Die anfängliche Panik vor dem COVID-Virus weicht allmählich einer normalen wissenschaftlichen Praxis, die darauf abzielt, Erkrankungen und ihre Auswirkungen zu verstehen. Dabei wird immer deutlicher, dass COVID nicht nur ein Thema für Lungenspezialisten ist, sondern auch für Neurologen. Das Erkennen und Behandeln dieser neurologischen Auswirkungen ist von großer Bedeutung. SARS-CoV-2 kann auch neurologische Erkrankungen auslösen und das Nervensystem beeinträchtigen.
Wie COVID das Nervensystem beeinträchtigt
Die ersten weit verbreiteten Berichte, dass SARS-CoV-2 unser Nervensystem beeinträchtigen könnte, waren recht harmlos. Bereits im März 2020 stellten Ärzte fest, dass viele Patienten, die ansonsten asymptomatisch waren, ihren Geruchs- und Geschmackssinn verloren, bevor sie positiv auf COVID-19 getestet wurden. Im Laufe der folgenden Monate tauchten jedoch Berichte über schwerwiegendere neurologische Nebenwirkungen auf. Anosmie ist ein Zeichen dafür, dass irgendetwas die olfaktorischen Pfade des Gehirns beeinträchtigt, was auch bei anderen Erkrankungen vorkommt. Es stellt sich die Frage, ob sich daraus auch langfristig noch Auswirkungen ergeben.
Neurologische Erkrankungen, die COVID auslösen kann
COVID kann verschiedene neurologische Erkrankungen auslösen, darunter das Guillain-Barré-Syndrom, ein schweres, aber seltenes neurologisches Syndrom, das dadurch verursacht wird, dass das körpereigene Immunsystem Nervenzellen außerhalb des Gehirns angreift. Auch die ADEM-Erkrankung tritt mit einer größeren Häufigkeit auf. ADEM ist eine entzündliche Erkrankung, die das Gehirn befällt.
Neuro-COVID: Der Angriff aufs Gehirn
Viele COVID-19-Patienten entwickeln neurologische Beschwerden, die unter dem Begriff "Neuro-COVID" zusammengefasst werden. Anhaltende Erschöpfung, Schmerzen, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme und Schlafstörungen sind Symptome, unter denen nicht nur viele Intensivpatienten, sondern auch leicht Erkrankte während und noch Monate nach einer COVID-19-Erkrankung leiden können. In extremen Fällen kann es sogar zu demenzähnlichen Symptomen oder Psychosen kommen.
Leichter Verlauf und neurologische Probleme
Einige Menschen leiden in den Monaten nach einer COVID-Erkrankung selbst bei leichtem Verlauf noch unter neurologischen Problemen.
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Hohe Prävalenz neurologischer Beschwerden
Etwa 80 % der Patienten, die mit einer Coronaviruserkrankung im Krankenhaus behandelt werden, haben neurologische Beschwerden.
Erhöhtes Risiko für Schlaganfälle
Menschen, die schon einmal einen Schlaganfall hatten, gehören zur Hochrisikogruppe für einen schweren COVID-19-Verlauf. Covid-19 erhöht das Schlaganfallrisiko. Schwere neurologische Komplikationen wie Schlaganfälle und Hirnblutungen haben ihre Ursache in der Blutgerinnung. Störungen der Gerinnung sind bei Covid-19-Pneumonie eher die Regel als die Ausnahme und bilden eine eigene Entität der Covid-19-Erkrankung. In der Folge bilden sich Gerinnsel, die ischämische Schlaganfälle oder Embolien auslösen können. Gefäßverschlüsse gehören zu den häufigen Komplikationen von Covid-19. Die vorbeugende Behandlung der Gerinnungsstörung durch Medikamente ist deshalb eine wichtige Therapiesäule.
Erhöhte Schlaganfallsterblichkeit auch ohne Infektion
In der Pandemie haben Menschen das Krankenhaus gemieden, was fatale Folgen hatte. Betroffen vom Schlaganfallrisiko sind aber auch Patienten, die das Virus nicht haben. Im Laufe der Pandemie kamen deutlich weniger Menschen vor allem mit leichteren Schlaganfallsymptomen in die Kliniken. Eine beunruhigende Entwicklung, die Menschenleben kostet. „Aus Angst vor Ansteckung erreichten Betroffene zu spät oder gar nicht die Notaufnahmen. Deshalb nahm die Schlaganfallsterblichkeit zu.“
Ursachenforschung: Warum treten neurologische Beschwerden auf?
Das volle Ausmaß der langfristigen neurologischen Komplikationen von COVID-19 ist noch nicht bekannt. Es stellen sich Fragen nach den Wirtsfaktoren, die für die große Variabilität der klinischen Manifestationen verantwortlich sind und warum einige Patienten eine akute neurologische Erkrankung entwickeln und andere nicht. Zudem wird untersucht, ob eine anhaltende Dysregulation des Immunsystems den anhaltenden Symptomen zugrunde liegt.
Immunreaktion und Nervenzellen
Eine Studie der Charité - Universitätsmedizin Berlin liefert Belege dafür, dass neurologische Symptome offenbar nicht Folge einer SARS-CoV-2-Infektion des Gehirns sind. Die Forschenden vermuteten schon früh in der Pandemie, dass eine direkte Infektion des Gehirns die Ursache dafür sein könnte. „Auch wir sind von dieser These zunächst ausgegangen. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass das Coronavirus im Gehirn überdauern oder sich gar vermehren kann, gibt es allerdings bislang nicht“, erklärt Dr. Helena Radbruch, Leiterin der Arbeitsgruppe Chronische Neuroinflammation am Institut für Neuropathologie der Charité. „Dazu wäre zum Beispiel ein Nachweis intakter Viruspartikel im Gehirn nötig. Einer zweiten These zufolge wären die neurologischen Symptome stattdessen eine Art Nebenwirkung der starken Immunreaktion, mit der der Körper sich gegen das Virus wehrt. Vergangene Studien hatten auch hierfür Anhaltspunkte geliefert. Die Forschenden fanden keine SARS-CoV-2-infizierten Nervenzellen, gehen aber davon aus, dass Immunzellen das Virus im Körper aufgenommen haben und dann ins Gehirn gewandert sind. Sie tragen noch immer Virus in sich, es infiziert aber keine Gehirnzellen. Dennoch beobachteten die Forschenden, dass bei den COVID-19-Betroffenen die molekularen Vorgänge in manchen Zellen des Gehirns auffällig verändert waren: Die Zellen fuhren beispielsweise den sogenannten Interferon-Signalweg hoch, der typischerweise im Zuge einer viralen Infektion aktiviert wird. „Einige Nervenzellen reagieren offenbar auf die Entzündung im Rest des Körpers“, sagt Prof. Christian Conrad, Leiter der Arbeitsgruppe Intelligent Imaging am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). Zusammen mit Helena Radbruch hat er die Studie geleitet. „Diese molekulare Reaktion könnte die neurologischen Beschwerden von COVID-19-Betroffenen gut erklären. Zum Beispiel können Botenstoffe, die diese Zellen im Hirnstamm ausschütten, Fatigue verursachen. Die reaktiven Nervenzellen fanden sich hauptsächlich in den sogenannten Kernen des Vagusnervs, also Nervenzellen, die im Hirnstamm sitzen und deren Fortsätze bis in Organe wie Lunge, Darm und Herz reichen. „Vereinfacht interpretieren wir unsere Daten so, dass der Vagusnerv die Entzündungsreaktion in unterschiedlichen Organen des Körpers ‚spürt‘ und darauf im Hirnstamm reagiert - ganz ohne eine echte Infektion von Hirngewebe“, resümiert Helena Radbruch. Die Nervenzellen reagieren dabei nur vorübergehend auf die Entzündung, wie ein Vergleich von Menschen zeigte, die entweder während der akuten Corona-Infektion oder erst mindestens zwei Wochen danach verstorben waren. „Wir halten es für möglich, dass eine Chronifizierung der Entzündung bei manchen Menschen für die oft beobachteten neurologischen Symptome bei Long COVID verantwortlich sein könnte“, sagt Christian Conrad.
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Long COVID und das Nervensystem
Grundsätzlich gilt: Long Covid kann jeden treffen, unabhängig vom Alter oder der generellen Konstitution. Auch Geimpfte kann es treffen. Vorerkrankungen verstärken das Risiko. Wenn jemand unter einer Lungenerkrankung leidet und dann kommt noch Corona hinzu, ist das besonders ungünstig.
Symptome von Long COVID
- Atemnot: Dies ist vor allem die Atemnot.
- Brain Fog: Als zweites gibt es den sogenannten Brain Fog, bei dem man kognitive Probleme hat, sich schlechter konzentrieren kann oder langsamer reagiert. Das Virus kann auch Nervenzellen befallen; es kommt dann zu einer Entzündungsreaktion im Nervensystem. Das spielt sicher eine Rolle beim Brain Fog und bei der Fatigue.
- Lungenschäden: Ein weiterer Punkt ist der Befall der Lunge, den wir auf Röntgenaufnahmen von menschlichen Lungen, aber auch im Tiermodell sehen. Was da bei Corona passiert, ist schrecklich: Die Lungen sehen furchtbar aus - selbst nach der akuten Infektionsphase. Im Regelfall regeneriert sich die Lunge wieder, aber bei diesem Schadensbild man kann sich gut vorstellen, dass sie nicht bei jedem komplett ohne Schaden verheilt.
- Thrombosen: Ein dritter Punkt ist die vermehrte Neigung zu Thrombosen. Es gibt ja Hinweise darauf, dass es zu überschießenden Immun-Reaktionen kommt. COVID-19 als Erkrankung basiert ja im Wesentlichen auf einer überschießenden Immunantwort gegen das Virus und den Zellschaden, den es im Körper verursacht. Deshalb behandelt man in schweren Fällen auch mit Cortison oder Antikörpern gegen das Zytokin IL-6.
Therapieansätze bei Long COVID
- Begleitung und kontrollierte Belastungssteigerung: Wichtig ist, dass man die Patienten begleitet und mit ihnen kontrolliert die körperliche Belastung erhöht. Also nicht direkt wieder sportlich betätigen, danach liegt man im ungünstigen Fall wieder drei Tage flach. Vorsichtige Belastungssteigerungen sind richtig.
- Serotoninmangel: Neuerdings gibt es Hinweise, dass der Mangel von Serotonin eine Rolle spielen könnte; das ist ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff. Einem amerikanischen Forscherteam ist aufgefallen, dass während der akuten Erkrankungsphase die Serotoninwerte im Blut stark sanken - und dass dieser niedrige Spiegel bei Patienten mit Long Covid nach der akuten Phase anhielt. Eine Behandlung, die den Serotoninspiegel wieder erhöht, könnte da ein Ansatz sein, aber auch dazu gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse aus systematischen klinischen Studien.
Seltene, aber schwerwiegende neurologische Komplikationen
Ja, die gibt es leider. Das passiert nur in einer kleinen Minderheit von Fällen - aber weil die absoluten Zahlen so hoch liegen und Corona so häufig auftritt, darf dieses Phänomen auf keinen Fall vernachlässigt werden.
Erkenntnisse von Experten
Prof. Andrea Winkler und Prof. Paul Lingor von der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München informierten über akute und chronische Auswirkungen einer Corona-Infektion.
Häufige neurologische Beschwerden
Prof. Lingor: Wenn eine Corona-Infektion mit Symptomen verläuft, klagen Patientinnen und Patienten besonders häufig über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, aber auch über die mittlerweile gut bekannten Geruchs- und Geschmacksstörungen. Etwa ein Drittel der Corona-Patient*innen leiden unter solchen neurologischen Beschwerden.
Mechanismen der Schädigung des Nervensystems
Prof. Lingor: Wir wissen heute, dass das Sars-CoV-2-Virus über verschiedene Eintrittspforten auch in das zentrale Nervensystem gelangen und dort Schäden verursachen kann. In seltenen Fällen kommt es dabei zu Entzündungen des Hirngewebes - einer sogenannten Enzephalitis - oder auch zu Schädigungen an peripheren Nerven. Von solchen Schäden erholt sich unser Nervensystem erst im Verlauf vieler Monate.
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Anhaltende Symptome auch ohne schwere Beteiligung des Nervensystems
Allerdings gibt es auch zahlreiche Patient*innen, die eine Corona-Infektion ohne eine solch schwere Beteiligung des Nervensystems durchgemacht haben und dennoch über anhaltende Symptome berichten. Hierzu zählen anhaltende Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen, kognitive Einschränkungen, manchmal aber auch Herzrasen oder Schwindel.
Long-COVID und Post-COVID
Prof. Winkler: Bei den meisten Patientinnen wird eine Corona-Erkrankung wohl nicht zu neurologischen Ausfällen führen. Allerdings wissen wir bereits jetzt, dass einige genesene Patientinnen langanhaltende Schäden davongetragen haben. Dies sind entweder neurologische Symptome, die während der akuten Covid-19-Erkrankung aufgetreten sind und darüber hinaus anhalten (derzeit „Long-Covid“ genannt), oder solche, die nach einer symptomfreien Phase neu auftreten, auch „Post-Covid“ genannt. Ob hier unterschiedliche Mechanismen der Krankheitsentstehung vorliegen und was letztlich die Ursachen sind, ist im Moment noch nicht geklärt. Sicher ist jedoch, dass uns diese Patient*innen auch in Zukunft noch beschäftigen werden.
Kognitive Symptome bei Long COVID
Bei Long COVID zählen Gehirnnebel, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme zu den typischen sogenannten kognitiven Symptomen. Rund ein Drittel aller Long COVID-Erkrankten sind gemäß des US-amerikanischen Institute for Health Metrics (IHME) von Beschwerden betroffen, die die geistigen (kognitiven) Fähigkeiten, das Gehirn oder auch das Nervensystem betreffen. Insbesondere im beruflichen Alltag führen Gedächtnisprobleme häufig zu Schwierigkeiten. Darüber hinaus ergab eine Langzeitstudie mit mehr als einer Million Teilnehmenden, dass auch die Psyche von Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung betroffen sein kann. Eine SARS-CoV-2-Infektion kann verschiedene Prozesse im Gehirn auslösen, die unter anderem die „graue“ Substanz in bestimmten Hirnbereiche verändern kann.
Selbstheilungskräfte des Gehirns
Eine gute Nachricht: Kommt es infolge von COVID-19 zu Funktionsstörungen des Gehirns, können sich diese innerhalb einiger Monate auch durch Selbstheilungskräfte bessern.
Anhaltende Aktivierung des angeborenen Immunsystems im Gehirn
Freiburger Forscherinnen haben wichtige Fortschritte im Verständnis der immunologischen Veränderungen im Gehirn von COVID-19-Genesenen gemacht. Im Gehirn von Personen, die eine SARS-CoV-2-Infektion überstanden haben, fanden sie Anzeichen einer anhaltenden Aktivierung des angeborenen Immunsystems. Diese Erkenntnisse könnten entscheidend für die Entwicklung neuer Therapien für Patientinnen mit langfristigen neurologischen Symptomen nach COVID-19 sein.
Hirneigenes Immunsystem längerfristig gestört
Die Forscherinnen untersuchten die Gehirne von Personen, die an COVID-19 erkrankt, vollständig genesen und zu einem späteren Zeitpunkt an einer anderen Ursache verstorben waren. Bei diesen ermittelten sie immunologische Veränderungen im zentralen Nervensystem. Im Vergleich zu ebenfalls untersuchten Personen ohne vorherige SARS-CoV-2-Infektion fanden die Forscherinnen in den Gehirnen von Genesenen zahlreiche sogenannte Mikrogliaknötchen. Diese charakteristischen Immun-Zellansammlungen weisen auf eine chronische Immunaktivierung hin, ähnlich einer Narbe, die nicht vollständig ausheilt. „Die Mikrogliaknötchen könnten eine zentrale Rolle bei den neurologischen Veränderungen spielen, die bei einigen Genesenen beobachtet werden“, erklärt Dr. Marius Schwabenland, Erstautor der Studie.
Relevanz für langfristige neurologische Symptome
„Es ist gut möglich, dass die anhaltende Aktivierung des angeborenen Immunsystems im Gehirn zu den langfristigen neurologischen Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion beiträgt. In einer früheren Studie hatten wir bereits Proben nach akuter SARS-CoV-2-Infektion untersucht und ähnliche, deutlich stärkere Veränderungen festgestellt“, erklärt Schwabenland.
Spätfolgen-Symposium der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG)
Noch Monate nach einer COVID-19-Erkrankung sind manche Menschen nicht mehr so belastbar wie vor der Infektion: Sie haben Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, sind müde, leiden unter Kopfschmerzen und Atemproblemen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von fünf Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) kamen zusammen, um den aktuellen Wissensstand zu den Spätfolgen zu diskutieren.
Post-COVID-Syndrom (PCS)
Laut Bundesärztekammer leiden 15 Prozent aller an COVID-19-Erkrankten an einem Post-COVID-Syndrom (PCS). PCS bezeichnet Beschwerden, die noch drei Monate nach der akuten Infektionsphase mit SARS-CoV-2 bestehen und immer wiederkehren oder mindestens zwei Monate anhalten. Dabei kann eine Infektion Spuren in vielen Organen hinterlassen und das Herz-Kreislauf-System, den Atmungstrakt, den Stoffwechsel und das Nervensystem betreffen.
Risikofaktoren für PCS
Zwei Risikofaktoren für PCS haben sich bereits herauskristallisiert: Erkrankungsschwere und geringe psychosoziale Belastbarkeit/schwächere Resilienz.
Auswirkungen psychosozialer Aspekte
Wie sich psychosoziale Aspekte auf die Symptome und den Schweregrad bei PCS auswirken, erforscht DZIF-Forscherin Dr. Christine Allwang. Die langsame Genesung, körperliche und psychische Beschwerden beeinträchtigen die Lebensqualität der betroffenen Personen erheblich. Allwang analysiert die spezifischen Bedürfnisse dieser Menschen, um Lebensqualität und die allgemeine Funktions- und Leistungsfähigkeit zu verbessern. Darauf aufbauend will sie Unterstützungsangebote entwickeln, die etwa Strategien zum Umgang mit den anhaltenden Symptomen vermitteln.
Thrombose und Entzündung
Häufig kommt es bei schweren COVID-19-Verläufen zu Lungenembolien oder Thrombosen in den Venen. DZHK-Forscher Prof. Steffen Massberg sucht nach Mechanismen, die zu derartigen Komplikationen führen, und beleuchtet deren Bedeutung für Corona-Spätfolgen. Durch Krankheitserreger hervorgerufene Entzündungen können das Blutgerinnungssystem aktivieren. Dieser als Immunthrombose bezeichnete Prozess kann bei SARS-CoV-2-Infektionen zu einer erhöhten Thromboseneigung im gesamten Körper führen.
Neurologische Beschwerden und Demenzrisiko
Neurologische Beschwerden treten nicht nur während der akuten Infektion auf, sondern auch in den Monaten danach. Studien zeigen, dass Menschen nach COVID ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für eine Demenz haben. Auch Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Depressionen werden in Zusammenhang mit PCS genannt.
Virus-Antikörper und Gehirnstrukturen
Prof. Harald Prüß, Neurologe an der Charité Berlin, konnte mit seiner DZNE-Forschungsgruppe nachweisen, dass sich Virus-Antikörper auch gegen Gehirnstrukturen richten.
Neurologische Manifestationen bei COVID-19
Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann nicht nur zu pneumologischen Komplikationen und systemischen Entzündungsreaktionen führen, sondern geht auch mit neurologischen Symptomen einher.
Retrospektive Fallserie aus Wuhan
In einer retrospektiven Fallserie aus Wuhan manifestierte sich COVID-19 bei mehr als einem Drittel der analysierten Patienten auch neurologisch. Die Patienten zeigten unspezifische Symptome wie Schwindel oder Kopfschmerzen, aber auch eindeutige neurologische Störungen wie Geschmacks- oder Geruchsstörungen. Einige Patienten erlitten einen Schlaganfall, andere wiesen Hinweise auf Muskelschäden auf, die mit Nervenschädigungen in Verbindung stehen können. Neurologische Symptome traten bei Beatmungspflicht offenbar häufiger auf als bei leichter Lungenaffektion.
Unterschiede zu SARS-CoV
Auffallend war in der Studie, dass die meisten neurologischen Manifestationen früh - in den ersten beiden Tagen der Erkrankung - auftraten. Das war bei der durch das weniger ansteckende, aber letalere SARS-CoV anders. Während der Epidemie 2002/2003 wurden zwar auch neurologische Symptome beobachtet, sie traten allerdings erst 2 bis 3 Wochen nach Krankheitsbeginn auf.
Anosmie und Kakosmie
„Die häufigsten neurologischen Symptome bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 sind nach bisherigen Erfahrungen Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns“, sagt Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). In über 10 % der Fälle traten die Riechstörungen vor allen weiteren Symptomen auf. „Es gibt Berichte, dass Riech- und Schmeckstörungen auch Leitsymptome oder ausschließliche Symptome der Infektion sein könnten“, so Berlit.
Neuroinvasives Potenzial von SARS-CoV-2
Berlit vermutet, dass SARS-CoV-2 von der Lamina cribosa über die Riechbahn (N. olfactorius) direkt ins Riechhirn gelangen und von dort aus in weitere Hirnareale. Tierexperimentell wurde der neurale Infektionsweg bei Coronaviren wie MERS bereits gezeigt: von der Nasenschleimhaut über freie Nervenenden bis zum Gehirn. Die Viren werden vermutlich via Endo-/Exozytose über Synapsen weitergegeben.
Enzephalopathie
„Die ernsten neurologischen Symptome bei COVID-19 betreffen das Gehirn - im weitesten Sinne einer Enzephalopathie“, sagt Berlit. In der Analyse aus Wuhan traten neben Schwindel und Kopfschmerzen auch Verwirrtheits- und Agitationszustände, Ataxie und Bewusstseinstrübungen auf.
Hirninfarkt und Hirnblutung
Inzwischen werden bei COVID-19-Patienten wie in China auch andernorts zunehmend Schlaganfälle beobachtet. Laut Berlit könnten zum einen vor allem schwer erkrankte und vorerkrankte Patienten davon betroffen sein - sie weisen in der Regel mehrere Risikofaktoren für einen Schlaganfall auf. Zum anderen könnte das Auftreten von Schlaganfällen auch mit COVID-19 selbst zu tun haben. Eine Analyse in Thrombosis and Haemostasis weist jedenfalls auf erhöhte D-Dimer-Spiegel auch bei COVID-19-Patienten hin. Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf hatten dabei im Vergleich höhere Werte als solche mit einem milderen.
Enzephalitis und Epilepsie
SARS-CoV-2 kann laut einer Kasuistik aus Japan auch mit einer Meningoenzephalitis assoziiert sein. Epilepsien seien daher weitere mögliche Manifestationen von COVID-19.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Nicht überraschend kommen für Berlit die aktuellen Berichte über das Auftreten eines Guillain-Barré-Syndroms (GBS) in Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen. Denn dieses schwere Krankheitsbild, bei dem durch eine Autoimmunreaktion die Myelinschicht peripherer Nerven Schaden nimmt, tritt in etwa Dreiviertel der Fälle infolge von Infekten auf.
Spike-Protein und Long COVID
Das sogenannte Spike-Protein des Corona-Virus SARS-CoV-2 verbleibt nach einer Infektion im Gehirn. Chronische Entzündungen des zentralen Nervensystems mit entsprechenden anhaltenden Symptomen im Rahmen von Long COVID können die Folge sein.
Ansammlung des Spike-Proteins
Forschende von Helmholtz Munich und der Ludwig-Maximilians-Universität München konnten bisher nicht feststellbare Ablagerungen des Spike-Proteins in Gewebeproben von Menschen und Mäusen nachweisen. Dazu nutzten sie eine neuartige, KI-gestützte Bildgebungstechnik. Die Forschenden konnten im Knochenmark des Schädels und in den Hirnhäuten statistisch eindeutig (signifikant) erhöhte Konzentrationen des Spike-Proteins nachweisen - sogar noch Jahre nach der Infektion. Die Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass diese Ansammlungen des Spike-Proteins zu den langfristigen Effekten von COVID-19 auf das Nervensystem und Long COVID beitragen können.
Reduktion des Spike-Proteins durch Impfung
Die Forschenden stellten außerdem fest, dass der mRNA-basierte Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn deutlich reduzieren konnte.
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