Die faszinierende Illusion der Realität: Was die Hirnforschung über unsere Wahrnehmung weiß

Haben Sie sich jemals gefragt, ob die Welt wirklich so ist, wie Sie sie sehen? Beim Blick aus dem Büro beispielsweise sind manche Dinge eindeutig: Der Baum steht vor dem Fenster, das Auto fährt vorbei, der Kollege stellt sein Fahrrad vor dem Gebäude ab, ein besonders schönes Fahrrad. Ihnen fällt auf, dass im Moment fast alle Kollegen mit dem Rad zur Arbeit kommen, kaum jemand nimmt die Öffentlichen oder das Auto. Seit Sie beschlossen haben, sich selbst ein neues Fahrrad zu kaufen, sehen sie ständig Kollegen auf dem Rad. Aber ist das wirklich so? Natürlich, Sie halluzinieren nicht, die Kollegen, die Sie auf dem Rad sehen, sind wirklich da. Aber die anderen, die beispielsweise mit dem Auto kommen, auch. Die Antwort der Hirnforschung auf diese Frage ist ebenso faszinierend wie beunruhigend: Unser Gehirn konstruiert aktiv unsere Realität, und was wir wahrnehmen, ist oft weit entfernt von einer objektiven Abbildung der Welt.

Die subjektive Konstruktion der Welt

Jeder irrt, der zu wissen glaubt, was ein anderer denkt. Wenn ein Mensch einen anderen fragt: „In welcher Welt lebst du eigentlich?“, ist er den Einsichten der Wahrnehmungsforscher sehr nahe. Für die ist klar: Jeder irrt, der zu wissen glaubt, was ein anderer denkt und fühlt. Prof. Gerhard Roth, Direktor des Instituts für Hirnforschung in Bremen, ist in seiner jahrelangen Beschäftigung mit der Frage, wie das Gehirn die Welt wahrnimmt, zu zwei wichtigen Schlussfolgerungen gekommen: Erstens macht sich jedes Gehirn seine eigene Welt. Die individuelle Wirklichkeit und die vom Bewusstsein unabhängige Realität sind zwei verschiedene Dinge.

Wahrnehmung als Interaktion, nicht Abbildung

Ein bekanntes Nachschlagewerk definiert das Phänomen der Wahrnehmung sinngemäß so: „Das menschliche Gehirn erstellt aus den Signalen, die ihm über die Sinnesorgane zugehen, ein anschauliches Bild seiner Umwelt und seines Körpers.“ Wahrnehmung wäre also eine Spiegelung der Umwelt. Roth entgegnet dem: Nur zu einem ganz kleinen Teil. Die Hauptaufgabe des Gehirns ist, ein Verhalten zu erzeugen, mit dem ich als Mensch in meiner spezifischen Umwelt - der natürlichen und der sozialen - überleben kann. Wenn diese Umwelt sehr komplex ist - und das ist sie -, dann überfordert eine komplette Abbildung unser Aufnahmevermögen völlig. Unser Gehirn tastet vielmehr die Umwelt blitzschnell ab und prüft, was für uns in der jeweiligen Situation wichtig und was unwichtig ist. Es konzentriert sich dann auf die wichtigen Dinge und fragt in seinem Gedächtnis nach: Welche Erfahrung habe ich mit diesen Dingen, was bedeuten diese Signale für mich. Auf dieser Basis plant es ein Verhalten, das für mein Überleben hilfreich ist. Das bedeutet aber: Mein Gehirn bildet nicht die Umwelt detailgetreu ab, sondern nur das Allerwichtigste davon, und alles andere erinnert, interpretiert und plant es aus sich heraus, auf der Grundlage seiner individuellen Erfahrungen. Im Klartext: Wahrnehmung ist nicht Abbildung, sondern Interaktion. Die Welt, in der wir bewusst leben, ist nicht die Wiedergabe unserer realen Umwelt, sondern vor allem ein Produkt unseres Gedächtnisses und damit unserer Erfahrung.

Die Rolle des Gehirns als Konstrukteur

Das, was wir wahrnehmen, ist also nicht nur eine Konstruktion unseres Gehirns, wie extreme Denker sagen. Philosophisch gesprochen können wir natürlich überhaupt keine Gewissheit haben über die Existenz einer Welt außerhalb unseres Kopfes. Wir haben nur die Gewissheit über unsere eigenen Sinnesdaten. Ob diese Sinneseindrücke aus einer äußeren Welt stammen, kann ich nicht unmittelbar überprüfen. Ich kann sie ja nicht anfassen, sondern was mein Gehirn verarbeitet sind immer nur Sinneseindrücke, von druckempfindlichen Tastsensoren in meinen Fingerspitzen etwa. Die Frage kann also nicht sein, ob ich nachweisen kann, daß es eine unabhängige Welt gibt, sondern nur, ob es plausibel ist, von ihrer Existenz auszugehen.

Philosophische Perspektiven auf die Realität

Die Frage, ob es überhaupt eine Beziehung zwischen unserer Wahrnehmung und der Realität gibt, beantworten drei Denkrichtungen ganz verschieden: der Solipsismus, der radikale und der gemäßigte Konstruktivismus.

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Solipsismus: Die Welt als reine Illusion

Der Solipsist sagt: Es gibt keine äußere Welt, alles, was ich wahrnehme, ist eine Konstruktion meines Gehirns. Den Solipsisten kann man streng logisch nicht widerlegen, da er alles - jeden Sinneseindruck und jede Erfahrung - zu einer Illusion erklärt. Man kann das vielleicht vergleichen mit hirngeschädigten Patienten, die keine Erinnerung speichern können, und die sich deshalb jeden Tag eine neue Vergangenheit ausdenken, von deren Realität sie jeweils vollkommen überzeugt sind.

Radikaler Konstruktivismus: Die unerkennbare Realität

Im Gegensatz zum Solipsisten sagt der radikale Konstruktivist: Es mag eine bewusstseinsunabhängige Umwelt geben, wir können aber ihre Existenz nie beweisen, und wir können auch nichts über sie aussagen. Diese Überlegung muss man ernst nehmen. In der Welt außerhalb unseres Kopfes gibt es keine Farben, das ist klar, aber es gibt Licht unterschiedlicher Wellenlängen. Der Begriff Wellenlänge ist eine Konstruktion der Physik, und kein Physiker würde sagen, dass Wellenlängen objektiv existieren. Es gibt vielmehr Phänomene, die Physiker auf der Grundlage einer bestimmten einheitlichen Sprache mit dem Begriff Wellenlänge bezeichnen. Wir nehmen also nur bestimmte Phänomene wahr, die wir mit Begriffen belegen, denen wir eine Farbe zuschreiben, oder die wir rund oder eckig nennen. Auch der radikale Konstruktivist wird nicht bezweifeln, dass es Dinge gibt, die wir rund nennen, und über die wir uns auch mit Hunden und Papageien einigen können, sie für rund zu halten. Was diese verschiedenen Gehirne aber wirklich wahrnehmen, und was das mit der Umwelt außerhalb eines Bewusstseins zu tun hat, können wir grundsätzlich nicht sagen. Sobald ich Dinge beschreibe, sagt der radikale Konstruktivist, tue ich das in menschlichen Begriffen.

Gemäßigter Konstruktivismus: Annäherung an die Realität

Im Unterschied zum radikalen Konstruktivisten sagt Roth: Man kann doch etwas über die bewusstseinsunabhängige Welt aussagen, man muss es sogar, wenn man zum Beispiel Neurobiologe ist. Ich muss mir aber klar darüber sein, dass ich mich immer nur in Umschreibungen, bildhaften Vergleichen, Metaphern ausdrücken kann. Eine solche Metapher ist etwa die Wellenlänge, die ich brauche, wenn ich den Sehvorgang untersuchen will. Dann sage ich: Licht von 400 Nanometer Wellenlänge trifft auf meine Netzhaut und erzeugt auf sehr komplizierte Weise in meiner Großhirnrinde schließlich den Eindruck blauviolett. Ich bin davon überzeugt, dass es dieses Licht wirklich gibt. Ich glaube nicht, dass es nur eine Erfindung meines Gehirns ist. Es gibt außerhalb meines Gehirns eine bewusstseinsunabhängige, objektive Welt, von der ich ein Teil bin, die aber auch ohne mich existiert. Ich muss mir aber klar sein, dass ich davon immer nur in Bildern reden kann. Darin unterscheidet er sich auch von dem radikalen Konstruktivisten, denn er behauptet, wir können durchaus etwas über die Welt außerhalb unseres Gehirns sagen, auch wenn wir dazu Begriffe verwenden, die nur Metaphern für die Phänomene der objektiven Welt sind. Er ist überzeugt von der Existenz einer Welt außerhalb unseres Bewusstseins, einer Welt, in der Tiere und Menschen leben, die ein Gehirn haben. Die objektive Welt erregt die Sinnesorgane dieser Tiere und Menschen.

Die Bedeutung gemeinsamer Sockel der Wahrnehmung

Dennoch können wir beispielsweise einen blauen Zuckertopf reichen, weil wir beide wissen, was wir meinen, und wir können uns verabreden, uns an einem bestimmten Tag unter der Eiche am linken Ufer eines Teiches zu treffen, obwohl wir in verschieden konstruierten Welten leben. Das können wir uns vielleicht am besten durch ein System von aufeinanderstehenden Sockeln begreifbar machen. Der unterste gemeinsame Sockel ist die Tatsache, dass wir Menschen sind, dass wir ähnliche Sinnesorgane und ähnliche Gehirne haben. Die sorgen dafür, dass bestimmte Schalldruckwellen von uns automatisch als menschliche Sprache interpretiert werden. Gehen wir eine Stufe tiefer, ist das schon nicht mehr der Fall. Eine Ameise hat ein anderes Gehirn und dieses Gehirn konstruiert aus diesen Schalldruckwellen keine Sprache. Ein Hund kann das zwar lernen, der Mensch braucht das nicht. Wir wissen aus der Forschung, dass menschlichen Gehirnen die Fähigkeit angeboren ist, bestimmte Schalldruckwellen als Sprache zu erkennen. Zu diesem angeborenen Sockel, auf dem alle Menschen stehen, gehört auch die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, Wut, Enttäuschung, Trauer und Freude als solche unmittelbar zu erkennen - jedenfalls, wenn der Mensch normal entwickelt ist. Auf diesem Sockel des Menschseins stehen weitere, die verschieden sind, zum Beispiel die der frühkindlichen Prägung. Bei Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen sind, in einer bestimmten Kultur, in einer Familie mit Mutter und Vater, wird das Gehirn ähnlich geprägt und demzufolge werden die Signale aus der Außenwelt ähnlich interpretiert. Und so stehen auf jedem Sockel immer weitere, immer schmalere, deren Grad von Verschiedenheit zunimmt - Sprachgemeinschaft, Jugend, Ausbildung, Erfahrung. Auf jeder höheren Stufe stehen weniger Menschen auf einem gemeinsamen Sockel. Selbst bei Lebenspartnern, mit denen man 20, 30, 40 Jahre zusammen ist, ist die Wahrnehmung nie identisch. Manche Ehepartner entdecken erst nach 50 Jahren, dass sie viele Dinge in ihrem Umgang miteinander und in ihrem sozialen Umfeld ein Leben lang fundamental verschieden gesehen und interpretiert haben. Das muss man nicht werten, da ist nicht der eine dümmer oder klüger, das sind einfach zwei Menschen, deren Gehirne auf der Basis unterschiedlicher Voraussetzungen zwei verschiedene Welten konstruiert haben.

Konsequenzen für den Umgang miteinander

Das ist eine der tiefen Einsichten, die der Konstruktivismus vermittelt: Ich darf nie davon ausgehen, dass der andere so wahrnimmt wie ich, auch nicht, dass er so denkt oder fühlt, wie ich glaube, dass er denkt oder fühlt.

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Mythen und Realitäten über das Gehirn

Auch um unser Denkorgan ranken sich Legenden, die trotz zweifelhafter Grundlage in der Öffentlichkeit kursieren. Die Komplexität des Gehirns, der Boom neurowissenschaftlicher Forschung und das große Interesse der Bevölkerung bieten einen idealen Nährboden für die Verbreitung von Halbwahrheiten.

Hirnjogging macht schlau?

Wer regelmäßig joggt, steigert damit seine Laufleistung, gleichzeitig verbessert er sich aber auch in anderen Sportarten wie dem Radfahren. Doch wie sieht es mit dem viel beschworenen Jogging für das Oberstübchen aus? Der millionenschweren Industrie des Gehirnjoggings geht es jedoch nicht nur darum, ob ihre Denkaufgaben unser Können in bestimmten Gebieten verbessern. Sie preist ihre Programme vielmehr mit dem Versprechen an, die Nutzer würden dadurch allgemein intelligenter. Die so geweckten Hoffnungen werden von Werbespots genährt, die eine wissenschaftliche Fundierung suggerieren. Häufig treten in derartigen Reklamen etwa Personen mit Professor- oder Doktortitel auf. In der realen Forschung dagegen kommt das Hirnjogging deutlich schlechter weg. Zu Beginn ermittelten sie die Denkfähigkeiten jedes Teilnehmers mit verschiedenen neuropsychologischen Tests. Die Auswertung der Ergebnisse förderte einen ernüchternden Befund zutage - zwar verbesserten sich die ersten beiden Gruppen im Gegensatz zur dritten in jenen Tests, die sie geübt hatten. Die Studie zeigt damit zwar nicht, dass Gehirnjogging prinzipiell unmöglich ist. Man sollte sich aber keine allzu großen Hoffnungen machen, durch Verwendung der verfügbaren Programme seine allgemeine Intelligenz zu steigern.

Psychopathen haben außergewöhnliche Gehirne?

Psychopathen gelten als Inbegriff des ruchlosen, unsozialen und hinterlistigen Verbrechers, der fern jeglicher sozialen Konvention agiert. Sie scheinen sich so stark von der Normalbevölkerung zu unterscheiden, dass die Vermutung naheliegt, sie hätten auch außergewöhnliche Gehirne. Fast jeder Neurointeressierte ist mit dem Schicksal des US-Amerikaners Phineas Gage vertraut. Der Bahnarbeiter verlor 1848 bei einer missglückten Sprengung einen Teil seines Frontalhirns. Ärzte hielten ein Überleben für unmöglich. Noch während Gage in seinem Hotelzimmer gepflegt wurde, stellte man vor der Tür den Sarg auf. Sein Fall wurde immer wieder dazu herangezogen, eine bestimmte Sichtweise auf das Gehirn zu belegen. Es ist der akribischen Arbeit des Wissenschaftshistorikers Malcolm Macmillan zu verdanken, dass sich langsam eine andere Sichtweise durchsetzt. Macmillan hat sämtliche verfügbaren Details zum Fall Gage und seiner Rezeption zusammengetragen. So waren etwa die ursprünglichen medizinischen Berichte in Fachzeitschriften nur schwer zugänglich - sie sind nur noch in wenigen Bibliotheken erhalten. Der ehemalige Vorarbeiter konnte zum Beispiel nicht mehr richtig mit Geld umgehen und widersetzte sich ärztlichen Auflagen. Dass er nach vielen Wochen im Bett wieder draußen spazieren oder zu seiner Familie wollte, kann man ihm kaum verübeln. Spätere Berichte seines Arztes deuten eher auf einen reizbaren und cholerischen Menschen als auf einen Psychopathen hin. Gages liebevoller Umgang mit Verwandten und Tieren ging in der Wissenschaft ebenso unter wie die Tatsache, dass er seiner späteren Arbeit als Kutscher in Chile zuverlässig nachkam. Gage und Menschen mit ähnlichen Schäden des Frontalhirns mutieren demnach nicht automatisch zu gefühlskalten Psychopathen. Oft haben die Betroffenen Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Mitmenschen. Dank moderner bildgebender Verfahren lässt sich das Phänomen nun zudem in umgekehrter Richtung untersuchen: Haben alle Psychopathen ein auffälliges Gehirn? Diese Frage versuchten Sabrina Weber und ihre Kollegen von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen zu beantworten. Nach einer Sichtung des Forschungsstands kamen sie zu dem Schluss, dass Psychopathen im Frontalhirn, wo Gages Verletzung lag, weniger Neurone besitzen. Auch in Teilen des Temporallappens, des limbischen Systems und des Balkens fanden sich weniger graue Zellen. Die Befunde galten jedoch jeweils nur für den Durchschnitt der Probanden.

Das Gehirn besteht hauptsächlich aus Nervenzellen?

Bei diesem Mythos dürften die Meinungen weit auseinandergehen. Laien würden das Gehirn wohl hauptsächlich als Ansammlung von Nervenzellen bezeichnen. Lehrbücher verbreiten dagegen eine ganz andere Wahrheit: Nicht die Neurone selbst, sondern Zellen, die sie stützen und in Stand halten, überwögen im Gehirn - so genannte Gliazellen. Laut Standardwerken wie den "Principles of Neural Science" von Eric Kandel und Kollegen gebe es rund hundert Milliarden Nervenzellen, aber zehnmal mehr Gliazellen im Gehirn. Der Anatomin Suzana Herculano-Houzel von der Universität in Rio de Janeiro fiel jedoch auf, dass die Neurolehrbücher keine Quellen für die Herkunft dieser Zahlen angeben. Also machte sie sich mit ihrer Arbeitsgruppe selbst ans Zählen. Das Ergebnis dieser neueren Untersuchung: Ein menschliches Gehirn besitzt bei etwa 1,5 Kilogramm um die 86 Milliarden Neurone. Daneben gibt es mit 85 Milliarden etwa genauso viele andere Zellen - unter ihnen die Gliazellen. Über die Hälfte aller Nervenzellen befindet sich im Kleinhirn, wo es umgekehrt besonders wenig Gliazellen gibt. Insgesamt verteilen sich die Neurone im Gehirn so, wie es stammesgeschichtlich zu erwarten war. Jedoch erscheint nicht nur die Zahl der Neurone und Gliazellen, sondern auch die klassische Idee der Arbeitsteilung im Gehirn neuerdings fragwürdig. Bislang ging man davon aus, dass Neurone Informationen verarbeiten, während Gliazellen nur für Reparatur- und Stützarbeiten zuständig sind. Diese Ansicht brachten James Schummers und seine Kollegen vom Massachusetts Institute for Technology ins Wanken. Sie untersuchten den visuellen Kortex von Frettchen, während sie diesen visuelle Reize darboten.

Gedankenlesen durch Hirnscans?

Gedankenlesen - diesen Begriff verwenden in letzter Zeit immer mehr Neurowissenschaftler. Sie meinen damit den direkten Blick ins Innerste des Menschen mittels moderner bildgebender Verfahren. Die raschen Fortschritte bei der Messung und Auswertung von Hirnscans ließen deren Bedeutung stetig wachsen. Doch können Forscher an der neuronalen Aktivität wirklich einzelne Gedanken erkennen? Dass dies tatsächlich funktioniert, konnten einige Wissenschaftler bereits nachweisen. Forscher um Jack Gallant an der University of California in Berkeley zeigten ihren Probanden kurze Filmsequenzen und zeichneten dabei deren Hirnsignale mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) auf. Die aus der Hirnaktivität des visuellen Kortex berechneten Videos ähnelten dem, was die Probanden zuvor gesehen hatten. Enthusiasten, die aufgrund solcher Befunde unsere Gedanken bereits entschlüsselt sehen, vergessen allerdings zwei entscheidende Tatsachen: Zum einen kann in solchen Experimenten bislang nur eine kleine Anzahl psychischer Inhalte bestimmt werden. Andererseits ist die Versuchsperson selbst die größte Stütze beim Gedankenlesen: Die Untersuchungen funktionieren nur, wenn die Probanden kooperieren. Eine Gruppe um Giorgio Ganis von der Harvard University machte die Probe aufs Exempel. In der Standardbedingung ihres Experiments konnten sie zuverlässig aus der Hirnaktivität der Probanden darauf schließen, ob diese die Wahrheit sagten oder logen. Dann baten sie ihre Versuchspersonen, ihr Wissen durch ein mentales Ablenkungsmanöver zu verbergen. Wie hatten die Probanden die Maschine überlistet? Sie hatten lediglich minimal mit ihren Fingern gewackelt. Neben derlei praktischen Schwierigkeiten krankt die Idee des neurowissenschaftlichen Gedankenlesens aber auch an dem alten Problem, jedem psychischen Prozess ein eindeutiges physiologisches Muster zuschreiben zu wollen. Diesbezüglich hat Russell Poldrack, inzwischen an der University of Texas in Austin, schon auf ein unter Forschern verbreitetes Missverständnis hingewiesen: Wenn im Experiment einem mentalen Phänomen ein Hirnprozess zugeordnet wird, muss dieser noch lange nicht für den psychischen Vorgang spezifisch sein. Wie genau neuronale Aktivität mit einzelnen Gedanken zusammenhängt, weiß heute noch niemand. Daher ist auch das viel zitierte Neurogedankenlesen ein Mythos.

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Das Gehirn ist eine Art Computer?

Dass das Gehirn eine Art Computer sei, ist ein immer wieder verbreiteter Irrtum. Er besagt im Kern, dass das Gehirn eine Rechen- und Steuereinheit besitzt und mit Hilfe eines Speichers Eingaben zu Ausgaben verarbeitet, wie der heimische PC. So ist die in der Gedächtnispsychologie gängige Unterscheidung zwischen Langzeit- und Arbeitsgedächtnis eigentlich dem Computerreich entliehen: Sie ähnelt den verschiedenen Funktionen von Festplatte und Arbeitsspeicher. Mittlerweile weiß man, dass unser Hirn deutlich komplizierter ist als in derartigen Modellen angenommen. Während die Arbeitsweise eines Computers - da von Menschenhand entworfen - grundsätzlich erfassbar ist, hat die Forschung das Gehirn noch längst nicht entschlüsselt. So kommt es, dass Computerwissenschaftler sich umgekehrt das Gehirn zum Vorbild nehmen. Sie entwickeln Architekturen und Algorithmen, die die neuronale Informationsverarbeitung imitieren. Ein Beispiel dafür ist die Modellierung sogenannter künstlicher neuronaler Netze. Die Knotenpunkte dieser Netze verfügen wie Nervenzellen über einen oder mehrere Eingänge, durch die sie aktiviert oder gehemmt werden. Überschreitet die Aktivierung einen kritischen Schwellenwert, gibt der Knoten selbst ein Signal durch seinen Ausgang ab. Durch Gewichtung von Knotenverbindungen lassen sich Lernvorgänge abbilden, die den künstlichen Netzen beachtliche Fähigkeiten beispielsweise zur Mustererkennung verleihen. Aufgrund solcher Erfolge schießt der eine oder andere Computerhersteller in seinem Marketing schon mal übers Ziel hinaus. Insbesondere der IT-Konzern IBM hat in jüngster Zeit mit Plänen zur Simulation eines gesamten Gehirns geprahlt. Begriffe wie "Cognitive Computing" oder die Behauptung, man habe ein Patent auf die Funktionsweise des Gehirns erhalten, schafften es immer wieder in die Schlagzeilen. Experten im Bereich der künstlichen Intelligenz nehmen diese Berichte kaum ernst.

Gibt es keinen freien Willen?

Wenige Ideen aus der Hirnforschung haben so viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren wie die Behauptung, es gebe keinen freien Willen. Für viele entscheidet sich dieses Problem am Determinismus, also der Vorstellung, dass zukünftige Ereignisse durch aktuell herrschende Bedingungen bereits vorherbestimmt sind. Schon lange streiten sich Philosophen darüber, ob der menschliche Geist durch natürliche oder göttliche Gesetze determiniert ist. Immanuel Kant etwa schlug im 18. Jahrhundert eine Lösung vor, die den Menschen als Natur- und als Vernunftwesen begreift. Gemäß neuerer philosophischer Entwicklungen im 20. Jahrhundert folgen wieder mehr Fachleute einer sogenannten kompatibilistischen Sicht: Nicht ob wir determiniert sind oder nicht, sondern was uns determiniert, ist essentiell. Demnach sind diejenigen Entscheidungen frei, die wir selbst im Einklang mit unseren Wünschen und Überzeugungen treffen und nicht etwa durch Zwang. Die unlösbare Frage, ob jeder Zustand des Universums eindeutig durch den vorherigen Zustand und die Naturgesetze festgelegt ist, verliert dann an Bedeutung. Eine andere Frage ist, inwieweit uns das Unterbewusstsein unsere Entscheidungen diktiert. Insbesondere eine Serie von Experimenten des Neurowissenschaftlers Benjamin Libet interpretieren manche Hirnforscher und Philosophen in diesem Sinn als Widerlegung der Willensfreiheit: Wir dächten zwar, wir hätten bewusste Kontrolle über uns selbst - in Wirklichkeit bestimmten aber unbewusste Gehirnprozesse unser Handeln. In seinem bekanntesten Experiment maß der Wissenschaftler mittels Elektroenzephalografie (EEG) die Hirnströme seiner Probanden. Schon bevor sie nach eigenen Angaben einen bewussten Drang verspürten, ihren Finger zu bewegen, trat ein elektrisches Signal auf, das die Bewegung vorhersagen konnte - ein sogenanntes Bereitschaftspotential. Liest man Libets Originalarbeiten, dann stolpert man jedoch über das Vorhandensein dieses Signals auch dann, wenn die Versuchspersonen den Finger nicht bewegten. Es kann daher nicht eins zu eins das Verhalten vorhersagen. Eine Gruppe um den Berliner Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes wiederholte das Experiment im Magnetresonanztomografen und kam zu einem noch frappierenderen Fazit. Die Entscheidung stehe im Gehirn nicht Zehntelsekunden, sondern häufig bereits geschlagene zehn Sekunden fest, bevor sie ins Bewusstsein dringe. Davon abgesehen, dass der gemessene spontane Drang, einen Knopf zu drücken, für den Alltag ziemlich irrelevant ist, bleiben wichtige Kennzeichen freier Willensbeschlüsse bei diesen Untersuchungen außen vor: Menschen planen ihre Handlungen oft lange im Voraus, manchmal brechen sie diese auch mittendrin ab. Beides war in den Experimenten verboten. Gerade das langfristige Planen von Handlungen hat sich in vielen psychologischen Studien als sehr wichtig herausgestellt, um Verhalten zu beeinflussen. Wer sich Situationen erst vor dem inneren Auge vorstellt oder bestimmte Verhaltensregeln formuliert, führt eine intendierte Handlung mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich aus. Das Libet-Experiment und seine Nachfolger ignorieren den Zeithorizont menschlicher Entscheidungen. Sie haben der Debatte um die Willensfreiheit noch kein Ende bereitet, auch wenn manche Wissenschaftler etwas anderes behaupten.

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