Das menschliche Gehirn in der Informationsflut: Herausforderungen und Anpassungsstrategien

Die ständige Zunahme an Informationen, die uns täglich erreichen, stellt unser Gehirn vor enorme Herausforderungen. Smartphones, Computer und Tablets durchdringen alle Lebensbereiche und führen zu einer permanenten digitalen Vernetzung. Diese Dokumentation beleuchtet die Risiken der digitalen Vernetzung und die Auswirkungen der Informationsflut auf unsere kognitiven Fähigkeiten, unsere psychische Gesundheit und unser Verhalten.

Evolutionäre Perspektive auf das Gehirn

Um die Auswirkungen der aktuellen Informationsflut besser zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick auf die Evolution des menschlichen Gehirns zu werfen. Dr. Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie erklärt, dass evolutionäre Veränderungen viel größere Zeiträume als 500 Jahre benötigen, um messbar zu sein. Anhand von Hirnabdrücken in versteinerten Schädelknochen unserer Vorfahren lässt sich das endokraniale Volumen und somit das Gehirnvolumen messen. Außerdem bilden sich auf der Innenseite des Schädels die äußeren Gehirnwindungen ab, von denen sich ableiten lässt, wie sich die Gehirnorganisation evolutionär verändert hat.

Innerhalb unserer Art Homo sapiens, die mindestens 300.000 Jahre alt ist, sind einige Gehirnareale größer geworden. Seit etwa 35.000 Jahren hat sich die äußere Organisation des Gehirns jedoch nicht verändert. Selbst die frühesten Homo sapiens-Funde haben bereits Gehirngrößen wie der heutige Mensch. Für die Kognition ist aber nicht nur die Größe des Gehirns entscheidend, sondern auch die Vernetzung der Gehirnareale. Diese Vernetzung beginnt bereits vorgeburtlich, entsteht aber hauptsächlich in der Frühphase der Kindesentwicklung. Die veränderten Umweltbedingungen und sozialen Reize der letzten 500 Jahre haben Einfluss auf die Vernetzung des Gehirns genommen. Es gibt jedoch keine direkten Belege dafür, dass sich die kognitiven Fähigkeiten in den letzten 500 Jahren verändert haben. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten unserer Urahnen bereits vor etwa 100.000 Jahren vergleichbar mit denen heute lebender Menschen waren.

Der größte Unterschied zwischen dem heutigen und dem Menschen vor 500 Jahren ist eine bessere Ernährung und Gesundheitsversorgung, so dass die Menschen größer, stärker und älter werden. Daraus lässt sich jedoch kein Schluss auf die kognitiven Leistungen ziehen.

Die Infodemie: Eine neue Herausforderung für die Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet die unüberschaubare Menge an Informationen als "Infodemie", die Stress und Sorgen verstärkt und Menschen dazu bringen kann, gefährlichen Ratschlägen zu folgen. Zu viele Informationen schaden oft mehr, als sie nutzen. So konnten sich die vielen Falschinformationen zur Corona-Pandemie auch deshalb so schnell verbreiten, weil sich die Menschen in der Fülle an Meldungen und Berichten zum Thema verloren fühlten.

Lesen Sie auch: Was steckt hinter dem Mythos der 10-Prozent-Gehirnnutzung?

Eine Studie der Universität Bielefeld belegt, dass sehr viele Menschen kompliziertere Informationen nicht verstehen und nicht einordnen können. Im "Zweiten Health Literacy Survey Germany" gaben 58,8 Prozent der Befragten an, eine geringe Gesundheitskompetenz zu besitzen. Als Gründe für die Verschlechterung nennen die Autorinnen und Autoren der Studie unter anderem die Flut an Medienberichten und Falschinformationen zum Coronavirus. Es fällt der Bevölkerung schwer, Gesundheitsinformationen aus den Medien zu beurteilen.

Schon vor der Corona-Infodemie litten viele Menschen unter der Informationsflut. Umfragen zeigen, dass sich Führungskräfte von der Fülle an Informationen im Job überfordert fühlen und zu wenig Zeit haben, um sich vertieft mit einem Thema zu beschäftigen.

Die Auswirkungen der digitalen Vernetzung auf das Gehirn

Die Hälfte der Weltbevölkerung surft heute im Internet und tauscht über digitale Geräte riesige Datenmengen aus. Studien belegen, dass die Aufmerksamkeitsspanne vor dem Computerbildschirm gesunken ist. Kaum einer kann sich der Informationsflut entziehen. Mobile Geräte sorgen für ständigen Kontakt mit Familie, Freunden, Kollegen und Netzwerken auf der ganzen Welt. Diese permanente Erreichbarkeit und die Reizüberflutung sind Auslöser für Konzentrationsstörungen und mentale Erschöpfungszustände, die in schlimmsten Fällen sogar Depressionen und Burnouts verursachen können.

Prof. Dr. Nicolas Rohleder erklärt, dass unser Gehirn eine Auswahl treffen und eine Filterung vornehmen muss, weil das, was auf uns einstürzt, immer schon zu viel ist. Das Wegfiltern kostet aktive und kognitive Energie und führt zwangsläufig dazu, dass wir früher ermüden und bei unserer Hauptaufgabe immer wieder hin- und herspringen. Soziale Reize produzieren viel mehr parallele Datenströme, die auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit etwas Bedeutsames für uns enthalten. Dadurch müssen wir viel mehr kognitive Arbeit leisten und mehr Energie in mehr Gehirnzellen stecken.

Mehr aktive Nervenzellen im Gehirn bedeuten, dass wir mehr Glukose brauchen. Die hohe Aktivität in diesem Filter und das Unterdrücken der vielen aktiven Nervenzellen kann dazu führen, dass es uns zu viel wird, was negative Emotionen und Stress auslöst. Der präfrontale Kortex wird in eine Art Schutzalarmzustand versetzt, was dazu führt, dass andere Hirnareale aktiviert werden, zum Beispiel der Sympathikus. Dann können sich die Auswirkungen auch im Rest des Körpers fortsetzen: Das Herz schlägt schneller, der Mund wird trocken, wir fangen ein wenig an zu zittern und der Blutdruck steigt. Wenn wir das jeden Tag acht Stunden bei der Arbeit machen müssen, besteht auf Dauer eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass etwas im Körper kaputt geht.

Lesen Sie auch: Sterben: Ein faszinierender Blick ins Gehirn

Langfristige Folgen von digitalem Stress sind veränderte Cortisolwerte, erhöhte Entzündungswerte und höherer Blutdruck. Erhöhte Entzündungswerte stimulieren beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das metabolische Syndrom, manche Krebsformen, aber auch psychische Effekte wie kognitiven Abbau oder depressive Symptome.

Strategien zur Bewältigung der Informationsflut

Angesichts der Herausforderungen, die die Informationsflut mit sich bringt, ist es wichtig, Strategien zur Bewältigung zu entwickeln. Hier sind einige Ansätze, die helfen können:

  • Bewusster Umgang mit Medien: Rolf Dobelli rät dazu, Nachrichten abzuschalten. Oft helfen schon Techniken und ein bewusster Umgang mit den Medienkanälen. Es kann hilfreich sein, Leuten zu folgen, deren intellektueller, geistiger oder politischer Gegner man ist, die aber interessant sind.
  • Zeitmanagement: Die Sozialpsychologin Sabine Wesely berät Studierende zu Selbst- und Zeitmanagement. Der ehemalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower traf seine Entscheidung nach einem simplen System: Er sortierte eingehende Informationen und Aufgaben nach "wichtig" und "weniger wichtig", nach "dringend" und "nicht dringend". Als erstes erledigte er, was er für dringend und wichtig hielt. Dringendes und nicht Wichtiges delegierte er an andere. Für das, was für ihn wichtig, aber nicht dringend war, machte er einen Plan für eine spätere Entscheidung.
  • Sinnfindung: Bei der Suche nach einer Antwort sollte man sich den Sinn und das Ziel seines Tuns und die Werte, für die man lebt, vergegenwärtigen. Sinn motiviert zu Konzentration. Ein Ziel auch.
  • Selbstmitgefühl: Wir müssen akzeptieren, dass wir als Mensch bestimmte menschliche Eigenschaften haben und manche Dinge einfach gar nicht leisten können. Dazu gehört auch, viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Das Beste wäre, wenn wir das akzeptieren und unser Leben entsprechend anpassen würden - vor allem unser Arbeitsleben.
  • Stressresilienz: Es gibt Möglichkeiten, an der Stressresilienz zu arbeiten. Zudem können in Unternehmen Informationsströme wenn möglich zentral gefiltert werden, etwa durch die Anordnung von Bildschirmen oder das Design von Arbeitsumgebungen. Darüber hinaus sind Trainings und Schulungen für den besseren Umgang mit Technologie ein vielversprechender Ansatz.
  • Achtsamkeit: Gerald Hüther bittet seine Zuhörerinnen und Zuhörer, ihre inneren Stimmen ernst zu nehmen. Wer liebevoll anfängt, mit sich selbst umzugehen, verbindet sich wieder mit seinen natürlichen Bedürfnissen, mit seinem Körper, mit der sinnlichen Wahrnehmung und kann Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden.
  • Medienkompetenz: Gerade bei wissenschaftlichen und medizinischen Themen hilft Medienkompetenz bei einer zielführenden Recherche. Es ist wichtig zu wissen, welche Quelle seriös ist.
  • Lösungsorientiertes Denken: Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, wie wir Informationen konsumieren, wann wir sie konsumieren und eine lösungsorientierte Denkweise zu entwickeln.

Die Rolle des Hippocampus und der Körnerzellen

Unser Gehirn verfügt über Schutzmechanismen, um mit der Informationsflut umzugehen. Forscher aus Österreich haben gezeigt, dass Körnerzellen im Hippocampus eine Art Türsteher-Nervenzellen sind, die eingehende Signale filtern, um das Navigationssystem in unserem Kopf nicht zu überlasten. Der Hippocampus ist eine Region im Gehirn, die viele Nervenzellen enthält, die uns bei der Navigation im Raum helfen. Während die höheren Bereiche der Hirnrinde Informationspakete an den Hippocampus senden, um Ortungssignale zu erzeugen, enthalten allerdings nicht alle Pakete relevante Informationen. Deshalb muss der Hippocampus über einen Mechanismus verfügen, eingehende Signale zu selektieren.

Körnerzellen selektieren jedoch nicht nur Informationen, sondern scheinen auch an der Informationsverarbeitung beteiligt zu sein. Sie empfangen räumliche Informationen, geben diese aber nur selektiv an den Rest des Hippocampus weiter. Die Wissenschaftler vermuten, dass der Hippocampus die meisten Körnerzellen für zukünftige Umwandlungs- und Speicherprozesse reserviert.

Informationsverschmutzung und die Notwendigkeit von Lösungen

Die heutige Informationsmenge hat ähnliche gesamtgesellschaftliche Auswirkungen wie andere historische Umbrüche. So wie die industrielle Revolution zu Luft-, Wasser- und Umweltverschmutzung geführt hat, hat das Digitalzeitalter durch seine Informationsflut zu einer „Informationsverschmutzung“ geführt. Die Experten sprechen auch von „Datensmog“. Es ist wichtig, dass wir uns dieses Problems bewusst werden und verstärkt nach Lösungen suchen.

Lesen Sie auch: Einblick in die Speicherkapazität des Gehirns

tags: #das #menschliche #gehirn #ist #nicht #fur