Die Darmflora und ihre Verbindung zu neurologischen Erkrankungen, dem Rückenmark und der Gehirn-Darm-Achse

Die Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass der Darm, insbesondere die Darmflora, eine viel größere Rolle für die Gesundheit des gesamten Körpers spielt, als bisher angenommen. Insbesondere die Verbindung zwischen Darm und Gehirn, die sogenannte Darm-Hirn-Achse, steht im Fokus der Forschung, da sie möglicherweise einen Einfluss auf die Entwicklung und den Verlauf verschiedener neurologischer Erkrankungen hat.

Die Bedeutung des Darmmikrobioms

Das Darmmikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm, spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit. Es unterstützt die Verdauung, stärkt das Immunsystem und produziert wichtige Stoffe, die das Gehirn beeinflussen können. Das Mikrobiom des Darms enthält Abermillionen von Mikroorganismen, etliche Zellen und Stoffwechselprozesse.

Zusammensetzung und Vielfalt des Darmmikrobioms

Die Mikrobiota des Verdauungstrakts umfassen mehr als 100 Billionen bis 100 Trillionen Mikroorganismen aus 300 bis 3000 verschiedenen Arten. Die Zusammensetzung ist individuell und wird von Faktoren wie Ernährung, Lebensweise und Umgebung beeinflusst.

Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Kommunikation

Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die bidirektionale Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Darm. Das Gehirn beeinflusst die Funktionen des Magen-Darm-Trakts, während der Darm über verschiedene Wege Signale an das Gehirn sendet.

Nervale Verbindungen: Der Vagusnerv und Spinalnerven

Der Vagusnerv, das zehnte Paar der Hirnnerven, spielt eine zentrale Rolle bei der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Er enthält sowohl efferente als auch afferente Fasern und übermittelt sensorische und motorische Signale. Neben dem Vagusnerv verbinden auch Spinalnerven das Darmnervensystem mit dem Gehirn.

Lesen Sie auch: Der Einfluss der Darmflora auf MS

Immunologische Verbindungen

Rund 70 Prozent der immunologisch aktiven Zellen im menschlichen Organismus befinden sich in der Darmschleimhaut. Das Mikrobiom sorgt dafür, dass der Körper Krankheitserreger abwehren kann. Stoffwechselprodukte, die von Darmbakterien produziert werden, wie etwa die kurzkettigen Fettsäuren, beeinflussen direkt die Immunzellen des Gehirns.

Neurotransmitter und andere Botenstoffe

Der Darm produziert Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA, die das Gehirn beeinflussen können. So werden etwa 90 Prozent des körpereigenen Serotonins im Darm produziert. Darmbakterien beeinflussen den Blutspiegel der Vorstufen von Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und GABA, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.

Der Einfluss der Darmflora auf neurologische Erkrankungen

Die Forschung hat gezeigt, dass Veränderungen in der Darmflora mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen in Verbindung stehen können.

Alzheimer-Krankheit

Alzheimer-Patienten haben eine andere Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm als gesunde Probanden. Entzündlich-immunologische Prozesse, die im Hintergrund ablaufen, führen auch zu den Amyloid-Ablagerungen. Stoffwechselprodukte, die von Darmbakterien produziert werden, wie etwa die kurzkettigen Fettsäuren, beeinflussen direkt die Immunzellen des Gehirns. Diese sogenannten Mikrogliazellen können ebenfalls zum Abbau von Amyloid-Ablagerungen beitragen.

Multiple Sklerose (MS)

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Forschende fanden zunehmend Hinweise, dass die Darmflora bei der Aktivierung von Immunabwehrzellen (T-Zellen), die in Gehirn und Rückenmark eindringen und die isolierenden Myelinscheiden um Nervenzellen angreifen, eine wesentliche Rolle spielt. Die Aktivierung dieser Zellen erfolgt in sogenanntem darmassoziiertem lymphatischem Gewebe (GALT), das sich in der Schleimhaut des Darms befindet.

Lesen Sie auch: Finden Sie den richtigen Neurologen in Ulm

Autismus-Spektrum-Störung (ASS)

Auch die Regulation des Verhaltens wird von der Mikrobiota des Darms beeinflusst. Durch mikrobielle Transfertherapie (MTT), wobei Darm-Mikrobiota von gesunden Spendern über einen Zeitraum von 7-8 Wochen in ASS-Patienten transplantiert wurden, konnten deutliche Veränderungen im GI-Trakt und verbesserte GI- und Verhaltenssymptome der Krankheit beobachtet werden.

Depressionen und Angststörungen

Bei Depressionen, Angststörungen, Autismus und Psychosen hat die Forschung schon einen Zusammenhang zum Darmmikrobiom festgestellt. Eine achtwöchige Nahrungsergänzung mit einer Kombination aus L. helveticus R0052 und Bifidobacterium (B.) longum R0175 (CEREBIOME) verbesserte Symptome bei Patienten deutlich.

Parkinson

Dass beispielsweise Parkinson ebenfalls mit dem Darm korreliert, darauf gibt es erste Hinweise.

ADHS

ADHS korrelierte mit einem undichten Darm (leaky gut), Neuroinflammation und überaktivierten Mikrogliazellen.

Mögliche Therapieansätze

Die Erkenntnisse über die Darm-Hirn-Achse eröffnen neue Möglichkeiten für die Behandlung neurologischer Erkrankungen.

Lesen Sie auch: Tagesklinik für Neurologie

Ernährungsumstellung

Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Ballaststoffen kann die Zusammensetzung der Darmflora positiv beeinflussen.

Probiotika und Präbiotika

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die die Darmflora unterstützen können. Präbiotika sind Ballaststoffe, die als Nahrung für die Darmbakterien dienen.

Stressmanagement

Chronischer Stress kann die Darmflora negativ beeinflussen. Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.

Mikrobielle Transfertherapie (MTT)

Durch mikrobielle Transfertherapie (MTT), wobei Darm-Mikrobiota von gesunden Spendern über einen Zeitraum von 7-8 Wochen in ASS-Patienten transplantiert wurden, konnten deutliche Veränderungen im GI-Trakt und verbesserte GI- und Verhaltenssymptome der Krankheit beobachtet werden.

Die Rolle des Rückenmarks

Das Rückenmark spielt eine wichtige Rolle bei der Verbindung zwischen Darm und Gehirn. Es enthält etwa 100 Millionen Nervenzellen, ebenso viele wie das Darmnervensystem. Spinalnerven verbinden das Darmnervensystem mit dem Gehirn.

tags: #darmflora #neurologische #erkrankungen #ruckenmark