Zudem gibt es bei chronischen Kopfschmerzen weitere Möglichkeiten zur Prophylaxe, zum Beispiel Ausdauersport, Biofeedback oder Verhaltenstherapie. Bisher ist nicht nachgewiesen, ob diese Methoden auch bei chronischer Migräne helfen. Trotzdem lohnt es sich, diese Maßnahmen auszuprobieren.

Nicht-medikamentöse Behandlung

Zusätzlich zur medikamentösen Behandlung können verschiedene nicht-medikamentöse Therapieansätze helfen, die Symptome der chronischen Migräne zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:

  • Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung wie Entspannungsübungen, Meditation oder Yoga.
  • Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Einhaltung eines regelmäßigen Schlafrhythmus, um Schlafstörungen zu vermeiden.
  • Ernährungsumstellung: Vermeidung von Trigger-Nahrungsmitteln und -Getränken, die Migräneattacken auslösen können.
  • Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Ausdauersportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walking.
  • Biofeedback: Eine Technik, bei der Betroffene lernen, ihre Körperfunktionen wie Herzfrequenz und Muskelspannung bewusst zu beeinflussen.
  • Verhaltenstherapie: Eine Therapieform, die darauf abzielt, negative Gedanken und Verhaltensweisen zu verändern, die zur Chronifizierung der Migräne beitragen können.
  • Akupunktur: Eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, bei der feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers gestochen werden, um Schmerzen zu lindern.

Behandlung der chronischen Migräne: Grundsätze

Die Behandlung der chronischen Migräne zielt darauf ab, die Auswirkungen auf den Alltag zu minimieren und möglichst mit der Zeit eine Rückentwicklung zur episodischen Migräne zu bewirken. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist die richtige Diagnose, denn in einer amerikanischen Studie hatten von 520 Patienten mit chronischer Migräne nur 20 % die korrekte Diagnose erhalten. Erfahrungsgemäß dominieren hierbei derzeit in Deutschland eher die Unterdiagnosen und nicht die Fehl- oder Überdiagnosen. Zu den Grundsätzen der Behandlung gehört es, im Gespräch oder auch mithilfe eines Kopfschmerztagebuches alle Auslöse­ und Verstärkungsfaktoren, die zu einer Chronifizierung beitragen, zu identifizieren, um sie dann zu minimieren bzw. auszuschalten. Auch der aktuelle Medikamentenverbrauch bzw. ­übergebrauch muss erfasst werden. Der hierauf basierend erstellte Behandlungsplan umfasst immer medikamentöse und nicht medikamentöse Maßnahmen, da sich eine chronische Migräne meist nicht allein durch Medikamente suffizient behandeln lässt.

Medikamentöse Akutbehandlung: Grundsätze und Wirkstoffe

Um das Chronifizierungsrisiko zu minimieren, sollten akute Medikamente, die den Schmerz lindern, maximal an zehn Tagen pro Monat eingenommen werden. Nach der verfügbaren, insgesamt unzureichenden Datenlage zur Attackenbehandlung bei chronischer Migräne sind Triptane gegenüber Ergotaminen aufgrund einer überlegenen Wirksamkeit zu bevorzugen. Zusammenfassend gilt folgende Faustregel: Der Einsatz von Akutmedikamenten ist möglich - wenn er erfolgt, sollten am besten Triptane für maximal zehn Tage im Monat eingenommen werden.

Medikamentöse Akutbehandlung: Übergebrauch

Es ist wichtig, Migränepatienten den vermeintlich paradoxen Zusammenhang klarzumachen, dass die akute Schmerzmedikation zumindest in Europa der wichtigste Chronifizierungsfaktor ist. Wie eine Befragung amerikanischer Migränepatienten zeigte, erfüllten 15,4 % der Befragten die Kriterien für Medikamentenübergebrauch. Zudem nahmen die Befragten mit Übergebrauch signifikant häufiger Triptane (31,3 % vs. 14,2 %) und Opioide (23,8 % vs. 8,0 %) ein. Die mit etwa 60 % überwiegende Mehrheit nahm meist nicht verschreibungspflichtige nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) ein. Es ist bekannt, dass sich ein Medikamentenübergebrauch deutlich schneller entwickelt, wenn Triptane, Opioide und Kombinationsanalgetika eingenommen werden, verglichen mit einfachen Analgetika. In Deutschland geht man davon aus, dass etwa 40 bis 50 % aller Patienten mit chronischen Kopfschmerzen einen Übergebrauch von Schmerz­ oder Migränemitteln betreiben. Dabei unterscheidet sich die Definition des Übergebrauches bei den genannten Wirkstoffklassen: Bei Ergotaminen, Triptanen, Opioiden oder Kombinationsanalgetika stellt die Einnahme an zehn oder mehr Tagen pro Monat bereits einen Übergebrauch dar. Bei Nichtopioidanalgetika, wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Diclofenac, liegt dieser hingegen bei 15 oder mehr Tagen Einnahme im Monat vor. Die Betroffenen geraten in diesen Fällen in einen Teufelskreis: Sie haben Kopfschmerzen und nehmen daher akut ein Medikament. Die Akutmedikation erzielt zunächst Wirkung, die jedoch allmählich nachlässt. Der Schmerz tritt daher schnell erneut auf, sodass der Patient nach kurzer Zeit erneut ein Schmerzmittel einnimmt. Das System schaukelt sich auf, die Frequenz der Attacken nimmt zu. Im Amerikanischen wird dieser Kopfschmerz auch Rebound Headache genannt. Demnach ist der Kopfschmerz infolge eines Medikamentenübergebrauches eigentlich ein Kopfschmerz, der aufgrund der nachlassenden Wirkung der Medikamente auftritt. Beim Kopfschmerz infolge eines Medikamentenübergebrauches gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden die akuten Medikamente abrupt abgesetzt, wodurch der Patient über ein bis zwei Wochen Entzugssymptome entwickelt, bevor er auf eine prophylaktische Medikation umgestellt wird, oder die Akutmedikamente werden ausgeschlichen. Gemäß einer Studie, an der Patienten mit etwa 25 Kopfschmerztagen im Monat und Übergebrauch teilnahmen, führte ein alleiniges abruptes Absetzen der Akutmedikamente zu einer Abnahme der Kopfschmerztage auf etwa 20 im Monat. Bei Kombination des abrupten Absetzens mit einer Prophylaxe, beispielsweise einem Betablocker oder Topiramat, reduzierte sich die Zahl der Kopfschmerztage signifikant stärker auf etwa 15 im Monat. Nach zwölf Monaten wiesen 53 % der Patienten in der Prophylaxegruppe eine ≥50%ige Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage im Vergleich zu 25 % in der Entzugsgruppe auf (P = 0,081).

Medikamentöse Therapie: Grundsätze

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, den Teufelskreis von Häufigkeit der Akutmedikation und Chronifizierung des Kopfschmerzes mithilfe von medikamentösen und nicht medikamentösen prophylaktischen Maßnahmen zu durchbrechen. Hierbei ist eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen, die sich in den aktuellen S1­Leitlinien zur Behandlung der Migräne und zum Übergebrauch von Schmerz­ oder Migränemitteln finden. So spielt zunächst die Aufklärung eine zentrale Rolle. Denn in der Regel lässt sich die Zahl der Tage mit Kopfschmerz zwar verringern, doch eine Halbierung ist bereits ein Erfolg; ganz verschwinden wird der Schmerz meist nicht. Zudem dauert es mehrere Monate, bis sich der Erfolg einer Prophylaxe abschätzen lässt. Bei der Wahl der Medikamente müssen die Nebenwirkungen und Wirkungen gegeneinander abgewogen und auch die Begleiterkrankungen berücksichtigt werden.

Medikamentöse Therapie: Wirkstoffe

Bei den verfügbaren Wirkstoffen für die Therapie der Migräne unterscheidet die S1­Leitlinie zwischen zwei Gruppen: Medikamenten mit guter und Medikamenten mit geringer Evidenz. Zu den Medikamenten mit guter Evidenz gehören oral anzuwendende Betablocker, Flunarizin, Valproinsäure, Topiramat und Amitriptylin sowie zu injizierendes Onabotulinumtoxin A. Im Rahmen dieses CME-Modules ist die Bezeichnung Onabotulinumtoxin A gleichzusetzen mit Botulinumtoxin Typ A. Während die erstgenannten bei allen Migräneformen eingesetzt werden können, beschränkt sich die Zulassung von Botulinumtoxin Typ A auf die chronische Migräne. Bei den Medikamenten mit geringer Evidenz ist der Wirkunterschied gegenüber Placebo im Durchschnitt weniger gut oder die Datenlage schlecht. Gemäß S1­Leitlinie kann in der Therapie der chronischen Migräne unter den Wirkstoffen mit guter Evidenz im Prinzip frei gewählt werden. Bei Patienten mit chronischer Migräne und Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (MOH) haben sich Topiramat, Botulinumtoxin Typ A und Amitriptylin als wirksam erwiesen. Bei Topiramat ist jedoch zu beachten, dass der Einsatz zulassungsgemäß erst nach Versagen und bei unzureichender Verträglichkeit von Betablockern erfolgen darf. Valproinsäure hat keine Zulassung zur Migräneprophylaxe, kann aber als Off­Label­Use zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verschrieben werden - allerdings nur durch Neurologen und Nervenärzte; derzeit hat jedoch kein Hersteller in die Kostenübernahme bei Migräne eingewilligt, sodass diese Entscheidung praktisch nicht umgesetzt werden kann. Botulinumtoxin Typ A ist schließlich eine Option, wenn andere der genannten Therapien nicht wirksam oder verträglich waren. Sind die Wirkstoffe aus der Gruppe mit guter Evidenz nicht wirksam, nicht verträglich oder aufgrund von Gegenanzeigen nicht anwendbar, kann eine zunächst dreimonatige intravenöse bzw. subkutane Therapie mit monoklonalen Antikörpern gegen Calcitonin Gene Related Peptide (CGRP) oder den CGRP­Rezeptor erfolgen. Ergibt eine anschließende Evaluation ein ausreichendes Ansprechen, wird die Therapie für sechs bis neun Monate fortgesetzt.

Medikamentöse Therapie: Herausforderungen der oralen Therapie

Beim Einsatz der oralen Wirkstoffe in der Prophylaxe der chronischen Migräne gibt es zwei Herausforderungen: Zum einen wurden sie in dieser Indikation bislang nur in wenigen Studien untersucht. Für Topiramat gibt es unter anderen zwei größere, doppelblinde Studien, in denen das Antikonvulsivum in der Behandlung der chronischen Migräne eine bessere Wirksamkeit erzielte als Placebo. Zu Valproinsäure liegen kleinere Studien für dieses Einsatzgebiet vor. Für die anderen oralen Wirkstoffe sind hingegen keine Studien speziell zur Wirksamkeit bei chronischer Migräne verfügbar. Zum anderen ist die Adhärenz unter den oralen Wirkstoffen schlecht. So zeigte die gepoolte Auswertung von mehreren Studien, dass bereits nach zwei Monaten viele Patienten die Behandlung abbrechen, nach zwölf Monaten nimmt nur noch maximal die Hälfte die Prophylaxe ein. Ein wichtiger Grund, vor allem bei der Behandlung mi Topiramat oder Amitriptylin, waren die Nebenwirkungen. Dies bestätigte eine weitere Studie, in der die Adhärenz…

Krankheitsverlauf und Prognose

Der Verlauf einer chronischen Migräne lässt sich nicht vorhersagen. Es handelt sich um ein individuelles Krankheitsbild: Nicht nur die Symptome, auch die Intensität der Beschwerden und der entstehende Leidensdruck sind bei allen Betroffenen unterschiedlich.

Eine einheitliche, allgemein gültige Prognose gibt es daher nicht. Trotzdem ist die chronische Migräne behandelbar. Welche Maßnahmen und Medikamente in Ihrem Fall sinnvoll sind, besprechen Sie am besten mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer Ärztin.

Das Behandlungsziel ist nicht Heilung, sondern Symptom-Reduzierung. Mit der richtigen Therapie und bestimmten Veränderungen im Alltag leben viele Betroffene ein nahezu Migräne-freies Leben. Die Kopfschmerztage werden dadurch meistens deutlich reduziert.

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