Die wissenschaftlichen Grundlagen des menschlichen Gehirns und seine kognitive Leistungsfähigkeit

Einführung

Unser Gehirn ist ein komplexes Organ, das unsere Kognition, unser Verhalten und unsere Gewohnheiten steuert. Es ist ein Organ, das ständig lernt und sich anpasst, und es ist wichtig, die wissenschaftlichen Grundlagen des Gehirns zu verstehen, um unsere kognitiven Fähigkeiten zu verbessern und gesunde Gewohnheiten zu entwickeln. Der Artikel befasst sich mit den neurobiologischen Prozessen, die unseren Gewohnheiten zugrunde liegen, und bietet Einblicke, wie wir diese Erkenntnisse nutzen können, um positive Veränderungen in unserem Leben zu bewirken.

Warum sich das neue Jahr so gut für Gewohnheiten eignet

Der Jahreswechsel ist eine Zeit der Reflexion und des Neuanfangs. Unser Gehirn liebt Zeitmarken, und das neue Jahr fühlt sich wie ein gedanklicher Neustart an. Deshalb stellen wir uns oft die Frage, was wir verändern möchten und warum wir jedes Jahr an denselben Vorsätzen scheitern. Die Antwort liegt oft darin, dass wir gegen unser Nervensystem arbeiten, anstatt mit ihm. Unser Alltag wird nicht von guten Vorsätzen gesteuert, sondern von Gewohnheiten, die im Hintergrund ablaufen, lange bevor wir bewusst entscheiden. Diese Routinen sind das Ergebnis eines Gehirns, das auf Energieeffizienz, Vorhersagbarkeit und Sicherheit optimiert ist. Was sich bewährt hat, wird gespeichert, was sich oft wiederholt, wird automatisiert, und was automatisiert ist, entlastet unser Denken.

Neurobiologische Grundlagen der Gewohnheiten

Die "Habit Loop" aus Sicht des Gehirns

Jede Gewohnheit durchläuft eine feste Sequenz im Gehirn: Cue → Craving → Response → Reward (Auslösereiz → Verlangen → Handlung → Belohnung). Sobald ein Cue (Auslöser) auftritt, registriert das Gehirn diese Information und erwartet einen bevorstehenden Lohn. Dieser Auslöser aktiviert unter anderem die Amygdala (die prüft: Ist das wichtig?) und die Basalganglien (die das passende Routineprogramm bereitstellen). Fast gleichzeitig beginnt das Dopaminsystem hochzufahren: Es schüttet schon im Voraus Dopamin aus, was als Verlangen (Craving) spürbar wird - die Motivation, jetzt die gewohnte Handlung auszuführen. Wichtig zu verstehen: Wir verlangen nicht nach der Handlung selbst, sondern nach der Zustandsänderung, die sie uns verschafft. Das Gehirn will nicht "die Zigarette" an sich, sondern die Entspannung, die es damit verbindet; nicht das Scrollen, sondern die Ablenkung oder Stimulation dahinter.

Dann erfolgt die Response, also das tatsächliche Verhalten: Wir führen die gewohnte Handlung aus - oft fast automatisch, weil die Basalganglien das gespeicherte motorische Muster abspulen. Abschließend kommt die Belohnung (Reward): Irgendeine Form von Befriedigung tritt ein, die das Gehirn registriert. Vielleicht fühlen wir uns entspannt, satt, unterhalten oder stolz - jedenfalls wird dieses Ergebnis als positiv verbucht. In diesem Moment erlebt das Gehirn einen Dopamin-Peak, einen kräftigen Ausschüttungsschub, der signalisiert: Das hat sich gelohnt! Diese Neurochemie verstärkt die zuvor abgelaufene Sequenz im Gedächtnis. Dopamin fungiert hier als "Lern- und Verstärkungssignal". Es stärkt die neuronalen Verbindungen, die an der Routine beteiligt waren. So wird das Muster fester verdrahtet, die Gewohnheit prägt sich tiefer ein. Über viele Wiederholungen hinweg wird aus dem anfänglich bewussten Verhalten ein nahezu reflexartiger Ablauf, bei dem der Cue automatisch das Verlangen auslöst, die Routine startet und auf die Belohnung "hinarbeitet". Diese Habit Loop läuft dann ab, ohne dass wir groß darüber nachdenken müssen. Entscheidend ist: Gewohnheiten bestehen neurobiologisch weniger aus dem Verhalten selbst, sondern aus der erwarteten Belohnung im Dopaminsystem. Das Gehirn lernt, dass auf bestimmten Reiz eine bestimmte Belohnung folgt und dieses Erwartungsmuster ist das, was uns immer wieder handeln lässt.

Dopamin, Motivation und Vorhersagefehler

Dopamin ist der zentrale Motivations-Botenstoff im Gehirn. Anders als lange angenommen, erzeugt Dopamin weniger Genuss, sondern vor allem Antizipation: Es treibt uns an, etwas zu wollen und anzustreben. Tatsächlich steigt Dopamin vor der Handlung, in Erwartung der Belohnung, deutlich an. Es macht uns aufmerksam und zielgerichtet. Kommt dann die erhoffte Belohnung, vergleicht das Gehirn unbewusst: War sie so toll wie erwartet? Genau hier kommt das Prinzip des Prediction Error (Vorhersagefehler) ins Spiel. Bleibt das erwartete Hochgefühl aus oder fällt schwächer aus, erleben wir einen Dämpfer: Die Dopamin-Ausschüttung bricht ein, was sich als Enttäuschung oder sinkende Motivation bemerkbar macht. Das Gehirn registriert: "Hm, das hat sich weniger gelohnt als gedacht." Umgekehrt - wenn etwas überraschend positiv ausfällt - kann es einen extra Dopaminschub geben, der das Lernen beschleunigt. Überrascht uns eine Erfahrung im positiven Sinne, wird das Verhalten kräftiger verstärkt; ist sie enttäuschend, wird das Verhalten eher abgeschwächt. Das Belohnungssystem lernt aus diesen Vorhersagefehlern, indem es Erwartungen fürs nächste Mal anpasst.

Lesen Sie auch: Was steckt hinter dem Mythos der 10-Prozent-Gehirnnutzung?

Für uns praktisch bedeutet das: Neue Gewohnheiten etablieren sich schneller und leichter, wenn die erste Erfahrung sofort positiv ist. Bekommt das Gehirn gleich beim neuen Verhalten ein Erfolgserlebnis, schüttet es Dopamin aus und markiert: "Das war gut, das machen wir wieder!" Wenn die Belohnung dagegen zu lange auf sich warten lässt oder ausbleibt, sinkt die anfängliche Motivation rapide. Viele Neujahrsvorsätze scheitern genau daran. Man rackert sich ein paar Tage ab, sieht aber keinen Fortschritt (z.B. noch kein Gewichtsverlust) und verliert den Antrieb. Kleine "Siege" und unmittelbare Belohnungen sind deshalb Gold wert beim Habit-Aufbau. Es kann etwas Simples sein: ein sichtbarer Haken auf der To-do-Liste, ein selbstgesprochenes "Gut gemacht!", oder ein entspannter Kaffee nach dem Training. Hauptsache, das Gehirn bekommt schnell ein positives Signal. Solche Mikro-Belohnungen lösen gezielt Dopamin aus und verstärken die neue Gewohnheit. Nutze also den Dopamin-Trick: Feiere kleine Fortschritte früh und oft, damit dein Gehirn lernt, dass sich die neue Routine lohnt.

Neuroplastizität und Wiederholung

Gewohnheiten entstehen durch Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrung physisch zu verändern. Der berühmte Satz "Neurons that fire together, wire together" bringt es auf den Punkt: Neuronen, die häufig gleichzeitig aktiv sind, verbinden sich zu stärkeren Netzwerken. Jedes Mal, wenn wir eine Handlung wiederholen, verstärken sich die synaptischen Verknüpfungen zwischen den beteiligten Nervenzellen. Anfangs brauchen wir vielleicht volle Konzentration, aber mit jedem weiteren Durchlauf "fräst" man die Spur im Gehirn tiefer. Es ist wie ein Trampelpfad, der sich mit jeder Nutzung klarer abzeichnet. Nach genügend Wiederholungen wird daraus eine Autobahn: Die Basalganglien haben den Ablauf fest eingebaut, und er läuft automatisch ab. Unsere bewusste Steuerung kann sich zurücklehnen, weil das Muster verdrahtet ist.

Wichtig ist: Die stärksten neuronalen Veränderungen passieren unter bestimmten Bedingungen. Besonders förderlich sind hohe Aufmerksamkeit und Emotionen. Wenn wir etwas mit voller Konzentration üben (anstatt nebenbei halbherzig), feuern die relevanten Neuronen synchron und verstärken ihre Verbindungen schneller. Emotional bedeutsame Erfahrungen - sei es Begeisterung oder Schmerz - brennen sich tiefer ins Gedächtnis ein als neutrale. Und natürlich braucht es Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Gehirnforscher bestätigen: Neuronale Pfade werden durch Wiederholung, emotionale Signifikanz und gezielte Hinweise ("reminders") geformt und gefestigt. Das ist zugleich eine gute Nachricht, denn es heißt: Wir können durch selbstgesteuerte Neuroplastizität aktiv an unseren Gewohnheiten arbeiten. Jeder kleine Übungsschritt - vor allem wenn er bewusst und mit gewissem Enthusiasmus erfolgt - ist wie ein Hammer, der die neue Gewohnheitsbahn ins Gehirn hämmert. Geduld zahlt sich aus: Was anfangs mühsam ist, wird mit jedem Mal leichter, weil dein Gehirn sich Stück für Stück umverdrahtet.

Warum wir an schlechten Gewohnheiten festhalten

Schlechte Gewohnheiten geben uns (kurzfristig) etwas. Sie schaffen Vertrautheit in Momenten, wo wir uns unsicher oder überfordert fühlen. Das tägliche Feierabendbier oder das Nägelkauen vor dem Meeting, auch wenn es objektiv schlecht ist, signalisiert es der Amygdala: Alles okay, wir folgen unserem bekannten Ritual. Neue oder schwierige Situationen erzeugen Unbehagen, weil das Gehirn Alarm schlägt (etwas Unberechenbares passiert). Die gewohnte Handlung hingegen gibt ein Gefühl von Kontrolle und Vorhersagbarkeit, wodurch sich das emotionale Alarmsystem beruhigt.

Sie liefern sofortiges Dopamin und Wohlgefühl: Fast alle "bad habits" locken mit einer sofortigen Belohnung. Fettiges Fast Food kitzelt die Geschmacksnerven und setzt eine kleine Dopamindusche frei. Social-Media-Scrollen schenkt uns stetig neue Reize und gelegentlich einen lustigen Post oder ein Like - kleine Glücksschübe im Gehirn. Alkohol entspannt und erzeugt eine kurzfristige Wohlfühl-Blase. Unser Körper lernt schnell: Diese Dinge lassen mich im Jetzt besser fühlen. Und weil das Belohnungssystem primär auf unmittelbare Vorteile anspringt, verfallen wir nur allzu gern diesen schnellen Kick. (Dass später ein Kater oder Reue kommt, ignoriert das Gehirn in dem Moment. Es denkt nicht in langfristigen Konsequenzen.)

Lesen Sie auch: Sterben: Ein faszinierender Blick ins Gehirn

Sie erfordern wenig bis gar keine Anstrengung: Die bequemste Option gewinnt häufig gegen die anstrengende. Unser Gehirn entscheidet oft nach dem Prinzip: Was kostet am wenigsten Energie? Eine schlechte Gewohnheit ist meist das standardmäßige, eingespielte Verhalten. Es geht leicht von der Hand, während die bessere Alternative Mühe bräuchte. Beispiel: Auf dem Sofa liegen bleiben und Netflix anmachen (gewohnter Autopilot) vs. Sportklamotten anziehen und laufen gehen (benötigt Willenskraft). Gerade wenn wir müde oder gestresst sind, greift das Gehirn reflexartig zum leichtesten Weg. Schließlich wurden die entsprechenden neuronalen Verbindungen jahrelang gestärkt. Diese Routine auszuführen, erfordert quasi 0 Extra-Energie. Kein Wunder also, dass wir oft in alten Mustern verharren: Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes der Weg des geringsten Widerstands im Gehirn.

Psychologisch gesehen sind ungesunde Gewohnheiten oft fehlgeleitete Versuche, innere Spannung abzubauen. Viele entstehen ursprünglich, um mit negativen Gefühlen fertigzuwerden, sei es Langeweile, Frust, Angst oder Einsamkeit. Zum Beispiel greifen manche in stressigen Phasen ständig zu Süßigkeiten oder Zigaretten, weil diese Dinge kurzfristig Trost und Beruhigung spenden. Die Gewohnheit erfüllt also eine Funktion: Sie beruhigt die Nerven oder lenkt von Problemen ab. So schlecht sie objektiv sein mag, sie ist momentan die einfachste verfügbare Bewältigungsstrategie. Deshalb halten wir daran fest, bis wir lernen, diese zugrundeliegenden Bedürfnisse anders zu erfüllen.

Wie wir effektiv neue Gewohnheiten bilden

Nachdem wir verstanden haben, warum das Gehirn Gewohnheiten so liebt, schauen wir nun darauf, wie wir es für uns arbeiten lassen können. Hier kommen einige praktische Strategien, um neue, hilfreiche Gewohnheiten erfolgreich zu etablieren.

Das Nervensystem vorbereiten

Wir werden neue Gewohnheiten viel leichter starten und beibehalten, wenn unser Nervensystem im "Aufnahmemodus" ist. Stell es dir wie den Boden vor, in dem du einen Setzling pflanzen willst. Je nährstoffreicher und weniger stürmisch die Umgebung, desto besser wächst er an. Ganz konkret helfen folgende Voraussetzungen:

Moderater Stresslevel: Ist das Cortisol (Stresshormon) gerade durch die Decke, wird das Gehirn kaum Kapazität haben, noch etwas Neues zu lernen. Zu viel Stress versetzt uns in den "Überlebensmodus" (Amygdala-Alarm), wobei der präfrontale Cortex gedrosselt wird. Lernen und bewusste Änderung fallen dann extrem schwer. Versuche also, einen neuen Habit nicht gerade im größten Chaos zu starten. Besser an einem Tag oder zu einer Uhrzeit, wo wir halbwegs ruhig und gesammelt sind. Kleine Regulations-Tricks können helfen: ein paar tiefe Atemzüge, 2 Minuten Augen schließen und bewusst entspannen, oder eine kurze Bewegungseinheit. Solche Maßnahmen aktivieren den parasympathischen "Ruhe"-Teil unseres Nervensystems, sodass unser Gehirn aufnahmefähiger wird.

Lesen Sie auch: Einblick in die Speicherkapazität des Gehirns

Ausgeschlafenheit: Guter Schlaf ist wie ein Reset fürs Gehirn. Er füllt unsere Selbstkontroll- und Willenskraft-Reserven wieder auf. Wenn wir unausgeschlafen sind, fällt es uns erwiesenermaßen schwerer, Impulse zu kontrollieren und uns zu konzentrieren. Neues Verhalten erfordert aber am Anfang Impulskontrolle (gegen die alten Gewohnheiten) und Aufmerksamkeit. Sorge also, wenn möglich, für ausreichend Schlaf, insbesondere in der Anfangsphase einer Habit-Änderung. Außerdem konsolidiert das Gehirn im Schlaf neue Verknüpfungen. Was wir tagsüber geübt haben, wird nachts gefestigt. Schlaf ist daher kein Luxus, sondern ein Verbündeter beim Habit-Bilden!

Allgemein: Körperliche Grundbedürfnisse achten: Iss etwas, bevor du z.B. verändertes Einkaufen als neue Gewohnheit angehst. Mit knurrendem Magen trifft man schlechte Entscheidungen. Trinke genug Wasser. Kurzum, versuche in einem halbwegs ausgeglichenen Zustand zu sein, wenn du dir etwas Neues vornimmst. Ein regulierter Körper bedeutet auch ein regulierter Geist.

Die 1%-Regel: kleinste mögliche Einheit

Unser Gehirn reagiert allergisch auf radikale, große Veränderungen. Sie lösen Unsicherheit und Überforderung aus. Die Lösung: Täusche das Gehirn aus, indem du extrem klein anfängst. Frag dich: Was ist die 1%-Version meiner neuen Gewohnheit? - also die kleinstmögliche Einheit, die so lächerlich gering erscheint, dass unser innerer Schweinehund nicht mal die Augenbraue hebt. Wenn wir etwa jeden Tag joggen möchten, fang mit 2 Minuten lockerem Gehen um den Block an. Klingt banal? Genau das ist der Punkt! Kleine Schritte kosten sehr wenig Überwindungsenergie und erzeugen kaum Unsicherheit. Dadurch bleibt das Stresssystem ruhig. Unser Gehirn registriert keinen "Alarm", sondern eher "Ach, das geht ja einfach". Die Hürde ist so niedrig, dass wir sie problemlos überspringen können, selbst an schlechten Tagen.

Kognitive Fitness-Apps: Digitale Helfer für das Gehirn?

Der Markt für kognitive Fitness-Apps wächst rasant. Apps wie Lumosity, CogniFit, Peak und Elevate bieten eine Vielzahl von Spielen und Rätseln, die verschiedene kognitive Funktionen trainieren sollen - von Gedächtnis über Aufmerksamkeit bis hin zur Verarbeitungsgeschwindigkeit. Der Reiz liegt in der Gamification: Gehirntraining wird vom lästigen Pflichtprogramm zum unterhaltsamen Hobby. Personalisierte Trainingspläne und Fortschrittsverfolgung steigern zusätzlich die Motivation. Die Portabilität der Apps ermöglicht schnelle mentale Workouts überall und jederzeit.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit von Gehirntraining-Apps fallen gemischt aus. Einige Studien zeigen Verbesserungen bei den spezifisch trainierten Aufgaben. Neurotherapeutin Alexa Ryan betont, dass diese Apps ein nützlicher Ausgangspunkt für Menschen sein können, die ihre geistige Schärfe erhalten möchten. Fokus, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Arbeitsgedächtnis können profitieren. Kritiker argumentieren jedoch, dass Verbesserungen in Spielen nicht automatisch zu besserer Kognition im echten Leben führen. Experten plädieren zunehmend für einen umfassenderen Ansatz zur Gehirngesundheit, der soziale Kontakte, Ernährung und Schlafqualität berücksichtigt.

Die Evolution des Marktes

Die Branche entwickelt sich rasant weiter. Entwickler arbeiten an ganzheitlicheren und wissenschaftlich fundierten Erfahrungen. Das Konzept einer "Kognitiven Fitness-Coach"-App, die Gehirntraining mit Achtsamkeit und Gewohnheitscoaching verbindet, gewinnt an Fahrt. Die nächste App-Generation könnte umfassende Unterstützung für mentales und emotionales Wohlbefinden bieten.

Realitätscheck

Die App-Schwemme spiegelt das gesellschaftliche Interesse an proaktivem Gesundheitsmanagement wider. Für Senioren bieten diese Tools eine ermächtigende Möglichkeit, sich von zu Hause aus um ihre Kognition zu kümmern. Allerdings überholen Marketing-Versprechen oft die wissenschaftlichen Belege. Eine aktuelle Übersichtsstudie zu mobilen Gaming-Apps für die kognitive Gesundheit älterer Erwachsener bemängelte den Mangel an wissenschaftlicher Validierung und Barrierefreiheit.

Zukunftsblick

Die Zukunft gehört personalisierten und integrierten Lösungen. Kommende Apps werden sich nicht nur an die Leistung anpassen, sondern auch an Stimmung und reale Ziele der Nutzer. Wearable-Technologie könnte Echtzeitdaten zu Stresslevel, Schlafmustern und körperlicher Aktivität liefern - für einen ganzheitlicheren Ansatz zur Gehirngesundheit. Die Zusammenarbeit zwischen App-Entwicklern, Neurowissenschaftlern und Geriatrie-Experten wird entscheidend sein.

Wie unser Gehirn liest

Lesen ist ein komplexer Prozess, der fast alle Bereiche unseres Gehirns beansprucht. Die analogen Reize unseres Auges werden zunächst in elektrische Signale und diese wiederum in verarbeitbare Informationseinheiten umgewandelt. Diese werden dann mit bekannten Informationen aus dem Langzeitgedächtnis verglichen und mit anderen Wörtern und Sätzen im Text verknüpft. Beeindruckend ist die Verarbeitungsgeschwindigkeit unseres Gehirns. Bei geübten Lesern dauert der komplette Durchlauf dieser sechs Phasen nicht länger als 200-300 ms, wobei sie sich ständig wiederholen und überlappen. Ein geübter Leser kann auf diese Weise ca. 400 Wörter pro Minute lesen, d.h. er verarbeitet ca. sechs Wörter in einer Sekunde.

Der Seriale Positionseffekt

Unser Gehirn versucht, seine Aufgaben stets mit maximaler Effizienz zu erledigen und seine kognitiven Ressourcen so wenig wie möglich zu belasten. Der hier veranschaulichte "Seriale Positionseffekt" spielt nicht nur bei der effizienten Worterkennung, sondern auch beim effizienten Abspeichern von Informationen in unserem Gedächtnis eine wesentliche Rolle.

Wie unser Auge beim Lesen funktioniert

Unser Auge nimmt jeweils einen grösseren Bereich wahr als diese 3-12 Buchstaben. Diesen Bereiche nennt man "Periphere Region" und er umfasst ungefähr das vorangehende Wort, die nächsten 5-6 Wörter sowie die nächste Zeile. Dieser visuelle Kontext wird zwar nicht bewusst "gelesen", aber hilft dem Gehirn, sich auf die nächste Fixation vorzubereiten. Untersuchungen belegen zudem, dass das Gehirn in diesen Bereich zum Teil Wörter wahrnimmt, welche es zur "Kontextualisierung" miteinbezieht.

Das während einer Fixation wahrgenommene Feld kann in drei Bereiche geteilt werden: in eine kleine "foveale" Region von etwa 1 Grad Radius um den Fixationspunkt, einen "parafovealen" Bereich bis zu 5 Grad und eine darüber hinausgehende "Periphere Region". In jeder dieser drei Regionen können wir unterschiedlich scharf sehen. Am schärfsten sehen wir in der Fovea. Dort erkennen wir 4-7 Buchstaben. Je weiter wir uns von der Fovea entfernen, desto unschärfer wird das Bild. Dennoch verarbeitet das Gehirn auch Informatioen, die in der Peripherie liegen. Es nimmt wahr, vor sich das Zeilenende und ggf.

Wie wir Wörter verstehen

Unbekannte Wörter lesen wir uns automatisch still vor (phonologische Schleife), um sie besser zu verstehen. Zudem werden ähnliche Wörter aus dem Langzeitgedächtnis hinzugezogen, um die Bedeutung kombinatorisch zu erschliessen. Dabei bezieht unser Gehirn den gesamten vorhandenen Kontext des Textes (Thema, Intention, bereits erfasste Informationen) mit ein, um die wahrscheinlichste Bedeutung zu konstruieren. Letztendlich wird eine "Synthese" davon in unserem Gedächtnis gespeichert, je nachdem, wie wichtig das Gehirn diese Informationen für uns einschätzt. Deshalb erinnern wir uns in der Regel nicht Wort für Wort an das, was wir gelesen haben.

Die Rolle des Kurzzeitgedächtnisses

Menschen mit kognitiven Lese-Beeinträchtigungen weisen sehr häufig eine verminderte Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses auf - sei es aufgrund einer langsameren Verarbeitungsgeschwindigkeit, einer kürzeren Gedächtnisspanne oder einer geringeren Speicherkapazität. Aber auch Ablenkungen, sensorische Störungen oder eine langsame Lesegeschwindigkeit aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder geringer Lesekompetenz führen dazu, dass die verfügbaren kognitiven Ressourcen, insbesondere das Arbeitsgedächtnis, nicht optimal genutzt werden können.

Die Verarbeitung visueller Informationen

Die kognitive Verarbeitung visueller Informationen beruht auf dem Erkennen von Strukturen und Mustern und deren korrekter Interpretation. So spielt auch bei der Rezeption der meisten visuellen Kulturgüter das Design, also das Aussehen der Dinge, eine zentrale Rolle. Ein Beispiel: Wir Menschen - aber auch viele Tiere - sind in der Lage, die Anzahl von Objekten intuitiv zu erkennen, ohne sie explizit zählen zu müssen. Beim Subitizing spielt die Anordnung, d.h. die visuelle Form eine grosse Rolle. Das "Design" der Objekte steigert die kognitive Aufnahmekapzität in diesem Fall um ein Mehrfaches.

Faktoren, die den Leseprozess unterstützen

Die visuellen Bedingungen, der Wahrnehmungskontext sowie die Beschaffenheit der Zeichen haben einen grossen Einfluss auf die Verarbeitung. Für das Erkennen von Zeichen und Wörtern spielt vor allem die Mikrotypografie, also das Aussehen und der Abstand der Buchstaben, eine grosse Rolle. Schriftzeichen müssen vor allem deutliche Unterscheidungsmerkmale aufweisen, um intuitiv und automatisch erkannt zu werden. Auch die Verwendung von GROSSBUCHSTABEN verlangsamt die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Typografische Mängel, die auf die Nichtbeachtung der oben genannten Grundsätze zurückzuführen sind, führen bei Zielgruppen mit geringer Lesekompetenz sehr schnell zu einem unzureichenden Textverständnis oder sogar zu einem vollständigen Leseabbruch. Die kognitive Verarbeitung wird zudem durch gut strukturierte und kurze Sätze erleichtert. Je länger Sätze sind, desto stärker wird das Kurzzeitgedächtnis beansprucht. Texte mit sehr langen Sätzen können daher selbst sehr gute Leser überfordern und ermüden. Bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder geringer Lesekompetenz führen sie häufig zum völligen Verständnisverlust, da die Gedächtnisspanne nicht ausreicht, um alle notwendigen Informationen zwischenzuspeichern.

Körperliche Aktivität und Kognition

Studien haben gezeigt, dass körperliche Aktivität einen positiven Einfluss auf die Gehirnfunktion und die kognitiven Leistungen hat. Eine Studie am Institut für Sport und Sportwissenschaft und dem Cognitive Systems Lab untersuchte den Zusammenhang von körperlicher Aktivität, Gehirnfunktion und kognitiven Leistungen. Die Studie ergab, dass sowohl sporttreibende als auch nicht sporttreibende Personen von körperlicher Aktivität profitieren können.

tags: #cognifit #das #menschliche #gehirn