Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das es dem Körper ermöglicht, mit seiner Umwelt zu interagieren und lebenswichtige Funktionen zu steuern. Es erfasst Sinnesreize, verarbeitet diese Informationen und löst entsprechende Reaktionen aus, wie Muskelbewegungen oder Schmerzempfindungen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Aspekte der Nervensystemreaktion auf Umweltreize, von den zugrunde liegenden Mechanismen bis hin zu möglichen Störungen.
Die Grundlagen: Reize und ihre Wahrnehmung
Reize bilden die Grundlage jeglicher Sinneswahrnehmung. Sie sind physikalische oder chemische Einwirkungen, die von spezialisierten Sinneszellen registriert und in elektrische Signale umgewandelt werden. Diese Signale werden dann in Form von Aktionspotentialen über das Nervensystem weitergeleitet und im zentralen Nervensystem verarbeitet, wo sie physiologische Reaktionen auslösen. Ein Reiz ist somit eine Einwirkung, die eine Reizantwort an einem spezifischen Rezeptor oder einer Sinneszelle auslöst. In der Sinnesphysiologie werden Reize durch periphere Sensoren wahrgenommen.
Aufnahme und Weitergabe von Reizen
Die Aufnahme und Weitergabe eines Reizes erfolgt in zwei Schritten:
- Wahrnehmung und Umwandlung: Reize werden über Sensoren wahrgenommen und in ein Rezeptorpotenzial umgewandelt (Transduktion).
- Weiterleitung: Überschreitet das Rezeptorpotenzial einen Schwellenwert, entstehen Aktionspotentiale, die über afferente Nervenfasern ins zentrale Nervensystem weitergeleitet werden (Transformation).
Rezeptorpotenziale und Aktionspotenziale
Das Rezeptorpotenzial ist dem Reiz in Dauer und Amplitude analog. Bei der Transformation der Rezeptorpotenziale in Aktionspotenziale wird die Amplitude des Rezeptorpotenzials durch die Frequenz der Aktionspotenziale kodiert. Das bedeutet, dass es zu einer Umkodierung kommt: Je größer das Rezeptorpotenzial, desto höher die Frequenz der Aktionspotenziale. Das Rezeptorpotenzial wird passiv weitergeleitet und wird dabei immer schwächer, je weiter es sich vom Entstehungsort entfernt.
Adäquate und inadäquate Reize
Ein adäquater Reiz ist die passende Einwirkung, auf die ein Rezeptor maximal reagiert. Schon bei geringer Stärke löst er eine Erregung aus. Licht ist beispielsweise der adäquate Reiz für die Lichtsinneszellen (Photorezeptoren) des Auges. Ein inadäquater Reiz hingegen ist ein nicht passender Reiz, der keine oder nur bei sehr starker Einwirkung eine Erregung auslöst. Ein überschwelliger Reiz ist stark genug, um in der Nervenzelle ein Aktionspotenzial auszulösen, während ein unterschwelliger Reiz zu schwach ist, um allein eine Erregung auszulösen.
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Die Bedeutung von Reizen
Reize sind die Grundlage der Sinneswahrnehmung und dienen dem Organismus zur Orientierung, Reaktion auf Umweltreize und zur Aufrechterhaltung der Homöostase. Schmerzreize lösen Schutzreflexe aus, während visuelle oder akustische Reize das Verhalten steuern und die Aufmerksamkeit lenken. Die Fähigkeit, Reize aus der Umwelt wahrzunehmen und zu verarbeiten, beruht auf einem komplexen Zusammenspiel von Sinnesorganen, Nervenbahnen und zentralnervösen Strukturen.
Das Nervensystem: Zentrale Schaltstelle der Reizverarbeitung
Das Nervensystem umfasst alle Nervenzellen des menschlichen Körpers. Es kommuniziert mit der Umwelt und steuert gleichzeitig vielfältige Mechanismen im Inneren. Es nimmt Sinnesreize auf, verarbeitet sie und löst Reaktionen wie Muskelbewegungen oder Schmerzempfindungen aus. Das Nervensystem enthält viele Milliarden Nervenzellen, sogenannte Neuronen. Allein im Gehirn sind es rund 100 Milliarden. Jede einzelne Nervenzelle besteht aus einem Körper und verschiedenen Fortsätzen. Die kürzeren Fortsätze (Dendriten) wirken wie Antennen: Über sie empfängt der Zellkörper Signale, zum Beispiel von anderen Nervenzellen.
Aufbau des Nervensystems
Nach der Lage der Nervenbahnen im Körper unterscheidet man zwischen einem zentralen und einem peripheren Nervensystem.
- Zentrales Nervensystem (ZNS): Umfasst Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark. Es befindet sich sicher eingebettet im Schädel und dem Wirbelkanal in der Wirbelsäule.
- Peripheres Nervensystem: Umfasst alle Nerven außerhalb des ZNS.
Funktionelle Unterteilung des Nervensystems
Funktionell lässt sich das Nervensystem in zwei Hauptbereiche unterteilen:
- Willkürliches Nervensystem (somatisches Nervensystem): Steuert alle Vorgänge, die einem bewusst sind und die man willentlich beeinflussen kann. Dies sind zum Beispiel gezielte Bewegungen von Gesichtsmuskeln, Armen, Beinen und Rumpf.
- Vegetatives Nervensystem (autonomes Nervensystem): Regelt die Abläufe im Körper, die man nicht mit dem Willen steuern kann. Es ist ständig aktiv und reguliert beispielsweise Atmung, Herzschlag und Stoffwechsel. Hierzu empfängt es Signale aus dem Gehirn und sendet sie an den Körper. In der Gegenrichtung überträgt das vegetative Nervensystem Meldungen des Körpers zum Gehirn, zum Beispiel wie voll die Blase ist oder wie schnell das Herz schlägt.
Sowohl das zentrale als auch das periphere Nervensystem enthalten willkürliche und unwillkürliche Anteile.
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Das vegetative Nervensystem im Detail
Das vegetative Nervensystem kann sehr rasch die Funktion des Körpers an andere Bedingungen anpassen. Ist einem Menschen beispielsweise warm, erhöht das System die Durchblutung der Haut und die Schweißbildung, um den Körper abzukühlen. Es besteht aus drei Teilen:
- Sympathisches Nervensystem (Sympathikus): Bereitet den Organismus auf körperliche und geistige Leistungen vor. Er sorgt dafür, dass das Herz schneller und kräftiger schlägt, erweitert die Atemwege, damit man besser atmen kann, und hemmt die Darmtätigkeit.
- Parasympathisches Nervensystem (Parasympathikus): Kümmert sich um die Körperfunktionen in Ruhe: Er aktiviert die Verdauung, kurbelt verschiedene Stoffwechselvorgänge an und sorgt für Entspannung.
- Eingeweide-Nervensystem (enterisches Nervensystem): Reguliert die Funktionen des Magen-Darm-Trakts.
Sympathikus und Parasympathikus wirken im Körper meist als Gegenspieler.
Das Gehirn: Die Informationszentrale
Das Gehirn ist die Informationszentrale unseres Körpers. Hier werden Informationen aus der Umwelt und über den Zustand des Organismus zusammengetragen und zu Reaktionen weiterverarbeitet. Der am höchsten entwickelte Abschnitt des Gehirns ist das Großhirn mit der Großhirnrinde.
Bereiche des Gehirns und ihre Funktionen
- Großhirnrinde: Hier liegen die Verarbeitungszentren für Signale, die von den Augen (Sehrinde), den Ohren (Hörzentrum) und anderen Sinnesorganen kommen. Durch die Sehrinde beispielsweise erkennen wir einen Gegenstand als Auto, d.h. erst durch sie erhält das Gesehene eine Bedeutung. Auch Informationen von der Körperoberfläche werden in der Großhirnrinde verarbeitet. Der Bereich der Großhirnrinde, der für eine bestimmte Region der Körperoberfläche zuständig ist, ist umso größer, je wichtiger er für die Wahrnehmung der Umwelt ist. So ist das „Wahrnehmungsfeld“ für Informationen, die von den Händen kommen, deutlich größer als das für die Füße. Auch das Wiedererkennen von Orten und Personen erfolgt in der Großhirnrinde. Andere Bereiche der Großhirnrinde sind für Sprache, Rechnen und Empfindungen zuständig. Der motorische Bereich der Großhirnrinde steuert und koordiniert Muskelbewegungen.
- Zwischenhirn: Hier werden beispielsweise vegetative Funktionen wie Körpertemperatur, das Hunger- und Durstgefühl sowie das Sexualverhalten gesteuert. Hier befindet sich auch die Hypophyse. Diese wichtige Hormondrüse, die auch als Hirnanhangsdrüse bezeichnet wird, produziert Wirkstoffe (Hormone), die in die Blutbahn abgegeben werden und dann über den Blutkreislauf zu ihren Wirkorten gelangen. Die Hormone der Hypophyse steuern beispielsweise das Längenwachstum vor der Pubertät, fördern das Wachstum der inneren Organe und haben Einfluss auf den Stoffwechsel. Zudem fördern sie die Reifung der Eizellen in den Eierstöcken der Frau und die Entwicklung der Spermien beim Mann.
- Mittelhirn: Der kleinste Abschnitt des Gehirns. Es steuert u.a. den Wach-Schlaf-Rhythmus und kann die Aufmerksamkeit auf bestimmte Sinneseindrücke lenken.
- Kleinhirn: Verantwortlich für den richtigen Ablauf aller Körperbewegungen. Zudem ist es massgeblich an der Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes beteiligt. Bei einem Ausfall des Kleinhirns kommt es deshalb zu taumelnden, zielunsicheren oder zittrigen Bewegungen, wie sie bei Betrunkenheit auftreten. Auch schnell aufeinander folgende Bewegungen können nicht mehr ausgeführt werden.
- Nachhirn: Mit dem Nachhirn grenzt das Gehirn an das Rückenmark. Hier werden die Atmung, der Kreislauf und viele Abläufe in den Organen gesteuert. Das Nachhirn ist auch für den Lidschlussreflex, den Tränenfluss, den Schluckreflex, die Speichelproduktion sowie für Niesen, Husten und Erbrechen zuständig.
Zudem gibt es Reflexe, an denen nur das Rückenmark beteiligt ist.
Nervenzellen und Signalübertragung
Die Aufgabe der Nervenzellen besteht darin, Signale aufzunehmen und an andere Nervenzellen oder Muskel- und Drüsenzellen weiterzuleiten. Entlang einer Nervenzelle werden die Signale elektrisch fortgeleitet. Die Geschwindigkeit solcher Signale kann bis zu 360 km pro Stunde erreichen. Solche hohen Geschwindigkeiten sind notwendig, wenn man bedenkt, dass beispielsweise die Signale vom Gehirn bis zu der Muskulatur der Beine eine relativ große Strecke zurücklegen müssen. Die Kontaktstelle zwischen 2 Nervenzellen ist die Synapse. Hier erfolgt die Übertragung des elektrischen Signals von einer Nervenzelle zur nächsten mit Hilfe von Botenstoffen, die auch als Transmitter bezeichnet werden. Gelangt das elektrische Signal zum Axonende einer Nervenzelle, wird dort der jeweilige Botenstoff in den winzigen Spalt zwischen den beiden Zellen ausgeschüttet. Die Funktion von Gehirn und Nervensystem basiert somit nicht nur auf einer Weiterleitung von elektrischen Signale sondern auch biochemischen Prozessen, welche die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen erst ermöglicht.
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Das Reiz-Reaktions-Schema: Ein Beispiel
Das Reiz-Reaktions-Schema beschreibt, wie Lebewesen auf Reize aus ihrer Umwelt reagieren. Es ist ein grundlegendes Konzept in der Biologie, das erklärt, wie Reize aufgenommen, verarbeitet und schließlich in Reaktionen umgesetzt werden. Jede unserer Bewegungen, Empfindungen und Entscheidungen beginnt mit einem Reiz.
Der Weg vom Reiz zur Reaktion
Das Reiz-Reaktions-Schema beschreibt den Weg vom Reiz bis zur Reaktion:
- Reizaufnahme: Ein Reiz wird von einem Sinnesorgan (z. B. Auge, Ohr) aufgenommen.
- Signalweiterleitung: Der Reiz wird in Form von elektrischen Signalen über Nervenbahnen weitergeleitet.
- Reizverarbeitung: Im Gehirn oder Rückenmark wird der Reiz interpretiert und verarbeitet.
- Reaktionsauslösung: Die entsprechende Reaktion wird z.B. durch Muskeln oder Drüsen ausgelöst.
Beteiligte Strukturen
- Sinnesorgane (Rezeptoren): Sie sind die ersten Stationen im Reiz-Reaktions-Schema. Ohren, Augen, Nase, Haut und Zunge nehmen Reize aus der Umwelt auf.
- Zentrales Nervensystem: Hier erfolgt die Verarbeitung der Informationen.
- Muskeln und Drüsen (Effektoren): Im letzten Schritt wird die Reaktion ausgeführt.
Beispiel: Der Goalie und der Ball
1. Beschreibe die Reaktionen eines Goalies, wenn ein Ball auf ihn zufliegt.
Ein Goalie, der einen Ball auf sich zukommen sieht, reagiert blitzschnell. Seine Augen fixieren den Ball, das Gehirn berechnet Flugbahn und Geschwindigkeit. Unwillkürlich spannen sich Muskeln an, der Körper positioniert sich optimal, um den Ball abzuwehren. Arme und Hände werden hochgerissen, um den Ball entweder zu fangen oder abzuwehren. All dies geschieht in Sekundenbruchteilen, gesteuert durch ein komplexes Zusammenspiel von Nervenimpulsen und Muskelreaktionen.
2. Erstelle ein Reiz-Reaktions-Modell für dieses Beispiel. Beschrifte alle beteiligten Abschnitte.
- Reiz: Anflug des Balls
- Rezeptor: Augen (visuelle Wahrnehmung)
- Sensorisches Nervensystem: Weiterleitung der Informationen an das Gehirn
- Gehirn: Verarbeitung der Informationen (Flugbahn, Geschwindigkeit) und Entscheidung zur Reaktion
- Motorisches Nervensystem: Übermittlung der Befehle an die Muskeln
- Effektoren: Muskeln in Armen, Beinen, Händen und Rumpf
- Reaktion: Abwehr des Balls
3. Ergänze den folgenden Text:
"Reize werden vom Sinnesorgan empfangen und über Nervenzellen zum Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark) geleitet. Das Gehirn sendet Befehle über Nervenzellen zu den Muskeln."
Störungen der Reizverarbeitung
Störungen der Signalweiterleitung entstehen oft auf neuronaler Ebene. Beispiele sind periphere Neuropathien oder Rückenmarksläsionen. In solchen Fällen gelangen Signale nicht mehr korrekt zum Gehirn. Im zentralen Nervensystem kann eine gestörte Verarbeitung zu Wahrnehmungsstörungen führen. Ein Beispiel sind zentrale Schmerzsyndrome. Solche Dysfunktionen können sich zudem in Form einer Überempfindlichkeit gegenüber Reizen (Hyperästhesie) oder im Gegenteil, einer verminderten Empfindlichkeit (Hypästhesie) äußern. Beide Zustände sind Ausdruck einer gestörten Reizverarbeitung und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Die Bedeutung der synaptischen Verarbeitung
In den afferenten und efferenten Nervenbahnen sind die Neurone sehr unterschiedlich verbunden, sodass sich die Erregung entweder ausbreiten kann (divergentes Schaltprinzip), zusammengeführt wird (konvergentes Schaltprinzip), parallel verläuft (Parallelschaltprinzip) oder im Kreis verläuft (Kreisschaltung). Durch die synaptische Verarbeitung der Erregung und kollaterale (seitliche) Verbindungen der Neurite wird auf die Reiz-Reaktions-Beziehung fördernder oder hemmender Einfluss ausgeübt. So sind Beute jagende Tiere in der Lage, schnell zu reagieren und sich gleichzeitig gegen Feinde zu sichern. Eine sich bewegende Maus löst bei der Katze die Verarbeitung optischer und akustischer Informationen, Vergleich mit Erfahrungen zum Beutefang und schließlich Sprung und Biss aus. Ein sich gleichzeitig annähernder Hund führt zu anderen Informationsverarbeitungsprozessen und Entscheidungen zwischen Beutefang und Abwehr.
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