Die Grenzen der Selbstwahrnehmung des Gehirns: Einblick in Hirnforschung und Psychotherapie

Einführung

Der Mensch ist ein biologisches Wesen, und somit sind alle psychischen Phänomene in der Struktur des Gehirns verankert. Die komplexe und wechselwirkende Funktionsweise des Gehirns entzieht sich jedoch simplen Erklärungen. Hochkomplexe psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen resultieren aus einer von Sinnfragen überlagerten inneren Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst. Das komplizierte Zusammenspiel von Hirnphysiologie und psychosozialen Einflüssen durch Sinngebung wird oft unterschätzt.

Das Gehirn als biologische Grundlage psychischer Phänomene

Alle psychischen Phänomene entstehen innerhalb einer biologischen Struktur, nämlich der des Gehirns. Wer daraus jedoch folgert, psychische Beeinträchtigungen ließen sich etwa mit einem Mehr oder Weniger an Dopamin oder Serotonin im synaptischen Spalt erklären, irrt, denn viel zu komplex und wechselwirkend ist die Funktionsweise der neuronalen Struktur, um sie mit einem schlichten »Wenn A, dann B« zu erklären.

Die Komplexität psychischer Störungen

Hochkomplexe psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen resultieren zudem aus einer von Sinnfragen überlagerten inneren Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst. So werden sowohl reine Biologisten als auch jene Fachleute, die einen von neuronalen Abläufen unabhängigen menschlichen »Geist« propagieren, dem komplizierten Zusammenspiel von Hirnphysiologie einerseits sowie der kulturellen, also psychosozial gewordenen Überformung durch Sinngebung andererseits nicht gerecht.

Die Rolle der Hirnforschung in der Psychotherapie

Gerhard Roth und Andreas Heinz diskutieren die vielschichtigen Bedingungen, die das Entstehen psychischer Störungen nach sich ziehen können. Die Hirnforschung wirkt hier als hilfreiche Stütze der Psychotherapie, zeigt dieser aber auch die Begrenztheit bisheriger therapeutischer Wirkmodelle auf.

Die Grenzen der neurophysiologischen Beeinflussung

Es ist bekannt, dass man diejenigen Mechanismen, die man erklären, oft auch rekonstruieren und womöglich als Technik implementieren kann. Die Gehirnforschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Wir sind noch sehr weit davon entfernt, zu verstehen, auf welche Weise sich das Gehirn selbst erforscht. Hingegen ist inzwischen die gezielte partielle neurophysiologische Beeinflussung von einzelnen Prozessen im Gehirn durchaus realisierbar.

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Reiz-Reaktions-Ebene vs. komplexe Repräsentationen

Bislang ist das jedoch nur auf der reinen Reiz-Reaktions-Ebene möglich. Bei komplexeren Repräsentationen des Gehirns halte ich es eher für unwahrscheinlich, dass wir überhaupt spezifisch in die bedeutungsgenerierenden Mechanismen, also in die symbolischen Ebenen, einbrechen können. Wir versuchen inzwischen, mit neurophysiologischen Methoden, z.B. im Bereich des Kortex, bestimmte Wahrnehmungsmodalitäten zu stimulieren bzw. zu modulieren, wobei das auch sehr “faustkeilartige”, recht unspezifische und kaum bedeutsame Eingriffe sind.

Das Gehirn als selbstorganisierendes System

Man geht heute davon aus, dass das Gehirn als selbstorganisierendes System zu verstehen sei, das man möglicherweise mit chaostheoretischen Modellen beschreiben kann, und dass seine Informationsverarbeitung durch massive Parallelverarbeitung zu charakterisieren sei. Parallelverarbeitung bedeutet jedoch noch nicht, dass dies prinzipiell unmöglich ist.

Emotionen als Botschaften an uns selbst

Emotionale Zustände sind im Grunde Botschaften an uns selbst: dass unser Tun entweder dazu führt, dass wir einen Zustand erreichen, der uns anstrebenswert erscheint, oder aber, dass wir uns weit von diesem Zustand zu entfernen beginnen. Dann wird im Hirn eine Inkohärenz ausgelöst, die zu einer sich ausbreitenden Erregung führt, die auch tiefer liegende Bereiche des Gehirns erfasst.

Die untrennbare Verbindung von Denken, Fühlen und Handeln

In diesen Bereichen werden Netzwerke aktiviert, die wiederum sehr eng mit körperlichen Reaktionen verbunden sind. Das nehmen wir dann als eine emotionale Reaktion wahr. Das heißt, eine emotionale Reaktion ist immer auch eine körperliche Reaktion. Diese Emotionen helfen uns, uns im Leben zurechtzufinden. Denken, Fühlen und Handeln sind dabei hirntechnisch immer untrennbar miteinander verbunden.

Die Unterdrückung von Emotionen und ihre Folgen

Seit der Aufklärung hat sich aber „Das Unterdrücken von emotionalen Botschaften führt dazu, dass Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren.“ in unserem Kulturkreis die Ansicht herausgebildet, Emotionen seien ein Rudiment aus der Steinzeit und würden uns daran hindern, unser Leben selbstbestimmt zu gestalten und entsprechende Leistungen zu erbringen. Deshalb wurde immer wieder versucht, diese emotionalen Prozesse zu diskreditieren oder zu unterdrücken.

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Heute sorgt eine entsprechende Erziehung dafür, dass Menschen glauben - und oft auch ihr Leben so gestalten -, man könne seine Gefühle abtrennen von dem, was man sagt und denkt. Das Unterdrücken von emotionalen Botschaften führt dazu, dass Menschen ihre eigentlichen Bedürfnisse überhören und vernachlässigen, dass sie den Kontakt zu sich selbst, zu ihren Emotionen verlieren. Eine Person spürt dann gar nichts mehr und funktioniert nur noch.

Affektregulation als menschliche Fähigkeit

Gerade die Affektregulation ist aber eine der großen Fähigkeiten des Menschen. Verhindert man, dass junge Menschen lernen, Affekte zu erkennen und zu reflektieren, eignen sie sich später als Objekte für emotional manipulative Strategien. So nutzen Unternehmen, die auf Gewinnmaximierung setzen, die emotionalen Zustände ihrer Mitarbeiter bewusst für ihre Zwecke. In den USA gibt es professionelle Empathieseminare, in denen Führungskräften beigebracht wird, wie man bei Mitarbeitern Vertrauen weckt, indem man ihnen empathische Reaktionen vorspielt. Hier werden gezielt bestimmte emotionale Reaktionsmuster erzeugt.

Glück, Kohärenz und Anliegen

Andererseits scheint es doch so, als würde neuerdings ein ganz besonderes Augenmerk auf die emotionale Seite der Menschen gelegt. Eine ganze Industrie strebt danach, immer wieder aufs Neue Glücksgefühle zu erfüllen und zu fördern. Aus neurobiologischer Perspektive empfindet man einen Zustand des Glücks immer dann, wenn man einen inkohärenten Zustand durch eigene Anstrengung in einen kohärenten Zustand verwandeln kann. Das Hirn strebt diesen Zustand ständig an, weil der Energieverbrauch so am niedrigsten ist.

Die Gefahr kurzfristiger Glückserlebnisse

Wenn es Menschen gelingt, inkohärente Zustände wieder kohärenter zu machen, wird Energie frei. Im Mittelhirn werden dann Botenstoffe ausgeschüttet, die ähnlich wie Kokain und Heroin wirken. Diesen rauschartigen Zustand würde ich als Glück bezeichnen. Es gibt Studien, die zeigen, dass man schon Tiere dazu bringen kann, sich so lange mithilfe von Elektroden in diesen Belohnungszentren selbst zu stimulieren, dass sie am Ende sogar sterben. Das zeigt, dass die bloße Befriedigung eines Bedürfnisses - die Wiederherstellung eines kohärenten Zustands - per se noch kein Glück sein kann. Denn das Hirn kann nur schwer unterscheiden, ob die Lösung, die man da findet, auch langfristig günstig ist. Werden immer wieder kurzfristige Glückserlebnisse herbeigeführt, werden die dabei aktivierten Vernetzungen im Hirn immer stabiler, sodass ein Glückszustand immer leichter und effizienter herbeigeführt werden kann - und dann fängt er an, öde und schal zu werden.

Langfristiges Glück durch Kohärenzgefühl und Anliegen

Langfristig glücklich wird man erst, wenn man in seinem Leben viele unterschiedliche Erfahrungen macht, wie sich inkohärente Zustände wieder kohärenter machen lassen. Aus der Summe dieser Erfahrungen erwächst ein Gefühl, das die Hirnforscher Kohärenzgefühl nennen. Durch die bewusste Auseinandersetzung und Überwindung von schwierigen Situationen wird dieses Kohärenzgefühl immer wieder gestärkt. Diese Menschen setzen sich eigene Schwerpunkte im Leben: ein übergeordnetes langfristiges Ziel, das einen besseren kohärenten Zustand verspricht als die unterwegs auftretenden Schwierigkeiten, die man vielleicht mit kurzfristigen Lösungen kohärenter machen könnte.

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Dabei sind Ziele, die man erreichen kann, aber nicht so günstig, denn hat man sie erreicht, ist auch die langfristige Orientierung weg. Was wirklich Orientierung bietet, ist ein Anliegen. Anliegen kann man auch teilen: Gemeinsame Anliegen liegen allen Beteiligten gleichermaßen am Herzen, alle sind dann bereit, etwas auf sich zu nehmen. Anliegen sind nicht so konkret wie Ziele. Man kann sie eigentlich nie erreichen, aber man hat jeden Tag gute Gründe, sich dafür einzusetzen. Aus neurobiologischer Sicht wirkt das kohärenzstiftend: Statt Arzt werden zu wollen, könnte man sich zum Anliegen machen, anderen Menschen zu helfen, wieder gesund zu werden. So nähert man sich mit jeder kleinen Aktivität als Arzt ein Stück dem langfristig gewählten Anliegen. Ein Anliegen ist eine Orientierung für das, was man tut. Es verhindert, dass man sich durch kurzfristige Ziele ablenken lässt. Es gibt eine Richtung für die eigene Weiterentwicklung und das eigene Handeln.

Die Konsumgesellschaft und langfristige Anliegen

In der heutigen Konsumgesellschaft ist es für Menschen allerdings fast unmöglich, langfristige Anliegen zu verfolgen. Dafür dürften Menschen sich nicht einreden lassen, was sie noch alles brauchen, um glücklich zu sein. Die Leistungs- und Konsumgesellschaft baut darauf, dass Menschen keine langfristigen, gemeinsamen Anliegen entwickeln. Heute sind Menschen noch überwiegend Manipulationsmasse für ein System, das mehr Produkte herstellt und vertreibt als es Kunden gibt.

Wandel in der Gesellschaft und die Bedeutung der Würde

Wenn Menschen lernen, auf ihre Emotionen zu hören, stünde uns also ein grundlegender Wandel in der Gesellschaft bevor. Wir erleben heute, dass hierarchische Prozesse nicht mehr dazu geeignet sind, die Unterschiedlichkeit und Komplexität der Menschen und des Lebens weiter steuern zu können. Dadurch ändern sich die Bedeutsamkeiten für Menschen allmählich. In manchen Bereichen ist das schon spürbar, beispielsweise wenn sich Personalchefs darüber beklagen, dass da eine junge Generation ankommt, die keinen Wert mehr auf die alten Strukturen oder auf Machtsymbole wie einen Dienstwagen legt. Schon jetzt ist also eine Generation nachgewachsen, die mit den alten hierarchischen Strukturen abgeschlossen hat. Diese Tendenz ist weltweit zu beobachten.

Innere Ordnungssysteme und die Bewahrung der Menschlichkeit

Die jungen Menschen, die sich gegen hierarchische Strukturen wehren, entwickeln ein eigenes inneres Ordnungssystem. So etwas wie einen inneren Kompass, der ihnen hilft, ihre Menschlichkeit zu bewahren. Ich nenne das Würde. Geht man davon aus, dass größere Schichten in der Bevölkerung diese Bewusstwerdung ihrer eigenen Würde durchlaufen, lassen sich die Konsequenzen für eine Konsumgesellschaft erahnen.

Unternehmen im Wandel

Welche Fragen müssen sich Unternehmer vor diesem Hintergrund stellen? Was machen Unternehmen, die den Wandel verstanden haben, bereits anders? Anders macht es zum Beispiel der Gründer der dm-Kette Götz Werner. Er sieht den primären Unternehmenszweck darin, dass die Mitarbeiter glücklich sind und gern in dem Unternehmen sind, weil sie hier spüren, dass ihre Arbeit sinnvoll ist und sie sich weiterentwickeln können. Oder der Hotelkettenbetreiber Upstalsboom: ein Unternehmen, das mit den Gewinnen, die es erwirtschaftet, in Ruanda Schulen baut. Für die Mitarbeiter entsteht so ein Anliegen, eine völlig andere Motivation. Sie sind nicht mehr benutzbar oder manipulierbar durch die Firma. Dafür muss ein Unternehmen zumindest ökonomisch stabil sein - aber das Wichtigste ist, dass es ein Anliegen verfolgt, das Menschen dient und nicht auf Kosten von Menschen Gewinne machen will. Das ist der große Unterschied. Unternehmen, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind, verlieren ihre Innovationskraft und gehen an sich selbst zugrunde. Als Biologe und Hirnforscher habe ich erkannt, dass alle lebenden Systeme sich selbst organisieren, sei es die Menschheit oder ein Unternehmen.

Hirnforschung und Psychotherapie im Dialog

Gerhard Roth und Andreas Heinz diskutieren in ihrem Gespräch die vielschichtigen Bedingungen, die das Entstehen psychischer Störungen nach sich ziehen können. In seinem neuen Band "Hirnforschung und Psychotherapie" stellen sich Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin, und Gerhard Roth, Professor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen, Brittens Fragen. Sie diskutieren über das komplexe Zusammenspiel im Gehirn und erläutern, wie therapeutische Hilfsangebote funktionieren können. Dabei wird dem Leser schnell klar, was den beiden am Herzen liegt - nämlich ein offener Austausch zwischen den Disziplinen. Das Buch bietet viele aufschlussreiche Antworten.

Vererbung psychischer Erkrankungen

Sind psychische Erkrankungen vererbbar? Eher weniger. Es dürfte sich um ein komplexes Zusammenspiel aus Genen und Umwelt handeln, das bisher auch nicht durch Zwillingsstudien entschlüsselt werden konnte. Denn bei solchen blieben beispielsweise genetische Varianten zwischen eineiigen Zwillingen - welche es in der Natur durchaus gibt - meist unberücksichtigt.

Die Rolle von Bezugspersonen und Gesellschaft

Zudem dreht sich das Gespräch um die wichtige Rolle, die Bezugspersonen und die Gesellschaft bei der menschlichen Entwicklung einnähmen: Vor allem von ihnen lernen wir, in der Welt zurechtzukommen, und nicht so sehr aus eigenen Erfahrungen heraus, so Roth. Verhält sich ein Mensch von der Norm abweichend, diagnostizieren Ärzte und Psychotherapeuten oft eine psychische Störung gemäß ICD-10 und DSM-5. Beide Diagnosesysteme erfassen laut Heinz aber zu wenig den persönlichen Leidensdruck der Betroffenen sowie Beeinträchtigungen im Umgang mit anderen.

Erkenntnislücken und Forschungsperspektiven

Im Abschnitt "Was wissen wir?" machen die Gesprächspartner deutlich, wo noch Lücken im Erkenntnisstand klaffen, dass die Nutzung mancher Softwarepakete Studienergebnisse verzerrt und dass sich hinter widersprüchlichen Ergebnissen oft ein tieferer Zusammenhang verbirgt. In "Psychotherapie ist für die Psyche da" kritisieren die Professoren vorherrschende und oft vereinfachte Bilder, wie das des präfrontalen Kortex als zentrale Schaltstelle des Gehirns. Andere Regionen würden hierbei ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, meinen die Autoren. Zudem fordern sie eine Ausweitung der Forschung auf Fragen wie: Warum sind Psychosen im Lauf der Evolution nicht verschwunden? Bringen sie womöglich Vorteile mit sich?

Kritische Auseinandersetzung und Hoffnung

Britten gelingt es, seine Leser zum Nachdenken anzuregen. Er stellt die Aussagen der Gesprächspartner auch mal in Frage und bohrt nach. Als Roth die Sprachwahl der Geisteswissenschaften kritisiert, holt ihn der Interviewer zurück zur eigentlichen Frage - nämlich der nach den sprachlichen Unzulänglichkeiten in den Naturwissenschaften - und greift dabei Roths eigene Wortwahl auf. Dieser hatte einst erklärt, das Wernicke-Areal sei für die Wortbedeutung und das Verstehen einfacher Sätze zuständig. Es gebe eben keinen CEO im Gehirn, so Britten, die Formulierung sei demnach ungenau. Roth und Heinz stimmen überwiegend in ihren Ansichten überein, nur an wenigen Stellen (etwa bei der Diskussion um freudsche Annahmen) besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen ihnen. Beide hegen die Hoffnung, dass die Hirnforschung Fortschritte in der Psychotherapie mit sich bringt, allerdings gehe das nur mit "klar strukturierten klinischen" Fragestellungen.

Das Buch "Das Gehirn selbst nimmt sich nicht wahr"

Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Psychotherapeutische Dialoge“ des mit der Entwicklung der Psychologie und Psychotherapie im Nachkriegs(west)deutschland eng verbundenen Göttinger Verlags Vandenhoeck & Ruprecht (v&r-Verlag) erschienen. Diese Reihe verdankt sich einer Idee des moderierenden / interviewenden Uwe Britten (s.u.). Einer hervorragenden Idee, wie bisherige und angekündigte Titel anzeigen.

Die Thematik des Buches

Damit ist die faktische Thematik des vorliegenden Buches denn auch benannt: Es geht um das Verhältnis von Hirnforschung und Psychiatrie/Psychotherapie. Die Formulierung scheint trivial, aber sie ist bewusst gewählt. Manch andere(r) hätte auch formulieren können, es ginge hier in gut paternalistischer Tradition um „die Bedeutung der Hirnforschung für Psychiatrie und Psychotherapie“. Wer so redet, kann sich die Hirnforschung nur als Lehrmeisterin der Psychiatrie und Psychotherapie (sowie jeder anderen Form „Helfender Beziehungsarbeit“) vorstellen.

Von solchen selbsterzeugten und fremdinduzierten Allmachtsfantasien hat sich die Hirnforschung schon seit geraumer Zeit verabschiedet (ich rede hier nur vom deutschsprachigen Raum, in dem ich mich hinreichend auskenne). An der Konstruktion des o.g. paternalistischen Beziehungsmodells von Hirnforschung und Psychotherapie haben übrigens nicht nur Hirnforscher(innen) - denen sei es nachgesehen - mitgewirkt, sondern auch Psychotherapeut(inn)en.

Kritische Betrachtung der Neuropsychotherapie

Auch ein so kluger und selbstbewusster Klinischer Psychologe wie Klaus Grawe; sein Buch „Neuropsychotherapie“ (Göttingen: Hogrefe) ist - bei allem Respekt für den Autor - doch als Kotau der von ihm repräsentierten Psychologischen Psychotherapie vor der vermeintlichen Deutungshoheit der Hirnforschung zu bewerten. Klaus Grawes Haltung rührte nicht zuletzt daher, dass sein Wissen über die Hirnforschung solches aus zweiter Hand war: „Grawe war ein Psychotherapeut, der sich neurobiologische Zusammenhänge angelesen hatte.“ (Roth, im hier zu rezensierenden Buch, S. 97). Über Hirnforschungswissen aus erster Hand hingegen verfügt ein anderer Psychologe im deutschen Sprachraum, der im Kontext der hier behandelten Thematik meist - so auch im vorliegenden Buch - unerwähnt bleibt: Niels Bierbaumer.

Die Gesprächspartner: Andreas Heinz und Gerhard Roth

Andreas Heinz, Jg. 1960, seit 2002 ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Berliner Campus Charité Mitte, studierte Medizin, Philosophie und Anthropologie an der Ruhr-Universität Bochum, an der FU Berlin und an der Howard University Washington DC, promovierte 1988 in Bochum zum Dr. med. mit der Arbeit „Anthropologische und evolutionäre Modelle der Schizophrenieforschung“ (als Buch erschienen beim Berliner Verlag für Wissenschaft und Bildung, 2002 - 14! Jahre später), in dem er deren rassistische Menschenbilder herausarbeitet. Anschließend arbeitete er als Postdoc am National Institute of Health, Bethesda MD. 1998 wurde er an der FU Berlin mit der Schrift „Das dopaminerge Verstärkungssystem“ für Psychiatrie und Psychotherapie habilitiert. Er ist als Psychotherapeut in Gesprächspsychotherapie ausgebildet. Kritisch sieht er psychologische Konzepte und Klassifizierungen mancher Beeinträchtigungen als „Ich-Störungen“ oder „Störungen der Ich-Grenze(n)“.

Wer schon Andreas Heinz' berufliche Biographie für ungewöhnlich hält, muss die von Gerhard Roth, Jg. 1942, für exotisch halten. Er, Jg. 1942, wurde an der damals erst 5 (in Worten: fünf) Jahren alten Universität Bremen 1976 - das waren nicht nur an der Bremer Uni, aber dort besonders „wilde Zeiten“ - Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie und 1989 auch am dortigen Institut für Hirnforschung, dessen Gründer er war und das er viele Jahre auch leitete. Er studierte in Münster und Rom Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie und wurde 1969 in Münster mit einer Arbeit über den nonkonformistischen italienischen Kommunisten Antonio Gramsci (als Buch: „Gramscis Philosophie der Praxis. Eine neue Deutung des Marxismus“. Düsseldorf: Patmos, 1972) in Philosophie promoviert. Danach absolvierte er ein Studium der Biologie, das er 1974 wiederum in Münster mit einer zweiten Promotion in Zoologie abschloss. Einer seiner Forschungsschwerpunkte war die Beobachtung der Schnittstelle von Hirnforschung und Psychotherapie.

Struktur und Inhalt des Buches

Bei manchen Büchern, in der Regel bei guten Lehrbüchern, vermitteln einem Kapitel- und Abschnittsüberschriften einen einigermaßen zutreffenden Eindruck des dort jeweils abgehandelten Inhalts. Hier ist das nicht der Fall - und könnte es schwerlich sein. Kapitel- und Abschnittsüberschriften wurden dem aus leibhaftigem Gespräch sich ergebenden (geglätteten) Text nachträglich! eingeschrieben. Kapitel- und Abschnittstitel sind hier also gerade nicht wie bei einem Lehrbuch Vor-Schriften, die anschließend abgearbeitet worden wären.

Zitate und Einblicke in die Diskussion

Die folgenden Zitate geben einen Einblick in die Vielfalt und Lebendigkeit der Diskussion zwischen Britten, Roth und Heinz:

  • „Wir sind also nicht Konstruktivisten, sondern Halluzinisten."
  • „Wir hatten hier aber mal einen Patienten, der hörte zwar Stimmen, kam aber aus ganz anderen Gründen zu uns. Der sagte: ‚Jetzt lassen Sie mal die Stimmen in Ruhe, ich spekuliere an der Börse und bisher haben die mir immer die richtigen Tipps gegeben‘; Da würde ich doch aus diesen Stimmen keine Krankheit machen."
  • „In all diesen Vereinfachungen gibt es auch ein starkes Bedürfnis der Gesellschaft, soziale Probleme genetisch zu definieren, wenn in populärer Absicht etwa aus Statistiken eine Erblichkeit ‚errechnet‘ wird. Thilo Sarrazin ist so ein Beispiel."
  • „Also können wir, was unser Thema der psychischen Auffälligkeiten betrifft, über den Begriff der Vererbung ein ganz großes Kreuz machen."
  • „Wir müssen uns von dem Bild verabschieden, ein Gen oder ein Transmitter mache genau den Effekt aus. Es gibt nicht den Depressionsrezeptor und das Depressionsgen und es gibt auch kein Intelligenzgen, kein Verbrechergen, kein An-Gott-glauben-Gen. Also das ist alles viel zu naiv."
  • „Wenn Freud zum Patienten gesagt hat: ‚Nun erzählen Sie mal über sich, was Ihnen in den Sinn kommt‘, weil er über das Reden den Zugang zum Unbewussten zu finden hoffte, dann war und ist das ein schwerwiegender Irrtum, denn das Reden darüber, die Bilder, die Worte, all das entsteht nicht in der Amygdala, sondern im limbischen und kognitiven Cortex, und ist damit keine verlässliche Aussage über die unbewussten Geschehnisse."
  • „Sehen wir uns die Kriminalstatistik an. Irgendeinen Grund muss es haben, dass die Intensivstraftäter über achtzehn Jahre fast ausschließlich Männer sind und dass bei ADHS oder bei Autismus überwiegend Jungen auffällig werden. Woran kann das liegen? Natürlich gibt es keine trivialen Erklärungen dafür, aber es lässt vermuten, dass das männliche Sexualhormon Testosteron in Verbindung mit dem Neuromodulator Dopamin hier eine Rolle spielt."

Vor- und Nachteile des Buches

Das Buch ist tatsächlich von der lebendig-bunten Vielfalt, von der die Zitate zeugen. Das hat Vor- und Nachteile. Zu den Nachteilen mögen manche Leser(innen) zählen, dass es irgendwie unsystematisch zugehe, der sprichwörtliche Rote Faden oft nicht zu greifen sei und Vieles „nicht zu Ende“ diskutiert werde. Als größten Vorteil sehe ich an, dass eine für Angehörige der Sozialen Kultur eher schwere Thematik unterhaltsam abgehandelt wird. Natürlich muss man (und frau) selbst bei einiger Vorkenntnis in Sachen Hirnforschung immer wieder nachschlagen. Und so bildet man sich denn je nach Vorkenntnis mehr oder minder intensiv fort. Wo noch mal liegt die Amygdala bzw. der limbische und kognitive Cortex und welche Funktionen erfüllen die eigentlich? Was ist und hat es auf sich mit „Serotonin“, „BDNF“, „Wernicke- oder Broca-Sprachareal“ oder „Prä-SMA“? Im Buch selbst werden diese Begriffe als bekannt vorausgesetzt und dementsprechend auch nicht erklärt. Aber und das scheint mir weitaus wichtiger: Das Buch stimuliert zu entsprechendem Nachschlagen.

Empfehlung

Ein Buch für alle, die verstehen wollen, worum es beim Thema „Hirnforschung und Psychotherapie“ der Sache nach geht, welche Fragen verfolgt wurden und werden, welche Antworten man gefunden hat - und welche davon heute (noch) Beachtung finden (sollten).

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