Migräne: Symptome, Aura, Akutbehandlung und Medikamente

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. In Deutschland leiden schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung unter Migräne. Die Erkrankung kann in verschiedenen Formen auftreten, wobei einige Betroffene zusätzlich zur Kopfschmerzphase auch eine sogenannte Aura erleben. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, die Bedeutung der Aura, Akutbehandlungsoptionen und medikamentösen Therapieansätze bei Migräne.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, was bedeutet, dass die Kopfschmerzen nicht durch eine andere Grunderkrankung verursacht werden. Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass genetische Faktoren, Umweltfaktoren und Veränderungen in der Hirnchemie eine Rolle spielen.

Migräne mit Aura: Ein besonderes Phänomen

Einige Migränepatienten erleben vor oder während einer Migräneattacke eine Aura. Die Migräne Aura ist eine vorübergehende neurologische Funktionsstörung, die während eines Migräne-Anfalls, aber auch ohne Kopfschmerzen, auftreten kann. Etwa 15 bis 25 Prozent der Migränepatienten kennen Aura-Symptome. Die Aura kann sich durch verschiedene neurologische Symptome äußern, die in der Regel zwischen 5 und 60 Minuten andauern.

Symptome der Migräne Aura

Die Aurasymptome richten sich nach der Lokalisation der ausbreitenden Erregungswelle. Häufige Auren sind:

  • Sehstörungen: Dies ist die häufigste Form der Aura. Betroffene sehen Flimmern, Lichtblitze oder Zackenmuster im Blickfeld. Oft wird dies wie das Sehen im Wasser beschrieben, manche Objekte können vergrößert, verkleinert, verzerrt oder unscharf erscheinen. Auch Teilausfälle beim Sehen, sogenannte Skotome, sind häufige Aura-Formen. In schweren Fällen kann es zu einem kurzzeitigen Ausfall einer kompletten Hälfte des Gesichtsfeldes kommen.

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  • Sensibilitätsstörungen: Leichtes Kribbeln, Gefühlsstörungen oder Taubheit können in verschiedenem Ausmaß vorhanden sein. Dabei handelt es sich meist um einseitige Erscheinungen, die vor allem die Gliedmaßen betreffen.

  • Sprachstörungen: Bei der sogenannten "Aphasie" kommt es durch eine Störung der Nerven aus dem Sprachzentrum zu Wortbildungs- oder Wortfindungsstörungen. Betroffene können in diesem Zustand stottern, unzusammenhängende Sätze oder Laute hervorbringen oder aber kaum noch zum Sprechen in der Lage sein. Die Spracharmut kann auch durch vorübergehende Verständnisprobleme bedingt sein.

  • Neurologische Ausfälle: Dazu kommen oft neurologische Ausfälle, die unterschiedlich auftreten.

  • Schwindel: Ein weiteres Aurasymptom ist der Schwindel, welcher drehend oder schwankend auftreten kann und wie andere Aurasymptome langsam zunimmt und meist vor Beginn des Migränekopfschmerz verschwindet. Seltener treten Koordinationsstörungen auf, die zu Gangunsicherheit mit sehr starkem Schwindel führen. Auch die Ohren können betroffen sein, es kommt vorübergehend zu Schwerhörigkeit und Tinnitus.

Migräne ohne Kopfschmerzen

Es gibt auch die sogenannte „migraine sans migraine“, der französische Ausdruck für „Migräne ohne Kopfschmerzen“. Es kann nach den typischen Aura-Symptomen auch zu einem Abklingen ohne folgende Kopfschmerzen kommen.

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Risiko von Schlaganfällen

Es hat sich in Studien gezeigt, dass besonders ältere Patienten mit Migräne Aura ein höheres Risiko haben, einen Schlaganfall zu erleiden. Besonders, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen, sollten die Symptome genau beobachtet werden. Vor allem Raucher, die unter Migräne mit oder ohne Aura leiden, sind stark gefährdet.

Akuttherapie der Migräne

Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern. Hierbei ist eine möglichst frühzeitige Behandlung entscheidend für den Erfolg.

Medikamentöse Akuttherapie

  • Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR): Bei leichten bis mittelschweren Attacken werden oft NSAR wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Diclofenac eingesetzt. Auch die Einnahme von Acetylsalicylsäure und NSAR, auch kombiniert mit Coffein ist möglich.

  • Triptane: Bei unzureichender Wirksamkeit von NSAR oder bei mittelschweren bis schweren Attacken kommen Triptane zum Einsatz. Diese Medikamente stimulieren Serotonin-Rezeptoren im Gehirn, was zu einer Verengung der Blutgefäße und einer Hemmung der Schmerzweiterleitung führt. Triptane sind in verschiedenen Applikationsformen erhältlich, zum Beispiel als Schmelztablette, Nasenspray oder subkutane Injektion. Mittel der ersten Wahl sind Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan. Falls eine Monotherapie nicht ausreicht, ist die Kombination mit einem NSAR möglich. Stehen Übelkeit und Erbrechen im Vordergrund, sind subkutane, nasale und rektale Applikationsformen zu wählen. Bei Wiederkehr-Kopfschmerz kann nach initialer Wirksamkeit eines Triptans nach frühestens zwei Stunden eine zweite Dosis gegeben werden. Alternativ ist eine initiale Kombinationstherapie aus einem Triptan + lang wirksamem NSAR (zum Beispiel Naproxen) möglich.

    • Triptane mit schnellem Wirkeintritt: Sumatriptan 6 mg s.c., Eletriptan 20/40/80 mg p.o., Rizatriptan 5/10 mg p.o., Zolmitriptan 5 mg nasal
    • Triptane mit mittelschnellem Wirkeintritt und länger anhaltender Wirkung: Sumatriptan 50/100 mg p.o., Zolmitriptan 2,5/5 mg p.o., Almotriptan 12,5 mg p.o.
    • Triptane mit langsamem Wirkeintritt und langanhaltender Wirkdauer: Naratriptan 2,5 mg p.o., Frovatriptan 2,5 mg p.o.

    Triptane sollten nicht bei Patienten mit schwerwiegenden kardiovaskulären Krankheiten wie Angina pectoris, koronarer Herzkrankheit (KHK), nach transienter ischämischer Attacke (TIA), Herzinfarkt und Schlaganfall oder bei fortgeschrittener peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) eingesetzt werden.

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  • Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen, die häufig mit Migräne einhergehen, können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden. Selbst Patienten, die keine Übelkeit zeigen, werden aufgrund der prokinetischen Wirkung Antiemetika nahegelegt, die idealerweise 10-20 Minuten vor den Analgetika eingenommen werden.

    • Empfohlene Antiemetika: 10 mg Metoclopramid p.o. (ggf. supp.) oder 10 mg Domperidon p.o.
  • Notfall-Akutmedikation: Als Notfall-Akutmedikation bei Migräneattacken empfiehlt die Leitlinie 10 mg Metoclopramid i.v. sowie 1000 mg Lysin-Acetylsalicylat i.v. oder 6 mg Sumatriptan s.c.

  • Status migraenosus: Von einem Status migraenosus wird gesprochen, wenn die Migränesymptome länger als 72 Stunden anhalten. Nach Expertenkonsens der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DNG) erfolgt die Therapie durch die einmalige Gabe von 50-100 mg Prednison oder 4-8 mg Dexamethason.

Nicht-medikamentöse Akuttherapie

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie können folgende Maßnahmen zur Linderung der Beschwerden beitragen:

  • Ruhe und Dunkelheit: Ein ruhiger, abgedunkelter Raum kann helfen, die Reizüberflutung zu reduzieren.
  • Kühle Umschläge: Auflegen von kühlen Umschlägen auf Stirn oder Nacken.
  • Akupunktur: Mitunter sprechen Patienten mit einem akuten Migräneanfall auf Akupunktur-Behandlungen an. Für die Wirkung der traditionellen chinesischen Akupunktur gibt es eine geringe Evidenz. Akupunktur und Sumatriptan waren in zwei randomisierten Studien etwa gleichwertig wirksam, gegenüber Placebo sogar signifikant überlegen.

Migräneprophylaxe

Die Migräneprophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt vor allem bei Patienten mit häufigen oder schweren Attacken in Betracht.

Medikamentöse Migräneprophylaxe

  • Betablocker: Propranolol und Metoprolol sind bewährte Betablocker, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Kalziumantagonisten: Flunarizin ist ein Kalziumantagonist, der ebenfalls zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt werden kann.
  • Antikonvulsiva: Valproinsäure und Topiramat sind Antikonvulsiva, die sich in der Migräneprophylaxe als wirksam erwiesen haben.
  • Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das aufgrund seiner schmerzlindernden Wirkung auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt wird.
  • CGRP-Inhibitoren: Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab sind monoklonale Antikörper, die gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor gerichtet sind. CGRP spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken. Die CGRP(Rezeptor)Antikörper konnten in jeder Zulassungsstudie überzeugen und gegenüber Placebo die monatlichen Kopfschmerztage signifikant reduzieren. Ebenso kam es bei Patienten, die zugleich die Kriterien für einen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch erfüllten, sowie bei Patienten mit therapierefraktärer Migräne zu einer signifikanten Abnahme der monatlichen Kopfschmerztage.

Nicht-medikamentöse Migräneprophylaxe

Neben der medikamentösen Therapie können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe beitragen:

  • Regelmäßiger Lebensstil: Regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten sowie ausreichend Bewegung können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können Stress reduzieren und die Entspannung fördern.
  • Vermeidung von Triggern: Viele Migränepatienten kennen ihre individuellen Triggerfaktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Diese sollten möglichst vermieden werden. Das sind zum Beispiel: unregelmäßiger Schlaf, längere Phasen ohne ausreichend zu essen und zu trinken, Stress, starke psychische oder körperliche Belastungen, bestimmte Reize wie Flackerlicht oder schlechte Luft in stickigen Räumen, Alkohol, z.B. Rotwein, oder bestimmte Nahrungsmittel.
  • Verhaltenstherapie: Auch psychologische, zum Beispiel so genannte verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen.

Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz

Ein häufiges Problem bei Migränepatienten ist der Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz. Dieser entsteht durch die übermäßige Einnahme von Schmerzmitteln oder Triptanen über einen längeren Zeitraum. Die Kopfschmerzattacken werden dabei immer länger und man muss immer mehr Medikamente nehmen, um die Kopfschmerzen zu bekämpfen. Die Schwelle für die Entstehung von Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz nach ICHD-3 liegt für Triptane bei ≥ 10 Einnahmetagen/Monat.

Migränetherapie bei Kindern und Jugendlichen

Migräneattacken bei Kindern werden mit 10 mg Ibuprofen pro Kilogramm Körpergewicht, 500 mg Acetylsalicylsäure (ab dem 12. Lebensjahr) oder 15 mg Paracetamol pro Kilogramm Körpergewicht (2. Wahl) behandelt. Bei Paracetamol sind die kritischen kumulativen Dosierungen zu beachten. Bei erforderlicher antiemetischer Intervention ist Domperidon (Zulassung für Kinder ab zwölf Jahren) das Mittel der Wahl. Metoclopramid sollte wegen des erhöhten Risikos für akute extrapyramidale Bewegungsstörungen und Spätdyskinesien nicht verwendet werden. Bei Kindern und Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr sind zur Behandlung von Migräne 10 mg Sumatriptan und 5 mg Zolmitriptan als Nasenspray zugelassen. Mittlerweile liegen ausreichende Daten vor, die für einen Einsatz von Triptanen sprechen, wenn Kinder und Jugendliche nur unzureichend auf eine Akuttherapie mit Analgetika ansprechen. Nach entsprechender Aufklärung sind 10-20 mg Sumatriptan als Nasenspray, 2,5-5 mg Zolmitriptan als Tabletten, 5-10 mg Rizatriptan als Tabletten und 12,5 mg Almotriptan als Tabletten zu rechtfertigen.

Migräne-Medikamente in der Schwangerschaft und Stillzeit

Informieren Sie sich vor der Anwendung von Migräne-Medikamenten bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie schwanger sind oder stillen. Die Experten des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charité Berlin raten, akute Attacken von Migräne in der Schwangerschaft bis zur 28. Woche vorzugsweise mit Paracetamol oder Ibuprofen zu behandeln. Im späteren Schwangerschaftsverlauf ist Paracetamol das Mittel der Wahl. Bei besonders schweren Attacken können Ärzte und Ärztinnen das gut untersuchte Sumatriptan verordnen. In den seltenen Fällen, wenn eine Migräne-Prophylaxe mit Medikamenten notwendig ist, sind Metoprolol und Amitriptylin zu bevorzugen. Topiramat darf seit Herbst 2023 nicht mehr zur Migräne-Vorbeugung bei Schwangeren eingesetzt werden (außer es steht keine andere geeignete Behandlung zur Verfügung). Der Grund ist, dass Migräne-Medikamente mit diesem Wirkstoff schwere Fehlbildungen beim Kind verursachen können.

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