Einführung
Die Geschichte von CureVac, einem Tübinger Biotechnologieunternehmen, ist eine Achterbahnfahrt der Emotionen, geprägt von wissenschaftlichen Durchbrüchen, finanziellen Rückschlägen und persönlichen Tragödien. Im Mittelpunkt steht Ingmar Hoerr, der Gründer, dessen Vision von einer RNA-basierten Medizin die Grundlage für das Unternehmen bildete. Dieser Artikel beleuchtet die Ursprünge von CureVac, die Herausforderungen, denen sich das Unternehmen stellen musste, und die Rolle von Hoerrs Hirnblutung im Kontext der Corona-Pandemie.
Der Heureka-Moment: Eine Revolution in der RNA-Medizin
Im Jahr 1999 erlebte Ingmar Hoerr an der Universität Tübingen einen entscheidenden Moment. Bei einem Experiment mit RNA als Kontrollprobe stellte er fest, dass diese eine stärkere Immunreaktion in seinen Versuchstieren auslöste als DNA. Dieser Fund löste in ihm die Vision einer zukünftigen RNA-Medizin aus, die Therapien gegen Herzinfarkt, Erbkrankheiten, Immunstörungen und sogar Krebs ermöglichen sollte. Hoerr erkannte das revolutionäre Potenzial der RNA, doch er ahnte nicht, dass er jahrelang Schwierigkeiten haben würde, seine Erkenntnisse zu verbreiten.
mRNA: Vom unterschätzten Boten zum Hoffnungsträger
Während DNA im Jahr 1999 im Fokus der wissenschaftlichen Welt stand, galt mRNA als bloße Arbeitskopie. Das "m" in mRNA steht für "messenger", also Bote, der die Anweisungen der DNA weitergibt. Hoerr jedoch erkannte das Potenzial der mRNA als Informationsträger, der in Zellen eingeschleust werden kann, um die Produktion spezifischer Proteine anzuregen.
In einem Experiment spritzte Hoerr das empfindliche Botenmolekül RNA in den Körper einer Maus, ohne jegliche Verpackung. Erwartungsgemäß hätte es sofort abgebaut werden müssen. Doch die Maus reagierte: Ihre Zellen setzten die Information aus der RNA um und produzierten fremde Proteine. Das Immunsystem der Maus bildete Antikörper.
Schwieriger Start: Ablehnung und Spott für CureVac
Trotz des vielversprechenden Ergebnisses fand Hoerr zunächst keine Unterstützung für seine Firma CureVac. Investoren mit wissenschaftlichem Hintergrund winkten ab und argumentierten, dass die Idee längst in Boston oder Harvard umgesetzt worden wäre, wenn sie wirklich Erfolg versprechend wäre. Hoerr wurde als Spinner dargestellt, aber er blieb von seiner Vision überzeugt.
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Die Wende: RNA als Hoffnungsträger in der Pandemie
Zwei Jahrzehnte später kam die Wende. Eine auf mRNA basierende Impfung zeigte eine Schutzwirkung von 95 Prozent gegen SARS-CoV-2. RNA wurde zum Hoffnungsträger gegen ein Virus, das die Welt in Atem hielt. Die Konkurrenzfirmen BioNTech und Moderna realisierten, wovon Hoerr 20 Jahre zuvor geträumt hatte: eine erfolgreiche RNA-Impfung gegen ein gefährliches Virus.
Das Prinzip ist einfach: Die RNA transportiert den Bauplan eines Virusproteins in die Muskelzellen, die daraufhin mit der Produktion des Proteins beginnen. Das Immunsystem erkennt das Protein als fremd und bildet Antikörper.
Skepsis und Herausforderungen der RNA-Therapie
Trotz des Erfolgs der mRNA-Impfstoffe gibt es auch kritische Stimmen. Jörg Vogel vom Institut für Infektionsbiologie der Universität Würzburg bezeichnet mRNA als eigentlich kein gut geeignetes Therapeutikum. Er weist darauf hin, dass mRNA-Moleküle riesig und nicht besonders stabil sind. Das doppelsträngige Erbmolekül DNA ist äußerst stabil, während die einsträngige RNA leicht zerstört werden kann.
Pioniere der RNA-Therapie: Robert Malone und Katalin Karikó
Um die RNA zu schützen und in Zellen einzuschleusen, suchten Pioniere wie Robert Malone bereits in den 1980er Jahren nach geeigneten Transportern. Malone mischte mRNA mit Liposomen, kleinen Fettbläschen, die später zu Lipid-Nanopartikeln weiterentwickelt wurden. Diese Partikel werden auch in mRNA-Impfstoffen verwendet, um die RNA vor dem Abbau zu schützen und sie in die Zellen zu transportieren.
Katalin Karikó, eine ungarische Biochemikerin, forschte jahrelang an der Universität von Pennsylvania an der mRNA-Technologie, erhielt jedoch kaum Unterstützung. Ihre Anträge auf Projektgelder wurden immer wieder abgelehnt, und ihr Traum von einer Professur erfüllte sich nicht. Doch Karikó gab nicht auf und entwickelte gemeinsam mit dem Immunologen Drew Weissman eine modifizierte mRNA, die im Körper nicht mehr als fremd erkannt wird und keine Entzündungen auslöst. Diese modifizierte RNA steckt in den Corona-Impfstoffen von BioNTech und Moderna.
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CureVacs Ansatz: Natürliche RNA für eine starke Immunantwort
CureVac verfolgte einen anderen Ansatz als BioNTech und Moderna. Hoerr setzte auf eine natürliche, nicht chemisch modifizierte RNA, die eine stärkere Immunreaktion auslösen sollte. Dadurch konnte die RNA geringer dosiert werden. Allerdings erwiesen sich die Impfungen von BioNTech und Moderna als deutlich wirksamer.
Hoerr erklärte, dass Curevacs RNA einer viralen RNA ähnelt, was eine starke Immunantwort hervorruft, während die RNA von BioNTech und Moderna vom Immunsystem nicht sofort als fremd erkannt wird.
Hoerrs Hirnblutung: Ein persönlicher Schicksalsschlag
Mitten in der Corona-Pandemie erlitt Ingmar Hoerr eine schwere Hirnblutung und fiel ins Koma. Er musste alles wieder neu erlernen: gehen, sprechen, sich erinnern. Zeitweise glaubte er, vom russischen Geheimdienst KGB entführt worden zu sein.
CureVacs Zukunft: Mutantenbezwingung und globale Impfstoffversorgung
Trotz der Rückschläge und persönlichen Tragödien blickt CureVac optimistisch in die Zukunft. Das Unternehmen arbeitet an einem Nachfolgerimpfstoff, CV2CoV, der sich in ersten Versuchen als wirksam gegen neue Mutanten erwiesen hat. CureVac setzt auf die Zusammenarbeit mit anderen Pharmagrößen und die Unterstützung der Bill & Melinda Gates Stiftung, um die globale Impfstoffversorgung zu gewährleisten.
Das Unternehmen plant, 2021 bis zu 300 Millionen Dosen und 2022 bis zu 600 Millionen Dosen seines Impfstoffkandidaten herzustellen. Ein Vorteil des CureVac-Impfstoffs ist seine Lagerfähigkeit bei Kühlschranktemperatur, was vor allem in Entwicklungsländern von Vorteil ist.
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Die Bedeutung von Innovation und Unternehmertum in Deutschland
Die Geschichte von CureVac verdeutlicht die Bedeutung von Innovation und Unternehmertum in Deutschland. Hoerrs Vision und sein unermüdlicher Einsatz haben dazu beigetragen, die mRNA-Technologie voranzutreiben und die Grundlage für neue Therapien zu schaffen. Allerdings zeigt die Geschichte auch die Herausforderungen, denen sich Biotech-Start-ups in Deutschland stellen müssen, insbesondere bei der Finanzierung und der Zusammenarbeit mit der Politik.
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