Nocti Vagus: Eine Sinneserfahrung im Dunkeln

Ein blinder Mann ertastet mit seinem Langstock den Weg - ein Bild, das sinnbildlich für die Herausforderungen steht, denen sich blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag stellen müssen. Das Berliner Dunkelrestaurant "Nocti Vagus" bietet eine einzigartige Möglichkeit, diese Welt der Dunkelheit zu erleben und die eigenen Sinne neu zu entdecken.

Blindheit und Sehbehinderung in Deutschland

Anfang der 90er Jahre lebten in Deutschland etwa 150.000 blinde Menschen, ein Teil davon kam aus der DDR. Joachim Haar, Gründungsmitglied des Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Brandenburg, setzt sich seit 1972 für die Belange dieser Menschen ein. Er selbst ist seit seiner Geburt auf dem rechten Auge blind und hat auf dem linken Auge eine Sehkraft von etwa einem Prozent.

Die gesetzliche Definition von Blindheit besagt, dass man im Sinne des Gesetzes blind ist, wenn man auf dem besseren Auge nicht mehr als 1/50stel (zwei Prozent) sieht. Der Bereich der Sehbehinderung wird nochmals unterteilt in wesentlich und hochgradig sehbehindert. Im Gegensatz zu vielen anderen Behinderungen ist eine Sehbehinderung für Außenstehende oft nicht sofort erkennbar. Die wenigsten der Betroffenen tragen eine markante Brille, eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten oder sind mit einem weißen Langstock unterwegs. Sehbehinderte Menschen können noch etwas sehen, das verbliebene Sehvermögen ist aber nur ein Bruchteil, nicht vergleichbar mit dem, was sehschwache Menschen mit einer Brille oder mit Kontaktlinsen sehen.

Das Leben mit Blindheit: Herausforderungen und Hilfsmittel

Wenn das Sehvermögen schlechter wird oder gar verloren geht, können die kleinsten Verrichtungen zum Problem werden. Der Gang über die Straße, der Weg zur Arbeit ist für Blinde oft verbunden mit dem Zählen von Abständen und Dingen. Jeder Randstein, jede Rille, jeder Pfosten dient als Orientierungshilfe. Walter Hoffmann, ein 75-jähriger Berliner, beschreibt, wie er sich mit seinem verbliebenen einen Prozent Sehvermögen orientiert: "Ich habe noch ein Prozent auf einem Auge, das andere ist tot, aber das eine Prozent hilft mir natürlich gewaltig, gegenüber dem, der gar nichts sieht, ist das natürlich ein Riesenvorteil. Ja, hier bleibt nichts anderes als Eingänge zählen, das hat man ja irgendwo, man merkt ja hier die Container die merkt man ja. Weil man merkt, da ist was, natürlich wenn ich hier wohne, weiß ich, was da ist und dann merkt man eben auch die Lücke, wann der nächste Eingang kommt."

Blinde Menschen brauchen Orientierung. Ein blinder Mensch findet sich auf Plätzen oft schwer zurecht. Barrierefrei heißt für Blinde und Sehbehinderte Menschen etwas ganz anderes als für Rollstuhlfahrer.

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Glücklicherweise gibt es eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die den Alltag erleichtern können. Dazu gehören Sehhilfen, Daisy-Player, Mobilitätshilfen, Langstock, Navigationsgeräte, Vorlesegeräte oder Alltagshilfen wie sprechende Haushaltsgeräte oder Einkaufshilfen. Der Computer hat sich als besonders wertvolles Hilfsmittel erwiesen, da er eine Welt neuer Möglichkeiten eröffnet.

Nocti Vagus: Eine Reise in die Dunkelheit

Inmitten der hell erleuchteten Straßen Berlins bietet das "Nocti Vagus" eine einzigartige Erfahrung: ein Abendessen in völliger Dunkelheit. Dieses Dunkelrestaurant ermöglicht es den Gästen, ihre anderen Sinne zu schärfen und die Welt aus der Perspektive blinder Menschen zu erleben.

Die Erfahrung im Dunkeln

Beim Betreten des Restaurants werden die Gäste von sehbehinderten oder blinden Kellnern empfangen und an ihren Tisch geführt. In der absoluten Finsternis ist es unmöglich, die eigene Hand vor Augen zu sehen. Die Kellner, die speziell geschult sind, dienen als Orientierungshilfe und unterstützen die Gäste während des gesamten Abends.

Das Essen wird zu einer besonderen Herausforderung. Jeder Bissen wird bewusst wahrgenommen, und die Gäste verlassen sich auf ihren Geruchs- und Geschmackssinn, um die Aromen zu erkennen. Es ist ratsam, die Gabel vorsichtig zum Mund zu führen, um Missgeschicke zu vermeiden.

Mehr als nur ein Abendessen

Neben dem kulinarischen Erlebnis bietet das "Nocti Vagus" auch ein abwechslungsreiches Showprogramm. Auf der Dunkelbühne werden verschiedene spannende Programme wie "Mord im Dunkeln", "Das Geisterschloss" oder erotische Shows wie "Verbotene Früchte" aufgeführt. Die Aufführungen wechseln ständig, sodass es sich empfiehlt, vorher einen Blick ins Programm zu werfen.

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Ein Einblick in die Welt der Blinden

Ein Besuch im "Nocti Vagus" vermittelt den Gästen ein kleines Gefühl dafür, wie es ist, in absoluter Dunkelheit zu leben. Es ist eine Erfahrung, die die Sinne schärft und das Bewusstsein für die Herausforderungen blinder Menschen schärft.

Die Speisekarte

Die Speisekarte des "Nocti Vagus" ist ebenso geheimnisvoll wie das Essen im Dunkeln selbst. Die Gäste können zwischen verschiedenen Menüs wählen, darunter vegetarische Kreationen, Fisch- oder Fleischgerichte. Für besonders Mutige gibt es auch ein Überraschungsmenü, bei dem die Gäste erst nach jedem Gang erfahren, was sie gegessen haben.

Inklusion und Barrierefreiheit: Ein Weg zur Teilhabe

Das "Nocti Vagus" ist ein Beispiel dafür, wie Inklusion und Barrierefreiheit im Alltag umgesetzt werden können. Es bietet blinden und sehbehinderten Menschen eine Arbeitsmöglichkeit und ermöglicht es sehenden Menschen, eine neue Perspektive einzunehmen.

Inklusion bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen am normalen Leben teilhaben können. Dies erfordert, dass Barrieren abgebaut werden und dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen berücksichtigt werden. Immer mehr Ampeln sind mit einer akustischen Vorrichtung für Blinde ausgestattet, und blinde Menschen können den Service der Barrierefreiheit nutzen, wenn die Absender darauf achten, dass ihre Informationen im Anhang barrierefrei nutzbar sind.

Die Wiedervereinigung und ihre Folgen für blinde Menschen

Die Wiedervereinigung Deutschlands bedeutete für viele blinde Menschen aus den neuen Bundesländern komplette Neuorientierung. Vieles fühlte sich anders an, es gab neue Geräusche, neue Gerüche. Und es gab neue Gesetze und neue Verordnungen. Da war auf der einen Seite die Existenzunsicherheit - auf der anderen Seite wurden immer neue Hilfsmittel bereitgestellt, die Sehbehinderten helfen, sich zurechtzufinden. Ansagen auf Bahnhöfen und in Zügen, geriffelte Leitlinien auf den Bahnsteigen.

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Jörg Tretow, der 1989 zwölf Jahre alt war und in Ostberlin lebte, erinnert sich: "An der Friedrichstraße waren wir mit der S-Bahn unterwegs und hier war ja nun früher zu Ende, und dann ging es weiter und dann habe ich in der S-Bahn gesessen und habe gesagt, Papa, Papa, wo ist die Grenze? Wo ist die Grenze?"

Die DDR hatte für sich in Anspruch genommen, eine sehr egalitäre Gesellschaft zu sein. Man hatte in der DDR ein vorgezeichnetes Leben als Blinder gehabt, ein sehr sicheres Leben. Andererseits wollte die DDR Menschen mit Behinderung "loswerden", weil sie dem Sozialstaat zur Last fielen.

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