Frühjahrssymposium: Yoga, Meditation und Multiple Sklerose – Ein ganzheitlicher Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität

Einführung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, neurodegenerative und neuroinflammatorische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Die Symptome sind vielfältig und können von Mensch zu Mensch stark variieren. Neben den schulmedizinischen Behandlungen suchen viele Betroffene nach ergänzenden Therapieansätzen, um ihre Lebensqualität zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Yoga und Meditation haben sich hierbei als vielversprechende Methoden erwiesen, die sowohl körperliche als auch psychische Beschwerden lindern können.

Integrative Behandlung von MS im Evangelischen Krankenhaus Hattingen

Seit 15 Jahren werden in der Abteilung für Neurologie und Komplementärmedizin am Evangelischen Krankenhaus in Hattingen Patienten mit chronischen neurodegenerativen und neuroinflammatorischen Erkrankungen wie Parkinson-Syndromen und Multipler Sklerose behandelt. Ergänzend zur schulmedizinischen Diagnostik und Therapie auf aktuellem wissenschaftlichen Stand wird im Rahmen eines komplexen, stationären Behandlungskonzepts mit großem Erfolg traditionelle indische Medizin/Ayurveda eingesetzt. Dies umfasst eine große Vielfalt äußerer Behandlungen, die Anwendung ayurvedischer Arzneimittel intern und extern sowie Panchakarma- und Marma-Therapie, ergänzt um Yoga und Meditation.

Die Klinik beobachtet nachhaltige Therapieerfolge im Hinblick auf die Lebensqualität mit Verbesserung des Allgemeinbefindens wie auch von motorischen und nicht-motorischen Krankheitssymptomen im Sinne positiver, synergistischer Behandlungseffekte bei hoher Therapie-Compliance. Der Krankheitsverlauf wird positiv beeinflusst ebenso wie auch das Darmmikrobiom. Bestimmte Einzelsymptome, wie z.B. Hyposmie, die schulmedizinisch nicht oder nur unzureichend behandelbar sind, werden erfolgreich mit Ayurveda als Standalone-Therapie behandelt.

Die Rolle von Yoga bei Multipler Sklerose

Yoga ist eine jahrtausendealte indische Lehre, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen soll. Sie umfasst körperliche Übungen (Asanas), Atemtechniken (Pranayamas) und Meditation. Yoga kann helfen, Stress abzubauen, die Muskelkraft und Flexibilität zu verbessern, das Gleichgewicht zu schulen und die Konzentration zu fördern.

Studienlage zu Yoga und MS

Bereits gut belegt ist die Wirksamkeit von Yoga bei Rückenschmerz, beim Karpaltunnelsyndrom oder bei Multipler Sklerose. Inzwischen wurden sowohl in Indien als auch international die umfangreichen positiven Wirkungen des Hatha-Yoga auf die Gesundheit wahrgenommen. Bisher vorliegende wissenschaftliche klinische Studien konnten die Wirksamkeit von Yoga bei Rückenschmerz, bei Karpaltunnelsyndrom, bei Colon irritabile und bei Multipler Sklerose belegen.

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Yoga zur Stressreduktion

Eine wachsende Zahl epidemiologischer Studien der letzten Jahre unterstreicht die Bedeutung psychosozialen Stresses als relevanten kardiovaskulären Risikofaktor. Häufig ist Stress auch mit einer Vielzahl weiterer Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und psychischen Erkrankungen wie Depression und Angstsyndromen assoziiert und trägt damit vermutlich erheblich zu den Kosten im Gesundheitssystem bei. Demgegenüber zeigte sich in ersten Studien zu traditionellen Entspannungsverfahren wie Meditation oder Progressiver Muskelentspannung eine signifikante Stressreduktion.

Hatha-Yoga und insbesondere das sogenannte Iyengar-Yoga gilt gemeinhin als stressreduzierend und vitalisierend („Power-Yoga“). In einer amerikanischen Pilotstudie zeigten sich inzwischen ebenfalls Hinweise auf eine anxiolytische und antidepressive Wirkung von Iyengar-Yoga.

Yogastudien der Kliniken Essen-Mitte

Es erfolgte in einem ersten Schritt die Implementierung einer geeigneten Yoga Methode in die Klinik. Insbesondere geeignet schien die Technik des Iyengar-Yoga, nach dem Yogalehrer B. K. S. Iyengar, die inzwischen in Europa und Amerika weit verbreitet ist und äußerst präzise Anweisungen der Asanas gibt, was ihre Anwendung im medizinischen Bereich besonders nahe legt. Darüber hinaus zeichnet sich Iyengar-Yoga durch einen gewissen Anstrengungsgrad und eine starke Betonung der Komponenten der Dehnung und isomotorischen Muskelspannung aus. Insbesondere wird für diese Yogaform eine Stressreduktion und ein sogenanntes „Empowerment“ proklamiert.

Yoga zur Stressreduktion - Eine nicht randomisierte kontrollierte Pilotstudie bei jüngeren Frauen mit Stresssyndrom

Die Rekrutierung der Probanden dieser Studie erfolgte mit Zeitungsinseraten, die nach Teilnehmern für eine wissenschaftliche Studie suchten, die vermehrt unter Stress leiden. Interessanterweise fand sich unter den Anrufern ein Frauenanteil von über 95%, so dass die Studie zur Wahrung der Homogenität ausschließlich mit weiblichen Probanden (Alter 20-60 Jahre) durchgeführt wurde. Entsprechend dem Studiendesign einer nicht randomisierten, aber kontrollierten Studie wurden 24 Teilnehmerinnen rekrutiert und die ersten konsekutiven 16 Teilnehmerinnen der Yoga-Intervention zugeordnet, die nachfolgenden acht Teilnehmerinnen fungierten als Warteliste und bildeten die Kontrollgruppe.

Die Intervention bestand aus einem Angebot an zwei Iyengar-Yoga-Kursen über 90 Minuten im Zeitraum von drei Monaten. Die Kurstage konnten frei gewählt werden, die maximale Teilnehmerinnenzahl pro Yogagruppe war 16 Personen. Die Unterrichtung erfolgte durch einen erfahrenen und zertifizierten Iyengar-Yoga-Lehrer. Es wurde ausschließlich Hatha-Yoga gelehrt, d.h. es wurden keine Atemübungen und keine Meditation durchgeführt.

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Endpunkte der Studie bildeten verschiedenste Inventare des körperlichen und psychischen Befindens, des wahrgenommenen Stresses und eine Batterie von Fragebögen zu Angst und Depression sowie die Erfassung körperlicher stressassoziierter Beschwerden mit der Freiburger Beschwerdeliste sowie visuellen Analogskalen zu ausgewählten Beschwerden wie z.B. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder muskulären Verspannungen. Darüber hinaus wurde von jeder Probandin der Verlauf des Speichelkortisols vor und nach einer ausgewählten Yogastunde dokumentiert. Für die Ergebnisanalyse erfolgte der Vergleich der Entwicklung der Parameter im dreimonatigen Studienzeitraum.

Es zeigte sich hierbei im Vergleich zur Kontrollgruppe für die Yoga-Übenden eine signifikante Reduktion des Stressempfindens in der Cohen-Perceived Stress Scale (CPSS; p=0.018) und der Ängstlichkeit im State Anxiety-Fragebogen (STAI; p=0.019) Ebenso fanden sich signifikante und klinisch relevante Effekte für die Yogagruppe im Bezug auf das allgemeine Wohlbefinden (Zerssen-Skala) und das Stimmungsprofil (Profile of Mood States, POMS). Darüber hinaus besserte sich das körperliche Befinden (P=0.01), im besonderen Kopf- und Rückenschmerzen. Die Messung des Speichelkortisols ergab eine signifikante Reduktion der salivären Kortisolkonzentration nach einer 90-minütigen Yogaübungs-Klasse.

Zusammenfassend konnte durch diese Studie eine ausgeprägte Stressreduktion mit konsekutiver Verbesserung der körperlichen Befindlichkeit und Reduzierung von negativen Affekten und Stimmungen belegt werden. Trotz der kleinen Gruppengröße zeigten sich deutliche Signifikanzwerte und große Effektstärken. Auf Grund dieser prägnanten Studienergebnisse wurde eine nachfolgende größere randomisierte Yogastudie konzipiert.

Yoga zur Stressreduktion - Eine randomisierte kontrollierte Studie zur Wirkung des intensivierten Hatha-Yoga auf Dysstress

Es handelte sich hierbei um eine randomisierte dreiarmige Studie mit n=72 Probandinnen. Eingeschlossen wurden Frauen im Alter von 20 bis 60 Jahren mit subjektiv wahrgenommenem Dysstress sowie dem begleitenden Vorhandensein von körperlichen Stresssymptomen (u.a. Kopfschmerz, Rückenschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, funktionellen Rhythmusstörungen). In einem randomisierten Studiendesign erfolgte die Zuweisung der Gruppen mit je 24 Probandinnen. Gruppe 0 fungierte als Warteliste mit dem Angebot einer späteren Yogatherapie nach Abschluss der Studie. Gruppe 1 erhielt Zugang zu einer einmal pro Woche stattfindenden Iyengar-Yoga-Klasse über 90 Minuten. Gruppe 2 erhielt zwei bis mehrmals pro Woche Zugang zu den Yogakursen. Insgesamt wurde die Yogaintervention über einen Zeitraum von drei Monaten angesetzt.

Folgende Punkte wurden definiert: Primärer Endpunkt war der wahrgenommene Stress, erfasst mittels des Scores der Cohen Perceived Stress Scale (CPSS).Sekundäre Endpunkte bildeten Parameter der autonomen kardialen Funktionsmessung (low und high frequency der Kurzzeitherzfrequenzvariabilität im Liegen über 10 Minuten) und Scores zu Depressivität (Beck-Scale, CES-D), Angst (STAI), Lebensqualität (SF-36), psychischem Befinden (Profile of Mood States (POMS, Zerssen Befindlichkeitsskala), körperlichen Beschwerden (Freiburger Beschwerdeliste).

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Innerhalb des dreiarmigen Studiendesigns wurde hypothetisiert, dass Yoga gegenüber der Warteliste überlegen ist und sich innerhalb der Yogainterventionen ein Dosis-Wirkungseffekt mit einer Überlegenheit der intensivierten gegenüber der moderaten Yogaintervention zeigt. Insgesamt konnten die Probandinnen zügig rekrutiert werden. Die 72 Studienteilnehmerinnen hatten ein Durchschnittsalter von 39 Jahren und einen durchschnittlichen Body Mass Index von 25 kg pro m2. Die Studie konnte protokollgerecht abgeschlossen werden, jedoch fand sich, im Gegensatz zur Pilotstudie, eine eingeschränkte Übungs-Compliance in der Gruppe des intensivierten Yoga (Gruppe 2). So wurden in Gruppe 2 von 24 möglichen Yogastunden im Mittel nur 15 besucht, in Gruppe 1 wurden neun von zwölf Stunden besucht.

In den Ergebnissen zeigten beide Yogagruppen signifikante Verbesserungen in der Mehrzahl der Inventare gegenüber der Kontrollgruppe. Hierbei zeigten sich insbesondere signifikante Effekte für die Dimensionen Angst, Ärger, Depressivität, die Stimmungsprofile im POMS und den subjektiv erlebten Stress. Zudem fanden sich signifikante Unterschiede im Bezug auf den psychischen Score des SF-36. Jedoch konnten keine signifikanten Effekte im physischen Summenscore des SF-36 und in der Freiburger Beschwerdeliste gezeigt werden. In den spezifischen Beschwerdeskalen zeigte sich ein signifikanter Rückgang von Schulter- und Halswirbelsäulenschmerzen sowie von Rückenschmerzen in beiden Yogagruppen jeweils gegenüber der Kontrollgruppe.

Wurden in der statistischen Analyse beide Yogagruppen zusammengefasst und der Kontrollgruppe gegenübergestellt, so zeigten sich signifikante Effekte des Yoga in Bezug auf Stress und Depressivität, Angst, alle Dimensionen des POMS, Ärger sowie den psychischen Summenscore des SF-36.

Zusammenfassend konnten in den ersten beiden kontrollierten Studie die stressreduzierenden und psychologisch günstigen Effekte des Yoga belegt werden. Bei einer eingeschränkten Compliance in Studie 2 zeigte sich jedoch kein Dosis-Wirkungseffekt. Es bleibt derzeit unklar, ob dies durch die schlechte Compliance begründet ist oder ob bei erreichter Yogaintensität ein Dosis-Wirkungseffekt demonstriert hätte werden können. Insgesamt erscheint Yoga als aussichtsreich in der Therapie von Stresssyndromen, so dass insbesondere die weitere wissenschaftliche Evaluation bei stressassoziierten Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, chronischen Schmerzsyndromen als vielversprechend und sinnvoll erscheint.

Yoga bei spezifischen MS-Symptomen

Yoga kann speziell MS-Symptome wie Probleme mit dem Gleichgewicht, Muskelschwäche und Ermüdbarkeit positiv beeinflussen, dazu Verspannungen lösen und die Konzentration verbessern. Der "fließende" Atem etwa lindert MS-Symptome wie Spastik, Ataxie, Fatigue und Sprachstörungen. Die Atemtherapie unterstützt die Funktion der Organe, verschafft mehr Beweglichkeit und stabilisiert den Rumpf.

Anpassung von Yoga an die individuellen Bedürfnisse

Viele Yoga-Übungen können auch auf dem Stuhl sitzend und im Rollstuhl durchgeführt werden. Für Menschen mit starken körperlichen Einschränkungen ist Vini-Yoga meist besser passend, eine individuell ausgerichtete, sanfte Form, die gezielt auf Symptome eingeht. Der Grundgedanke beim Üben ist „ahimsa“, das bedeutet „Gewaltlosigkeit“. Es geht darum, einerseits die eigenen momentanen Grenzen zu respektieren, andererseits die Fähigkeiten, die in einem stecken, sanft zu erweitern. Sich weder überfordern noch unterfordern und Qualität über Quantität stellen - auf diesem Grundgedanken basiert Yoga. Es geht nicht um Akrobatik und Verrenkungen, sondern darum, fürsorglich und liebevoll mit sich umzugehen - auf der Yogamatte wie im täglichen Leben!

Die Bedeutung von Meditation bei Multipler Sklerose

Meditation ist eine mentale Praxis, bei der man versucht, den Geist zu beruhigen und die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken. Sie kann helfen, Stress abzubauen, Angstzustände zu reduzieren, die Stimmung zu verbessern und das Gefühl der inneren Ruhe zu fördern.

Meditationstechniken

Verschiedene Techniken der Meditation sind uralte Werkzeuge die Gelehrte und Meister bereits im alten Ägypten (und lange davor) gebrauchten, um geistige Fähigkeiten zu entwickeln und fortzuschreiten auf dem Weg in die innere Vereinigung mit dem Göttlichen (von Ägypten gelangten sie nach Indien). Konzentration ist die Voraussetzung und Visualisation ist eine Methode, die eine tiefe Form dieser Arbeit ermöglichen. „Dein Unterbewusstsein kann dein bester Freund sein und dich z.B. von Krankheiten heilen, es kann aber auch dein Feind sein - Du hast es in der Hand“. In diesem Seminar lernen wir den Einstieg in die Meistertechniken der meditativen Arbeit am Unterbewusstsein, um es zu einem guten Freund zu machen. Darüber hinaus ergibt sich hier ein Weg in Dich hinein und dadurch in den direkten Kontakt zum Göttlichen. Wir folgen damit universalreligiöser und urchristlicher Tradition.

Meditation zur Schmerzlinderung

Schmerzen sind mitunter das häufigste Symptom bei Multipler Sklerose und treten bei ca. 86 % der Patientinnen und Patienten auf. Schmerzen bei MS werden in neuropathische und nozizeptive Schmerzen eingeteilt.

  • Neuropathische Schmerzen: Sie sind eine direkte Folge der MS und treten aufgrund einer fehlerhaften Übermittlung der Nervensignale vom und zum Gehirn und Rückenmark auf. Diese Art von Schmerzen sind nicht auf eine augenscheinliche Verletzung des Körpers zurückzuführen, sondern sind die Folge einer Schädigung auf neuronaler Ebene durch MS und des allmählichen Abbaus der Myelinscheide. Beispiele hierfür sind dysästhetische Schmerzen und Trigeminusneuralgie.
  • Nozizeptive Schmerzen: Sie entstehen als indirekte Folge durch MS-Symptome durch eine Reizung der Schmerzrezeptoren, welche in unserem gesamten Körper verteilt sind. Muskelschmerzen und schmerzhafte tonische Krämpfe sind hierfür Beispiele.

Meditation kann helfen, die Wahrnehmung von Schmerzen zu verändern und die damit verbundenen negativen Emotionen zu reduzieren.

Weitere komplementäre Therapieansätze

Neben Yoga und Meditation gibt es weitere komplementäre Therapieansätze, die bei MS sinnvoll sein können:

  • Tai Chi: Mit Tai Chi lassen sich Ängste und Schmerzen sowie Koordination und Beweglichkeit verbessern.
  • Verhaltenstherapie: Verhaltenstherapie zur Behandlung von Schmerzen bei MS kann eine geeignete Alternative für MS-Patienten darstellen. Die Therapien zielen darauf ab, die psychologischen Veränderungen der Multiplen Sklerose zu behandeln, welche nachweislich ebenso eine große Rolle spielen wie die körperlichen Veränderungen.
  • Physiotherapie: Krankengymnastik oder Kälte-/Wärmebehandlungen sowie moderate Sportübungen etc. können dazu beitragen, Muskelprobleme zu verbessern.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung bei MS ist wichtig, um den Körper mit allen notwendigen Nährstoffen zu versorgen und Entzündungen entgegenzuwirken.

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