Die Parkinson-Krankheit, auch bekannt als Morbus Parkinson, ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die hauptsächlich das zentrale Nervensystem betrifft. Sie ist nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Weltweit leiden etwa 8,5 Millionen Menschen an Parkinson, davon allein in Deutschland mehr als 280.000 Personen. Charakteristisch für Parkinson sind motorische Symptome wie Muskelsteifheit, Zittern (Tremor) und verlangsamte Bewegungen (Bradykinese). Die Ursachen für Parkinson sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.
In den letzten Jahren hat die Forschung jedoch zunehmend einen Zusammenhang zwischen dem Verdauungssystem und der Entstehung von Parkinson aufgedeckt. Es verdichten sich die Hinweise, dass Prozesse im Verdauungssystem die Parkinson-Krankheit befördern könnten.
Die Aszensionshypothese: Beginnt Parkinson im Darm?
Die sogenannte Aszensionshypothese, maßgeblich von dem Frankfurter Neuroanatomen Professor Heiko Braak entwickelt, geht davon aus, dass Parkinson zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt. Diese Hypothese wird durch mehrere Beobachtungen gestützt:
- Magen-Darm-Probleme als frühes Symptom: Viele Parkinson-Patienten leiden bereits Jahre vor dem Auftreten der typischen motorischen Symptome an Verdauungsproblemen wie Verstopfung, Magenlähmung (Gastroparese), Schluckstörungen (Dysphagie), Gewichtsverlust, Mangelernährung und Dehydrierung. Darmprobleme können schon zehn bis zwanzig Jahre bestehen, bevor erste neurologische Probleme auffallen. Laut PD Dr. Lisa Klingelhöfer von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Dresden, gibt es einen eindeutigen Zusammenhang mit der Schwere der motorischen Symptome. Zwar sind bis zu 87% der Parkinson Patienten von einer Dysphagie (Schluckstörung) betroffen, aber nur 10% berichten spontan über entsprechende Beschwerden. Dabei haben mehr als ein Viertel Probleme, ihre Tabletten oder Kapseln zu schlucken. Man muss explizit danach fragen, betonte Prof. Dr. Carsten Buhmann von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Wer beim Schlucken seiner Medikamente Probleme hat, sollte sie deshalb zusammen mit Apfelmus oder Ähnlichem zu sich nehmen.
- Alpha-Synuklein-Ablagerungen im Darm: Bei Parkinson kommt es zu Ablagerungen des fehlgefalteten Eiweißmoleküls Alpha-Synuklein im Gehirn, die als Lewy-Körper bekannt sind. Diese Ablagerungen finden sich aber auch im Nervensystem des Magens und des Darms, oft schon bevor sie im Gehirn nachweisbar sind. Tatsächlich zeigen neue Studien, dass für Parkinson typische Proteinablagerungen, so genannte Lewy-Körper, zuerst im Nervensystem des Darms auftauchen und erst später in den unteren Hirnregionen und schließlich im Mittelhirn zu finden sind.
- Der Vagusnerv als "Steigleiter": Die Hypothese besagt, dass die Alpha-Synuklein-Ablagerungen von Darm aus über den Vagusnerv, der das Gehirn mit dem Bauchraum verbindet, ins Gehirn "klettern". Der Vagusnerv und seine Verästelungen dienen dabei als eine Art "Steigleiter". Der Vagus ist der zehnte Hirnnerv, der vom Hirnstamm aus das gesamte Abdomen versorgt.
Neue Erkenntnisse durch Vagotomie-Studien
Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn haben Parkinson-Forscher schon länger im Visier. Eine Studie aus Schweden, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Neurology“, lieferte weitere Evidenz für die Aszensionshypothese. Die Forscher nutzten eine nationale Gesundheitsdatenbank, um Patienten zu identifizieren, die sich einer Vagotomie unterzogen hatten. Bei dieser Operation wird der Vagusnerv durchtrennt, um die Produktion von Magensäure zu blockieren, was früher häufig zur Behandlung von Magengeschwüren eingesetzt wurde.
Die Wissenschaftler verglichen die Häufigkeit von Parkinson-Erkrankungen bei Patienten mit vollständiger oder teilweiser Durchtrennung des Vagusnervs mit einer Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Von 9430 Patienten, die eine Vagotomie hinter sich hatten, erkrankten 101 an Parkinson, das entspricht 1,07 Prozent. Bei Patienten mit vollständiger Vagotomie war das Risiko, an Parkinson zu erkranken, um 22 Prozent geringer als in der Kontrollgruppe. Lag der Eingriff bereits mindestens fünf Jahre zurück, sank das Risiko sogar um 41 Prozent.
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Das Team um Studienautorin Bojing Liu vom Karolinska-Institut in Stockholm vermutet, das Parkinson zunächst im Darmtrakt beginnt und erst danach über den Vagus-Nerv das Gehirn erreicht. Als man jedoch die zwei Haupttypen von Vagotomie - die selektive und die trunkale - miteinander verglich, beobachtete man ein deutlich geringeres Risiko bei letzterer. Von den Patienten mit Stamm-Vagotomie entwickelten nur 0.78% Parkinson im Laufe der darauffolgenden 5 Jahre, verglichen mit 1.08% der Patienten mit selektiver Vagotomie.
Gastrointestinale Mukosale Schädigungen und Parkinson
Eine weitere Studie, veröffentlicht im JAMA Network Open, untersuchte den Zusammenhang zwischen gastrointestinalen Mukosalen Schädigungen (MD) und der Entwicklung von Parkinson. Das Team um Jocelyn J. Chang von der Tufts University School of Medicine in Boston analysierte retrospektiv die Daten von 9.350 Patienten, die sich einer oberen Endoskopie unterzogen hatten.
Die Ergebnisse zeigten, dass Personen mit MD (mukosale Schädigungen) häufiger eine Vorgeschichte von H. pylori-Infektionen hatten, öfter Protonenpumpenhemmer und NSAR einnahmen und häufiger an gastroösophagealer Refluxkrankheit, Verstopfung und Dysphagie litten. Von den 2.338 Personen mit MD erhielten 52 (2,2 Prozent) später eine Parkinson-Diagnose, verglichen mit 48 (0,5 Prozent) von 8.955 Teilnehmenden ohne MD. Nach Korrektur für verschiedene Variablen blieb das mit der MD assoziierte Risiko bestehen (Hazard Ratio [HR] 1,76).
Die Autorinnen und Autoren schlussfolgerten, dass mukosale Schädigungen des oberen Gastrointestinaltrakts mit der klinischen Entwicklung der Parkinson-Krankheit assoziiert sind.
Die Rolle des Mikrobioms
Auch die Zusammensetzung des Mikrobioms, der Gemeinschaft der Darmbakterien, spielt eine Rolle bei Parkinson. Studien haben gezeigt, dass das Mikrobiom von Parkinson-Patienten verändert ist. "Das Mikrobiom besteht aus etwa 30 Billionen Bakterien im Darm. Diese haben Einfluss auf immunologische Prozesse, die die Krankheitsentstehung begünstigen." Menschen mit Parkinson haben zum Beispiel überwiegend Bakterien im Darm, die die Darmwand durchlässig machen. Dadurch können entzündungsfördernde Stoffe ins Blut und auch ins Gehirn gelangen. Eine Publikation im Fachmagazin "Cell" konnte sogar nachweisen, dass diese Veränderungen im Mikrobiom die fatalen Veränderungen im α-Synuklein beschleunigen.
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Man weiß heute, dass Bakterien das Immunsystem stimulieren oder unterdrücken können. Es ist noch zu früh, um schon Therapien abzuleiten. Aber wir verstehen immer besser, dass es einen sehr engen Zusammenhang gibt zwischen den Bakterien im Darm, deren immunologischer Funktion, der Bildung von Botenstoffen und Fettsäuren und den Entzündungen oder Veränderungen, die im Gehirn entstehen können.
Darmspiegelung bei Parkinson-Patienten: Einblick in die Nervenzellfunktion
In einer seit 2016 von der Hilde-Ulrichs-Stiftung geförderten Studie untersuchen Forscher die Funktion von Nervenzellen im Magen-Darm-Trakt von Parkinson-Patienten. Insgesamt 15 Parkinson-Patienten und 15 gesunde Kontrollpersonen haben dazu eine Darmspiegelung erhalten.
Im Rahmen dieser Darmspiegelung wurden sehr kleine Gewebeproben aus dem Dickdarm entnommen (Gewebe-Biopsie). Diese Biopsien werden anschließend im Labor untersucht, um die Nervenzellen darzustellen und deren Funktion genauer zu analysieren. Dabei werden neuartige Methoden angewendet, wie z. B. die Messung von Kalzium-Strömen in einzelnen Nervenzellen. Zudem können aus den Biopsien RNA oder Protein isoliert und weiter untersucht werden. Die Forscher erwarten, dass sich aus diesen Experimenten ein besseres Verständnis der Nervenzellfunktion bei Parkinson ergibt. Somit wollen sie zur Entwicklung neuartiger und zielgerichteter Therapieformen der Magen-Darm-Symptome beitragen.
Therapieansätze und Prävention
Ein besseres Verständnis des Zusammenhangs zwischen Darm und Parkinson könnte langfristig zu neuen Therapieansätzen führen. Einige mögliche Ansätze sind:
- Frühere Diagnose: Das Auffinden von Alpha-Synuklein-Ablagerungen im Verdauungstrakt könnte als Warnzeichen dienen, um Parkinson frühzeitig zu diagnostizieren. Eine frühe Gabe von Dopamin, also dem Botenstoff, der Bewegungen ermöglicht, verlangsamt den Krankheitsverlauf. Forscherinnen und Forschern des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein ist es gelungen, das fehlgeschaltete Protein "Alpha-Synuclein" aus Nervenzellen im Blut nachweisen können. Ihre Hoffnung: Durch ein frühzeitiges Erkennen der Erkrankung und eine entsprechende Dopamin-Substitution kann der Verlauf der Parkinson-Erkrankung verlangsamt werden.
- Behandlung von Magen-Darm-Problemen: Eine frühzeitige und konsequente Behandlung von Verdauungsproblemen wie Verstopfung, Gastroparese und Schluckstörungen könnte möglicherweise das Fortschreiten der Parkinson-Krankheit verlangsamen. Als Medikamente kommen in Frage: Prokinetika, Domperidon, Botulinumtoxin-Injektion oder Nizatidin. außerdem wird empfohlen auf lösliches Levodopa umzusteigen oder sogar komplett auf nichtorale Anwendungen umzusteigen zum Beispiel Pumpen oder Pflaster. Als vorrangige Therapie wird der behandelnde Arzt eine Überweisung zum Logopäden in Betracht ziehen, der dann mit dem Patienten geeignete Techniken zur Vermeidung von Schluckstörungen trainiert.
- Beeinflussung des Mikrobioms: Die gezielte Beeinflussung des Mikrobioms durch Probiotika (nützliche Bakterien) oder Stuhltransplantationen könnte möglicherweise die Entstehung oder das Fortschreiten von Parkinson beeinflussen.
- Ernährung: Neben der klassischen Behandlung mit Medikamenten empfehlen Ärzte und Ärztinnen Parkinson Patienten und Patientinnen eine spezielle Ernährung, um den Darm ins Gleichgewicht zu bringen und damit das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. "Hier ist die mediterrane Ernährung für den Verlauf günstiger." Das heißt konkret: Reichlich Gemüse, Fisch, Öle mit ungesättigten Fettsäuren, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte. "Bei dieser Form der Ernährung werden Polyphenole aufgenommen, die eine krankheitslindernde Wirkung haben können." Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe, die auch eine blutdrucksenkende Wirkung haben können. Sie sind beispielsweise in Randschichten von Obst und Gemüse enthalten. Auch Proteine sind ein wichtiger Bestandteil der Ernährung von Patienten und Patientinnen mit einer Parkinson-Erkrankung. Zu jeder Hauptmahlzeit sollte auch eine kleine Portion Proteine, also Eiweiß, möglichst in Form von Fisch oder Milchprodukten gereicht werden. Doch Vorsicht: Patienten und Patientinnen mit Parkinson sollten bei Milchprodukten genau auswählen. Wichtig bei der Einnahme von Nahrungseiweiß ist, dass Patienten und Patientinnen die Wechselwirkung von Proteinen und Parkinsonmedikamenten wie L-Dopa beachten.
- Prävention: Die Vermeidung von Risikofaktoren für Magen-Darm-Erkrankungen wie chronische Entzündungen, Infektionen und die Einnahme bestimmter Medikamente könnte möglicherweise das Risiko, an Parkinson zu erkranken, verringern.
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