Das menschliche Gehirn und die Psychologie des Vertrauens

Einführung

Vertrauen ist ein grundlegendes Element des menschlichen Zusammenlebens. Es verbindet Menschen, stärkt Beziehungen und ermöglicht die Zusammenarbeit in der Gesellschaft. Doch was passiert im menschlichen Gehirn, wenn wir Vertrauen schenken oder misstrauisch sind? Und wie können wir Vertrauen in einer Welt zurückgewinnen, in der Misstrauen zuzunehmen scheint? Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen und neurologischen Aspekte des Vertrauens und gibt Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse.

Die Neurobiologie des Vertrauens

Oxytocin - Das Vertrauenshormon

Ein kleines Molekül namens Oxytocin, das eigentlich dafür bekannt ist, Geburtswehen auszulösen, bestimmt wesentlich, wie offen wir für Fremde sind. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Oxytocin eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Vertrauen spielt. Dieses Peptid, das aus nur neun Aminosäuren besteht, wird im Gehirn produziert und dient als Botenstoff zwischen Nervenzellen. Es beeinflusst nicht nur Geburtswehen und Milchfluss, sondern auch unser Sozialverhalten.

Studien haben gezeigt, dass Oxytocin das Vertrauen und Einfühlungsvermögen in andere Menschen erhöht und gleichzeitig Angst und Stress reduziert. In Experimenten, bei denen Probanden ein Vertrauensspiel spielten, wurde festgestellt, dass die Ausschüttung von Oxytocin im Gehirn mit dem Grad des entgegengebrachten Vertrauens korreliert. Je mehr Geld ein Proband einem Fremden anvertraute, desto höher war der Oxytocinspiegel im Gehirn des Empfängers.

Hirnregionen, die an der Vertrauensbildung beteiligt sind

Amerikanische Neurologen haben entdeckt, dass sich das Gefühl des Vertrauens vor allem in einer Hirnregion namens Nukleus Caudatus bemerkbar macht. Dieser Gehirnbereich empfängt und verarbeitet Informationen über die Fairness des Partners und damit seine Vertrauenswürdigkeit. Auch die vordere Inselrinde (anteriore Insula) spielt eine wichtige Rolle bei der Vertrauensbildung. Bei einsamen Menschen ist diese Hirnregion weniger aktiv und weniger stark mit anderen Gehirnarealen vernetzt.

Genetik und Vertrauen

Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass etwa 20 Prozent der Unterschiede im Vertrauensverhalten genetische Ursachen haben. Allerdings ist Vertrauen ein komplexes Merkmal, das sich nicht auf einzelne Gene reduzieren lässt. Traumatische Erfahrungen können das System in seinen Grundfesten erschüttern, während emotionale Sicherheit im Elternhaus zu mehr Zuversicht im Leben führt.

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Einsamkeit und Vertrauen

Eine Studie der Universitäten Bonn, Haifa und Oldenburg hat gezeigt, dass Einsamkeit und ein reduziertes Vertrauen häufig miteinander verbunden sind. Menschen mit ausgeprägten Einsamkeitsgefühlen teilen weniger mit anderen und zeigen Abweichungen in der Verarbeitung von Informationen in Gehirnarealen, die in die Vertrauensbildung involviert sind. Zudem ist ihre Stimmung nach einem positiven Gespräch weniger positiv und die Konzentration des Hormons Oxytocin verändert sich weniger. Einsame Menschen halten auch eine größere räumliche Distanz zu anderen ein.

Wie Vertrauen entsteht und wiederhergestellt werden kann

Die Bedeutung von Reziprozität

Vertrauen entsteht im Wechsel zwischen Geben und Nehmen. Menschen sind eher bereit, anderen zu vertrauen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese vertrauenswürdig sind und sich fair verhalten. Reziprozität, also die Verhaltensweise, demjenigen Gutes zu tun, der einem selbst Gutes getan hat, spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Erwartungen erfüllen

Vertrauen entsteht, wenn Erwartungen erfüllt werden. Wenn jemand beispielsweise regelmäßig die Erwartung enttäuscht, pünktlich zu sein, verliert man das Vertrauen in diese Person. Umgekehrt können sanfte Berührungen, wie eine Hand auf dem Arm oder eine Umarmung, ein Wohlgefühl schaffen und Angst mindern, was wiederum Vertrauen stiften kann.

Vertrauenswürdigkeit als Persönlichkeitsmerkmal

Vertrauenswürdigkeit wird durch Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit definiert. Eine Marke oder ein Unternehmen, das vertrauenswürdig sein möchte, muss diese Eigenschaften auf allen Ebenen und gegenüber allen Stakeholdern transportieren. Authentizität und Beständigkeit sind dabei entscheidend.

Vertrauen nach einem Vertrauensbruch

Ein Vertrauensbruch kann das Vertrauen in andere Menschen erschüttern. Um das Vertrauen wiederherzustellen, brauchen Menschen vermehrt Bestätigung, dass Vertrauen generell etwas Gutes ist. Zudem kann Oxytocin auch nach einem Vertrauensbruch vertrauensfördernd wirken, indem es die Aktivierung in denjenigen Gehirnstrukturen reduziert, die in die Verarbeitung von Angst und die Verhaltensanpassung nach einem negativen Erlebnis involviert sind.

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Vertrauen in der Gesellschaft

Der Vertrauensverlust

Umfragen zufolge nimmt das allgemeine Vertrauen in der Gesellschaft ab und Misstrauen zu. Dies könnte mit der zunehmenden Anonymität in der Informationsgesellschaft zusammenhängen. Nachrichten entkoppeln sich von den Menschen, die sie überbringen, und gesichtslose Institutionen treffen Entscheidungen, die das Leben vieler Menschen beeinflussen.

Die Bedeutung von Vertrauen für den wirtschaftlichen Erfolg

Die Vertrauensstärke in einem Land ist einer der besten bekannten Indikatoren für den Reichtum dieses Landes. Staaten mit einem geringen Vertrauensniveau sind in der Regel auch arm. Das liegt daran, dass die Menschen dieser Länder zu wenig in langfristige Projekte investieren, die Arbeitsplätze schaffen und das Einkommen steigern, da sie sich nicht darauf verlassen können, dass Vertragsbedingungen beidseitig eingehalten werden.

Klinische Perspektiven

Die Forschung zum Neurohormon Oxytocin hat neue klinische Perspektiven für die Behandlung psychischer Störungen mit sozialen Defiziten eröffnet. Insbesondere bei der Behandlung von sozialer Phobie und Autismus könnte die Kombination von Hormonverabreichung und interaktioneller Psychotherapie vielversprechend sein.

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